E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Reihe: Baker Street Bibliothek
Braddon Das Geheimnis der Lady Audley
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-941408-53-1
Verlag: Dryas Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein viktorianischer Krimi
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Reihe: Baker Street Bibliothek
ISBN: 978-3-941408-53-1
Verlag: Dryas Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mary Elisabeth Braddon (1837-1915) gilt als erste viktorianische Bestsellerautorin. Kritiker wie Charles Dickens oder Thomas Hardy nannten ihre Werke 'brillant, geistreich und lebendig'. M. E. Braddon war eine starke Frau, sie ernährte früh ihre gesamte Familie, stand eine Scheidung durch, lebte in skandalös wilder Ehe und schrieb über 80 Romane. Darin thematisierte sie auch gesellschaftlich heikle Themen wie Bigamie, Ehebruch, Abtreibung u.a. Anja Marschall ist Krimiautorin und lebte lange Zeit in London. Als bekennende Anglophile mit Faible für das 19. Jahrhundert machte sie den vergessenen viktorianischen Krimiklassiker mit ihrer Übersetzung und Überarbeitung für das heutige Publikum endlich wieder zugänglich. Im Dryas Verlag erschien von ihr 'Fortunas Schatten' und der Cornwallkrimi 'Das Erbe von Tanston Hall' im Goldfinch Verlag.
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1. Kapitel
Da Herrenhaus von Audley Court verbarg sich in einem Tal mit prächtigen alten Bäumen und üppigen Weiden. Schritt man durch eine Allee unter Linden entlang, die auf beiden Seiten von hohen Hecken und Wiesen gesäumt war, so stieß man unweigerlich auf den Landsitz. Am Ende dieser Allee befanden sich ein alter Torbogen und ein Glockenturm mit einer dummen, verwirrenden Uhr, die nur einen Zeiger besaß. Dieser sprang von einer Stunde zur nächsten und war daher immer entweder zu früh oder zu spät. Durch den Torbogen gelangte man in den Park von Audley Court.
Ein gepflegter Rasen breitete sich vor dem Besucher aus. Hier und da lockerten Rhododendren das Bild auf, die an diesem Ort prächtiger als irgendwo sonst in der Grafschaft wuchsen. Zur Rechten lagen die Gemüsegärten, der Fischteich und ein Obstgarten. Dieser wurde von einem ausgetrockneten Graben und einer verfallenen Mauer begrenzt. Die Mauer war über und über mit rankendem Efeu, gelbem Steinkraut und dunklem Moos bewachsen. Auf der linken Seite erstreckte sich ein breiter kiesbestreuter Weg, auf dem früher, als das Anwesen noch ein Kloster gewesen war, Nonnen schweigend gewandelt sein mochten. Stattliche Eichen warfen ihre Schatten über eine nahe Mauer, die das Herrenhaus und seine Gärten wie einen Schutzwall umschloss.
Es war ein sehr altes Gebäude, uneinheitlich und verschachtelt. Die Fenster waren mal klein oder groß, manche hatten wuchtige steinerne Mittelpfosten und prächtige bunte Scheiben, andere zerbrechliche Gitter, die bei jedem Luftzug klapperten. Doch einige sahen so neu aus, als seien sie erst gestern angebracht worden.
Hinter spitzen Giebeln ragten hier und dort hohe Schornsteine auf. Sie sahen aus, als seien sie durch ihr Alter so zerfallen, dass sie zusammenbrechen müssten, würde nicht der wuchernde Efeu an ihren Wänden hinaufkriechen, sie umschließen und stützen.
Der Eingang von Audley Court lag in einem Eckturm des Gebäudes und hatte eine prachtvolle Tür. Sie bestand aus altem Eichenholz und war mit großen Eisennägeln beschlagen. Die Tür war so massiv, dass der schwere Eisenklopfer nur ein gedämpftes Geräusch hervorbringen konnte. Und so benutzten Besucher in diesen Tagen lieber eine laut klingelnde Glocke, die sich zwischen den Efeuranken neben der Tür befand. Mussten sie doch befürchten, dass der Klang des Klopfers niemals das riesige Haus durchdringen könne.
Ein herrlicher alter Landsitz. Es war ein Ort, über den Besucher in Verzückung gerieten und den sehnsüchtigen Wunsch verspürten, das unruhige Leben der Stadt hinter sich zu lassen, um für immer bleiben zu können. Es war ein Fleck Erde, an dem der Friede sich niedergelassen und seine besänftigende Hand auf jeden Baum und jede Blume gelegt zu haben schien. Er ruhte auf den Teichen und stillen Wegen, in den dämmrigen Ecken der altmodischen Räume und den tiefen Fenstersitzen hinter den bunten Glasscheiben. Ja, sogar auf dem alten, ausgedienten Brunnen, der sich, kühl und geschützt wie alles an diesem ehrwürdigen Ort, in einem Gebüsch im Hintergrund des Gartens befand.
Ein herrschaftlicher Wohnsitz, von innen wie von außen. Doch war es auch ein Haus, in dem man sich verirrte, sollte man so unbesonnen sein, sich allein auf den Weg hindurch zu machen. In diesem Haus glich nicht ein Raum dem anderen. So ging jedes Zimmer in einen weiteren Raum über, und durch diesen hindurch gelangte man über schmale Treppen hinunter zu Türen, die wieder zurückführten in gerade jenen Teil des Hauses, von dem man sich am weitesten entfernt glaubte. Ein Herrensitz, der niemals von einem gewöhnlich sterblichen Architekten
in dieser Weise hätte geplant werden können. Vielmehr war es das Werk jener alten Baumeisterin, die man die Zeit nennt. In einem Jahr hatte sie einen Raum hinzugefügt und in einem anderen Jahr ein Zimmer entfernt, einmal ließ sie einen Kamin aus der Epoche der Plantagenets niederstürzen, um dann einen weiteren im Baustil der Tudors zu errichten. Hier hatte sie einen uralten Mauerrest aus der angelsächsischen Zeit umgeworfen, dort aber einen normannischen Torbogen stehen lassen. Unter der Herrschaft von Queen Anne hatte sie eine
Reihe von hohen, schmalen Fenstern eingebaut und später neben einem Saal ein Esszimmer hinzugefügt, das der Mode des Hannoveraners George I entsprach. Und so hatte es die Zeit in nunmehr elf Jahrhunderten fertiggebracht, einen Wohnsitz entstehen zu lassen, wie man seinesgleichen in der gesamten Grafschaft Essex nicht finden konnte.
Sir Michael Audley, der Hausherr, war ein imposanter Mann in den besten Jahren, hochgewachsen und kräftig, mit einer tiefen, sonoren Stimme, eindrucksvollen schwarzen Augen und einem grauen Bart, der ihm – ganz gegen seinen Willen – ein höchst ehrwürdiges Aussehen verlieh. Dabei war er so aktiv wie ein junger Mann und einer der verwegensten Reiter der Grafschaft. Siebzehn Jahre lang war er Witwer gewesen. Er hatte nur ein Kind, eine Tochter, Alicia Audley, die nun achtzehn Jahre alt war. Alicia war ganz und gar nicht erfreut gewesen, als ihr Vater eines Tages eine Stiefmutter ins Haus gebracht hatte, denn sie hatte seit ihrer frühesten Kindheit die unumschränkte Herrschaft auf Audley Court gehabt. Doch nun war Miss Alicias Zeit vorüber. Wenn sie heute etwas von der Haushälterin wollte, pflegte diese ihr zu antworten, sie müsse zunächst mit Mylady sprechen. So kam es denn, dass die Tochter des Barons die meiste Zeit außer Haus verbrachte. Sie ritt im Galopp über die Weiden oder zeichnete, da sie eine talentierte Künstlerin war, was immer ihr über den Weg lief. Mit trotziger Entschlossenheit widersetzte sie sich jedem Versuch einer Annäherung durch die neue Frau des Barons, die seit Kurzem im Hause lebte und nun ihre Stiefmutter war. So sehr diese Dame sich auch bemühte, es gelang ihr nicht, die Vorurteile und Abneigung von Miss Alicia zu überwinden. Das verwöhnte Mädchen war davon überzeugt, man habe ihr grausames Unrecht angetan.
Um die Wahrheit zu sagen, hatte die neue Lady Audley durch ihre Eheschließung mit Sir Michael eine jener vorteilhaften Partien gemacht, die geeignet sind, sich den Neid und den Hass anderer Frauen zuzuziehen. Sie war zuvor in das Dorf nahe Audley Court gekommen, um als Gouvernante der Familie des hiesigen Arztes zu arbeiten. Niemand wusste Näheres über sie, außer dass sie auf eine Anzeige des Arztes, Mr Dawson, in der Times geantwortet hatte. Sie kam aus London, und die einzige Referenz, die sie vorweisen konnte, war jene von einer Schule in Brompton, an der sie einst Lehrerin gewesen war. Doch diese Empfehlung war wohl so überzeugend, dass keine weiteren Empfehlungen verlangt wurden. Und so wurde Miss Lucy Graham im Hause des Arztes als Erzieherin seiner Töchter aufgenommen. Ihre Fertigkeiten waren derart außergewöhnlich und zahlreich, dass ihre eilige Zusage Mr Dawson seltsam erschien, zumal er ihr nicht viel zahlen konnte. Miss Graham erweckte jedoch den Eindruck, als sei sie völlig zufrieden mit ihrer Stellung. Sie lehrte die Mädchen, Sonaten von Beethoven zu spielen und Zeichnungen nach der Natur im Stile Creswicks anzufertigen. Jeden Sonntag pflegte sie dreimal durch das verschlafene Dörfchen zur kleinen Kirche zu wandern. Sie schien so selbstgenügsam, als habe sie keinen größeren Wunsch auf dieser Welt, als genau auf diese Weise für den Rest ihres Daseins weiterzuleben.
Miss Lucy Graham war mit jener magischen Ausstrahlung gesegnet, mit der eine Frau ihr Gegenüber nur durch ein Wort oder ein Lächeln zu verzaubern vermag. Jedermann liebte, bewunderte und lobte sie. Ihr Dienstherr, seine Besucher, ihre Schülerinnen, die Dienstboten, sie alle, ob von hohem oder niederem Stande, waren einer Meinung: Lucy Graham war das liebenswürdigste Mädchen, das sie je gesehen hatten.
Vielleicht war es diese einhellige Meinung, die bis in die ruhigen Räume von Audley Court drang. Oder war es möglicherweise der Anblick während des sonntäglichen Gottesdienstes? Was immer es sein mochte: Sir Michael Audley verspürte plötzlich das dringende Verlangen, Mr Dawsons Gouvernante näher kennenzulernen.
Er brauchte nur eine leise Andeutung gegenüber dem ehrenwerten Doktor zu machen, und schon wurde eine kleine Gesellschaft arrangiert, zu welcher der Vikar und seine Frau sowie der Baron und seine Tochter eingeladen waren.
Dieser eine beschauliche Abend besiegelte Sir Michaels Schicksal. Er konnte sich ihm ebenso wenig widersetzen, wie er dem zarten Zauber dieser sanften Augen widerstehen konnte. Ihre anmutige Schönheit, der gesenkte Kopf mit einer wogenden Fülle flachsgoldener Locken, der melodische Klang ihrer weichen Stimme und die vollkommene Harmonie, die all diesen Liebreiz prägte, erschien ihm an dieser Frau unendlich bezaubernd. Schicksal! Wahrhaftig, sie war sein Schicksal!
Niemals zuvor hatte er wirklich geliebt. Was war dagegen seine Ehe mit Alicias Mutter gewesen? Nichts als ein langweiliger, gefühlloser Handel, der nur zustande gekommen war, um irgendwelche Ländereien in der Familie zu halten. Aber dies war Liebe! Das Fieber, das Sehnen und diese rastlose, elende Unschlüssigkeit. Hinzu kamen die grausamen Befürchtungen, dass sein Alter vielleicht ein unüberwindliches Hindernis für sein Glück sein könnte. Plötzlich hasste er seinen weißen Bart und verspürte den heftigen Wunsch, wieder jung zu sein. Schlaflose Nächte und trübsinnige Tage erhellten sich auf wundersame Weise, sobald er einen flüchtigen Blick auf ihr Gesicht werfen konnte, wenn er am Haus des Doktors vorbeiritt. All diese Anzeichen bewiesen nur zu...




