E-Book, Deutsch, 592 Seiten
Bracken Silver in the Bone. Brich den Fluch, bevor der Fluch dich bricht (Die Hollower-Saga 1)
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-401-81063-8
Verlag: Arena Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Epische Fantasy über eine junge Schatzjägerin auf den Spuren der Artuslegende
E-Book, Deutsch, 592 Seiten
ISBN: 978-3-401-81063-8
Verlag: Arena Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alexandra Bracken ist in Arizona geboren und aufgewachsen, wo sie heute auch wieder mit ihrem Hund Tennyson lebt. Nach einem Studium in Geschichte und Englisch und einem Job im Verlagswesen schreibt sie inzwischen in Vollzeit. Sie ist unter anderem bekannt für ihre Reihe 'The Darkest Minds', die verfilmt wurde. Mit 'LORE' eroberte sie zuletzt die Spiegel-Bestsellerlisten. Besuche die Autorin unter www.alexandrabracken.com und auf Twitter und Instagram unter @alexbracken.
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Das Erste, was man als Hollower lernte, war, niemals seinen Augen zu trauen.
Natürlich drückte Nash es anders aus: . Die andere Hälfte war leider blutgetränkter Horror.
Doch in diesem Moment hatte ich keine Angst. Ich war wütend wie eine fauchende Katze.
Sie hatten mich zurückgelassen. Mal wieder.
Ich stützte die Hände zu beiden Seiten des Schuppentürrahmens ab und lehnte mich so nahe zu dem magischen Korridor vor, wie ich konnte, ohne hindurchzuschreiten. Hollower nannten diese dunklen Tunnel »Adern«; sie brachten einen binnen eines Augenblicks von einem Ort zum anderen. In diesem Fall zur Gruft einer längst verstorbenen Zauberin, in der sich ihr kostbarster Besitz befand.
Ich schaute auf dem gesprungenen Display von Nashs uraltem Mobiltelefon nach der Zeit. Achtundvierzig Minuten waren vergangen, seit ich sie in die Ader verschwinden sah. Ich konnte nicht schnell genug laufen, um sie einzuholen, und sollten sie mein Rufen gehört haben, hatten sie es ignoriert.
Das Display wurde schwarz, als der Akku schließlich aufgab.
»Hallo?«, rief ich und griff nach dem Schlüssel, den sie im Schloss gelassen hatten – ein Fingerknochen der Zauberin, in ein wenig von ihrem Blut getaucht. »Ich gehe nicht zurück ins Lager, also könnt ihr mir genauso gut gleich verraten, wann es sicher ist reinzukommen! Hört ihr mich?«
Einzig der Korridor antwortete, indem er ein Schneegestöber ausspie. Super. Die Zauberin Edda hatte beschlossen, ihre Reliquiensammlung irgendwo unterzubringen, wo es noch kälter als im winterlichen England war.
Die Tatsache, dass Cabell und Nash nicht antworteten, bescherte mir ein mulmiges Gefühl. Doch Nash hatte sich noch nie von Gefahr abschrecken lassen, und er sollte feststellen, dass ich mich auch von niemandem abhalten ließ, am allerwenigsten von dem Mistkerl, der mein Vormund war.
»Cabell?«, fragte ich lauter. Die Kälte packte meine Worte und machte sie zu weißen Wolken in der Luft. Ein Schauer durchfuhr mich. »Ist alles in Ordnung? Ich komme rein, ob ihr wollt oder nicht!«
Selbstverständlich hatte Nash Cabell mitgenommen. Cabell war ihm . Aber wenn ich nicht dort war, passte niemand auf, dass mein Bruder nicht verletzt wurde, oder Schlimmeres.
Die Sonne war von silbernen Wolken verhüllt. Hinter mir wachte ein verlassenes Cottage über die nahen Felder. Es war still, was mich immer nervös machte. Ich hielt den Atem an und horchte angestrengt. Kein Verkehrsbrummen, kein Dröhnen von Flugzeugen, nicht mal ein Vogelzwitschern. Es war, als hätten alle anderen Wesen es für klüger gehalten, nicht an diesen verfluchten Ort zu kommen, und Nash wäre der einzige Idiot, der blöd und gierig genug war, es zu riskieren.
Einen Moment später trug mir ein frischer Schneeschwall Cabells Stimme zu.
»Tamsin?« Immerhin klang er aufgeregt. »Pass auf deinen Kopf auf, wenn du reinkommst!«
Ich tauchte in die desorientierende Dunkelheit der Ader. Die Kälte draußen war nichts verglichen mit der beißenden hier, die in meine Haut stach, bis ich kaum noch Luft bekam.
Nach zwei Schritten schälte sich der runde Durchgang am anderen Ende der Ader aus der Schwärze. Nach dreien wurde er zu einer pulsierenden Wand aus gespenstischem Licht. Blau, beinahe wie …
Ich schaute nach unten zu den abgebrochenen Eisklumpen, die um die Öffnung verstreut lagen und in denen Fluchsigillen wirbelten. Ich drehte mich um, suchte nach Cabell, als mich eine Hand packte.
»Ich habe dir gesagt, du sollst im Lager bleiben.« Da seine Stirnlampe eingeschaltet war, lag Nashs Gesicht im Schatten, doch ich fühlte die Wut von ihm abstrahlen wie Körperwärme. »Darüber unterhalten wir uns noch, Tamsin.«
»Was willst du machen? Mir Hausarrest erteilen?«, fragte ich, berauscht von meinem Sieg.
»Werde ich vielleicht, du kleine Närrin«, antwortete er. »Tu nichts, ohne den Preis zu kennen.«
Das Licht seiner Stirnlampe tanzte über mich hinweg, bevor es nach oben schwang. Ich folgte dem Strahl mit meinem Blick.
Eiszapfen hingen von der Decke. Hunderte, allesamt mit rasiermesserscharfen Stahlspitzen versehen, die jeden Moment herunterfallen könnten. Die Wände, der Boden und die Decke waren aus festem Eis.
Sogar in der Dunkelheit war Cabell in seiner löchrigen gelben Windjacke leicht auszumachen. Erleichtert ging ich auf seine Seite des Raums und bückte mich, um ihm zu helfen, unbenutzte Kristalle aufzusammeln. Mit den Steinen absorbierte er die Magie der Flüche um die Eingänge herum. Sobald die Flüche entkräftet waren, hatte Nash mit seiner Axt auf die Sigillen eingeschlagen.
Alle Hollower konnten Flüche brechen – aber nur mit Werkzeugen, die sie von Zauberinnen gekauft hatten.
Selbst unter den magisch begabten Hollowern war Cabell besonders. Er war der erste Expeller seit Jahrhunderten – jemand, der die Magie eines Fluchs von einer Quelle in eine andere übertragen und ihn so umlenken konnte.
Der einzige Fluch, den Cabell anscheinend nicht brechen konnte, war sein eigener.
»Was für ein Fluch war das, Tamsin?«, fragte Nash und zeigte mit seinen Stahlkappenstiefeln auf ein Sigill in einer Eisscherbe. Auf meinen Blick hin ergänzte er: »Du hast gesagt, dass du lernen willst.«
Sigillen waren Symbole, mit denen Zauberinnen Magie formten und so an einen Ort oder ein Objekt banden. Nash hatte sich dämliche Namen für alle möglichen Fluchzeichen ausgedacht.
»Geisterschatten«, sagte ich und verdrehte die Augen. »Ein Geist wäre uns durch die Gruft gefolgt, hätte uns gefoltert und uns die Haut abgezogen.«
»Und dieser?« Nash schob ein Steinstück in meine Richtung, in das etwas eingemeißelt war.
»Weißauge«, antwortete ich. »Wer die Schwelle überquert, wird geblendet und irrt in der Höhle herum, bis er erfriert.«
»Wahrscheinlich würde man gepfählt, bevor man erfriert«, sagte Cabell munter und wies zu einem anderen Sigill. Cabells blasse Haut war rosa vor Kälte oder Aufregung, und er schien die Eisflocken in seinem schwarzen Haar nicht wahrzunehmen.
»Richtig. Sehr gut«, sagte Nash, worauf mein Bruder strahlte.
Um uns atmeten die Wände kalte Luft aus. Ein fremdartiger Gesang durchzog das Eis, knarzend und klingend wie ein alter Baum, mit dem der Wind spielte. Von hier aus führte nur ein enger Gang rechts von uns weiter.
Fröstelnd rieb ich mir die Arme. »Können wir bitte deinen blöden Dolch finden und gehen?«
Cabell holte neue Kristalle für die Flüche entlang des Gangs hervor. Ich beobachtete ihn aufmerksam, jede seiner Bewegungen. Doch Nash hielt mich mit seiner verhüllten Hand an der Schulter zurück, als ich Cabell folgen wollte.
Er schnalzte mit der Zunge. »Hast du nicht etwas vergessen?«
Genervt blies ich mir eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. »Den brauche ich nicht.«
»Und ich brauche diese Einstellung bei einem Wicht von einem Mädchen nicht, also bitte«, erwiderte Nash und kramte in meiner Tasche nach einem violetten Seidenbündel. Er wickelte es auf und hielt mir die Totenhand hin.
Ich besaß keine Allsicht, woran mich Cabell und Nash bei jeder verfluchten Gelegenheit erinnerten. Im Gegensatz zu ihnen hatte ich keine eigene Magie. Eine Totenhand konnte jede Tür öffnen, auch solche, die durch einen Knochenknauf geschützt waren. Ihr Hauptzweck aber, zumindest für mich, war der, die Magie zu enthüllen, die dem menschlichen Auge verborgen blieb.
Ich hasste es, anders zu sein. Dadurch war ich ein Problem, das Nash lösen musste.
»Puh, er ist ein bisschen schorfig, was?«, fragte Nash, während er die dunklen Dochte an den Fingerspitzen nach und nach entzündete.
»Du bist dran, ihn zu baden«, sagte ich. Das Letzte, was ich wollte, war, noch einen Abend damit zu verbringen, eine frische Schicht menschliches Fett in die abgetrennte Hand eines Mörders aus dem achtzehnten Jahrhundert zu massieren, der für das Auslöschen von gleich vier Familien gehängt worden war.
»Aufwachen, Ignatius«, befahl ich. Nash hatte ihn unten an einem eisernen Kerzenhalter befestigt, was es jedoch kein bisschen angenehmer machte, die Hand zu tragen.
Ich drehte Ignatius mit der Handfläche zu mir. Das hellblaue Auge in der wächsernen Haut öffnete sich blinzelnd und verengte sich gleich wieder vor Enttäuschung.
»Jap«,...