Boyes | Ossi forever! | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

Boyes Ossi forever!

Ein Roman aus der brandenburgischen Provinz
10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-548-92092-4
Verlag: Ullstein-Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Roman aus der brandenburgischen Provinz

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

ISBN: 978-3-548-92092-4
Verlag: Ullstein-Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Roger hat sich in die schöne Deutsche Lena verliebt. Doch schon bald hängt der Haussegen schief. Lena ersteigert ein Landhaus im tiefsten Brandenburg, um ein typisch englisches Bed & Breakfast zu eröffnen. Roger ist entsetzt: Freiwillig in die Provinz? Zu den sauertöpfischen Ossis? Never ever! Aber er lässt sich erweichen und muss feststellen: Es ist gar nicht so einfach, brandenburgischen Landeiern die feine englische Art beizubringen. Eine bissige Betrachtung der deutschen Provinz von Bestsellerautor Roger Boyes.

Roger Boyes, 1952 in Hereford/England geboren, ist Deutschland-Korrespondent der Londoner Tageszeitung The Times und Autor der Kult-Kolumne »My Berlin« im Tagesspiegel. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland.
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Kapitel 1


Silvester in Berlin ist wie Bürgerkrieg; 365 Tage angestaute städtische Wut, konzentriert an einem Abend voller dumpfer Explosionen und flackernder Lichter. Die Kids von Neukölln stellen ihre Raketen in leere Flaschen und feuern sie auf die Kids auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Zwischen den Gebäuden steigt Rauch auf. Ein bengalisches Leuchtfeuer schießt himmelwärts, verharrt kurz und gießt in einem strahlenden Moment grünen Funkenregen über der Stadt aus, der die Gesichter erleuchtet und glättet, als hätten sie keine Geschichte, keine Probleme.

Was kann man tun? Sich unter dem Bett verkriechen vielleicht. Aber dort hockte schon mein Hund, ein West Highland Terrier mit den stählernen Nerven eines Bio-Hühnchens. Oder man duscht, zieht sich schick an, zahlt 500 Euro und tanzt ins neue Jahr. Aber ich tanze wie ein Zombie, wie einer, der gerade aus seiner Krypta befreit worden ist. Selbst meine Sekretärin gibt zu, dass ich als Tänzer eine öffentliche Peinlichkeit darstelle, und das, obwohl ich ihr Gehalt bezahle.

Als Lena also vorschlug, essen zu gehen, beklagte ich mich nicht. Ich wies nicht einmal darauf hin, dass es irgendwie typisch deutsch war, im November einen Tisch für den Silvesterabend zu bestellen. Lenas Gespür für den nationalen Jahresrhythmus war makellos, wie mir in unseren zwölf gemeinsamen Monaten klargeworden war, und ich hatte gelernt, mir auf die Zunge zu beißen. Am 11. November, dem Martinstag, isst man Gans mit Rotkohl und Klößen und beginnt den langen Prozess der bis Weihnachten andauernden Selbstverfettung. Am 12. November trifft man Verabredungen für den Silvesterabend, und am 13. November fängt man an, den Sommerurlaub zu planen. So ist es deutsche Art: nichts dem Zufall überlassen, denn über ihn führt der Weg in den Untergang.

»Gute Idee«, sagte ich und gab ihr einen Kuss auf die Wange, als sie an mir vorbei zur Arbeit hastete.

»Ich bestelle uns einen Tisch im Borchardt’s, vielleicht haben sie noch was frei.«

»Nimm den Klo-Tisch«, schlug ich vor.

»Du bist so romantisch«, sagte sie und steckte das beinahe vergessene Blackberry ein, das bereits blinkte wie ein Geigerzähler in Gorleben.

»Ich freu mich schon drauf, mich mal wieder mit dir zu unterhalten.«

Sechs Wochen auf ein richtiges Gespräch zwischen zwei Liebenden warten zu müssen hört sich vielleicht lang an, aber meine Bemerkung war wirklich nur ganz leicht übertrieben. Anfangs war unsere Romanze mir schier grenzenlos vorgekommen, außerhalb aller Zeit. Aber dann wurde sie zwangsläufig nach und nach an unsere beruflichen Terminpläne angepasst. Oder besser gesagt: um sie herum komprimiert. Lena war Innenarchitektin, und die Branche boomte. Die Weltwirtschaft mochte ins Trudeln geraten sein, aber es gab nach wie vor ein Segment der Gesellschaft, das genug Geld auszugeben hatte: die abgelegten Gattinnen von Deutschlands verunsicherten Wirtschaftsbaronen. Lena nannte sie den DAX-Frauen-Club. Die laufenden Kosten der DAX-Frauen waren höher, als es sich ihre prekär wohlhabenden Ehemänner leisten konnten; Steuerberater rieten ihren unglücklich verheirateten Mandanten zu pseudogroßzügigen gütlichen Einigungen (»Gib ihr eins der unverkäuflichen Stadthäuser, die schneefreie Skihütte in Gstaad, das spritfressende Cabrio – und dann raus.«). Das schien allemal besser, als die Rechnungen für lebenslange Botox-Behandlungen, Zahn-Bleaching, Lavasteinmassagen und Personal Trainer zu bezahlen. Und was wollten die DAX-Frauen, nachdem sie es sich in ihren neuen Residenzen bequem gemacht hatten? Eine Innenarchitektin, die ihren neuen Lebensraum umgestaltete. (»Lena, Schätzchen, lass mich frei und unabhängig wirken.«) Zurzeit dekorierte Lena gerade eine Unterkunft in Palm Beach, und allmählich merkte man ihr das Langstreckenpendeln an; die Frau, in die ich mich vor einem Jahr verliebt hatte, war locker, entspannt und begeisterungsfähig gewesen. Jetzt sah ich, wie sich unter ihren Augen dunkle Ringe bildeten, und hörte ihr müdes Nuscheln, wenn ein weiterer mitternächtlicher Anruf aus dem Exil in Palm Beach einging. »Komm zurück ins Bett«, sagte ich dann, und wir liebten uns sanft, ich schläfrig, sie aufgedreht und den Kopf voller Dinge, die sie am nächsten Morgen zu erledigen hatte. Das war keine Lösung, ich hasste es zuzusehen, wie sie ihren Esprit verlor. Das Leben reduzierte sich auf Arbeiten-Essen-Schlafen. Die Schlafenszeit wurde immer kürzer, das Essen immer fettiger und hastiger, und die Arbeit machte keinen von uns beiden glücklich. Unsere Liebe war belastet.

Der Silvesterabend war feucht und kalt, aber Lena trug aus irgendeinem Grund keinen Mantel. Ich konnte durch das Fenster des Restaurants sehen, wie sie bei jedem Schritt die Füße anhob, um überfrorene Pfützen zu meiden, wie ein Schaf im Desinfektionsbad.

»Du bist pünktlich«, begrüßte ich sie mit gespielter Überraschung und rieb ihr wärmend den Rücken. Genau genommen war sie zehn Minuten zu spät, aber ich wollte kein Pedant sein. Ich wusste, dass sie in ihrem Büro um die Ecke in der Friedrichstraße gewesen war, wo sie einen neuen Kostenvoranschlag für die Immobilie in Florida vorbereitet hatte.

»Mein Magen hat mich hergetrieben. Ich könnte eine ganze Kuh vertilgen.«

»Lass ihnen noch Zeit, die Hörner abzuschneiden.«

Lena hungrig war eine Naturgewalt. Ich mochte ihre Gefräßigkeit. Freunde, die erfuhren, dass wir ein Paar waren, meinten, wir würden perfekt zueinander passen. Was sie damit meinten, war, dass Lena aus Hamburg kam und ich aus England. Hamburg heißt feucht, trübe, Nachmittagstee und Tweedjacketts. England heißt trübe, Tweed, teebesessen und feucht. Hamburg ist gleich England. Quod erat demonstrandum. Dabei hatte ich mich gerade wegen ihrer unhanseatischen Eigenschaften zu Lena hingezogen gefühlt. Sie hatte ein oder zwei Tropfen italienisches Blut in den Adern, neigte zu Jähzorn, konnte kein Geheimnis für sich behalten und hasste Labskaus. Wenn sie Hunger hatte, ließ das Magenknurren ihren ganzen Körper zittern und beben wie eine Gardine im Wind. Von ihrer italienischen Großmutter hatte sie den Teint, eine Haut wie ein gesprenkeltes Ei.

Als wir am Klo-Tisch Platz nahmen – der mir tatsächlich der liebste war, weil jede Berliner Berühmtheit mit einer schwachen Blase früher oder später vorbeikommen musste –, streifte sie ihre Kostümjacke ab. Die feinen Härchen auf ihren braunen Armen sahen aus wie haftender Rauch.

»Du siehst gut aus«, sagte ich und meinte es ernst.

»Vielleicht sehe ich besser aus, als ich mich fühle.«

»Das tun alle.«

»Was«, sagte Lena, »sogar Angela Merkel?«

Ich blickte mich um, um zu sehen, ob die Kanzlerin an einem Nachbartisch ein Schnitzel verputzte, aber sie war nirgends in Sicht. Wahrscheinlich guckte sie zu Hause Dinner for One.

Das Restaurant füllte sich. Ein Starlet bellte Anweisungen für sein Kindermädchen ins Handy. Ein verheiratetes Ehepaar, Alt-68er, saß händchenhaltend beieinander. Neben uns hatten sich an einem Sechsertisch drei Generationen einer Familie versammelt. Ein etwa sieben Jahre alter kleiner Junge, der lange aufbleiben durfte, bohrte sich in der Nase und rollte den aus der Tiefe geborgenen Schatz zu einem Kügelchen zusammen, das er in Richtung der Kellner schnippte. Seine nickelbebrillte Mutter tat so, als hätte sie dieses frühe Talent für Recycling nicht bemerkt, dem Grundsatz folgend, dass ein stiller widerlicher Junge besser war als ein laut quengelnder widerlicher Junge. Der Wohlstandsbauch des Großvaters schmiegte sich an die Tischkante.

»Wenn du ernsthaft hungrig genug bist, eine ganze Kuh zu essen, solltest du das Kobe-Rind nehmen«, sagte ich.

»Was ist denn das?«

»Köstlich. Die Japaner massieren die Rinder, damit sie zarter werden, und füttern sie außerdem mit Bier.«

»Klingt wie Homo bavaricus«, meinte Lena.

»Aber essbar.«

Danach setzte Lena zu einer langen Tirade gegen ihre Kunden an: deren irrationale Vorliebe für Gold, die neueste Marotte mit Erkerfenstern, Whirlpools für ihre Schoßhündchen. »Wenn ich noch einmal den Auftrag kriege, eine Schlafzimmer-Suite in Leopardenfell zu machen, streike ich«, schäumte sie und erwürgte dabei fast unsere Weinflasche. »Ich sag einfach, ich bin Vegetarierin.«

Ich hörte das alles natürlich nicht zum ersten Mal; sie liebte ihren Beruf, aber nicht ihre Kunden. Und ich hatte sie im Laufe der Zeit lieben gelernt und empfand ihr gegenüber eine nie zuvor gekannte Zärtlichkeit; trotzdem hatte diese Liebe weder Zeit noch Raum zu wachsen. Auch sie mochte mich, dessen war ich mir sicher, aber sie sah mich nur am Ende des Tages oder von einer Reise heimkehrend, wenn sie zu erschöpft war, ihre Gefühle zu entwickeln und zu erden. Was wir brauchten, war ein drittes Herz, ein zusätzliches Organ, damit das Blut in unserer Beziehung wieder leidenschaftlich pulsieren konnte.

»Ihr braucht ein...


Boyes, Roger
Roger Boyes, 1952 in Hereford/England geboren, ist Deutschland-Korrespondent der Londoner Tageszeitung The Times und Autor der Kult-Kolumne 'My Berlin' im Tagesspiegel. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland.

Roger Boyes, 1952 in Hereford/England geboren, ist Deutschland-Korrespondent der Londoner Tageszeitung The Times und Autor der Kult-Kolumne »My Berlin« im Tagesspiegel. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland.



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