Boyd | Einfache Gewitter | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 528 Seiten

Boyd Einfache Gewitter


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-311-70269-6
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 528 Seiten

ISBN: 978-3-311-70269-6
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Mann. Eine Zufallsbekanntschaft. Ein Aktenordner. Ein Toter. Von einer Sekunde auf die andere muss Adam Kindred, angesehener Klimatologe, in London untertauchen. Er ist der Hauptverdächtige in einem Mordfall. Jeder Weg in sein früheres Leben ist ihm versperrt - vollkommen undenkbar, Kontakt zur Familie aufzunehmen, Handy oder Kreditkarte zu benutzen, in sein Hotelzimmer zurückzukehren. Noch hofft Kindred, seine Unschuld schnell beweisen zu können. Natürlich ein Irrglaube. Doch dann wird aus dem Gejagten ein Jäger, der einem kriminellen Pharmakonzern das Handwerk legen will, und dabei geht Kindred eiskalt vor. Ein virtuoser literarischer Thriller, mitreißend und packend wie William Boyds Weltbestseller Ruhelos.

William Boyd, 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana geboren, ist dort und in Nigeria aufgewachsen, bevor er in Großbritannien zur Schule ging und studierte. Dass er sich in keiner Kultur ganz zu Hause fühlt, sei für einen Schriftsteller eine gute Voraussetzung, sagt Boyd. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1981, heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erzähler der zeitgenössischen Literatur. William Boyd lebt mit seiner Frau in London und im südfranzösischen Bergerac, wo er auch Wein anbaut. Wo immer er sich gerade aufhält - er geht für sein Leben gern spazieren.
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1


Beginnen wir mit dem Fluss – der Fluss ist der Ursprung aller Dinge und auch unser Ende, wie zu vermuten ist, aber warten wir ab, sehen wir, was wird. Gleich wird ein junger Mann erscheinen und am Fluss Aufstellung nehmen, hier an der Chelsea Bridge in London.

Und da, seht nur, kommt er schon. Zögernd steigt er aus dem Taxi, zahlt, schaut sich flüchtig um, richtet den Blick auf die helle Wasserfläche (es ist Flut und der Pegel ungewöhnlich hoch). Ein blasser, hochgewachsener junger Mann, Anfang dreißig, mit ebenmäßigen Zügen und müdem Blick, sein kurzes, dunkles Haar ist gut geschnitten, als käme er gerade vom Friseur. Er ist neu in der Stadt, ein Fremder, und heißt Adam Kindred. Soeben hat er ein Bewerbungsgespräch hinter sich gebracht (von dem einiges abhängt und das in der üblichen angespannten Atmosphäre verlief), nun will er, einem vagen Verlangen nach frischer Luft gehorchend, an den Fluss. Das Bewerbungsgespräch ist der Grund, weshalb er unter dem teuren Trenchcoat einen anthrazitgrauen Anzug mit neuem weißem Hemd und rotbrauner Krawatte trägt und weshalb er einen glänzenden, stabil wirkenden Aktenkoffer mit massiven Schlössern und Messingbeschlägen bei sich hat. Ohne zu wissen, dass sein Leben in den nächsten Stunden eine grundlegende, unwiderrufliche Wendung nehmen wird – er hat nicht die geringste Ahnung –, überquert er die Straße.

Adam stützte sich auf die Steinbalustrade, die im Bogen zur Chelsea Bridge führte, und blickte auf die Themse hinab. Die Flut war noch im Steigen begriffen, er sah, wie sich Treibgut mit überraschendem Tempo stromaufwärts bewegte, als würde das Meer seinen Unrat in den Fluss ergießen statt andersherum. Adam schlenderte weiter, den breiten Fußweg zur Brücke hinauf, und ließ den Blick von den vier Schornsteinen der Battersea Power Station (einer war von der Schraffur eines Gerüsts umwölkt) nach Westen schweifen, vorbei an der goldenen Spitze der Friedenspagode bis zu den zwei Schornsteinen der Lots Road Power Station. Die Platanen des Battersea Park auf dem anderen Ufer waren noch nicht voll belaubt – nur die Rosskastanien trugen ein dichtes, voreiliges Grün. London in den ersten Tagen des Mai … Er drehte sich zum Ufer von Chelsea um: Noch mehr Bäume – er hatte vergessen, dass manche Gegenden Londons dicht begrünt, ja geradezu waldig waren. Die Dächer der grandiosen viktorianischen Backsteinbauten erhoben sich hoch über die mit Platanen bestandene Uferstraße. Um wie viel? Zwanzig oder fünfundzwanzig Meter? Ohne das unablässige Rauschen des Verkehrs, das gelegentliche Hupen und Sirenengeheul wäre er nicht auf die Idee gekommen, sich mitten in einer Großstadt zu befinden: Die Bäume, die stumme Kraft der flutenden Wassermassen unter seinen Füßen, das besondere Leuchten, das von einer Wasserfläche ausgeht, übten eine wohltuende Wirkung auf ihn aus – es war genau das Richtige gewesen, zum Fluss zu fahren. Seltsam, wie einen solche Instinkte zu leiten vermögen, dachte er.

Als er kehrtmachte und zurücklief, wurde sein Blick auf ein klar umrissenes, schmales Uferdreieck gelenkt, das von der Brücke und der Uferstraße begrenzt war – dicht bewachsen mit Gras und einem Dickicht aus verwilderten Bäumen und Büschen. Beiläufig überlegte er, dass ein Grundstück in dieser Lage ein kleines Vermögen wert sein musste, selbst wenn es sich um ein langes, schmales Dreieck aus Gestrüpp handelte, und plante im Geiste einen keilförmigen Dreigeschosser mit Platz für ein Dutzend schmucke, balkonbewehrte Wohnungen. Dann sah er, dass er, um diese Idee umzusetzen, einen riesigen Feigenbaum würde fällen müssen, der dicht neben der Brücke wuchs und, wie er im Näherkommen schätzte, mit seinen großen glänzenden Blättern, die sich gerade entfalteten und noch ganz steif und frisch aussahen, viele Jahrzehnte alt sein musste. Ein ehrwürdiger Feigenbaum an der Themse. Seltsam, dachte er. Wie war der dorthin gekommen, und was geschah mit den Früchten? Schon sah er einen großen Teller mit Parmaschinken und halbierten Feigen vor sich. Wo hatte er so etwas gegessen? In Portofino, auf der Hochzeitsreise mit Alexa? Oder vorher? Während einer Ferienreise als Student vielleicht? Sofort bereute er, an Alexa gedacht zu haben. Die friedvolle Stimmung, die ihn eben noch erfüllt hatte, verwandelte sich in Trauer und Wut. Also konzentrierte er sich lieber auf seine kleinen Hungerschübe und bekam plötzlich, vom Gedanken an Feigen und Parmaschinken, Appetit auf italienisches Essen. Italienische Küche der einfachen, ehrlichen Art – Insalata tricolore, Pasta alle vongole, Scaloppine al limone, Torta della nonna. Das wäre jetzt genau das Richtige.

Er lief nach Chelsea hinein und fand in den stillen Straßen hinter dem Royal Hospital zu seinem nicht geringen Erstaunen fast sofort ein italienisches Restaurant – geradeso wie im Märchen. Da lag es vor ihm, geduckt unter den gelben Markisen mit dem venezianischen Löwenwappen, in einer schmalen Straße mit beigefarbenen, stuckverzierten Reihenhäusern – wie eine Fata Morgana, dachte er. Keine Läden, kein Pub, kein anderes Restaurant in Sicht – wie hatte es sich hier mitten in einer Wohnstraße etablieren können? Adam schaute auf die Uhr – zwanzig nach sechs. Ein wenig früh für eine Mahlzeit, aber er spürte jetzt richtigen Hunger, und er sah, dass Gäste im Lokal saßen. Schon kam ein gut gebräunter Kellner an die Tür, hielt sie strahlend auf und rief: »Treten Sie ein, Sir, treten Sie ein. Ja, wir haben geöffnet. Nur herein, nur herein.« Der Mann nahm ihm den Mantel ab und führte ihn an der kleinen Bar vorbei in den hellen, L-förmigen Gastraum, während er die anderen Kellner munter kommandierte und tadelte, als wäre Adam sein hoch geschätzter Stammgast und durch ihr Versagen in irgendeiner Weise in seinem Wohlbefinden gestört.

Er platzierte Adam an einem Zweiertisch mit dem Rücken zur Straße und bot ihm an, sich seines Aktenkoffers anzunehmen, doch Adam wollte ihn lieber bei sich behalten. Er ließ sich die Speisekarte bringen und sah sich um. Acht Touristen – vier Männer, vier Frauen – besetzten einen großen runden Tisch und aßen schweigend, alle blau gekleidet und mit identischen blauen Einkaufsbeuteln zu ihren Füßen. Zwei Tische von ihm entfernt saß noch ein einzelner Gast, ein Mann, der gerade die Brille abgenommen hatte und sein Gesicht mit einem Papiertaschentuch abwischte. Er wirkte aufgeregt, irgendwie verärgert, und sah zu ihm herüber, während er die Brille wieder aufsetzte. Als sich ihre Blicke begegneten, reagierte der Mann mit einer leichten Neigung des Kopfes, einem einverständigen Lächeln des Erkennens – allein Speisende unter sich –, das zu besagen schien: Ich bin keineswegs einsam oder traurig, ich esse gern allein, aus eigenem Entschluss, genauso wie Sie. Auf dem Tisch hatte er Papiere ausgebreitet. Adam lächelte zurück.

Er hatte den Salat des Hauses gegessen – Spinat, Schinken, Parmesanspäne mit Sahne-Dressing – und war gerade bei den Scaloppine al vitello (mit grünen Bohnen und Röstkartoffeln), als ihn der Mann mit einer Verbeugung nach der genauen Uhrzeit fragte. Sein Akzent war amerikanisch, sein Englisch fehlerlos. Adam gab ihm Auskunft – achtzehn Uhr zweiundfünfzig –, der Mann stellte sorgfältig seine Uhr, so kamen sie unweigerlich ins Gespräch. Sein Gegenüber stellte sich vor: Dr. Philip Wang. Adam nannte ebenfalls seinen Namen und erklärte, er sei seit seiner Kindheit nicht mehr in London gewesen. Dr. Wang bestätigte, auch er kenne die Stadt so gut wie gar nicht. Er wohne und arbeite in Oxford und komme nur gelegentlich zu kurzen Besuchen nach London – für einen oder zwei Tage, um Patienten aufzusuchen, die an einem seiner Forschungsprojekte teilnähmen. Adam sagte, er sei aus Amerika nach London gekommen, habe sich hier um einen Job beworben, weil er sich verändern wolle, nach Hause zurückkehren, mit anderen Worten.

»Einen Job?« Dr. Wang musterte Adams teuren Anzug. »Arbeiten Sie in einer Bank?« In seiner Vermutung schien so etwas wie Missbilligung anzuklingen.

»Nein, an der Uni – ich bewerbe mich für ein Forschungsstipendium am Imperial College«, fügte Adam hinzu und fragte sich, ob ihn das in den Augen von Dr. Wang entlastete. »Ich komme gerade vom Vorstellungsgespräch.«

»Gute Uni«, sagte Wang abwesend, als wäre er mit den Gedanken woanders. »Jaaa …« Dann kam er wieder zur Sache und fragte höflich: »Wie ist es gelaufen?«

Adam zuckte die Schultern. So etwas könne man nie wissen. Seine drei Gesprächspartner – zwei Männer und eine Frau mit fast kahl geschorenem Kopf – hatten nichts durchblicken lassen, waren von einer fast absurden Höflichkeit und Förmlichkeit gewesen, ganz anders als seine amerikanischen Kollegen.

»Imperial College. Sie sind also auch Wissenschaftler«, stellte Wang fest. »Welches Fach?«

»Klimatologie«, sagte Adam. »Und Sie?«

Wang dachte kurz nach, als wäre er sich nicht sicher. »Immunologie, vermutlich, ja … Oder man könnte sagen, ich bin Allergologe.«

Mit einem Blick auf seine neu gestellte Uhr brach er das Gespräch ab. Er müsse jetzt gehen, er habe zu tun, Anrufe zu erledigen. Er zahlte die Rechnung in bar, sammelte mit fahrigen Bewegungen seine Papiere zusammen, ließ einzelne Blätter zu Boden fallen, bückte sich, um sie aufzuheben, und murmelte dabei vor sich hin – plötzlich wirkte er ziemlich zerstreut, als hätte ihn nach beendeter Mahlzeit das Leben mit all seinen Sorgen und...


Hirte, Chris
WILLIAM BOYD, 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana geboren, ist dort und in Nigeria aufgewachsen, bevor er in Großbritannien zur Schule ging und studierte. Dass er sich in keiner Kultur ganz zu Hause fu¨hlt, sei fu¨r einen Schriftsteller eine gute Voraussetzung, sagt Boyd. Seinen ersten Roman vero¨ffentlichte er 1981, heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erza¨hler der zeitgeno¨ssischen Literatur. Zuletzt erschienen in der Reihe Der kleine Gatsby die Erza¨hlung All die Wege, die wir nicht gegangen sind und im Kampa Verlag seine Romane Trio und Blinde Liebe sowie die Erza¨hlungen Der Mann, der gerne Frauen ku¨sste, außerdem Neuausgaben von Eine große Zeit, Die blaue Stunde, Brazzaville Beach, Die neuen Bekenntnisse, Ruhelos, Armadillo, Einfache Gewitter, Stars und Bars und Wie Schnee in der Sonne. William Boyd lebt mit seiner Frau in London und im su¨dfranzo¨sischen Bergerac, wo er auch Wein anbaut. Ganz gleich, wo er sich gerade aufha¨lt – er geht fu¨r sein Leben gern spazieren.

Boyd, William
William Boyd, 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana geboren, ist dort und in Nigeria aufgewachsen, bevor er in Großbritannien zur Schule ging und studierte. Dass er sich in keiner Kultur ganz zu Hause fühlt, sei für einen Schriftsteller eine gute Voraussetzung, sagt Boyd. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1981, heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erzähler der zeitgenössischen Literatur. William Boyd lebt mit seiner Frau in London und im südfranzösischen Bergerac, wo er auch Wein anbaut. Wo immer er sich gerade aufhält – er geht für sein Leben gern spazieren.



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