E-Book, Deutsch, Band 5, 400 Seiten
Reihe: Die Joe Pickett
Box Todfeinde
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08569-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, Band 5, 400 Seiten
Reihe: Die Joe Pickett
ISBN: 978-3-641-08569-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Die Nachricht trifft Joe Pickett wie ein Schlag: Sein Kollege und Vorbild Will Jensen wurde erschossen in seinem Haus gefunden. Selbstmord. Nun soll Joe den toten Wildhüter vertreten, doch kaum in Jackson angekommen, beginnt auch sein Leben außer Kontrolle zu geraten. Zu viele Parteien kämpfen unerbittlich um die Nutzung der idyllischen Berglandschaft, und sie schrecken vor nichts zurück. Joe ist sich bald sicher: Sein Freund hat sich nicht freiwillig das Leben genommen.
C. J. Box lebt in Cheyenne im amerikanischen Bundesstaat Wyoming. Er arbeitete als Rancher, Jagdaufseher und Journalist. Heute koordiniert er Tourismus-Programme in den Rocky Mountains. Für 'Stumme Zeugen' wurde er mit dem wichtigsten amerikanischen Krimipreis, dem Edgar Award, ausgezeichnet. Für seine Joe-Pickett-Romane gewann C.J. Box bereits den Anthony Award, den französischen Prix Calibre 38, den Macavity Award, den Gumshoe Award, den Barry Award, und wurde darüber hinaus für den Edgar Award und den L.A. Times Book Prize nominiert.
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2. KAPITEL Bud Longbrake und Missy Vankueren heirateten an einem sonnigen Samstagmittag im September auf dem Rasen vor der Longbrake Ranch, dreißig Kilometer außerhalb der Stadt. Alle waren dort. Der Gouverneur und seine Frau, die meisten Senatoren des Bundesstaats, deren Mehrheitsfraktion Bud anführte, der Kongressabgeordnete von Wyoming und halb Saddlestring saßen auf den zweihundertfünfzig Metallklappstühlen oder standen auf dem Rasen. Nur die beiden Vertreter Wyomings im US-Senat hatten bedauernd abgesagt. Die klaren blauen Flanken der Bighorn Mountains umrahmten die Hochzeitsfeier. Es roch nach frisch gemähtem Gras und dem hölzernen Rauch vom Grillplatz hinterm Haus, wo ein prächtiger junger Longbrake-Ochse und ein Schwein am Spieß gebraten wurden. Der Tag war windstill. Nur eine einzelne Wolke zog träge an den Berggipfeln entlang. Die Wagentüren, die die ankommenden Gäste auf der gemähten Wiese ins Schloss warfen, und ein gelegentliches Muhen aus einem entfernten Viehpferch waren die einzigen Geräusche weit und breit. Joe Pickett saß in der zweiten Reihe in Schlips und Sakko, dunkler Hose und polierten schwarzen Cowboystiefeln. Er war Mitte dreißig, schlank und durchschnittlich groß. Seine dreizehnjährige Tochter Sheridan saß in ihrem neuen blauen Kleid neben ihm. Sie schien regelrecht zu strahlen: Das lange, blonde Haar war hier und da noch von der Sonne gebleicht, auf ihren Lippen lag ein Hauch von Pink, ihr Gesicht war offen und schön, und ihre Augen sogen alles auf. Sie sah aufmerksam zu, wie ihre Mutter Marybeth und ihre achtjährige Schwester Lucy an der Zeremonie teilnahmen. Lucy war das Blumenmädchen und trug weißen Taft. Marybeth, als Trauzeugin, stand auf einem Podest neben Dale Longbrake und weiteren Mitgliedern der Hochzeitsgesellschaft. Die Männer trugen schwarze, nach Westernart geschneiderte Fracks und schwarze Stetsons. Joe und seine Frau tauschten einen Blick. Er konnte ihr den Ärger von den Augen ablesen. Ihre Mutter, Missy Vankueren, war eine erfahrene Hochzeitsplanerin, da sie schon dreimal geheiratet hatte. Missy hatte das Ereignis seit über einem Jahr so ausdauernd und präzise vorbereitet wie ein General eine Bodenoffensive, dachte Joe, und die widerwillige Marybeth gleich als Leutnant dazu verpflichtet. Endlose Diskussionen und Telefonate wurden vor diesem Tag geführt, den Marybeth längst »Operation riesengroße Ranch-Hochzeit« nannte. Joe nickte in Richtung der Berge und flüsterte Sheridan zu: »Siehst du die Wolke?« Sie folgte seinem Blick. »Ja.« »Ich wette, bis Hochzeit Nummer fünf hat Missy rausgefunden, wie sie die loswird.« »Dad!«, flüsterte Sheridan aufgebracht, doch um ihre Mundwinkel spielte ein verschwörerisches Grinsen. Er zwinkerte ihr zu; sie verdrehte die Augen und wandte sich wieder der Hochzeit zu, die jeden Moment beginnen sollte. Kaum war die Braut unter einem Bogen rosafarbener und weißer Blumen erschienen, schwoll das Gemurmel an. Joe, Sheridan und die anderen Gäste erhoben sich. Beifall schwappte von vorn nach hinten, als eine begeisterte Missy mit großen Augen und gesetzten Blickes in die Menge sah, aus der sie hervorgetreten war. »Und das soll meine Großmutter sein?«, sagte Sheridan. »Sie sieht …« »… umwerfend aus«, vollendete Joe ihren Satz. Missy wirkte wie dreißig, nicht wie sechzig. Sie war eine schlanke Brünette mit perfekten Gesichtszügen und perfektem Haar, und ihre Augen strahlten aus ihrem großen Gesicht, das auf Fotos stets wundervoll aussah. Sie drückte einen Strauß rosafarbener und weißer Blumen an ihr pflaumenblau schimmerndes Kleid. In andächtig bewunderndem Ton, der sonst prächtigen Reitpferden oder Zuchtbullen vorbehalten war, hörte Joe Bud Longbrake sagen: »So gefällst du mir.« Der Hochzeitsempfang fand hinter dem riesigen Blockhaus unter hundertjährigen Pyramidenpappeln statt. Eine Swingband aus Billings spielte auf dem Podium, und Paare drehten sich auf dem Hartholzboden, der extra für diesen Anlass aus einem ehemaligen Vierziger-Jahre-Tanzsaal in Winchester zur Ranch geschafft worden war. Er war auf Kutschfedern montiert und hatte einst den Tanzfesten am Samstagabend gedient, als Bigbands auf der Reise zu den wirklich lukrativen Auftritten an der Ost- und Westküste noch Zwischenstopps in Wyoming eingelegt hatten. Joe führte Sheridan Hände schüttelnd durch die Gästeschar. Bud Longbrake klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Willkommen in der Familie.« Ich habe schon eine Familie, dachte Joe. Missy zog ihn zu sich herunter. Er spürte, wie sich der Strauß, den sie noch immer umklammert hielt, in sein Haar drückte. »Du hättest nie gedacht, dass ich mir den unter den Nagel reiße, stimmt’s?«, flüsterte sie. Überrascht entzog er sich ihr. Sie lächelte ihn verschmitzt an, und er lächelte unwillkürlich zurück. Sie ist eine ernst zu nehmende Gegnerin, dachte er. Der würde ich nur ungern in einer dunklen Gasse begegnen. »Glückwunsch«, sagte er. »Bud ist ein prima Kerl.« »Oh, ich glaube, den besten Fang habe ich gemacht«, sagte Bud und legte den Arm um Missys schlanke Taille. »Zweifellos«, sagte sie und zeigte ihr strahlendes Lächeln. Und sie ist bereits im Grundbuch eingetragen, dachte Joe. Ihr gehört die Hälfte dessen, was wir sehen, und wir sehen längst nicht alles. Sie hat sich wirklich ordentlich was unter den Nagel gerissen. Als Nächstes begrüßte er Marybeth, die das Gespräch genau verfolgt hatte. »Du siehst wunderbar aus«, sagte Joe. »Zum Glück ist es vorbei«, formte sie lautlos mit den Lippen, und er nickte. »Willkommen in der Familie«, sagte Bud nun zu Sheridan. Joe warf ihm einen strengen Blick zu. »Hat sie das wirklich gesagt, Joe?«, fragte Marybeth später, als sie mit ihren Vorspeisentellern an einem Tisch unter den Bäumen saßen. Er hatte gewartet, bis Sheridan und Lucy ihre Freundinnen gefunden hatten, ehe er seiner Frau von Missy erzählte. »Wort für Wort.« Marybeth schüttelte den Kopf und musterte Joe genau, um festzustellen, ob er sie nicht auf den Arm nahm. Schließlich sagte sie: »Sie ist schon seltsam, oder?« »Das war sie immer. Und wie du das überstanden hast, begreife ich nicht.« Sie tätschelte ihm lächelnd die Hand. »Ich manchmal auch nicht.« Joe nahm einen Schluck aus der Bierflasche, die er einer mit Eis aufgefüllten Viehtränke entnommen hatte. »Ihr zwei habt ein merkwürdiges Verhältnis«, fuhr sie fort und sah über den Rasen zu ihrer Mutter. »Wir haben gar kein Verhältnis, würde ich sagen.« Missy hatte nie ein Geheimnis aus ihrer Überzeugung gemacht, Marybeth habe unter ihren Möglichkeiten geheiratet. Anstatt sich den Arzt, Immobilientycoon oder US-Senator zu angeln, hatte sich ihre so vielversprechende Tochter mit Joe Pickett eingelassen, einem Jagdaufseher in Wyoming, der im Jahr nur sechsunddreißigtausend Dollar verdiente. Aus Missys Vorstellung einer Karriere Marybeths als Firmenanwältin oder Politikergattin war also nichts geworden. Schlimmer noch: Marybeth war bei Joe geblieben, als der in den ersten Ehejahren von einem Dienstort zum anderen gezogen war, ehe er Jagdaufseher des Bezirks Saddlestring wurde. Dann waren Sheridan und Lucy zur Welt gekommen, und in Missys Augen war das Leben für ihre Tochter praktisch gelaufen. Aufgrund von Vorfällen, die mit Joe und seiner Arbeit zu tun hatten, war Marybeth verwundet worden und konnte keine Kinder mehr bekommen. Dann hatten sie ihre Pflegetochter verloren. All das musste enttäuschend für Missy gewesen sein, vermutete Joe. Da war sie nun das beste Beispiel dafür, wie man sich hochheiratet, indem man jeden Gatten für einen noch wohlhabenderen und noch angeseheneren Mann sitzen lässt, und ihre Tochter begriff einfach nicht, wie der Hase lief. Indem sie Bud Longbrake vor Marybeths Augen heiratet, will Missy ihr geradezu vorführen, wie man es anpacken muss, überlegte Joe. Joe und Missy wussten beide, dass Marybeth nach wie vor Leidenschaft, Intelligenz, Schönheit und Ehrgeiz besaß. Aber da war auch eine wachsende Schwermut in ihr, gegen die sie ankämpfte. »Sieh dir Buds Kinder an.« Marybeth wies mit dem Kopf auf einen Tisch, der so weit abgerückt war, dass er gerade noch im Schatten stand. »Sie wirken einfach nicht glücklich. Aber gaff nicht rüber.« Joe setzte sich anders hin. Aus seiner früheren Ehe hatte Bud einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn – Bud junior – war für die Hochzeit aus Missoula eingeflogen, wo er als Straßenmusikant und ewiger Student der Universität Montana lebte. Bud junior trug schlabberige Cargo-Shorts, Ledersandalen, ein T-Shirt und einen missmutigen Gesichtsausdruck. Missy hatte Joe und Marybeth erzählt, er habe als Jugendlicher zwar nie mit der Ranch zu tun haben wollen, warte aber durchaus darauf, dass Bud senior sie ihm eines Tages vermachen oder das Anwesen verkaufen würde. Auch nach Abzug der Steuern würde ihm ein gewaltiges Erbe zufallen. Ähnlich verhielt es sich auch mit Buds Tochter Sally: Dreimal verheiratet (fast wie ihre neue Stiefmutter, von der sie in diesem Rennen eben erst überholt worden war), lebte sie in Portland, Oregon, und war mal wieder dabei, den Ehemann zu wechseln. Sally war auf eine verletzliche, unkonventionelle Weise attraktiv und – wie es hieß – eine Künstlerin, spezialisiert auf Schmiedearbeiten. Joe wandte sich wieder seiner Frau zu. »Nein, sie wirken nicht glücklich.« »Es passt ihnen nicht, dass Bud meine Mutter zur Miteigentümerin dieser Herrlichkeit gemacht hat«, sagte sie und...




