Box Kalte Spur
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08527-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 4, 400 Seiten
Reihe: Joe Pickett
ISBN: 978-3-641-08527-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
C. J. Box lebt in Cheyenne im amerikanischen Bundesstaat Wyoming. Er arbeitete als Rancher, Jagdaufseher und Journalist. Heute koordiniert er Tourismus-Programme in den Rocky Mountains. Für „Stumme Zeugen“ wurde er mit dem wichtigsten amerikanischen Krimipreis, dem Edgar Award, ausgezeichnet. Für seine Joe-Pickett-Romane gewann C.J. Box bereits den Anthony Award, den französischen Prix Calibre 38, den Macavity Award, den Gumshoe Award, den Barry Award, und wurde darüber hinaus für den Edgar Award und den L.A. Times Book Prize nominiert.
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Zweites Kapitel
Eine halbe Stunde vor Einbruch der Abenddämmerung erreichten sie ihr kleines Heim, eine zweigeschossige Dienstwohnung des Staates Wyoming, die knapp fünfzehn Kilometer außerhalb von Saddlestring lag. Joe bog mit dem Pick-up von der Bighorn Road auf die Einfahrt ein und parkte vor der Garage, die einen neuen Anstrich vertragen konnte. Sheridan und Lucy waren aus der Beifahrertür gesprungen, ehe er nur die Handbremse hatte ziehen können, und eilten über den Rasen ins Haus, um ihrer Mutter zu erzählen, was sie gesehen hatten.
Maxine sprang ihnen nach, blieb aber an der Tür stehen, um sich nach Joe umzublicken.
»Lauf schon«, sagte er. »Ich komm nach.«
Fröhlich wedelnd stürmte der Labrador ins Haus.
Nachdem Joe Angelruten, Westen und Kühltasche in der Garage verstaut hatte, ging er am Haus vorbei zur Koppel. Toby, ihr achtjähriger gescheckter Wallach, wieherte bei seinem Anblick leise. Er war offensichtlich hungrig. Doc, ihr neuer, einjähriger Rotfuchs, tat es dem älteren Pferd gleich. Joe scheuchte sie beiseite und betrat die Umzäunung. Er gab jedem Tier sein Heu frisch vom Trockengestell, füllte den Wassertrog, überprüfte beim Verlassen der Koppel das Tor und fragte sich unterdessen, warum Marybeth die Tiere nicht schon gefüttert hatte wie üblich.
Als er die Hintertür des Hauses öffnete, kam Sheridan ihm schlecht gelaunt entgegen.
»Hast du deiner Mom vom Elch erzählt?«, fragte er.
»Die ist beschäftigt«, antwortete sie patzig. »Vielleicht hätte ich einen Termin mit ihr vereinbaren sollen.«
»Sherry …«, mahnte er, doch seine Tochter war bereits auf dem Weg zur Koppel.
Marybeth saß in Sweatshirt und Jeans am Küchentisch und war von Akten, Papierstapeln, aufgeschlagenen Büchern, dem Taschenrechner und ihrem Laptop umgeben. Auf beiden Seiten stapelten sich Aktenkisten, deren Deckel auf dem Boden lagen. Den Blick starr auf den Rechner gerichtet, würdigte sie Joe kaum eines Blicks, als er eintrat.
»Hey, Babe!«Er strich ihr blondes Haar beiseite und küsste sie auf die Wange.
»Einen Moment.« Sie tippte weiter.
In Joe flammte Ärger auf. Herd und Ofen waren kalt, der Tisch war ein heilloses Durcheinander – genau wie Marybeth. Nicht dass er erwartete, jeden Abend pünktlich bekocht zu werden, doch sie hatte ihn gebeten, mit den Mädchen früh zum Essen nach Hause zu kommen, und er hatte seinen Teil der Verabredung erfüllt.
»Fein«, verkündete sie und klappte den Laptop zu. »Fertig.«
»Womit?«
»Mit der Buchhaltung des Immobilienbüros Logue. Das war vielleicht ein Chaos!«
»Aha.« Unbeeindruckt öffnete er den Kühlschrank, um nachzusehen, ob es etwas Vorgekochtes zum Aufwärmen gab. Nichts.
»Dass die sich nach der Übernahme halten konnten!«, murmelte sie, während sie Bankberichte und geplatzte Schecks abheftete oder in Umschläge schob. »Die alten Eigentümer haben ihnen ein sagenhaftes Durcheinander hinterlassen. Der Cashflow der letzten zwölf Quartale war ein absolutes Mysterium.«
»Mmm.«
Nicht mal Aufbackpizzen waren im Gefrierschrank – nur steinharte Rehfleisch-Burger, Wapitibraten vom Vorjahr und eine Packung Eis am Stiel, die schon seit einer Ewigkeit in der Kühlung lag.
»Ich dachte, wir gehen heute Abend essen«, sagte Marybeth. »Oder einer fährt in die Stadt und holt was Warmes.«
Er staunte. »Können wir uns das denn leisten?«
Marybeths Lächeln verschwand von ihrem Gesicht. »Eigentlich nicht«, seufzte sie. »Jedenfalls nicht bis Monatsende.«
»Wir könnten diese Burger in der Mikrowelle auftauen«, schlug Joe vor.
»Würde es dir was ausmachen, sie draußen zu grillen?«
»Geht in Ordnung.«
»Schatz …«
Joe hob die Hand. »Mach dir keine Sorgen. Deine Arbeit hat dich aufgehalten. Schon okay.«
Einen Moment lang glaubte er, sie werde in Tränen ausbrechen. Das geschah in letzter Zeit immer öfter. Doch stattdessen biss sie sich auf die Unterlippe und sah ihn an.
»Wirklich«, wiederholte er.
Joe säuberte hinterm Haus den Grillrost und kämpfte gegen seine Enttäuschung darüber an, dass seine Frau nicht mal Vorbereitungen für das Abendessen getroffen hatte. Wie so oft in letzter Zeit schlug er sich mit wachsenden Sorgen um Marybeth und seine Ehe herum. Zweifellos hatte der gewaltsame Tod ihrer Pflegetochter April im letzten Winter ihr sehr zugesetzt. Joe hatte gehofft, das Ende der Kälte würde ihr helfen, darüber hinwegzukommen, doch dem war nicht so. Der Frühling hatte nur die Erkenntnis gebracht, dass ihre allgemeine Lage sich nicht geändert hatte.
Mitunter ertappte er sie dabei, wie sie vor sich hin starrte, den Blick aufs Fenster oder irgendetwas gerichtet, das zwischen der Scheibe und ihren Augen zu sein schien. Ihr Gesicht wirkte dabei leicht wehmütig. Ein paarmal hatte er gefragt, woran sie dachte, doch sie hatte nur den Kopf geschüttelt, als verjagte sie unliebsame Gedanken, und geantwortet: »An nichts.«
Er wusste, dass ihr die Finanzlage der Familie nicht weniger zusetzte als ihm. In Wyoming herrschte eine Haushaltskrise, die Gehälter der Staatsdiener waren eingefroren. Joe musste deshalb auf unabsehbare Zeit mit einem Jahresgehalt von 32 000 Dollar auskommen. Wegen seiner langen Arbeitszeit war an einen Nebenerwerb auch nicht zu denken. Die Behörde stellte ihm Dienstwohnung und Ausrüstung, doch in den letzten Monaten kam ihnen das Haus, das ihnen einst so traumhaft erschienen war, wie eine Falle vor.
Nach Aprils Tod hatten Joe und Marybeth über ihre Zukunft gesprochen und waren übereingekommen, dass sie jetzt vor allem Normalität und einen geregelten Alltag brauchten. Glaube und Hoffnung kämen schon von selbst zurück, weil sie starke Menschen waren und einander liebten, und die Zeit würde alle Wunden heilen. Joe hatte versprochen, sich nach einer anderen Arbeit umzusehen oder sich in einem anderen Distrikt zu bewerben. Ein Tapetenwechsel konnte helfen, auch darin waren sie sich einig. Doch in letzter Zeit hatte er sich, wenn auch von schlechtem Gewissen geplagt, nicht einmal mehr halbherzig um andere Stellen gekümmert, weil er seinen Beruf liebte.
Marybeth war nicht mehr ihrenTeilzeitbeschäftigungen in Bibliothek und Pferdestall nachgegangen. Sogar kombiniert waren diese Jobs zu schlecht bezahlt und bedeuteten zu viel sozialen Kontakt. Es war ihr unangenehm, von Nutzern der Bücherei gemustert und nach April und den Umständen gefragt zu werden, die zu ihrem Tod geführt hatten.
Doch sie brauchten zusätzliche Einkünfte, also hatte sie im Sommer ein Gewerbe angemeldet und Buchhaltung, Büroorganisation und Lagerbestandsführung für kleine Firmen in Saddlestring übernommen. Joe fand das ideal, da sie ihre Ausbildung, ihr Durchsetzungsvermögen und ihr Organisationstalent so voll zum Einsatz bringen konnte. Bisher hatte sie Barretts Apotheke, den Präparator Sandvick, das örtliche Schnellrestaurant und das Immobilienbüro Logue betreut. Marybeth arbeitete hart, um sich zu etablieren, und ihr Büro stand kurz vor dem Durchbruch.
Daher fühlte er sich nur umso schlechter, dass er wegen des ausgefallenen Abendessens wütend auf sie gewesen war.
»Was war das mit dem Elch genau?«, hakte Marybeth beim Spülen nach. Joe war erstaunt, denn Sheridan und Lucy hatten den Vorfall beim Abendessen so plastisch und detailliert beschrieben, dass Joe sie gebeten hatte, damit aufzuhören.
»Wie kommst du jetzt darauf?«
Sie lächelte verschmitzt. »Die letzte Viertelstunde hast du daran gedacht.«
Er wurde rot. »Woher weißt du das?«
»Du starrst die ganze Zeit vor dich hin und trocknest dieses Glas jetzt zum vierten Mal ab«, erwiderte sie grinsend. »Ich seh doch genau, dass du mit den Gedanken ganz woanders bist.«
»Ganz schön unfair, dass du mich so durchschaust. Ich weiß nie, woran du denkst.«
»So gehört sich’s auch«, sagte sie und stieß ihn übermütig mit der Hüfte an.
»Die Mädchen haben das Ganze recht genau beschrieben. Da gibt’s wenig zu ergänzen.«
»Und warum beschäftigt dich die Sache so?«
Er ließ Wasser über einen Teller laufen, stellte ihn aufs Trockengestell und hielt inne. »Ich habe viele tote Tiere gesehen.« Er sah sie über die Schulter an. »Und leider auch einige tote Menschen.«
Sie nickte.
»Aber alles an diesem Kadaver war … anders. Komplett anders.«
»Weil du nicht feststellen konntest, wie die Wunden zustande kamen?«
»Auch deshalb. Aber man findet einfach keinen toten Elch so mitten auf einer Wiese. Es gab keine Spuren und keinen Hinweis darauf, dass der Schütze sich seinem Opfer genähert hat. Selbst richtig üble Wilderer, die die Kadaver schlicht verrotten lassen, sehen sich an, was sie zur Strecke gebracht haben.«
»Vielleicht war das Tier krank und ist gestorben«, wandte sie ein.
Joe hatte sich umgedreht und lehnte an der Spüle. Das Geschirrtuch hatte er über seinen Arm gehängt.
»Natürlich sterben laufend Tiere eines natürlichen Todes. Aber man findet sie nicht. Kann sein, dass man ein paar Knochen entdeckt, wenn die Aasfresser das Skelett nicht zu sehr verstreut haben, aber man stößt nicht auf Tiere, die an Altersschwäche verendet sind. Oder extrem selten. Sterbende Tiere ziehen sich dahin zurück, wo man sie nicht findet. Sie brechen nicht auf einer Wiese einfach so zusammen.«
»Der Elch kann doch erschossen oder vom Blitz getroffen worden sein oder so.«
»Bei einem Blitzschlag hätte es Verbrennungen gegeben. Und ob das Tier erschossen wurde, finde ich morgen heraus. Doch mein Instinkt sagt mir, dass ich kein Blei entdecken werde.«
»Vielleicht wurde...




