E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove
Bove Geschichte eines Wahnsinnigen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86034-582-5
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove
ISBN: 978-3-86034-582-5
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling 'Meine Freunde' hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten. Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges ?uvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.
Weitere Infos & Material
Das Verbrechen einer Nacht
Ein anderer Freund
Abendlicher Besuch
Was ich gesehen habe
Geschichte eines Wahnsinnigen
Die Rückkehr des Kindes
Ist es eine Lüge?
Editorische Notiz
Das Verbrechen einer Nacht
Es war am Abend vor Weihnachten.
Henri Duchemin saß auf der abgewetzten Sitzbank eines Restaurants und wartete darauf, dass der Regen aufhöre. Die langen Haare, die seine Ohren kitzelten, wie auch die löchrigen Taschen seiner Hosen erinnerten ihn beständig an seine Armut.
Er wollte hinausgehen, ermüdet von der Reglosigkeit, als ihm der dunkle Gang seines Hauses einfiel, der feuchte Hof, die engen Treppenstufen und sein ungeheiztes Zimmer unter dem Dach.
All diesem zog er die angenehme Wärme des Restaurants vor.
Einige Stammgäste lasen die Abendzeitung. Ein Luftzug bewegte das Kettchen an der Gasheizung. Die Angestellte stützte sich mit den Armen auf die Theke und wünschte zu gehen.
Plötzlich streckten die Gäste den Hals: Eben war ein Bettler eingetreten.
– Ein Buckliger, sagte einer von ihnen.
Der Wind aus der Straße hätte beinahe die Flamme des Gasbrenners gelöscht. Schatten fielen von der Decke, die Mauern entlang.
– Schließen Sie doch die Türe!
Der Bettler gehorchte und kam näher, den Hut in der Hand, wobei er verstohlen nach links und nach rechts sah.
– Was wollen Sie?
– Um ein Almosen bitten.
Dieser Bettler schien ein wenig wie ein Schauspieler, der endlich auf eine leere Bühne tritt. Die Angestellte, hin- und hergerissen zwischen dem Vergnügen, abgelenkt zu sein, und dem, den armen Teufel zu verjagen, blieb nur kurz unentschlossen.
– Gehen Sie raus. Hier wird nicht gebettelt.
Die Gäste nutzten den Zwischenfall und kamen miteinander ins Gespräch. Obschon sie nicht alle der Angestellten zustimmten, spürten sie, dass sie sich einig werden könnten, indem sie damit einverstanden waren.
Es lag eine Art Verwandtschaftsgefühl in der Luft, sie erörterten lange und gefühllos die Bettelei, die Prostitution, die sozialen Probleme, wie sie sagten.
Von einer Glocke ertönten vier Schläge, die aber neun Uhr anzeigten.
Henri Duchemin erriet, dass diese Unbekannten schlechte Gedanken hegten. Er überzeugte sich, dass der Wattebausch, die seine Ohren verstopfte, nicht herausgefallen war, und während er seinen Überzieher schüttelte, erreichte er die Türe, aus der eine Sekunde lang das Licht des Restaurants die dunkle Straße querte.
Der Regen glitt das farbige Gusseisen der Straßenlaternen herunter. Die Gehsteige glänzten und schienen sich zu bewegen. Die Lichter der Autos und Taxis gaben kaum Licht.
Er betrat ein Café. Die Markise, als sie vom Wind geschlagen wurde, warf ganze Wasserladungen ab.
Der Dampf, der überall wallte, beschlug die Gläser, die Theke, die Glühbirnen. Einige Gäste hatten auf die Fensterscheiben gezeichnet.
Henri Duchemin bestellte einen Kaffee, einen schön warmen Kaffee, den er in einem Zug herunterstürzte, noch bevor der Zucker geschmolzen war.
Eine Frau, deren Pelzmantel noch nass war, trank ein Glas Milch, die das Rot ihrer Lippen wohl versüßte. Ihre stark geschminkten Augen blieben immer offen, wie die einer Puppe.
– Was für ein trauriges Weihnachtsessen!, sagte sie.
Henri Duchemin wusste wohl, dass gewisse Frauen Männer ansprechen, um sie um Geld zu bitten, aber er wollte lieber nicht daran denken und seine Hoffnung auf ein neues Erlebnis nicht trüben.
– Ja, ein trauriges Weihnachtsessen!
Er sah zur Türe. Er fürchtete, sein Nachbar könnte hereintreten, Herr Leleu. Dieser würde sich neben ihn setzen, hierher, und hätte ihn zweifellos verdrängt.
– Sie langweilen sich gewiss, mein Herr?
– Nun ja … nehmen Sie es mir nicht übel … wenn Sie wüssten, wie ich leide … ich möchte so gern mein Herz ausschütten … In Ihren Augen bin ich ein Fremder … Gedulden Sie sich … Ich werde Ihnen mein Leben erzählen … es ist ziemlich traurig …
Er war so froh, konnte er sprechen, dass er wie verjüngt schien. Die Gewissheit zu gefallen gab ihm Zuversicht. Er wollte eben fortfahren, als seine Nachbarin in Gelächter ausbrach:
– Machen Sie sich nicht lächerlich. Wenn Sie unglücklich sind, brauchen Sie sich bloß umzubringen.
Henri Duchemin errötete. Eine Minute lang suchte er nach einer Antwort.
Da er sie nicht fand, erhob er sich und trat hinaus, das Herz voller Bitternis.
Der Regen, der sein Gesicht streifte, belebte ihn. Zwei Reihen von Gasbrennern trafen am Ende einer Straße zusammen. Die Passanten stießen mit dem Kopf an den Stoff ihres Regenschirmes.
»Mich töten! Sie ist verrückt … Die Welt ist bösartig«, dachte er.
Seine nassen Hosen klebten an den Schenkeln. Seine Füße rutschten in den Schuhen, die Wasser zogen, selbst wenn im Sommer die Gehsteige gewässert wurden. Er sah nichts, nicht einmal die Bäche, die mit dem Geräusch einer kleinen Kaskade in die Kanalisation hineinströmten.
Endlich erkannte er eine Nische wieder, die von geteerten Röhren verstellt war, wo er oft hinging und den Arbeitern zuschaute und sich an einem Ofen aufwärmte.
Er war angekommen.
Es war so windig, als er die Türe seines Hauses öffnete, dass ihm schien, jemand wolle ihn am Eintreten hindern.
Henri Duchemin stieg langsam die Treppe hoch und schloss, als er bei sich angekommen war, leise die Türe seines Zimmers, um Herrn Leleu nicht zu wecken.
Als die Lampe brannte, brachte sie eine Unordnung zum Vorschein, die ihn verwunderte, weil er vergessen hatte, dass der Haushalt nicht besorgt war.
Die Möbel, die neben sich ihren Schatten warfen, schienen einander zu berühren. Ein eiskalter Windstoß, der unter dem Fenster hereindrang, bewegte die Vorhänge. Die Feuchtigkeit trieb an der Gipsdecke Blasen. Die Tapete hing wie alte Plakate herunter. Das ungemachte Bett war kalt. Wenn der Wind an der Türe rüttelte, knirschte das Schloss.
»Mich töten … bitte … sie ist wahnsinnig.«
Um die Erinnerung an diese Frau zu verdrängen, durchmaß Henri Duchemin das Zimmer und zählte seine Schritte, wobei er sich freute, in beiden Richtungen auf die gleiche Zahl zu kommen. Dabei bemerkte er, dass sein Atem freier war, wenn er seinen Rücken der Lampe zuwandte.
Die Fensterläden, die der Wind ausgehängt hatte, schlugen so heftig gegen die Wand, dass er fürchtete, die Nachbarn könnten sich beklagen.
Er öffnete das Fenster sperrangelweit: Die Flamme der Kerze wurde kleiner, die Vorhänge hoben sich hinter ihm wie Gespenster, eine Straßenbahnkarte wurde ins Zimmer geweht.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah er ein erleuchtetes Fenster und durch den Rollladen eine Frau, deren Silhouette heftig gestikulierte.
Henri Duchemin lehnte sich hinaus, mit windzerzausten Haaren, die Hände geschwärzt von der Stange, und beobachtete verstohlen diese Frau. Er bewegte sich nicht, und seine Augen waren so groß, dass die Pupillen viel kleiner erschienen im zu vielen Weiß.
Aber das Licht ging aus. Er hoffte, es werde bei einem anderen Fenster wieder angehen, und wartete. Die Nacht war dunkel. Der Wind, der in seine Ärmel hineinfuhr, kühlte seinen Körper. Der Regen glänzte um eine Straßenlaterne herum.
Er schloss das Fenster, und als er vor dem einzigen Fauteuil stand, erblickte er überall, in der Tiefe der Mauern, aufrecht auf seinem Bett, aufreizende Frauen.
Nein, er würde sich nicht umbringen. Mit vierzig Jahren ist ein Mann noch jung und kann, wenn er nur Ausdauer hat, reich werden.
Henri Duchemin träumte von Bittstellern, von eigenen Häusern, von Freiheit. Aber wenn sich seine Phantasie beruhigt hatte, kam ihm die Unordnung in seinem Zimmer noch größer vor, was nicht zu seinen Träumereien passte.
Ein Spiegel im Bambusrahmen gab sein Gesicht wieder. Er vergaß alles und führte ein Selbstgespräch und blickte sich an, um zu sehen, wie er beim Sprechen wirkte.
Die Lampe sank und erleuchtete nur noch den Tisch. Die Flamme zitterte auf dem Docht. Plötzlich erlosch sie.
Henri Duchemin tastete nach Zündhölzern und warf Gegenstände um, die er nicht sah.
Müde vom Suchen, setzte er sich auf das Fauteuil und schloss die Augen, um die Dunkelheit nicht zu sehen.
Die Wärme seines Körpers trocknete allmählich die Kleider. Er fühlte sich wohler. Bald schien ihm der Boden unter seinen Füßen nachzugeben, seine Beine schienen im Leeren zu baumeln, wie die eines Kindes auf einem Stuhl.
Er schlief schon lange, als er auf seiner Wange die Wärme einer Flamme spürte, es war, als atmete jemand.
Er schlug die Augen auf.
Neben ihm stand Herr Leleu, in der Hand eine Lampe.
Herr Leleu war ein Mann um die fünfzig, er war friedlich und lebte in ärmlichen Verhältnissen. Er interessierte sich für das Leben von Kriminellen und stellte sich immer auf die Seite der Polizisten. Er las die Vermischten Meldungen, aber nie Kriminalromane, da es ihm unangenehm war, einen Bericht zu lesen über etwas, was sich gar nicht zugetragen hatte.
– Schläfst du, Duchemin?
– Nein.
Herr Leleu stellte seine Lampe auf den Kaminsims. Sie erleuchtete weiterhin den Fußboden.
– Ich muss mit dir reden, Henri.
Herr Leleu strich über seinen Bart und zwirbelte die Spitze.
– Erinnerst du dich an die Frau im Café?
– Ja.
– Was sie sagt, muss getan werden.
– Mich töten?
– Ja.
– Sie denken, dass das getan werden muss?
– Ja, denn du bist unglücklich.
Der Regen schlug, vom Wind getragen, immer wieder gegen die Fensterscheiben.
– Aber ich werde es nicht wagen.
– Warum, Henri? Ich bringe dir ein Seil. Die Schlinge ist geknüpft. Siehst du, alles ist bereit. Ich komme wieder, wenn...




