Bove | Flucht in der Nacht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove

Bove Flucht in der Nacht

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86034-704-1
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove

ISBN: 978-3-86034-704-1
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



'Flucht in der Nacht' und 'Einstellung des Verfahrens' sind so etwas wie das literarische Vermächtnis von Emmanuel Bove, abgefasst zwischen 1942 und 1944 im Exil in Algier. Die beiden Romane schließen inhaltlich aneinander an, und beide spielen vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs: Der Ich-Erzähler aus 'Flucht in der Nacht' bricht mit einem Dutzend Kameraden aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager aus und schlägt sich, zuletzt nur noch mit einem Gefährten, bis nach Frankreich durch. Doch auch nach seiner Rückkehr ins besetzte Paris, an den Hauptschauplatz von 'Einstellung des Verfahrens', kommt der Bove'sche Antiheld nicht zur Ruhe. Seine persönliche Tragödie wird zur Groteske: Hin und her gerissen zwischen heroischen Anwandlungen und Paranoia, dem Wunsch nach Einsamkeit und der Unfähigkeit dazu, lähmender Entschlusslosigkeit und panischer Aktivität, Hilflosigkeit und maßlosen Ansprüchen, ist er mit seinem Drang nach Freiheit und Sicherheit - obwohl ihm die Flucht nach Spanien gelingt - letztlich zum Scheitern verurteilt. Emmanuel Bove, für seine gleichsam chirurgische stilistische Präzision von der Kritik hoch gerühmt, schildert diesen menschlichen Niedergang ungeschönt subjektiv als ein Scheitern nicht nur an der Welt, sondern vor allem an sich selbst. 'Ich weiß: das Wort ?groß? ist einem Schriftsteller sehr selten angemessen und oft schon gar nicht den sogenannten ?großen? Schriftstellern. Aber Bove ist groß.' (Peter Handke) Zum Weiterlesen: 'Emmanuel Bove. Eine Biographie' von Raymond Cousse und Jean-Luc Bitton ISBN 9783860347096

1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling 'Meine Freunde' hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten. Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges ?uvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.
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2


Wir waren seit sechs Wochen im Lager von Biberbrach, als es zu einem kleinen Zwischenfall kam, der mir sehr zu schaffen machte. Gegen den armen Pelet hatte sich eine Art Komplott gebildet. Sein Gehabe, leidend und zugleich verächtlich, ging allen auf die Nerven. Wir kamen zusammen, um über ihn zu reden, und dies in einem überlegenen und mitleidigen Ton, der mir zutiefst zuwider war. Man mokierte sich über ihn, weil er sich als ein Familienoberhaupt betrachtete, wo er gerade mal ein Kind hatte. Es wurden ihm die verschiedensten Geschichten nachgesagt. Er sei sehr zu bedauern, meinte man, aber schließlich habe jeder seine eigenen Sorgen, es gebe keinen Grund, warum einzig die seinen zählen sollten.

Bisson wurde aufgetragen, ihm beizubringen, dass es so nicht weitergehen könne; dass wir, wenn er sich nicht als besserer Kamerad erweise, nicht mehr mit ihm reden würden. Ich warf ein, man müsse den armen Teufel verstehen und nachsichtig mit ihm sein, wo er doch so leide.

»Und wir? Leiden wir etwa nicht?«, wurde mir erwidert.

Ich gab zurück, dass wir sehr wohl auch litten, aber besser damit umgehen könnten. Zu guter Letzt erreichte ich, dass man ihn in Ruhe ließ.

Mein Eintreten für ihn hatte seltsame Folgen. Einige Tage später stellte Pelet mich unvermittelt zur Rede und hielt mir vor, ich hätte ihm schaden wollen. Ich sei der Auslöser für die Feindseligkeit, die er um sich spüre. Ich antwortete ihm, dass ich, wenn er in diesem Ton mit mir redete, nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle; diese ganzen Geschichten seien wirklich zu schäbig, ich hätte Probleme genug und brauchte nicht auch noch ihn, dass er künstlich neue schuf.

Mit einem Mal zeigte er sich umgänglicher, bat mich um Verzeihung, sagte mir, dass er wohl wisse, dass nicht ich der Anstifter sei, dass ich aber verstehen müsse, wie sehr er darunter leide, von Frau und Kind getrennt zu sein. Ich wies ihn darauf hin, dass seine Situation nicht schlechter sei als die unsere. Er erwiderte, das wisse er sehr wohl, sie sei aber dennoch schlimmer, da er ja mehr leide als wir.

Von diesem Tag an wurde es zu seiner Gewohnheit, mich ins Gespräch zu ziehen, sowie er mich allein sah. Man hätte glauben können, dass wir Geheimnisse hatten. Dabei hatte er mir nie etwas zu sagen. Diese Art, eine Vertrautheit zur Schau zu stellen, die gar nicht existierte, war mir unangenehm. Ich mochte noch so abweisend zu ihm sein, er ließ einfach nicht locker. Wenn man uns sehen konnte, verdrehte er die Augen und machte eine Leidensmiene. Eines Tages sagte er mir, dass er einen Plan von Süddeutschland in die Hand bekommen habe. Er war bereit, ihn mir zu zeigen, vorausgesetzt, ich würde mit niemandem darüber reden. Er sagte mir auch, dass er eines Nachts das Geräusch eines Zuges, vom Wind herangetragen, gehört habe. Mein Mitleid mit ihm wurde immer größer. Ich befand mich in dieser zutiefst peinlichen Lage, in einem Menschen, der von allen verabscheut wird, eine Empfindung geweckt zu haben. Manchmal fuhr ich ihn an, doch meistens redete ich ihm gut zu. Er werde schon alles, was er verloren hatte, wiederfinden, seine Frau, sein Kind, und auch seine Wohnung, wie ich hinzufügte, um ihm eine Freude zu machen. Trotz allem erwiderte er mir oft, dass ich, der keine Familie hatte, ihn nicht verstehen könne.

Baillencourt, der als Einziger eine Erkennungsmarke um den Hals trug, führte sich zusehends autoritärer auf. Damit hatte er auch einigen Erfolg. Über einige unserer Kameraden – Jean und Marcel Bisson, Baumé, Billau, sogar Pelet – hatte er wirkliche Macht gewonnen. Eines Tages zog er mich in eine Ecke und teilte mir mit, dass der Tag für unsere Flucht feststehe. Wir würden das große Abenteuer (ich benutze seine Worte) am folgenden Samstag wagen, und zwar um drei Uhr morgens.

Ich wollte von ihm wissen, warum an diesem Tag und nicht einem anderen, warum zu dieser Stunde und nicht einer anderen. Er nannte alle möglichen Gründe. »Und wer hat das beschlossen?«, fragte ich noch. Er sah mich erstaunt an. Es war ihm peinlich zu antworten: ich. Also begnügte er sich damit zu sagen: »Es ist so beschlossen … es ist so beschlossen …«

Sowie ich allein war, dachte ich über den Plan nach, den er mir dargelegt hatte. Es war eben bloß ein Plan. So etwas konnte sich jeder ausdenken. Die Realität war, dass man, mit oder ohne Plan, aus dem Lager herauskommen musste, ohne erschossen zu werden, und dann mehr als vierhundert Kilometer quer durch Deutschland laufen, ohne gefasst zu werden. Ich verheimlichte allerdings meine Skepsis, aus Furcht, ausgeschlossen zu werden. Ich wollte dabei sein. Ich wollte zumindest die Möglichkeit haben, noch in letzter Minute selbst zu entscheiden, was ich zu tun hatte.

Tags darauf sagte mir Baillencourt, dass er mich in einer wichtigen Angelegenheit sprechen müsse. Immer noch gab er sich den Anschein, allein Herr der Lage zu sein. Ich bemühte mich, mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen.

»Ich höre«, sagte ich. »Nein, nein, nicht jetzt«, gab er zurück. »Kommen Sie gegen acht Uhr zu mir.« Ich fragte ihn, warum er mir nicht auf der Stelle sagen könne, worum es sich handelte. Er tat so, als seien wir nicht ungestört.

Um acht begab ich mich zum Treffpunkt, was nicht ganz gefahrlos war. Mit großer Gebärde holte er die Deutschlandkarte hervor, die schon Pelet mir gezeigt hatte. »Ich habe sie gerade erst bekommen«, sagte er einfältig.

Im Lichtschein eines Feuerzeugs zeigte er mir den Weg, den wir nehmen würden, dann erklärte er mir weitschweifig, mit welchen Finessen es ihm gelungen sei, sich alle notwendigen Informationen für seinen Plan zu besorgen. Ich musste mich zurückhalten, um nicht grob zu werden. Ich fand es lächerlich, dass ich mich für das bisschen herbemüht hatte. Nichts ist gefährlicher als Leute, die sich wichtigmachen wollen. Ich sah den Stacheldraht vor mir, die Patrouille, die Posten auf ihren Wachtürmen, die Scheinwerfer, die sie unaufhörlich über das Lager schweifen ließen. Unterdessen gefiel sich Baillencourt darin, auf seiner Karte mit einem Bleistift den Weg einzuzeichnen, dem wir folgen sollten – mitten durch ein Land, das er nicht kannte!

Als ich mich dann hingelegt hatte, sagte ich mir, dass ich allein würde ausbrechen müssen, wenn er es schon tun wollte. Natürlich war das meinen Kameraden gegenüber nicht besonders fair. Während ich so tat, als würde ich ihre Hoffnungen und Enttäuschungen teilen, dachte ich heimlich daran, sie im Stich zu lassen. Aber sie waren so dumm und sich der wirklichen Schwierigkeiten so wenig bewusst, dass ich in Wahrheit gar keine andere Wahl hatte.

Das Beste war sicher, allein auszubrechen, ohne große Risiken, eine plötzliche Möglichkeit nutzend, ein Versehen, eine Wachablöse, oder aber begünstigt durch eine Arbeit, eine Funktion, in der mir meine Deutschkenntnisse zunutze kamen, oder auch durch eine Freundschaft, die Freundschaft eines Offiziers, eines Beamten, irgendjemandes, der an der richtigen Stelle saß. Ich würde aus dem Lager verschwinden, ohne dass irgendjemand es bemerkte, wie in der Armee nach einer Entscheidung von oben, um so die Eifersucht, das Gerede zu vermeiden, um den anderen erst gar keinen Anlass zu geben zu fragen: »Warum nicht wir?«, um niemanden auf den Gedanken zu bringen, es mir nachzutun. Was für einen allein möglich ist, ist es nicht mehr, wenn man zu mehreren ist. Es würde vielleicht bemerkt werden, doch welche Bedeutung hätte es schon, das Leben würde weitergehen und die Aufmerksamkeit sich anderen Dingen zuwenden. Vorerst allerdings war es entschieden besser abzuwarten.

Jeden Abend vor dem Einschlafen dachte ich all diese Möglichkeiten durch. Vor allem musste ich es so einrichten, dass ich nicht bei meinen Kameraden blieb. Dank des Gesuchs meines Vaters sah ich mich in ein Krankenhaus eingeliefert. Wenn man im Unglück steckt, misst man dem, was von außen für einen unternommen wird, übertriebene Bedeutung zu. Womöglich tausendmal hatte ich mir den deutschen Leiter irgendeiner Sanitätsstelle vorgestellt, wie er gerade dabei war, das Gesuch meines Vaters zu lesen. Tausendmal hatte ich gesehen, wie er zögerte, das Papier auf den Tisch zurücklegte, nachdachte. Tausendmal hatte ich mich an seine Stelle versetzt. Hatte er über viele solcher Fälle zu entscheiden? Widmete er allen dieselbe Aufmerksamkeit? Oder war er vielmehr von einigen überrascht, bewegt, vor allem von meinem? Hatte er eine uneigennützige, großherzige Ader? Alles war möglich. Und das machte mir Mut. Ich sah mich in eine Stadt gebracht. Das Leben änderte sich auf einen Schlag. Ich sprach mit Leuten von Geist, die der Tatsache, dass ich Kriegsgefangener war, keinerlei Bedeutung beimaßen. Es gelang mir, Sympathien zu gewinnen. Schließlich schaffte ich es mit der Unterstützung von Leuten, die Feinde hätten sein müssen, wieder nach Frankreich zu gelangen. Und mit dieser glücklichen Vision schlief ich ein.

Am nächsten Morgen, als ich im Schein einer Kerze aufwachte und sah, dass die meisten meiner Kameraden bereits beim Ankleiden waren, begriff ich, dass ich nicht allein war, dass auch sie existierten, und da die glücklichen Ereignisse, von denen ich träumte, ihnen nicht widerfahren konnten, gab es auch kaum einen Grund, weshalb sie mir beschieden sein sollten. Ich sagte mir also, dass ich auf der Stelle etwas unternehmen musste, dass ich nicht länger warten durfte. Niemals zuvor waren die Voraussetzungen freilich so ungünstig gewesen. Ich hatte bereits so viele gute Möglichkeiten ausgelassen, und wahrscheinlich würden sich noch so viele andere ergeben, dass mein überstürzter Entschluss etwas Unsinniges hatte.

Meine Kameraden wurden zusehends nervöser. Roger, der sich ansonsten so sehr in der Gewalt hatte, bekam beim kleinsten Ärgernis...


1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling "Meine Freunde" hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten.
Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges Œuvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.



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