Bove | Die Verbündeten | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove

Bove Die Verbündeten

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86034-706-5
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove

ISBN: 978-3-86034-706-5
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



In 'Die Verbündeten', einem seiner Hauptwerke, das 1927 in Paris erschienen ist, porträtiert Emmanuel Bove seine Mutter und seinen Bruder Léon, die sich im Kampf gegen ihr Schicksal zusammengetan hatten. Geld, eine wahre Obsession im Leben und Werk Emmanuel Boves, ist auch hier eines der wichtigsten Themen. Seine Beziehung zu Mutter und Bruder war lebenslang schwer davon belastet, dass die beiden ihn als ihren Ernährer betrachteten - ihn, den Schriftsteller, der selbst kaum über die Runden kam. Radikal und schonungslos zeigt Bove seine Figuren in ihrer Unfähigkeit zu handeln, in ihrem ausweglosen Scheitern. Peter Handke, ein großer Bewunderer Emmanuel Boves, meinte zu 'Die Verbündeten': 'Ich könnte so ein Buch nicht schreiben. Man bräuchte viel Mut dazu.' 'Bove-Leser haben eines gemeinsam: Sie werden süchtig, und je mehr sie lesen, nach desto mehr verlangen sie.' [Quelle: Wolfgang Matz, Die Zeit] Zum Weiterlesen: 'Emmanuel Bove. Eine Biographie' von Raymond Cousse und Jean-Luc Bitton ISBN 9783860347096

1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling 'Meine Freunde' hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten. Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges ?uvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.
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Kapitel I


Als Madame Louise Aftalion in Begleitung ihres Sohnes Nicolas in Paris ankam, ließ sie sich unverzüglich zu ihrer Schwester Thérèse Cocquerel fahren, die sie seit mehr als fünfzehn Jahren aus den Augen verloren hatte. Gemeinsam mit ihrem Mann bewohnte diese in unmittelbarer Nähe der École militaire eine Sechszimmerwohnung in der fünften Etage eines alten Mietshauses, das der Eigentümer, sobald Wohnungen frei wurden, aus Freude am Renovieren ebenso wie aus Gewinnsucht mit modernem Komfort ausstatten ließ, um auf diese Weise die Mieten verdoppeln zu können. Die Wohnungen waren geradezu lächerlich bescheiden. So lag die Wohnung der Cocquerels, deren Fenster fast alle auf die Avenue Bosquet gingen, bei einer Jahresmiete von zweitausend Franc. Thérèse hatte eine Rumpelkammer in ein Badezimmer umbauen lassen. Da es kein Fenster hatte, beschlugen die Spiegel wegen des Dampfes innerhalb von wenigen Sekunden, während sich unter der Decke eine Dunstwolke bildete. Der Salon befand sich an einer Ecke des Hauses. Deshalb, aber auch wegen der länglichen Fenster, die bis auf den Fußboden reichten, war es im Winter bitterkalt. Allen Gegenständen in diesem Zimmer haftete etwas Provinzielles an. Auf einem Konsoltischchen lag ein Fotoalbum mit Kupferverschluss. Um es zu füllen, hatte Benjamin, Thérèses Mann, Postkarten hinzugefügt, Ansichten, die er mit der Schere bearbeitete, damit keine weiße Litze ihre Herkunft verriet. Überall lagen Muschelschalen, Glöckchen und Strandsouvenirs herum. Zwei Porträts von Madame Perrier, der Mutter Thérèse Cocquerels und Louise Aftalions, zierten die Wände. »Bilias Hand hat es verstanden, die Ähnlichkeit einzufangen.« Bilia, ein Freund der Eltern der beiden Schwestern, war der Schöpfer dieser Porträts. Er war ein Künstler, dem ein Platz in der Familie eingeräumt worden war, ein Künstler, über dessen Ruf sich die Perriers überall erkundigten, dessen Namen sie in den Kunstrubriken suchten, dessen Werke sie in den Ausstellungen bewunderten. Der Vater hatte nie Modell stehen wollen, unter dem Vorwand, er sei zu hässlich. »Dein Gesichtsausdruck ist zu eigen, als dass ich dich nach einer Fotografie hinkriegen könnte«, meinte Bilia. Und alle Jahre wieder malte er das Porträt von Madame Perrier. Damals bewohnte Bilia ein großes Atelier in Passy, wo ihn die Familie Perrier des Öfteren aufsuchte, nicht ohne dass zuvor tausend Ermahnungen, bloß nichts anzurühren, an die Kinder – Thérèse, Louise, Charles und Marc – ergangen wären. Die Besuche bei dem Maler waren ein Fest. Madame Perrier versäumte es nie, auf den Hängeboden zu steigen, wo sein Zimmer eingerichtet war, und von der Balustrade aus, auf die sie ihre Ellbogen stützte, das Atelier darunter bewunderungsvoll zu betrachten. Die Wände waren bedeckt von Gemälden und Masken aus Gips, die, wie sie glaubte, von Toten abgenommen worden waren, sowie Farbskizzen, wie Bilia seine Landschaften und Entwürfe nannte.

Vom Salon aus gelangte man durch zwei Türen, die bedingt durch eine mechanische Vorrichtung gleichzeitig aufgingen, in den vollständig getäfelten Speiseraum, dessen Zimmerdecke mit Kassetten verziert war, denen die Maler den Farbton und die Maserung von Eichenholz gegeben hatten. Nachdem man einem langen Flur gefolgt war, von dem die Küche sowie die kleine Kammer abzweigte, in der das Badezimmer eingerichtet war, kam man ins Schlafzimmer. Das durch zahlreiche Vorhänge, Stores und Gardinen fallende Licht war sanft und verlieh diesem Zimmer eine intime Atmosphäre. Man ahnte, dass Benjamin dort auf andere Gedanken kommen, seine Sorgen vergessen und sich an kindlichen Beschäftigungen erfreuen sollte.

Das Nachbarzimmer gehörte der Tochter der Cocquerels, Edmonde, die es im Übrigen nicht bewohnte, denn sie war auf einem Gymnasium in Saint-Germain. Das letzte Zimmer, normalerweise ein Abstellraum, war für die Aftalions hergerichtet worden. Für Nicolas hatte das Dienstmädchen ein Sofa vom Dachboden heruntergeschafft; es verschwand hinter einem Wandschirm. In einem Wandschrank war ein eiserner Waschtisch, wie man sie in Krankenhäusern findet, verstaut worden. Da der Wasserkrug wegen der gebogenen Tischfüße nicht in den Wandschrank hineinpasste, war er in einer Zimmerecke versteckt und mit einem Handtuch überdeckt worden.

Thérèse hatte kurz nach dem Tod ihres Vaters dessen Sekretär geheiratet. Ein Jahr später hatte sie ihre Tochter Edmonde bekommen und war in diese Wohnung gezogen, in der Benjamin geboren und seine Eltern gestorben waren. Verbittert von einem Leben, in dem die Höhepunkte fehlten, brachte sie ihrer jüngeren Schwester einen tiefen Hass entgegen. »Ich bin nicht schlecht«, sagte sie, »aber ich wünschte, ihr würde etwas zustoßen. Das brächte sie zum Nachdenken.« Nein, bösartig war sie nicht. Es kam oft vor, dass sie angesichts des Schicksals unglücklicher Menschen Mitleid empfand. Aufrichtig wünschte sie, ihnen helfen zu können. Doch immer gab es etwas, das sie, wie ihr schien, letztendlich daran hinderte.

Verbissen verteidigte sie ihren Mann. Sie war egoistisch, aber sie war es auch in seinem Sinne. Sie lebte ebenso sehr für ihn wie für sich selbst. So achtete sie, wenn sie sich zum Ausgehen bereitmachten, auf seine Kleidung gleichermaßen wie auf die ihre. Sie kochte ihm komplizierte Gerichte, nahm seinen Arm, sobald sie im Freien waren, ja manchmal sogar im Haus, wenn sie von einem Zimmer ins andere gingen. Sie wollte, dass die anderen Frauen sie um diesen Mann beneideten. Sie hatte eine Art, die anderen anzusehen und sich gleichzeitig an ihn zu drücken, womit sie zu sagen schien: »Dies ist ein rechtschaffener Ehemann. Der ist nichts für euch.« Wenn sie in ihrem Automobil saß und darauf wartete, dass Benjamin den Wagen vollgetankt hatte, verspürte sie tiefe Genugtuung darüber, ihn beschäftigt zu sehen, und dabei so gleichgültig gegenüber den vorbeigehenden Leuten.

Den Sonntag brachte sie zu einem guten Teil damit zu, sich anzukleiden. War sie damit fertig, verließ sie mit Benjamin zusammen das Haus, und beide gingen in eines der Cafés an den Boulevards, um sich Musik anzuhören. Ihr Gatte war der Inbegriff des Mannes. Er war größer und stärker als sie. Immer wieder stellte sie dies gern fest, und es gefiel ihr, ihm vorzuwerfen, dass er seine Zigarettenasche überall verstreute und keine Ordnung hielt, was sie dann zu der Bemerkung veranlasste: »Ein Mann ist doch die Unordnung in Person«, und weiter, dass er nicht imstande sei, sich sein Essen zu machen oder zu nähen, und dass er seine Kleidung schneller abnütze als sie. »Dein Verschleiß ist unglaublich. Ich werde dir Schuhe aus Eisen kaufen müssen.« Zweimal die Woche gingen sie ins Theater und aßen nach der Vorstellung zu Abend. Vor den Festtagen gingen sie in ein vornehmes Restaurant: er in einen Cut gezwängt, sie vor lauter echten und falschen Steinen glitzernd. Manchmal empfingen sie Freunde. Das artete dann zu nicht enden wollenden Mahlzeiten aus, während denen sie redete wie ein Wasserfall, sich ereiferte, sich so stark erregte, dass sie am Ende des Abends derart nervös war, dass sie nicht mehr wusste, was sie sagte.

Benjamin war ruhiger als sie. Dennoch kam es ihm nicht in den Sinn, seiner Frau ihre Entgleisungen übelzunehmen. Im Gegenteil, ihr Überschwang und ihre Erregtheit gefielen ihm. Ständig schien er sagen zu wollen: »Meine Frau ist nicht irgendeine Dahergelaufene.« Hinter seiner Neutralität spürte man, dass er sich nur in den äußersten Fällen einmischte. Er hatte etwas von diesen sanftmütigen und starken Männern an sich, die einen zu unangenehmen Verabredungen begleiten, wo sie dann so, als wären sie vom Himmel gefallen, dasitzen und nicht wissen, was sie mit ihren Händen anfangen sollen, während sie nur auf ein Zeichen warten, um einen endlich in Schutz nehmen zu können.

Am Tag vor der Ankunft der Aftalions hatte er lange mit seiner Frau über sie gesprochen. Er wollte, dass nicht der leiseste Vorwurf an ihm hängenblieb und sich alles nach den Gesetzen der Gastfreundschaft abspielte. Sein Gefühl ihnen gegenüber war recht komplex. »Bevor ich sie nicht gesehen habe, kann ich mir keine Meinung bilden«, sagte er seit mehreren Tagen immer wieder. Tatsächlich war es für ihn Ehrensache, sie nicht im Voraus zu verurteilen. Neugierde verleitete ihn freilich dazu, Thérèse allerlei Fragen zu stellen: »Nun erzähl mir schon, wie sie sind!« – »Das ist zu kompliziert. Du wirst sie schon noch sehen«, gab Madame Cocquerel zur Antwort. Vor allem wollte sie kein Detail außer Acht lassen, damit alle Schuld später bei den Aftalions lag. Das Ersuchen ihrer Schwester bewirkte, dass sie dunkel dachte: »Ich bin gerächt«, freilich ohne diese Worte auszusprechen, die zu hart gewesen wären. Nur ein blasser Schatten dieses Satzes geisterte in ihrem Hinterkopf. »Immerhin gibt es noch Gerechtigkeit«, sagte sie in einem fort. Sie hatte ihre Anwandlung bereits unter Kontrolle. Sie würde sich der Person gegenüber, die sie so sehr beneidet hatte, großherzig und gütig zeigen, doch sobald sich eine Gelegenheit böte, würde sie eine kleine böse Bemerkung anbringen.

* * *

Kaum hatten die Aftalions geläutet, rief Thérèse auch schon nach ihrem Mann und sagte ihm, er solle in den Salon kommen. Sie setzte sich unverzüglich hin, griff nach einem Buch und tat, als würde sie lesen. Benjamin ging, die Hände in den Hosentaschen, an ein Fenster und gab sich Mühe, das Hin und Her auf der Straße mit Interesse zu verfolgen. Wenige Sekunden später führte das Dienstmädchen die Aftalions herein, die in ihrer Verlegenheit auf ein aufmunterndes Wort warteten. Jäh erhob sich Thérèse, lief auf ihre Schwester zu und umarmte sie lange, während ihr Mann kräftig Nicolas’ Hand drückte.

»Setzt euch, ihr beiden. Wir...


1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling "Meine Freunde" hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten.
Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges Œuvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.



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