Bova | Jahrtausendwende | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 0 Seiten

Bova Jahrtausendwende

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-17177-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

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ISBN: 978-3-641-17177-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kalter Krieg auf Luna

Dezember 1999: Die Großmächte auf der Erde stehen kurz davor, sich in einem Atomkrieg gegenseitig auszulöschen. Colonel Chet Kinsman leitet die amerikanische Mondbasis. 384.400 Kilometer von der Erde entfernt muss er hilflos zusehen, wie sich die Lage immer weiter zuspitzt. Um Schlimmeres zu verhindern, entwirft er einen verzweifelten Plan – doch um die drohende Katastrophe zu verhindern, muss er sich mit seinem Feind verbünden: Colonel Pjotr Leonow, Kommandant der russischen Mondbasis Lunagrad …

Ben Bova, 1932 in Philadelphia geboren, ist einer der bekanntesten Science-Fiction-Autoren unserer Zeit. Nach dem Tod von John W. Campbell jr. wurde er 1972 Herausgeber des bekannten SF-Magazins Analog Science Fact & Fiction und gewann insgesamt sechs Hugo Awards als Bester Herausgeber. Daneben legte Bova auch zahlreiche Romane vor, insbesondere mit der sogenannten Sonnensystem-Reihe, zu der unter anderem „Mars“, „Venus“, „Jupiter“, „Saturn“ sowie „Asteroidenkrieg“, „Asteroidenfeuer“ und „Asteroidensturm“ gehören, ist er außerordentlich erfolgreich. Bova lebt mit seiner Familie in Florida.
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Nicht vor dem Tod sollte der Mensch sich fürchten, sondern davor, nie mit dem Leben begonnen zu haben.

Mark Aurel

Mittwoch, 1. Dezember 1999, 9 Uhr EZ

Die Digitaluhr auf Kinsmans Schreibtisch zeigte neun. Nicht dass die mehr oder weniger willkürlich festgelegte Zeitrechnung in der Untergrundsiedlung irgendeine physikalische Bedeutung gehabt hätte.

Oben an der Mondoberfläche war es die Zeit des Sonnenuntergangs, der Beginn einer Nacht, die dreihundertsechsunddreißig Stunden dauern würde. Aber hier, in der Sicherheit der unterirdischen Stadt, die Selene genannt wurde, begann gerade ein neuer Menschentag.

Als ranghöchster Amerikaner auf dem Mond hatte Oberst Kinsman das Anrecht auf ein eigenes Büro. Es war klein und funktionell. In einer Ecke stand ein Schreibtisch, an dem er jedoch selten saß. Er zog es vor, auf der schaumstoffgepolsterten Couch an der Wand zu liegen, wenn er nachdenken wollte. Der Schaumstoff gehörte zu den ersten Erzeugnissen, die Selenes Wiederaufbereitungsanlagen verlassen hatten. Das Plastikmaterial des Rahmens stammte von Verpackungen, die von der Erde heraufgeschafft worden waren, der Schaumstoff der Polsterung von ausrangierten Schaumlöschgeräten. Ein belgischer Chemiker, der Selene vor mehreren Jahren besucht hatte, war auf die Methode gekommen, den Schaum in ein praktisches und dauerhaftes Polstermaterial für Möbel umzuwandeln.

Im Büro gab es kaum Akten. Der Schreibtisch war frei von Papier. Kinsman hasste Papierkrieg und zog es vor, Probleme mündlich zu erörtern. Auf dem Schreibtisch stand ein Eingabegerät, das an die zentrale EDV-Anlage von Selene angeschlossen war. Daneben war ein Telefon mit einem kleinen Bildteil, während ein weiteres Telefon auf dem Couchtisch stand. Zwei mit Gurten kreuzweise bespannte Sitzgelegenheiten vervollständigten das Mobiliar. Der Boden war mit natürlichem Gras bedeckt, was mehr praktische als ästhetische Gründe hatte: Grünpflanzen lieferten in diesem unterirdischen Vorposten auf einer luftlosen Welt kostbaren Sauerstoff.

In drei Wände waren große Bildschirme eingelassen. Einer zeigte die Erde, wie sie vom Kuppelbau an der Oberfläche aus zu sehen war. Die anderen zwei waren gegenwärtig dunkel und leer.

Kinsman lag ausgestreckt auf der Couch, einen Arm bequem auf dem Rückenpolster. Er war einmal schlaksig gewesen, begann jetzt aber stärker zu werden. Sein dunkles Haar zeigte graue Strähnen, und er trug es viel länger, als die Bestimmungen für das Luftwaffenpersonal es zuließen. Sein einteiliger blauer Arbeitsanzug war ohne Rangabzeichen; es war nicht notwendig: alle Bewohner der Untergrundsiedlung kannten ihn, selbst die Russen.

Sein Gesicht war lang, ein wenig pferdeähnlich, mit eng beieinanderstehenden graublauen Augen, einer Nase, die ihm nie gefallen hatte, und einem Lächeln, das er vor vielen Jahren zu gebrauchen gelernt hatte.

Ihm gegenüber saß Ernie Waterman angespannt auf dem Rand eines Flechtsessels, ein Zivilingenieur und einer von Selenes Dauerbewohnern. Großgewachsen, eckig, verdrießlich. Er sieht nicht gerade zugänglich aus, dachte Kinsman, aber er lächelte, als er sagte: »Ernie, ich möchte Sie nicht drängen, aber solange das Wasserwerk nicht die volle Kapazität erreicht, bleibt die Versorgung ein Problem, das bei jedem Defekt existenzbedrohend werden kann.«

»Kann ich dafür?«, erwiderte Waterman gereizt. »Wenn wir mehr Ausrüstungen von der Erde heraufschaffen könnten …«

»Ich wünschte, wir könnten das«, sagte Kinsman mit einem Blick auf den blauen Halbmond, der hinter dem Ingenieur aus dem Bildschirm leuchtete. »Der alte General Murdock und seine Freunde in Washington sagen nein. Zu schwer und zu kostspielig. Wir müssen mit dem auskommen, was wir haben. Aber schließlich können wir hier in den Werkstätten bauen, was wir brauchen, nicht?«

Waterman verzog den Mund zu einer schief lächelnden Grimasse. »Die Optimisten werden nicht alle. Sehen Sie, wir haben einige Rohmaterialien und einige ausgebildete Leute. Aber wo sind die sechs Millionen anderen Dinge, die wir brauchen? Es fehlt an Werkzeugmaschinen. Wir haben keine Ersatzteile. Für alles brauchen wir viermal länger als gewöhnlich, weil wir immer am Nullpunkt anfangen müssen. Ich kann nicht den Hörer abnehmen und den rostfreien Stahl bestellen, den ich brauche. Oder die Verkabelungen. Oder das Kupfer und Wolfram. Wir müssen es abbauen, sofern wir etwas finden, und es selbst weiterverarbeiten.«

»Ich weiß«, sagte Kinsman.

»Also braucht alles seine Zeit.«

»Aber Sie sitzen jetzt schon seit zwei Jahren daran.«

Watermans Stimme ging um eine Tonlage in die Höhe. »Fangen Sie bloß nicht an, alles mir in die Schuhe zu schieben! Ich bin erst seit einem Jahr hier oben, und seit sechs Wochen mache ich diese Arbeit. Ich sollte im Ruhestand sein …«

»Nun, nun, bloß keine Aufregung«, beschwichtigte ihn Kinsman. »Ich meinte nicht Sie persönlich. Und wir wissen beide, dass Sie im Ruhestand nicht glücklich wären, Ernie. Sie sind kein Freund von Müßiggang.« Er musste ihn zum Lächeln bringen. Streitigkeiten mit Freiwilligen wie Waterman halfen nicht weiter.

Die kantigen Züge des Ingenieurs entspannten sich ein wenig, zeigten sogar ein knappes Lächeln. »Na gut, da mögen Sie recht haben. Aber was mich am meisten störte, war die Art und Weise, wie Ihre Luftwaffenleute glaubten, sich als Ingenieure aufspielen zu müssen. Diese idiotischen Sonnenöfen …«

»Ich gebe es ja zu, Sie haben gewonnen.« Kinsman warf in einer Geste gespielter Resignation die Hände hoch. »Ich weiß, dass Sie auf dem richtigen Weg sind. Ich sollte Sie nicht drängen. Aber das Wasserwerk ist der Schlüssel zu unserem Überleben. Wir brauchen die Reservekapazität. Sollte es jemals zu einem Defekt oder Unfall kommen, und wir verlieren, was wir jetzt haben … Der Transportweg von der Erde hierher ist weit. Wir alle würden lange auf ein Glas Wasser warten müssen.«

»Meinen Sie, das wüsste ich nicht? Wir tun, was wir können, Chet. Aber es wäre hilfreich, wenn wir mehr Ausrüstungen von der Erde bekommen könnten.«

»Das ist derzeit ausgeschlossen.«

Waterman hob vielsagend die Schultern und meinte: »In Ordnung, dann werden wir es eben auf die umständliche Art machen.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Aber ich sehe nicht, was die ganze Aufregung eigentlich soll. Das Werk liefert bereits mehr Wasser, als wir verbrauchen. Sie könnten Ihr kostbares Schwimmbecken sogar jede Woche mit frischem Wasser füllen, statt es wieder aufzubereiten.«

»Das Schwimmbecken ist unser einziger Luxus. Und die Überkapazität des Wasserwerks war von Anfang an eingeplant, um sicherzugehen, dass wir hier zusätzliche Leute versorgen können – zum Beispiel Ingenieure im Ruhestand.«

»Mit Beinbeschwerden. Ja, ich weiß.« Waterman blieb eine Weile still. Dann fragte er: »Aber weiß man auf der Erde überhaupt von der Werkserweiterung?«

»Wieso?« Etwas wie ein leichter Stromstoß ging durch Kinsmans Körper. »Selbstverständlich weiß man davon.«

»Ich meine, weiß man von Ihrem Versuch, die Kapazität zu verdoppeln?«

Kinsman zögerte einen Moment, bevor er in ruhigem Ton antwortete: »Unser Ziel ist immer Selbstversorgung gewesen, Ernie. Wasser ist der Schlüssel zum Überleben. Ohne Wasser könnten wir nicht mal das Gras unter unseren Füßen am Leben erhalten.«

»Ja, aber …«

»Aber was?«

»Die Kapazität ist bereits groß genug, um mehr Menschen zu versorgen, als wir auf der amerikanischen Seite von Selene haben. Die Verdoppelung bedeutet, dass wir auch noch die Russen mit Wasser beliefern könnten.«

»Wäre das so schrecklich?«, fragte Kinsman.

Waterman sagte nichts, doch sein Gesicht lief dunkel an.

»Ich habe diese Siedlung nicht entworfen«, sagte Kinsman. »Selene wurde gebaut, als die Russen im Raumfahrtprogramm mit uns zusammenarbeiteten. Wir müssen mit ihnen als Nachbarn leben. Nun gut, bisher sind wir glänzend miteinander ausgekommen, viel besser als auf Erden. Aber falls der Schuh eines Tages drücken sollte, wäre es besser, wenn wir über genug Wasser für beide Seiten verfügten, meinen Sie nicht? Wenn nämlich ihre Wasserversorgung defekt würde, müssten sie uns höflich darum bitten, ihnen von unserem Wasser abzugeben.«

Diese Überlegung leuchtete dem Ingenieur ein. Sein Unmut verschwand, und er lächelte. »Ich verstehe. Sie wollen also, dass die Kapazität des Werks verdoppelt wird. Gut, wir werden sie verdoppeln. Aber hören Sie auf, mir jeden Tag auf die Fersen zu treten.«

Kinsman sagte mit erleichtertem Lachen: »Wie wäre es mit jedem zweiten Tag? Wissen Sie, Ernie, als ich erfuhr, dass Sie Ingenieur sind und sich für das Wasserwerk interessierten, wurde ich beinahe religiös. Waterman: Genau das richtige Omen, das wir für das Werk brauchten.«

»Religion«, sagte der Ingenieur, und seine Stimme wurde plötzlich leise und ernst. »Das ist es, was man wiederfindet, wenn man entdeckt, dass man wieder gehen und etwas Nützliches tun kann, statt den Rest des Lebens am Stock zu humpeln oder in einem Rollstuhl zu sitzen.« Er klopfte gegen die Metallklammern unter seinem Hosenbein.

»Die geringe Schwerkraft gehört zu unseren Touristenattraktionen«, sagte Kinsman, als er Waterman zur Tür geleitete.

Aber der andere winkte ab. »Es ist nicht bloß die Schwerkraft, wissen Sie, es ist die ganze Haltung … die Art und Weise, wie man hier die Dinge anfasst. Nichts von der Bürokratie, die sie auf der Erde haben. Kein Schlangestehen und endloses Ausfüllen von Formularen. Hier oben vertrauen die Leute einander.«

Und ihr Vertrauen hat sie ganz gemacht, dachte Kinsman....


Bova, Ben
Ben Bova, 1932 in Philadelphia geboren, ist einer der bekanntesten Science-Fiction-Autoren unserer Zeit. Nach dem Tod von John W. Campbell jr. wurde er 1972 Herausgeber des bekannten SF-Magazins Analog Science Fact & Fiction und gewann insgesamt sechs Hugo Awards als Bester Herausgeber. Daneben legte Bova auch zahlreiche Romane vor, insbesondere mit der sogenannten Sonnensystem-Reihe, zu der unter anderem „Mars“, „Venus“, „Jupiter“, „Saturn“ sowie „Asteroidenkrieg“, „Asteroidenfeuer“ und „Asteroidensturm“ gehören, ist er außerordentlich erfolgreich. Bova lebt mit seiner Familie in Florida.



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