E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Bouysee / Mayer Rauer Himmel
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-948392-99-4
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman Noir
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-948392-99-4
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Franck Bouysse, geboren 1965 in Brive-la-Gaillarde, war Biologielehrer und begann 2004 zu schreiben. 'Grossir le ciel' (2014), 'Plateau' (2016) und 'Glaise' (2017) wurden zu großen Erfolgen, brachten mehrere Literaturpreise ein und etablierten Franck Bouysse in der französischen Literatur- szene. Zuletzt den Prix Giono. Heute lebt er abwechselnd in Limoges und im Département Corrèze.
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1
Es war ein merkwürdiger Tag, einer jener Tage, an denen man den Ort verlässt, wo man, ohne um seine Meinung gefragt worden zu sein, schon immer ansässig war. Wer die Muße hat eine Karte aufzuschlagen und dann zwischen Alès und Mende eine gerade Linie zieht, stößt unweigerlich auf diese gottverlassene Ecke in den Cevennen. Einen Ort namens Les Doges, mit zwei Bauernhöfen, ein paar hundert Meter voneinander entfernt, weite Flächen mit Bergen, Wäldern und hier und da ein paar Wiesen, mit einigen Monaten Schnee im Jahr und mit Felsgestein, auf dem das Ganze ruht. Es gab dort auch Farben, die die Jahreszeiten anzeigten, Tiere und dann die Menschen, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, wie Kinder, die das Eisen ihrer Träume schmieden, mit der gleichen Auflehnung im Herzen, den gleichen zu bestreitenden Kämpfen, die die vergänglichen Siege und die ewigen Niederlagen ausmachen.
Der nächstgelegene Weiler hieß Grizac und lag in der Gemeinde Pont-de-Montvert. Eine Straße verband sie und musste wohl irgendwohin führen, nahm man sich die Zeit, ihr zu folgen.
Hier lebte Gus seit über fünfzig Wintern. Es war im Dezember gewesen, dass dieses Land ihn aufgenommen und seine Mutter ihn auf Laken, hart und dick wie Kastanienbretter, ausgestoßen hatte, ohne dass er sich verpflichtet gefühlt hätte, zu schreien, als wollte er diesem uralten Körper seinen verheerenden Stempel aufdrücken. Seine Art, bereits da an die Einsamkeit zu stoßen, schon in dem Moment, der ihn durch den einfachen Eintritt eines Luftstroms in seinen verzerrten Mund zu einem Menschen machte. Einige Leute sollten später behaupten, man hätte ihn nicht so schütteln dürfen, wie sie es getan hatten, um den berühmten ersten Schrei aus ihm herauszuzwingen, und es hätte ein wenig an diesem verzögerten Start gelegen, dass er später lieber mit Tieren als mit Menschen sprach. Aber wer kann schon sagen, was geschehen wäre, wenn alles normal verlaufen wäre? Und wer hätte bestreiten können, dass der Allmächtige beschlossen hatte, Gus genau in diese Ausgangssituation zu bringen, und dass diese Eigentümlichkeit sogar ein höheres Schicksal verhieß? Jedenfalls zögerten selbst die erbarmungsvollsten Seelen nicht, mit dem Finger auf diesen Fisch zu zeigen, der seit seiner Geburt gegen den Strom schwamm.
Gus’ Bauernhof lag eingekesselt im höchstgelegenen Teil von Les Doges, etwa zehn Kilometer Luftlinie (Vogelfluglinie) von Pont-de-Montvert entfernt. Er bestand aus alten Gebäuden, Ackerland und Dickicht, eingebettet in einen Wald, der sich im Wesentlichen aus Kastanien, Kiefern, Eichen, Buchen und Lärchen zusammensetzte. Das Anwesen erstreckte sich über vierundzwanzig Hektar. Wie lange man für die zehn Kilometer von Les Doges ins Nachbardorf brauchte, hing allerdings davon ab, ob man in der guten oder in der schlechten Jahreszeit unterwegs war. Entfernungen werden in dieser Gegend in Minuten, nicht in Metern gemessen. Und noch dazu war Gus kein sich in die Lüfte schwingender Vogel.
Schon immer wurden Legenden über Les Doges und seinen geweihten Wald erzählt. Man munkelte, der Name, den man ihm gegeben hätte, stünde in krassem Gegensatz zu dem, was dort geschehen sei, wenn man einmal davon ausgeht, dass ein Ort das Unglück überhaupt eher anziehen kann als ein anderer. Seitdem waren die Legenden in Vergessenheit geraten, und der Name war geblieben. Man hatte andere Sorgen. Es wäre ein bisschen übertrieben, zu behaupten, dass Gus dieses Land liebte, aber da er nichts anderes kannte, hatte er sich an den Gedanken gewöhnt, sein gesamtes Leben hier zu verbringen. Er war darüber nicht unglücklich, aber auch nicht wirklich glücklich. Es war sein Platz in der gewaltigen Ordnung des Universums, weil er sich keinen anderen vorstellen konnte. Hätte er darüber nachgedacht, wäre er wahrscheinlich zu dem Schluss gekommen, dass nur wenige Leute das Gleiche behaupten konnten. Es war schließlich nicht allen Menschen vergönnt, einen eigenen Stuhl zum Sitzen zu haben. Er hatte sich immer mit dem zufriedengegeben, was er besaß, nicht aus freiem Willen, nicht aus Überzeugung, sondern schlichtweg, weil man ihm beigebracht hatte, dass sich nichts ändern sollte, dass die gesamte Schöpfung von einer Macht erdacht worden war, die den Menschen in allen Dingen überlegen war, hier und anderswo. In seinen Bedürfnissen war Gus absolut bescheiden. Er begnügte sich damit, ein paar Gläser Wein zu trinken, wenn ihm der Sinn danach stand, und sich um die Tiere zu kümmern, die er hingebungsvoll aufzog. Alles, was er jemals beherrschte, war das, was man von ihm erwartete.
Es war seine Großmutter väterlicherseits, die Gus all das beigebracht hatte, was er heute über diese fordernde Natur wusste, was sie geben konnte, zu welcher Zeit, und auch, was sie nehmen konnte. Die Großmutter hatte ihm immer gesagt, Glück sei wie das Versprechen der Morgendämmerung, wenn man sich an das Versprechen hält, ohne unbedingt das erraten zu wollen, was man gerne im Voraus wissen möchte. Es war die Art von kompliziertem Gerede, das man von ihr kannte und das in ihrem Mund seltsam klang, wie eine zufällig dahingesagte Warnung. Gus hatte sie manchmal im Verdacht, nur für die gestellte Frage zu bürgen, mit Sicherheit aber nicht für eine Antwort darauf, da sie die offensichtlich nicht in petto hatte.
Den Großvater hatte Gus nie kennengelernt. Anscheinend war er seinerzeit jemand gewesen, der nicht leicht zu nehmen war, der fähig war, für seinen Standpunkt zu kämpfen und nebenbei die Wut herauszulassen, die tief in ihm steckte. Glaubte man den Gerüchten, dann war niemand in der Lage gewesen, ihm die Stirn zu bieten. Er hatte gewissermaßen nie eine Niederlage erfahren. Und genau das war ihm zum Verhängnis geworden, an dem Tag, als er dem Stier den Rücken zukehrte und sein Brustkorb zwischen Stallwand und Rinderschädel zerquetscht wurde. Dem Tier war das noch nicht genug gewesen, wie wild hatte es seine Hörner in den Mann gestoßen, der es so oft geschlagen hatte, um es gefügig zu machen, bis genau zu dem Moment, als die Wachsamkeit des Großvaters nachgelassen hatte, als alles aus den Fugen geriet. Dabei weiß jeder Bauer, dass man einem so mächtigen Tier wie einem Stier niemals trauen sollte. Es hieß, der Großvater habe nicht geblutet, der Brei sei tief in ihm geblieben, bis auf ein kleines Blutrinnsal, das ihm schließlich aus dem Mundwinkel floss, aber da atmete er schon nicht mehr.
Gus’ Vater war zur Zeit der Tragödie ein Halbwüchsiger. Er hatte den Hof dann mit der gleichen Logik geführt wie sein Vater, nur dass er körperlich und im Kopf nicht annähernd so robust war. Die Großmutter hatte gehorcht, sie war noch nie jemand gewesen, der sich durchsetzt, egal, worum es auch ging. Zu erwähnen wäre noch die ausgesprochene Neigung von Gus’ Vater zum Alkohol. Ein Schnaps, der von zwei Zwillingsbrüdern im Tal gebrannt wurde, die wegen ihrer übergroßen Ohren den Spitznamen ›die Mickeys‹ hatten. Ihr Gebräu ähnelte eher fermentiertem Rinderurin als Branntwein. Solange man nichts Besseres gekostet hat als das, was man gerade zur Hand hat, findet man anscheinend immer Gründe dafür, seine dürftige Ration zu schätzen und erst gar nicht nach etwas anderem suchen zu wollen. Sicherlich eines der Rezepte für Zufriedenheit, ohne dass man gleich von Glück reden sollte, denn diese Art von Gefühl hatte offensichtlich noch nie einen Fuß nach Les Doges gesetzt. Eine eigenartige Region voller Grobiane und wortkarger Menschen. Wie könnte es auch anders sein in dieser Gegend, wo sich noch nicht einmal der Leibhaftige die Mühe machte, die Seelen auszusuchen, und zugriff, ohne sich darum zu scheren, mit der Konkurrenz zu verhandeln. Dennoch gingen die meisten dort ansässigen Leute sonntags zum Gottesdienst, zweifellos in der Hoffnung, ihre Bürde ein wenig zu erleichtern. Der einzige Schatz, mit dem sie jeden Tag in Berührung kamen, war gleichzeitig Ausdruck ihres Martyriums: diese majestätische und hinterhältige Natur, die einer verführerischen Frau gleicht, die man nicht vergessen kann.
Wie jeden Tag war Gus früh aufgestanden. Bisher hatte er seine Tage wie Perlen auf einer Halskette aufgereiht, eine sah wie die andere aus; doch an diesem Tag im Januar 2006, genauer gesagt, am zweiundzwanzigsten, schickte er sich an, eine seltsame Perle aufzureihen, eine, die wirklich nicht wie alle anderen aussah.
Als Gus die Nase aus dem Fenster steckte, war es noch dunkel, der Mond hing über dem Scheunendach. In der Nacht hatte es noch geschneit, ungefähr zehn Zentimeter hoch, pappiger Schnee, soweit er das durch die beschlagenen Küchenfenster erkennen konnte. Er dachte, es würde nicht einfach, den Mist aufzuhäufen und ihn den Hügel hinauf zur Grube zu schaffen. Die bis zum Rand gefüllte Schubkarre würde beim Schieben auf seine dünnen ausgestreckten Unterarme drücken, die wie Insektenbeine aussahen. Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, die er verursachen konnte, mochte er den Schnee eigentlich: Er verbarg für eine Weile Schmutz und Unordnung, und...




