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E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Reihe: Lenos Voyage

Bouvier Skorpionfisch

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Reihe: Lenos Voyage

ISBN: 978-3-85787-503-8
Verlag: Lenos
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Im Anschluss an die Reise von Genf nach Afghanistan (»Die Erfahrung der Welt«) durchquert Nicolas Bouvier in seinem Fiat Topolino den indischen Subkontinent und lässt sich im März 1955 vorübergehend auf Ceylon nieder. Unverhofft wird die Etappe zum Moment des Innehaltens. Er ist einsam und geschwächt, zudem träge vom feuchtheißen Klima der Insel, doch seine Sinne für die Wahrnehmung der Umgebung sind geschärft: Die Reise wird zur geistigen Gratwanderung eines Mannes, der - hin- und hergeworfen zwischen Faszination und Schrecken - die magischen Phänomene der Schatten- und Insektenwelt Ceylons zu erfassen sucht. In der lichtdurchfluteten Sprache Bouviers verwandelt sich die tropisch-dumpfe Schwere in ein schillerndes Wunder. »Skorpionfisch« ist die fesselnde Auseinandersetzung eines weitgereisten, scharfsinnigen Schriftstellers mit den Grundsätzen menschlichen Daseins, eine »Meditation über unsere Wahrnehmung der Welt« (The New York Times). Neue Dokumente, Briefe und Fotos geben unerwartete Einblicke in die Entstehung dieser hochverdichteten Prosa: Das verlangt auch nach einer neuen Übersetzung.
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Weitere Infos & Material


I. Kap der Jungfrau
II. Der Zöllner
III. Galle
IV. Die hundertsiebzehnte Kammer
V. Die Hauptstadt
VI. Der Bus
VII. Schweigezone
VIII. Indigo Street
IX. Vier Körner Nieswurz
X. Skorpionfisch
XI. Saat des Sonderbaren
XII. Heute Abend in diesem Theater
XIII. Von einem, der klein war …
XIV. Huldigung an Fleming
XV. Kirke
XVI. Padre
XVII. Der Herr Gesellschafter
XVIII. Die Erinnerung kehrt zurück
XIX. Heute Morgen …
XX. Der letzte Zauberer

Fragmente aus der Schweigezone oder Ceylon, eine Anti-Reise
Bilddokumente
Ausbruch aus der Schweigezone: Nicolas Bouviers Ringen um Form
Kürzel der benutzten Vorlagen
Schreib-Exorzismen aus Nicolas Bouviers Nachlass
Magie und Musik. Anmerkungen zur Übersetzung


II
Der Zöllner
Die Erdstrasse nach Murunkan schlängelt sich zwischen Bewässerungsbecken hindurch, die noch von den alten Dynastien angelegt worden sind. Die Bäume, die diese kuriose Komposition aus Zisternen und Schleusen einst in Besitz nahmen, sind längst abgestorben, und heute winken ihre glattpolierten Skelette über dem schwarzen Gewässer. Da und dort flirrt der malvenfarbene Fleck einer Bougainvillea im Mittagsdunst. Etwas wenig für ein Landschaftsgemälde: weithin verstreute Spiegelflächen, zersplittert und trüb, in Schweigen versunken, das wirkt mehr wie eine Gedächtnislücke oder wie ein Finger, den man an unsichtbare Lippen legt. Wegen der Fahrrinnen rollte ich nur langsam voran. Auf den bemoosten Steinen hoben Wasserschildkröten ihre platten Schädel, um dem Wagen nachzuschauen. Die Strasse lag fast ganz verlassen da. Binnen einer Stunde begegnete ich nur gerade einem abgemergelten Bauern, der auf dem Randstreifen dahintrottete, die Zehen zum Fächer gespreizt, eine grüne Frucht auf dem Kopf, deren Geruch so grässlich und deren Wuchs so gewaltig war, dass man sich fragte, ob es sich um plumpes Blendwerk oder um ein Theaterrequisit handelt. Hatte ich mich verfahren? Ich wollte gerade wenden, da sah ich durch den Schleier von Schweiss, der in meinen Augen brannte, einen silbernen Blitz, langhin, er ging von einer mächtigen Silhouette aus, die mitten im Weg aufragte: ein fetter Kerl, ganz ausser Atem, Haarbüschel standen ihm aus den Ohren, doch die Zöllneruniform war perfekt gebügelt. Rollenden Auges fragte er mich, ob ich nach Negombo unterwegs sei. Unterm Arm trug er einen Schwertfisch mit fangfrischen Augen, so schwer, dass seine Knie wankten und er ihn, ohne meine Antwort abzuwarten, hinten im Wagen verstaute. Dort verwahrte ich ein grosses nepalesisches Messer, das er ungeniert durch seine Finger gleiten liess. »Strict-ly-for-bid-den-to-have-this-kind-of-weapon-on-the-Island«, meinte er mit jenem Akzent aus dem Süden, wo die Englischbrocken offenbar frittiert werden. Was für ein abgeschmackter Auftakt, und so baffte ich zurück, dass es genauso verboten sei, mit einem fetten Stinkefisch in mein Auto zu steigen, für den er nicht einmal etwas bezahlt habe. Nach zwei Jahren Asien hatte ich so langsam eine Ahnung, wie Zöllner ihre Gamelle garnierten. Es hätte schon schwereres Geschütz gebraucht, um ihn aus der Fassung zu bringen. Der Witz war ganz nach seinem Geschmack, er sandte mir ein nachsichtiges Lächeln und schickte sich an, seine gewichtige Person auf dem Beifahrersitz breitzumachen. Der nicht einmal ächzte. Denn seine Korpulenz rührte weniger von echtem Fett her als vielmehr von der extrem hohen Meinung, die er von sich selbst hatte. Er richtete den Rückspiegel auf sich und zog seinen Scheitel mit einem Taschenkamm nach. Nun, ich war nicht unbedingt unglücklich, dass ich diesen aufgeblasenen Kerl zur Hand hatte, und sagte ihm ohne Schonung, was von seinen kontinentalen Kollegen zu halten sei: total unfähige Schikanierer und Schwätzer, Verschwender von dreisten Dummheiten – selbst mit Dummheit sollte man sparsam umgehen – und von Wischen, die man, eine Stunde nachdem man sie ausgefüllt hat, in den Latrinen wiederfindet, säuberlich in Quadrate zerschnitten. Während ich ihn dieser Tirade aussetzte, beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln. Sein Kopf wackelte: Ganz und gar von sich eingenommen, hörte er überhaupt nicht zu. Nur das Wort Zöllner war in sein Bewusstsein gedrungen. »Da haben Sie vollkommen recht«, meinte er zu mir, »echt tolle Hechte. Hier sind die Jungs, wie Sie selber sehen werden, noch besser: blitzsauber, gut genährt, ehrerbietig.« Seine Bescheidenheit hinderte ihn, sich selbst als Beispiel anzuführen, aber natürlich wusste ich noch nicht, wie glücklich ich mich schätzen durfte, jemanden von seiner Klasse getroffen zu haben. Und das gleich am ersten Tag auf der Insel! Er war ganz baff über mein gutes Geschick. Ob man mir schon mal gesagt hatte, dass ich ein Glückskind sei? Im Posten von Negombo, den er mit den Familien seiner Kollegen teilte, werde mir seine Frau – »eine Schönheit«, wie er nebenbei anmerkte – ein Curry machen, an das ich mich noch in hundert Jahren erinnern würde. Sein Englisch war wie er selbst, pompös, ausufernd, geschwollen. Ich dankte ihm für seine Grossherzigkeit. Und fügte hinzu, ich möge Curry durchaus, aber das aus dem Süden sei etwas zu scharf für meinen Gaumen. Diese Worte erlitten dasselbe Schicksal wie die vorangegangenen. »Das allerschärfste Curry, das Sie je gegessen haben!« Diese Konklusion unterstrich er mit einem monströsen Lachen und einem schallenden Schlag auf meine Schenkel. Dann begann er zu singen wie ein Teekessel, ganz trunken von der Tatsache, ein solcher Märchenprinz zu sein. Für einen Augenblick hoffte ich, er würde in die Lüfte entschweben. Die Landschaft hatte sich gewandelt. Die Strasse war nur mehr ein tiefer Einschnitt zwischen zwei Wänden aus grünem Dschungel, der vom pfeilgeraden Flug der Papageien durchschnitten wurde. Faulenzerisch lenkte ich das Auto im Zickzack um frisch dampfende Elefantenfladen, jeder von der Grösse eines Bienenstocks. Unvermittelt fragte ich mich, ob mein Passagier in seiner Aufgeblasenheit wohl Ähnliches vollbringen könnte, stellte ihn mir schon vor, wie er über der Strasse kauerte, die Stirn vor lauter Anstrengung gefurcht … und begann vor mich hin zu lachen, während er mich mit einem perplexen und argwöhnischen Blick bedachte. Negombo, später Nachmittag Helle, leichte Bungalows, weit verstreut. Lackierte Dachziegel. Kleine Barockkirchen, abgeblättert unter dem hohen Federschmuck der Kokospalmen. An der Stirnseite des Meeres umschliesst ein Spitzensaum aus Kanälen eine alte, sternförmige Festung, die Brustwehr schimmert wie Leder im zimtfarbenen Licht. Aufgeregte Schreie von unsichtbaren Kindern, und mitten im blassen Himmel drei Drachen, tanzend wie jene Flecken auf der Netzhaut, die den Blick nach oben reissen. Der Posten, das war ein grosses, buckliges Strohhaus, rauchgeschwärzt wie eine Pfeife, hälftig auf Pfähle gebaut, am Rand einer Lagune voller Korallen. Die Gattin des Zöllners: ein kleines Geschöpf, engstirnig und schwatzhaft, mit ihren Absätzen fest in der Erde verankert, aber immer kurz davor, in die Luft zu gehen. Seine Selbstsicherheit war dahin, als es daranging, mich vorzustellen. Sie lähmte ihn mit einem tamilischen Wortschwall, ohne dass mir klarwurde, wer sie derart in Rage brachte, der Schwertfisch oder ich. Wohl wir beide: Sie musterte mich mit einer Schnute, als würde sie sich sagen: »noch so eine Trouvaille meines vertrottelten Gatten«. Er blieb kleinlaut: Die beiden Daumen, nach Art von d’Artagnan in den Gürtel gestemmt, gaben ihm etwas Halt. Mir schwante, dass er mich als Schmarotzer ausgab, den er nicht mehr abschütteln konnte. Egal: Es war eine Freude, mitanzusehen, wie er Schiffbruch erlitt, und wieder überkam mich Lachlust. Als sie merkte, dass es mit ihr bereits zwei waren, die sich über ihn lustig machten, und dass ich ein wenig in ihr Korsett schielte, änderte die kleine Frau flugs ihre Einstellung und lud mich mit höchst graziösem Lächeln zum Essen ein, und zur Nachtruhe. Ihr Curry hielt, was man mir versprochen hatte: rasch weg vom Tisch mit glühendem Gaumen, flammenspeienden Nasenlöchern, pochenden Schläfen. Kurz das Gesicht gewaschen, in einem zerbeulten Eimer und zwischen einer schwindelnden Schar von Schaben. Dann führte mich die kleine Frau zu meinem Bett: ein grosser Schaukelstuhl aus Peddigrohr, draussen auf der Veranda. Von dort überblickte man die Bucht, und ich musste nur noch meinen Schlafsack ausbreiten. Die Nacht war königlich; das Meer ebbe und schweigestill. Wenige Schritte von mir entfernt schlief, auf die Ecke der Balustrade gestützt, ein Pfau, den Kopf unter seinem Flügel. Von Zeit zu Zeit lief ein Schauer durch sein Gefieder, vom Kopf bis zu den Pfauenaugen, als wäre er in einem schlechten Traum gefangen. In meinem Rücken lärmte das Zimmer schlimmer als eine Voliere. Der Zöllner und seine Kollegen spielten Domino, im Licht einer Ölfunzel, wobei die Gläschen nicht zu kurz kamen. Die Kompanie lichtete langsam den Anker: Knäbisches, schrilles Gelächter salutierte jeden Sechserpasch. Wenn sich einer der Spieler erhob, um seine Blase zu entleeren, sah ich einen riesigen Schatten vor mir über die Veranda wanken. Das Fieber – der Impfstoff des Vortags oder ein Rückfall in die Malaria – sowie der Tanz der Glühwürmchen über meinem Kopf liessen mich schwindeln. Ein Moment der Erschöpfung, da der Reisende jeglichen Boden unter den Füssen verliert. Ich fragte mich vage, was ich hier eigentlich machte. Auch den Pfau, auch ihn schaute ich an, als würde ich Betrug wittern. Trotz seines Rades und seines unerträglichen Rufes bleibt der Pfau ganz unwirklich. Weniger ein Tier als ein Motiv, von der mogulischen Miniaturmalerei erfunden und von den Dekorateuren der Jahrhundertwende wieder aufgegriffen. Selbst in der Wildnis – ich hatte ganze Schwärme auf den Strassen des Dekkan gesehen – geht ihm jegliche Glaubwürdigkeit ab. Sein plumper Flug ist ein Desaster. Man hat ständig das Gefühl, er werde gleich von etwas aufgespiesst. Selbst in vollem Flug erhebt er sich kaum bis auf Brusthöhe, ganz so, als könnte er sich jener Natur, in der er sich verstrickt hat, nicht entwinden. Man spürt wohl, dass sein wahres Geschick darin liegt, gigantische Fleischpasteten zu krönen, aus der zwergenhafte Drehleier-Spieler mit Narrenkappen voller Schellen hervorspringen. Ich werde sterben, ohne je zu begreifen, wie Linné ihn in seine Klassifikation aufnehmen konnte … In meinem Rücken hatte man die Lampe ausgeblasen. Mächtiges und...


Nicolas Bouvier (1929-1998) wuchs in Genf auf und machte schon als 16-Jähriger erste Reisen nach Frankreich und Italien. Nach dem Studium der Geistes- und Rechtswissenschaften in Genf fuhr er 1953 mit Thierry Vernet im Auto über Jugoslawien, die Türkei und Iran nach Afghanistan. 1955 Weiterreise nach Japan. In den sechziger Jahren unternahm Bouvier mehrere ausgedehnte Reisen, u.a. nach Japan, China und Korea. Der Schriftsteller, Fotograf und Journalist publizierte mehrere Bücher, darunter »Die Erfahrung der Welt« und »Japanische Chronik«.


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