Borrmann | Wer das Schweigen bricht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Borrmann Wer das Schweigen bricht


1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86532-263-0
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-86532-263-0
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



August 1939: Sechs junge Menschen geben sich das Versprechen, füreinander da zu sein. Während der Nazi-Zeit wird ihre Freundschaft auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Denn Verrat wird mit dem Tod bestraft. Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckt Robert Lubisch im Nachlass seines Vaters, einem Industriemagnaten der Nachkriegszeit, das Foto einer attraktiven Frau und einen Wehrpass, ausgestellt auf einen ihm unbekannten Mann. Was hat das alles mit seinem Vater zu tun? Robert macht sich auf die Suche und stößt dabei auf eine Journalistin, die sofort eine große Story ahnt und bereit ist, dafür auch den Ruf seines Vaters zu opfern. Doch noch bevor sie Robert etwas mitteilen kann, wird sie grausam ermordet. Robert ist entsetzt. Welche alten Wunden hat er mit seinen Nachforschungen wieder aufgerissen.

Mechtild Borrmann wurde 1960 geboren und lebt heute in Bielefeld. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie am Niederrhein. Sie arbeitete u. a. als Tanz- und Theaterpädagogin, in der Drogenberatung und lebte auch mal eine Zeit lang auf Korsika. Im Pendragon Verlag erschienen die Romane »Morgen ist der Tag nach gestern« 2007 und »Mitten in der Stadt« 2009. Für »Wer das Schweigen bricht« wurde Mechtild Borrmann 2012 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. »Wer das Schweigen bricht« erschien als Übersetzungen in den USA, Frankreich, Italien, Japan, Dänemark und demnächst in der Türkei.
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Kapitel 3


20. April 1998


Der Frühling hatte nach einem milden Winter nicht lange auf sich warten lassen, und in den letzten Tagen war das Thermometer auf sommerliche 25 Grad gestiegen. Am Niederrhein zeigten sich die Wiesen in sattem Grün, übersät vom Gelb des Löwenzahns, und dazwischen hielt Wiesenschaumkraut an langen Stielen kleine rosafarbene Blüten hoch. Die Höfe und Dörfer wirkten wie willkürlich und mit großer Hand in die Ebene gestreut, Häusergruppen, die in der flachen Weite kauerten.

Robert Lubisch war zu einem Kongress an der Raboud Universität in Nimwegen eingeladen und nutzte die Gelegenheit, sich in Kranenburg nach dem Fotoatelier Heuer zu erkundigen.

Gegen Mittag erreichte er den Ort. Ein Kreisverkehr und dann eine Straße wie ein breiter Schnitt, an dem sich die Häuser aus dunkelroten Backsteinen zu beiden Seiten wie Schaulustige in die erste Reihe drängten. Kleine Geschäfte und Ladenlokale unter spitzen Dächern. Es waren nur wenige Menschen unterwegs.

Er stellte den Wagen in einer der Parkbuchten am Straßenrand ab und betrat ein Lokal mit blütenweißen Stores vor den Fenstern. Auf den Tischen standen, auf gestärkten cremefarbenen Tischdecken, kleine Porzellanvasen mit bunten Plastiksträußchen, die man mit einem Staubwedel frisch halten konnte. Eine Schiefertafel neben der Theke pries in geschwungener Schrift Spargelgerichte an. Es war noch früh, das Restaurant menschenleer.

Eine rundliche Frau stand hinter der Theke, öffnete mit einem Steakmesser Briefe und ließ die leeren Umschläge achtlos in den Papierkorb zu ihren Füßen fallen. Ihr gegenüber saß ein älterer Mann vor einem halbvollen Glas Bier und rauchte filterlose Zigaretten. Als Robert Lubisch sich an den Tresen stellte, sahen die beiden ihn erwartungsvoll an. Er grüßte.

„Essen“, sagte die Frau, „gibt es erst in einer Stunde. Um zwölf.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Essen wollte ich nicht, vielen Dank.“

Er bestellte Espresso und zog das Porträtfoto aus der Tasche seines Leinenjacketts.

„Ich wollte Sie fragen“, begann er umständlich, „ob Sie mir vielleicht weiterhelfen können?“

Er legte das Foto mit der Rückseite nach oben auf den Tresen und wies auf den Stempel. „Ich suche diese Adresse. Fotoatelier Heuer.“ Er lächelte verlegen: „Vielleicht gibt es das heute gar nicht mehr, aber …“

Die Frau, wahrscheinlich die Wirtin, unterbrach ihn. „Heuer, ja Mensch, der ist doch schon mindestens zwanzig Jahre nicht mehr.“ Der Mann beugte sich über die Fotorückseite und nickte zustimmend. „Mindestens!“, pflichtete er bei, drehte sich auf seinem Hocker um und wies in eine unbestimmte Richtung. „Der war doch da am Eck, wo jetzt der Linnen sein Versicherungsbüro hat.“

„Richtig.“ Die Frau schenkte der Post jetzt keine Beachtung mehr. „Aber vor Linnen war ja noch die Wiebke Steiner mit den Kindermoden da drin.“ Sie verschränkte die Arme und musterte Lubisch misstrauisch. „Warum wollen Sie das denn wissen?“

Er zögerte, hatte für einen Augenblick das Gefühl, er dürfe die Frau auf dem Foto nicht einfach herzeigen. Das war albern. Er wusste das.

Er drehte das Foto um. „Wissen Sie, wer diese Frau ist?“

Die Wirtin nahm das Bild und betrachtete es eingehend. „Soll die von Kranenburg sein?“

Lubisch zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass dieses Foto im Atelier Heuer gemacht worden ist.“

Sie reichte das Bild an den Alten weiter, der es in seinen nikotingelben Fingern hielt und mit ausgestreckten Armen und zusammengezogenen Augenbrauen begutachtete. Er zuckte mit den Schultern: „Ich bin ja nicht von hier, bin erst 1962 hergezogen, und das Bild ist sicher älter. Aber der alte Heuer, der lebt doch noch … Muss schon an die neunzig sein, der Heuer.“

Die Wirtin war jetzt unverhohlen neugierig. „Was ist denn mit der Frau? Ich mein, wieso suchen Sie die?“

Robert Lubisch log, ohne genau zu wissen warum. Es war eine Art Unbehagen, das sich in ihm breitmachte. „Meine Mutter ist verstorben, und diese Frau war in ihrer Jugend ihre beste Freundin. Ich bin zufällig in der Gegend und dachte, vielleicht kann ich sie ausfindig machen“, sagte er eine Spur zu eilig.

Die Kaffeemaschine ließ ein abschließendes Zischen und Brodeln hören. Die Wirtin stellte ihm den bestellten Espresso hin.

„Wie heißt sie denn?“, fragte sie nach einer längeren Pause, in der sie zu überlegen schien, ob sie dem Fremden glauben sollte.

„Das weiß ich leider nicht.“

Sie verschränkte ihre Arme unter einem fülligen Busen. „Tja. Da weiß ich jetzt auch nicht …“ Sie musterte Robert Lubisch ungeniert und dann traf sie eine Entscheidung. „Aber der Heuer, der wohnt bei seinem Sohn in Nütterden.“ Sie griff nach hinten, öffnete im Rückbuffet eine kleine Schranktür und holte ein Telefonbuch hervor. Die Finger immer wieder anleckend, blätterte sie die Ecken des dünnen Papiers zügig durch.

„Hier. Norbert Heuer. Das ist sein Sohn.“ Sie schrieb die Adresse und Telefonnummer auf einen Kellnerblock, riss den Zettel ab und reichte ihn Robert.

Er kippte den Espresso hinunter, bedankte sich und ließ ein großzügiges Trinkgeld zurück.

Als er hinaustrat, hatte die Sonne weiter an Kraft gewonnen. Er zog das Jackett aus, legte es auf die Rückbank seines Wagens und krempelte die Hemdsärmel bis zu den Ellbogen auf. Angespornt durch diesen Erfolg im ersten Versuch entschied er sich, auf gut Glück nach Nütterden zu fahren.

Das Einfamilienhaus mit gepflegtem Vorgarten lag in einem Wohngebiet, das wohl in den Sechzigerjahren entstanden war.

Als er vor der Nummer 23 ausstieg, überfiel es ihn wieder, dieses Unbehagen. Dieses Gefühl, sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts an gingen. Er schüttelte den Kopf. Wie nannte Maren ihn immer: Mein Bedenkenträger!

Auf sein Klingeln öffnete eine Frau um die sechzig die weiße Kunststofftür mit dem goldenen Klopfer in der Mitte, der nur Zierrat war. Er erklärte sein Anliegen und plötzlich war ihm das alles unangenehm. Was fiel ihm denn ein, die Leute wegen eines mindestens fünfzig Jahre alten Fotos zu belästigen.

Für einen Augenblick hoffte er, sie würde ihn einfach wegschicken. Dann würde er sich in seinen Wagen setzen und auf direktem Weg nach Nimwegen fahren.

Sie sagte: „Ach, na wenn Sie da mal Glück haben.

Wenn das schon so lange zurück ist … Aber kommen Sie, fragen Sie ihn selber.“

Im Wohnzimmer hockte ein schmächtiger Mann mit einer Lupe über der Tageszeitung. Die Polstermöbel waren braun und zu schwer für das kleine Zimmer, und der Alte wirkte in dem großen Sessel wie ein Kind.

Er stand mühsam auf und sie gaben einander die Hand. Robert überragte ihn um fast einen halben Meter und setzte sich eilig.

Die Schwiegertochter bot Kaffee an und ging hinaus.

Heuer schaute mit großen wässrig, grauen Augen und wartete. Robert dachte an Heuers Beruf, an den Blick durch die Linse, an das Warten auf den richtigen Moment. Diesen Bruchteil einer Sekunde, den einzufangen sich lohnte.

Er beugte sich vor und schob das Foto über den Tisch.

„Vielleicht haben Sie dieses Bild aufgenommen?“, fragte er leise. „Jedenfalls stammt es aus Ihrem Atelier“, und er wusste nicht, warum er fast flüsterte.

Heuer nahm die Lupe, betrachtete das Porträt und die Rückseite eingehend. Robert Lubisch sah die wässrigen Augen für einen Moment durch die Lupe vergrößert und dachte an einen See, auf dem sich Nebel sammeln, um sich nie wieder aufzulösen.

„Ja, das ist von mir“, sagte der Alte und legte Bild und Lupe zurück. Robert hatte Stolz auf diese Arbeit erwartet, aber dieses „Ja, das ist von mir“ klang resigniert.

Frau Heuer kam mit einem Tablett, verteilte rosageblümtes Kaffeegeschirr und goss Kaffee aus einer bauchigen, dazu passenden Kanne ein. Sie schwiegen. Dann zog sie sich wieder zurück und die leise Nachdrücklichkeit, mit der sie die Tür hinter sich schloss, gab diesem Treffen etwas Heimliches.

Der Alte rührte in seinem Kaffee und schien dem hellen gleichmäßigen Klang, wenn der Löffel gegen die dünnwandige Tasse stieß, nachzulauschen.

Robert wartete.

„Das ist Therese“, sagte Heuer, und auch er sprach leise. Seine Stimme mischte sich mit dem Porzellanklang und Robert meinte, der Alte habe den Namen gesungen.

Heuer legte den Löffel beiseite und sah auf. „Therese Pohl. Später Therese Peters.“

Robert rutschte in seinem Sessel ein Stück vor. „Die Frau von Wilhelm Peters?“

„Ja“, sagte er. „Wilhelm Peters.“

Robert spürte Enttäuschung.

„Der Wilhelm ist vermisst“, sagte Heuer und nahm einen Schluck Kaffee. „Seit damals ist der vermisst.“

Lubisch runzelte die Stirn.

„Wilhelm Peters ist nicht gefunden worden?“, fragte er skeptisch.

Der Alte schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Nie.“

„Wissen Sie vielleicht, ob Frau Peters noch lebt und wo ich sie finden kann? Oder hatten sie vielleicht Kinder?“

Er wusste nicht, warum er das fragte. Eigentlich war seine Suche hier zu Ende. Er hatte keine heimliche Geliebte des Vaters gefunden. Aber jetzt hatte die Frau einen Namen und es war, als sei sie dadurch ein Stück näher herangerückt, herausgetreten aus dieser sepiafarbenen Ferne.

Heuer nahm das Bild auf und es schien, als spräche er zu dem Foto.

„Die ist dann auch weg. Nicht lange danach … Hat man nie mehr was von gehört. Und … nein, Kinder hatten die...



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