Der Fall Kafka
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-911327-08-4
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthias Bormuth, geboren 1963, studierte in Marburg und Göttingen Humanmedizin und promovierte über Karl Jaspers. Er ist Inhaber der Heisenberg-Professur für vergleichende Ideengeschichte am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg und Vorsitzender der Karl Jaspers-Gesellschaft. Bei Berenberg erschien zuletzt »Zur Situation der Couchecke. Martin Warnke in seiner Zeit« (2022).
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Der Fall Kafka
Vorsatz
I. Alles fing mit einer kurzen Reise nach Prag an, für die ich mir im Frühjahr 2023 Kafkas Prosa aus dem Nachlass eingepackt hatte. Auf dem Weg durch das Elbsandsteingebirge las ich seinen Brief an den Vater, an dem mich erstaunte, mit welchem Geschick der Schriftsteller den Kampf zwischen den Generationen aufnahm. Sein Schreiben war ein psychodynamisches Wunderwerk, das auf klassische Weise die Autoritätskonflikte in der Moderne zur Sprache brachte. Auch beeindruckten mich in dem Band die philosophisch-religiösen Spekulationen, die Kafka nach dem Ausbruch der Tuberkulose 1917 bewegten. Sein Freund Max Brod hatte die Zürauer Aphorismen nach seinem Tod 1924 zuerst unter dem Titel Betrachtungen über Sünde, Hoffnung, Leid und den wahren Weg veröffentlicht. Die Versuchung, aus Kafka einen gläubigen Autor zu machen, der auf eigene Weise den jüdischen Wurzeln verbunden blieb, war groß. Nach den Prager Tagen, in denen mein intensiveres Nachdenken über Kafka als Schriftsteller begann, rekapitulierte ich auch frühere Lektüren von Erzählungen, Briefen und Tagebüchern. Mir imponierten in der Zusammenschau seine hohe Sensibilität und psychosomatische Vulnerabilität als Bedingungen des literarischen Schaffens. So entstand ein erster Essay, für den ich als sachliche Orientierung Reiner Stachs dreibändiges Panorama von Leben und Werk heranzog. Es war phantastisch, wie der Berliner Forscher, der sich seit Jahrzehnten Kafkas Biographie widmet, den einzigartigen Autor vielschichtig im Horizont seiner Zeit sichtbar werden ließ. Freunde vermittelten bald auch eine persönliche Begegnung mit Stach, bevor mein erster Versuch über Kafka unter dem Titel Der Bote bei Ulrich Keicher im schwäbischen Warmbronn als intime Broschur erschien. Eine Frucht des Treffens im Garten des Berliner Literaturhauses war unser Gespräch für das Sonderheft der Neuen Rundschau. In Hüter der Verwandlung sprachen Stach und ich, veranlasst durch Sebastian Guggolz, zum Kafka-Jahr über die biographische Arbeit zu Kafka und seine besondere Methode. In der Folge hielt ich selbst auch Vorträge über Krankheit als Passion bei Kafka. Sie fanden in Kliniken alter Freunde statt, die, im Gegensatz zu mir, bei der Psychiatrie als Beruf geblieben waren. Öffentliche Gespräche mit Reiner Stach regten zudem an, die weiteren Überlegungen zum Fall Kafka in einen zweiten Essay münden zu lassen. Der Beobachter will den besonderen Habitus kennzeichnen, mit dem Kafka sein Leben führte, und auch die Bedeutung, welche seine vulnerable Persönlichkeit und die Tuberkulose dabei im Verhältnis von Kunst und Krankheit besaßen. II. Dass dieses Triptychon von Texten noch gesammelt zum Ende des Kafka-Jahres erscheinen kann, ist meinem Verleger Heinrich von Berenberg zu danken. Nach der Lehrzeit bei Klaus Wagenbach, dem ersten Biographen Kafkas nach 1945, lag sein Interesse nahe, zumal ihm selbst schon als Schüler die späten Erzählungen aufgefallen waren. Ihn faszinierte besonders der Gedanke, dass für Franz Kafka die ausgeprägte Nervosität und die spätere Tuberkulose Brücken in die Freiheit des Schreibens darstellten. Wir sprachen über Parallelen zu Max Weber und Aby Warburg, die als Forscher zu jener Zeit gravierende psychische Störungen erlitten, aber sie zugleich nutzen, um unabhängig vom fachlichen Zwang ihren Studien zur modernen Lebenswelt zwischen allen Disziplinen nachzugehen. Den Heidelberger Soziologen hatten um 1900 nervöse Störungen bewogen, sein volkswirtschaftliches Lehramt niederzulegen, während der Hamburger Bildwissenschaftler in der Weimarer Republik nach Jahren der klinischen Behandlung bei Ludwig Binswanger die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg ausdrücklich als Medium des »Seismographischen« etablierte. Beide Forscher sahen sich wie der Schriftsteller Kafka als Patienten mit der Herausforderung konfrontiert, die Problematik des modernen Menschen psychodynamisch und philosophisch an sich selbst zu erfahren und in ihren interdisziplinären Gedankenbewegungen genauer zu ergründen. Schließlich war jüngst verblüffend, bei der erneuten Lektüre des Zauberberg zu entdecken, wie Thomas Mann die humanwissenschaftliche Passion, den Menschen detailliert zu verstehen, in schillernder Beiläufigkeit verdichtete. Sein zeitgemäßer Charakter Hans Castorp, der sich auf der Davoser Hochebene für das »Porträt« interessiert, bringt den neuen Enthusiasmus zur Sprache, zwischen Wissenschaft und Kunst vorläufige Bilder einzelner Menschen zu entwerfen. Hofrat Behrens, dem Arzt, gegenüber stammelt der leicht an Tuberkulose erkrankte Ingenieur, der sich in der illustren Gesellschaft auf humanistischen Abwegen befindet: »Womit beschäftigt sich die medizinische Wissenschaft? Ich verstehe ja natürlich nichts davon, aber sie beschäftigt sich doch mit dem Menschen. Und die Juristerei, die Gesetzgebung und Rechtsprechung? Auch mit dem Menschen. Und die Sprachforschung, mit der ja meistenteils die Ausübung des pädagogischen Berufs verbunden ist? Und die Theologie, die Seelsorge, das geistliche Hirtenamt? Alle mit dem Menschen, es sind alles bloß Abschattierungen von ein und demselben wichtigen und … hauptsächlichen Interesse, nämlich dem Interesse am Menschen«. Franz Kafka, der noch im März 1924 überlegte, sich nach Davos zu begeben, lässt sich als äußerst eigenwilliger Fall eines solchen Menschen, der nach dem Ganzen des Lebens fragt, besser verstehen. Hierfür ist besonders geeignet die Kunst des interdisziplinären Essays, die Reiner Stach in seiner dreiteiligen Biographie stilistisch zur eigenen Form werden ließ. Bei Kafka wie in den Fällen von Weber und Warburg war nicht nur der psychodynamische Blick nach innen entscheidend, den Sigmund Freund entwickelt hatte, sondern ebenso die philosophisch-religiöse Frage nach einer letzten Wahrheit, die Søren Kierkegaard und Leo Tolstoi seit Mitte des 19. Jahrhunderts neu formuliert hatten. Als extreme Charaktere wussten alle drei, nicht fern von Nietzsche, dem psychisch verletzten Pfarrerssohn, dass mit dem Verlust endgültiger Antworten nicht die vorläufige Frage nach dem Sinn des Ganzen obsolet geworden war. Aber ebenso bewusst war ihnen, dass die wissenschaftliche Weltanschauung trotz Aufklärung und Fortschritt begrenzt blieb und die alte Sehnsucht nach einem umfassenden Sinn enttäuschen musste. So waren sie alle gesellschaftliche Dystopiker, die noch als Einzelne von der Utopie des individuellen Bewusstseins inmitten kollektiver Bekenntnisse überzeugt blieben, auch wenn sie keine Heilslehren mehr zu formulieren wussten. Der Prager Schriftsteller spiegelte sich selbst schon früh in dem Künstlertypus, den Thomas Mann in Tonio Kröger der bürgerlichen Avantgarde seiner Zeit mit seinem »Kainsmal« wohldosiert vor Augen geführt hatte. Dieser Typus tritt kurz im Zauberberg auf, scharf konturiert im Kontrast zu Hans Castorp, dessen Mittelmäßigkeit nach Mann für das Zeitalter repräsentativ ist. An der Ausnahmefigur veranschaulicht er im Zauberberg die besondere Verbindung zwischen religiösen Motiven und nervösen Symptomen, die Weber, Warburg und Kafka als außergewöhnlich gewissenhaften Charakteren auf ganz unterschiedliche Weise anders zu eigen war: »[W]enn das Unpersönliche um ihn her, die Zeit selbst der Hoffnungen und Aussichten bei aller äußeren Regsamkeit im Grunde entbehrt, wenn sie sich ihm als hoffnungslos, aussichtslos und ratlos heimlich zu erkennen gibt und der bewußt oder unbewußt gestellten, aber doch irgendwie gestellten Frage nach einem letzten, mehr als persönlichen, unbedingten Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein hohles Schweigen entgegensetzt, so wird gerade in Fällen redlicheren Menschentums eine gewisse lähmende Wirkung solches Sachverhalts fast unausbleiblich sein, die sich auf dem Wege über das Seelisch-Sittliche geradezu auf das physische und organische Teil des Individuums erstrecken mag.« Dieser Essay will solche Facetten bei Franz Kafka, der psychosomatisch im tieferen Sinne erkrankt und zugleich literarisch begabt war, aufzeigen. Als Schriftsteller schuf er ein Werk, das 100 Jahre nach seinem Tod neben jenem von Thomas Mann in der modernen Weltliteratur auf einzigartige Weise für den deutschen Sprachraum steht. Es ist, als spräche der Lübecker vom Prager Schriftsteller, wenn es im Zauberberg weiter über solch beachtliche Menschen heißt, die eigenwillig nach dem Sinn des Ganzen suchten: »Zu bedeutender, das Maß des schlechthin Gebotenen überschreitender Leistung aufgelegt zu sein, ohne daß die Zeit auf die Frage Wozu? eine befriedigende Antwort wüßte, dazu gehört entweder eine sittliche Einsamkeit und Unmittelbarkeit, die selten vorkommt und heroischer Natur ist, oder eine sehr robuste Vitalität.« III. Jenen Typus außergewöhnlicher Sensibilität, der nach Thomas Mann versucht, sich nicht in den »Wonnen der Gewöhnlichkeit« zu verlieren, zeichnet Kafka auf eigene Art in der Erzählung Frühes Leid, die seine letzte Textsammlung Der Hungerkünstler eröffnet. Das spektakuläre Vermögen des Trapezkünstlers ist nicht, in längerer Askese auf jede Nahrung zu verzichten. Dies kann der Hungerkünstler, der nie eine Speise fand, die ihm geschmeckt hätte. »Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.« Während jener...