Bordage | Terra Mater | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 544 Seiten

Bordage Terra Mater

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08431-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 544 Seiten

ISBN: 978-3-641-08431-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf der Suche nach dem Ursprung der Legenden

Die Menschen haben die Galaxis bevölkert und eine planetenumspannende Konföderation gegründet. Doch eine gefährliche, fremdartige Spezies droht den Verbund zu unterwandern. Die Krieger der Stille sind die letzte Hoffnung der Menschen – doch existieren die legendären Wesen tatsächlich? Ein kleiner Junge macht sich auf die Suche nach dem Ursprung der Legende und nach dem Planeten, auf dem alles begann: Terra Mater!

Pierre Bordage, 1955 im Département Vendée geboren, studierte Literaturwissenschaft in Nantes. Mit seinem ersten Roman Die Krieger der Stille landete er auf Anhieb einen riesigen Publikumserfolg. Das Buch wurde mehrfach preisgekrönt, unter anderem mit dem renommierten Grand Prix de l’Imaginaire. Der Autor lebt mit seiner Familie in Boussay an der Atlantikküste.
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ERSTES KAPITEL


Im Jahr 16 des Ang-Imperiums, am 7. Tag des Monats Mehonius, wurde ich zum jüngsten Kardinal der Kirche des Kreuzes ernannt. Noch war ich von einem glühenden Eifer besessen. Ich gehörte zu jenen, durch jahrelange Unterweisung, diamantrein geschliffenen, aber auch unerbittlichen Seelen und brannte darauf, alle Heiden zu bekehren, die Feinde des Glaubens und die des Wahren Wortes. Beim Anblick der langsam auf den Feuerkreuzen sterbenden Häretiker brach ich in ekstatische Tränen aus … Das geschah lange vor dem Erscheinen des ersten Auslöscher-Scaythen …

Am 10. Tag des Monats Mehonius wurde ich zum Stellvertreter seiner Heiligkeit, des Muffi Barrofill XXIV., auf dem Planeten Ut-Gen ernannt, der vor viertausend Standardjahren traurige Berühmtheit durch eine atomare Katastrophe erlangte, die drei Viertel der Bevölkerung auslöschte und die Hälfte seiner Oberfläche in Wüste verwandelte. Obwohl ich mir durchaus der Gefahren auf Ut-Gen bewusst war – atomare Verseuchung, Zerstörung der Zellen und somit frühzeitiges Altern, die Beta-Zoomorphie, eine ausgeprägte Form der Schizophrenie –, überwog die Freude über meine Ernennung. Die besorgten Mienen meiner Kardinalskollegen interessierten mich nicht, fühlte ich mich doch durch die himmlische Liebe der Kirche geschützt!

Am 38. Tag des Monats Mehonius betrat ich eine der Deremat-Kabinen im Palast Venicias und erlangte siebenundzwanzig Standardminuten später in einem der Tempel der Kreuzkirche in Anjor, der Hauptstadt, wieder das Bewusstsein. Ein paar Missionare, einige Diener und ein Inquisitor-Scaythe begrüßten mich dort. Eine Abteilung kaiserlicher Interlisten hatte mit der Unterstützung der Pritiv-Söldner die lokalen Herrscher ausgeschaltet und eine neue planetarische Regierung installiert: einen korrupten Haufen, der aus sechs Konsuln, Ministern und hohen Beamten bestand.

Junge Leute, die Ut-Gen nicht kennen, sollten wissen, dass dieser Planet der einzig bewohnte im Sonnensystem des Gestirns Hares ist – obwohl die Lebensbedingungen dort sehr schwierig sind. Dieses Gestirn befindet sich seit zwanzig Millionen Jahren im Stadium des Verglühens. Deshalb wird es auf diesem Planeten seit dem Jahr 714 (nach dem alten Standardkalender) wegen der abnehmenden Strahlung von Hares immer kälter. Seit Jahrhunderten zählt die Ausbeutung von Uranerzen und dem darin enthaltenen seltenen Plutonium zur einzigen Ressource Ut-Gens. Zwischen den Jahren 950 und 3500 erlebte die aus den Skoj-Welten importierte Atomindustrie dort einen ungeheuren Aufschwung. Ut-Gen wurde zum interstellaren Zentrum der Kernenergie.

Die Kernspaltung mit ihrer Energie- und Waffenproduktion, die per Atomoducti dem Planeten einen großen Reichtum bescherte, führte im Jahr 3519 deshalb fast zu seinem Untergang. Ein fürchterliches Erdbeben zerstörte die meisten Produktionsstätten, worauf radioaktive Wolken mehr als siebzehn Milliarden Menschen das Leben kosteten und den Planeten in zwei Zonen teilte: eine gesunde und eine verseuchte.

Obwohl die Utgenianer wissen, dass ihre Heimat krank ist und die sterbende Sonne sie nicht mehr wärmen wird, haben sie nicht die Kraft, ihren Planeten zu verlassen. Mit erstaunlichem Gleichmut ertragen sie die fortschreitende Vereisung, die Verdünnung des Sauerstoffgehalts der Luft und die damit einhergehenden Unbilden des Klimas … Und dieser Stoizismus wandelt sich langsam in Fatalismus.

Doch rufen wir uns die Worte des Predigers auf der Großen Düne von Osgor ins Gedächtnis zurück: »Oh ihr, die ihr euch widerspruchslos fügt, begreift ihr nicht, dass euch euer Fatalismus zu einer leichten Beute der falschen Propheten einer Irrlehre macht? Oh ihr, die ihr auf eure Freiheit verzichtet habt und euch in Illusionen wiegt …«

Auf Ut-Gen erlebte ich, wie sich an dessen Bewohnern jene göttliche Prophezeiung der Kirche des Kreuzes erfüllte. Aus dieser Erfahrung heraus möchte ich noch einmal unsere Novizen in den heiligen Propagandaschulen auf ein ehernes Prinzip hinweisen. Der Begriff Fatum – als verhängnisvolles Geschick –, ein beliebtes Argument Andersgläubiger, ist völlig abwegig, weil ein solches Denken die Saat des Wahren Glaubens wie Unkraut überwuchert und erstickt. Denn es finden immer mehr Kinderopfer, sexuelle kollektive Ausschweifungen und andere barbarisch-heidnische Riten statt.

Wie soll ich die Einheimischen beschreiben? Die utgenischen Männer sind klein und gedrungen, als würden die hier herrschende größere Schwerkraft als auf den Welten des Zentrums sie niederdrücken und deformieren. Ihre Gesichtszüge sind meistens grobschlächtig (der Beginn allgemeiner Beta-Zoomorphie?), ihre Brauen struppig, ihre Augen gelb und hervorstehend, ihre Nasen breit und flach, ihre Lippen dick, ihre Oberkiefer stehen vor … Die Frauen hingegen sind groß gewachsen, feingliedrig und haben schöne Gesichter. Soweit ich das beurteilen kann, sind sie ebenso schön wie ihre Männer hässlich sind. Eine mögliche Erklärung dieses Phänomens – über die Wissenschaftler lächeln würden, die ich aber poetisch finde – wäre, dass der dem Mond zugeordnete Stoffwechsel der Frau (der Mann wird dem Einfluss der Sonne zugeordnet) sich besser den veränderten klimatischen Verhältnissen auf Ut-Gen anpasst hat. Ich spreche hier nicht von den in den verseuchten Gebieten lebenden Überläufern, den sogenannten Quarantänern. Diese Wesen ähneln eher apokalyptischen Monstern als Menschen. Sie verdanken ihr Überleben der ehemaligen Konföderation von Naflin und deren fanatischen Anhängern, den Rittern der Absolution. Man hat mir wiederholt vorgeworfen, die Vergasung und das Zuschütten der Schächte und der unterirdischen Behausungen im Nord-Terrarium – dem Wohnsitz der Quarantäner – befohlen zu haben, aber der Oberste Ethikrat der Kirche des Kreuzes, den ich bereits vorher konsultiert hatte, versicherte mir, mich voll und ganz in meinen Maßnahmen zu unterstützen.

Am 17. Tag des Monats Jorus auf Syracusa verurteilte ich meinen ersten Häretiker zum langsamen Tod am Feuerkreuz – einen Priester der H-Prime-Religion, einen Anbeter des Sonnengottes in Frauengestalt. Bis zu meinem letzten Atemzug – gebe die Kirche des Kreuzes, dass ich noch viele Jahre lebe, denn meine Arbeit auf diesen niederen Welten ist noch lange nicht vollendet … – werde ich mich an den Hass erinnern, den er mir entgegenschleuderte, als die ersten Flammen an seinem Körper emporzüngelten. Er war im Gegensatz zu den meisten seiner Rasse ein außerordentlich schöner Mann mit einem stark entwickelten Geschlecht und somit schamlos in seiner Nacktheit. Und unter den Zuschauern waren viele Frauen, die er befruchtet hatte (natürlich hatten sie ihre Unschuld beschworen, aber der scaythische Inquisitor hatte sie mühelos überführt), und sie weinten. Zu jener Zeit war ich ganz und gar von meinem Priesteramt erfüllt. Nichts anderes beschäftigte meine Gedanken. Ich musste nicht einmal die Hilfe der Auslöscher in Anspruch nehmen, um meine Jugend zu leugnen, um meine marquisatinische Herkunft zu vergessen … Der Sohn Jezzica Boghs, der Wäscherin des Runden Hauses mit seinen neun Türmen, hatte nie existiert … Der Spielgefährte List Wortlings, des Sohns des Seigneurs Abasky, hatte nie existiert… Der aufsässige Jugendliche, der zwei Tage und Nächte den Tod Armina Wortlings weinend beklagte, hatte nie existiert …

Ich lebte weit vom Planeten Syracusa, weit von den Intrigen der Hauptstadt Venicia entfernt. Wie hätte ich von den finsteren Plänen erfahren können, die dort im bischöflichen Palast geschmiedet wurden?

Mentale Memoiren des Kardinals Fracist Bogh, der unter dem Namen Barrofill XXV. Muffi der Kirche des Kreuzes wurde.

Jek betrachtete den Wachturm der Gedanken, ein schmales hohes Gebäude, das alle Flachdächer der Hauptstadt Ut-Gens, Anjor, überragte. Dort oben, im erleuchteten runden Raum des Wachpostens, konnte er die unbewegliche Silhouette des scaythischen Inquisitors in seinem grauen Kapuzenmantel erkennen. Darüber stand am dunklen Himmel die rötliche Scheibe der sinkenden Sonne Hares.

Diese beiden Phänomene, das eine künstlich, das andere natürlich, symbolisierten das doppelte Unglück, das über Ut-Gen hereingebrochen war. Nicht nur, dass vor viertausend Jahren Hares, der Sonnengott in Frauengestalt, die nukleare Pest über dem Planeten ausgebreitet und mehr als fünfzehn Milliarden seiner Bewohner dahingerafft hatte, dann landeten auch noch Legionen des großen Ang-Imperiums, Kreuzler, Scaythen, Pritiv-Söldner und Interlisten. Diese hatten die lokalen Ordnungskräfte ausgeschaltet und die sechs Konsuln entmachtet. Seit mehr als zehn Jahren führten sie, unter ihrem größten Fanatiker, dem Kardinal Fracist Bogh, ein Terrorregime.

Jek ging weiter. Obwohl er erst acht Jahre alt war, wusste er, wie gefährlich es war, länger vor einem Wachturm der Gedanken stehen zu bleiben. Dort riskierte er, den Argwohn des scaythischen Inquisitors auf sich zu ziehen. Und nach einem mentalen Verhör würde man ihn entweder vor eines der heiligen Tribunale stellen oder in eines der Zentren mentaler Reprogrammierung einweisen. Wenn er seinen großen Plan irgendwann realisieren wollte, durfte er keine Aufmerksamkeit erregen.

Er ging die Hauptstraße Anjors wieder hoch, eine schmale und gewundene Avenue, länger als einhundertvierzig Kilometer. Die immer leuchtenden mobilen Laternen warfen gelbe Lichtflecke auf die Bürgersteige. Etwas weiter war es stockfinster. Ebenfalls leuchtende, von Nebelschwaden umwallte steinerne Pfosten markierten die Eingänge zu den unterirdischen Bahnhöfen, des Transportsystems...


Bordage, Pierre
Pierre Bordage, 1955 im Département Vendée geboren, studierte Literaturwissenschaft in Nantes. Mit seinem ersten Roman Die Krieger der Stille landete er auf Anhieb einen riesigen Publikumserfolg. Das Buch wurde mehrfach preisgekrönt, unter anderem mit dem renommierten Grand Prix de l’Imaginaire. Der Autor lebt mit seiner Familie in Boussay an der Atlantikküste.



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