E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Agatha-Christie-Krimipreis
Borchardt / Thomas Heute hier, morgen Mord
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-403087-6
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die besten Einsendungen zum Agatha-Christie-Krimipreis 2014
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Agatha-Christie-Krimipreis
ISBN: 978-3-10-403087-6
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cordelia Borchardt, Jahrgang 1962, studierte Anglistik und Germanistik in München und London und promovierte in englischer Literaturwissenschaft. Sie ist Lektorin für die Verlage FISCHER Krüger, FISCHER Scherz und FISCHER Taschenbuch. Sabine Thomas veranstaltet seit vielen Jahren das Krimifestival München. Mittlerweile wurde es zum wichtigsten Treffpunkt für internationale Autoren und Fans mörderischer Storys.
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ERSTER PREIS
Kleinmann befreit sich
Peter Joerg
Jetzt war es zu spät. Wenn er jetzt wieder aufstand, würden sich alle Augen auf ihn richten. Die Wucht der Blicke würde ihn noch vor dem ersten Schritt auf die Holzbank zurückwerfen. Undenkbar, es quer durch den Sitzkreis zu dem anderen noch freien Platz gegenüber zu schaffen. Er lugte über seine Schulter. Der Gekreuzigte hing direkt über ihm an der Wand. Blut quoll unter den Dornen hervor. Es sah echt aus. Kleinmann rutschte unwillkürlich an die Vorderkante der Bank, um nichts abzubekommen. Er musterte die anderen. Niemand sprach laut. Er spürte das Kruzifix wie eine wunde Stelle im Nacken. Morgen würde er sich einen anderen Platz suchen. Nein, hier wollte er ehrlich zu sich sein: Er hatte seinen Platz gewählt, er würde damit leben.
Der Meister kam herein. Er trug eine schwarze Robe. Sein Schädel war kahl, sein Bart weiß, sein Gesicht nicht freundlich. Kleinmanns Unsicherheit wuchs. Stille spannte sich im Kreis. Der Meister schritt mühelos hindurch. Er schloss die Lücke gegenüber von Kleinmann. Damit war das Thema Platzwahl erledigt. Der Meister begrüßte die Teilnehmer und führte die Neulinge in das Zazen ein. Kleinmann verspürte den Drang, mitzuschreiben. Am Ende gab der Meister ein Thema für das Sesshin aus: Die Suche nach dem freien Ich.
Mit dem Abendessen im Refektorium des Klosters begann das Schweigen. Die Lautstärke und Rücksichtslosigkeit, mit der manche Ich-Suchende aßen, erschütterte Kleinmann. Er belegte sein Brot mit Käse. Er mochte keinen Käse, aber Wurstaufschnitt gab es nicht. Nach dem Essen ging Kleinmann auf sein Zimmer. Darin standen ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und ein Stuhl. Die Wände waren gekalkt, das Bett war weiß bezogen. Ein schmales Holzkreuz über der Tür störte die perfekte Leere des Raums. Das Fenster ging auf den Klosterhof hinaus. Er konnte die Berge nicht sehen, aber der Himmel dämmerte eifelgrau.
Kleinmann packte aus und räumte seine Sachen in den Schrank, auch die Reisetasche. Er zog sich aus. Die Schuhe stellte er unter den Stuhl, die Kleider hängte er über die Lehne. In Unterwäsche schlüpfte er ins Bett. Die Decke fühlte sich klamm an. Er lag regungslos. Die Verbrühung auf seinem Handrücken juckte unter dem Verband. Er wollte nicht an Karla denken. Er stand wieder auf, nahm seine Kleider vom Stuhl, hob die Schuhe auf und verstaute alles im Schrank. Dann legte er sich wieder hin, auf den Rücken, ganz gerade. So war es besser.
Ein anschwellendes, blechernes Tönen riss ihn aus dem Schlaf. Es war noch dunkel. Er hatte es sich schöner vorgestellt, von einem Gong geweckt zu werden. Er sprang auf, zog sich rasch an. Trotzdem war er der Letzte auf dem Gang. Hatten die anderen in ihren Kleidern geschlafen?
Auch die Meditation begann mit einem Gong. Viele knieten im Seiza, dem Fersensitz, auf ihrem eigenen Kissen. Kleinmann hatte kein Kissen. Er konnte auch nicht knien. Er saß auf der breiten Holzbank, die Füße auf dem Boden, den blutenden Jesus im Nacken, die Augen halb geschlossen. Seine Lider zitterten. Er schloss sie ganz. Er betrachtete den Fluss seines Atems, seiner Empfindungen und Gedanken. Der Mann neben ihm atmete lauter und brachte Kleinmann aus dem Rhythmus. Er ärgerte sich und sah Karlas verächtliches Lächeln vor sich. Er öffnete seine Augen. Jeder im Raum war hochkonzentriert, der Meister eine Statue achtsamer Stille. Kleinmann versuchte es erneut. Als der Gong die Stunde beendete, war Kleinmann sicher, dass keiner so gründlich versagt hatte wie er.
Nach dem Frühstück, wieder in wortlosem Lärm, stand für alle Samu an, meditative Arbeit. Kleinmann hatte sich für die Küche gemeldet. Eine riesige Schüssel voller Kartoffeln stand zwischen ihm und einer Frau. Er hasste Küchenarbeit, aber er war geübt darin. Er schälte schnell und sauber. Die Frau lächelte ihn an. Sie war nur halb so alt wie er. Er mochte ihr Lächeln nicht. Sie nahm eine Kartoffel, die er geschält hatte, wieder aus dem Kessel und entfernte ein Auge, das er übersehen hatte. Sie lächelte die ganze Zeit. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, rollte wie ein Welle über ihn hinweg. Er wollte sorgfältiger arbeiten. Das klappte nicht, es klappte nie, er wurde nur fahrig. Die Frau fand weitere Makel. Er zeigte Gleichmut. Sie glaubte ihm nicht, das sah er.
Das meditative Gehen im Klosterhof gefiel Kleinmann. Die Herbstluft schmeckte würziger als das Mittagessen. Danach saßen sie wieder. Seine Augen machte er gleich ganz zu. In seinem Nacken kribbelte das Kreuz. Seine Wunde juckte. Er lenkte seine Konzentration auf seine Atemzüge. Er zählte sie. Er passte sich dem Rhythmus seines Nachbarn an. Er suchte seinen eigenen Rhythmus. Er ließ seine Gedanken vorbeifließen. Er zählte sie. Er ignorierte seine Gedanken. Er gab auf und öffnete die Augen. Erschöpft ließ er seinen Blick schweifen. Wieder war er der einzige Versager. Er wünschte sich einen Fernseher mit Fernbedienung. Er fand ein Gemälde. Es war noch blutrünstiger als das Kruzifix. Der Zen-Meister saß direkt darunter, aber er war Lichtjahre von all dem Blut entfernt.
Kleinmann betrachtete das Bild. Eine üppige, junge Frau in einem golden schimmernden Kleid schnitt einem bärtigen Mann die Kehle durch. Sie hatte Hilfe von einer zweiten, einfach gekleideten Frau, die halb auf dem Bärtigen kniete und ihn auf sein Bett niederdrückte. Der Mann war nackt, nur bedeckt von einer samtenen Decke. Die Frauen hatten ihn im Schlaf überrascht. Seine Gegenwehr erlahmte in diesem Augenblick. Die Üppige hielt seinen Kopf mit kräftiger Hand fest an Haar und Bart gepackt. Mit der anderen Hand hatte sie ihr kurzes Schwert schon halb durch seinen Hals getrieben, und sie sah nicht aus, als wollte sie aufhören. Sie würde den Kopf abtrennen, Kleinmann war sicher. Sie arbeitete mit ausgestreckten Armen, um ihr Kleid zu schonen. Das Blut schoss in Strahlen aus der Wunde, das zerwühlte Laken war durchtränkt. Beide Frauen wirkten sachlich und konzentriert. Kleinmann schloss seine Augen wieder. Er atmete ein und aus. Nach dem siebzehnten Atemzug ertönte der Gong.
In der Nacht wanderten die Mörderinnen durch seine Träume. Er wollte Sex mit der Dicken, erwachte aber vorher mit schlechtem Gewissen und schlief nicht wieder ein. Den ganzen Tag war er müde. Beim Zazen machte er viele Pausen. Seine Augen suchten immer wieder das alte Gemälde. Er wusste nicht, warum. Er hatte keine Ahnung von Kunst, und es gefiel ihm nicht einmal. In der Küche putzte er Gemüse mit der jungen Frau. Wieder besserte sie seine Arbeit nach, wieder lächelte sie die ganze Zeit. Er wurde wütend. Auf das Bild, die Küchenfrau, den Mann, der so laut atmete, auf sich selbst. Warum hatte er keinen anderen Sitzplatz gewählt? Warum hatte er sich Küchenarbeit ausgesucht? Wieso setzte er sich nicht einfach um? Seine Wut hielt ihn abends noch lange wach.
Am nächsten Morgen weckte der Gong ihn aus tiefem, traumlosem Schlaf. Kleinmann trat als einer der Ersten auf den Gang. Er fühlte sich lebendig. Dieses Gefühl hatte er so lange nicht gehabt, dass er es erst nicht erkannte. Dann freute er sich. Das erste Sitzen endete nach 387 Atemzügen. Gut, er hatte gezählt, aber er hatte sich nicht aus dem Rhythmus bringen lassen. Beim Frühstück schmeckte ihm sogar der Käse. In der Küche organisierte er sich eine eigene Schüssel für sein Gemüse. Als die Lächlerin hineingreifen wollte, entzog er sie ihr reaktionsschnell und lächelte zurück. Nach getaner Arbeit überreichte er die Schüssel persönlich der Köchin. Dann ging er sich die Hände waschen.
Auf dem Rückweg von der Toilette kam er wieder an der Küche vorbei. Der Anblick traf ihn wie ein Schlag. Die Köchin schnitt seine Möhrenstifte feiner. Als sie ihn bemerkte, lächelte sie. Betäubt folgte Kleinmann den anderen in den Meditationsraum. Als der Gong die Stunde beendete, hatte er nicht einen Atemzug bewusst erlebt. Er hatte die ganze Zeit nur auf das Gemälde gestarrt.
Am Abend fand Kleinmann nicht die Kraft, mit den anderen zu essen. Er kroch in sein Bett. Seine Kleider ließ er liegen, wo er sie sich vom Leib gezerrt hatte. Er drehte sich zur Wand. Karla hatte recht behalten, er war lächerlich. Ein lächerlicher Schlappschwanz. Die Wunde auf dem Handrücken juckte wieder. Auch sie würde bald vernarben. Ob er schneller sein würde, wenn sie ihm das nächste Mal brühend heißen Tee einschenken wollte? Würde sie sich etwas Neues einfallen lassen? Würde sie wieder über ihn lachen? Es wurde dunkel. Kleinmann hörte Zimmertüren auf- und zugehen. Dann wurde es still zwischen den alten Mauern. Bald hörte Kleinmann nur noch seinen eigenen Atem. Mitten in der Nacht stand er auf. Er machte kein Licht. Er streifte Hose und Pulli über, die Schuhe fand er nicht.
Seine Füße waren eiskalt, als er vor das Gemälde trat. Er stellte die Kerze, die er unter einer Marienstatue gefunden hatte, auf die Holzbank. Er kniete nieder, legte seine Hände in den Schoß und betrachtete das Gemälde. Er musterte die Mörderin, begutachtete ihr üppiges Dekolleté, studierte die Miene der Dienerin, die aufgerissenen Augen des Opfers. Er sah sich das Bild an, bis er es nicht mehr sah, bis es nur noch da war, bis er nur noch da war, bis er nur noch saß, von ganzem Herzen. Kleinmann hörte die anderen hereinkommen. Es war nicht wichtig. Dann legte jemand sanft eine Hand auf seine Schulter. Der Meister stand hinter ihm und sagte nur ein Wort: Satori. Kleinmann wusste nicht, was es bedeutete, aber er bemerkte die Ehrfurcht in den Blicken der anderen. Dann sah er, dass es Tag geworden war.
Er verließ das Gästehaus als einer der Letzten. Seine Knie taten höllisch weh. Auf dem Innenhof umarmte ihn die Lächlerin und dankte ihm wortreich unter Tränen. Er verstand nicht,...




