Bolaño | Mörderische Huren | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Bolaño Mörderische Huren

Erzählungen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-446-25911-9
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-446-25911-9
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Melancholische Pornostars, durchgedrehte Dichter, mystische Zahnärzte und Fußballer mit einem Hang zum Übersinnlichen - Roberto Bolaño, der große Erzähler aus Chile, bleibt unnachahmlich. In dreizehn unwiderstehlich komischen, abgründigen Erzählungen zeichnet er die Lebenslinien von Menschen nach, die auf der Flucht sind: vor Armut und Gewalt, vor allem aber vor sich selbst. Es sind dreizehn Treffer ins finstere Herz der Gegenwart. Wo auch immer Bolaños Figuren landen auf der Welt, sie tragen die Zeichen ihrer Verstörung mit sich. Doch ohne die Verstörung wäre nichts Menschliches, denn 'die Welt ist lebendig und nichts Lebendiges hat eine Lösung und das ist unser Glück.'

Roberto Bolaño, 1953 in Chile geboren und nach dem Militärputsch von 1973 inhaftiert, ging ins Exil nach Mexiko und 1976 nach Spanien. 2003 starb er in Barcelona. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den National Book Critics Circle Award für die amerikanische Ausgabe seines Romans 2666. Bei Hanser erschienen zuletzt die Romane 2666 (2009), Lumpenroman (2010), Das Dritte Reich (2011) und Die Nöte des wahren Polizisten (2013) sowie der Erzählungsband Mörderische Huren (2014) und der Gedichtband Die romantischen Hunde (2017).
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EL OJO SILVA


für Rodrigo Pinto
und María und Andrés Braithwaite

So wie die Dinge liegen, hat Mauricio Silva, genannt El Ojo, das Auge, immer versucht, der Gewalt auszuweichen, auch auf die Gefahr hin, als Feigling dazustehen, aber der Gewalt, der echten Gewalt, kann man nicht ausweichen, schon gar nicht wir, die wir in den fünfziger Jahren in Lateinamerika geboren wurden und um die zwanzig waren, als Allende starb.

El Ojos Fall ist paradigmatisch und exemplarisch, und es kann vielleicht nicht schaden, ihn wieder in Erinnerung zu rufen, zumal so viele Jahre seither vergangen sind.

El Ojo Silva hatte Chile im Januar 1974, vier Monate nach dem Putsch, verlassen. Er ging erst nach Buenos Aires und wurde von den üblen Lüften, die in der Nachbarrepublik aufkamen, nach Mexiko vertrieben, wo er einige Jahre lebte und wir uns kennenlernten.

Er war nicht wie die meisten Chilenen, die damals in DF lebten: Er brüstete sich nicht mit der Beteiligung an einem mehr eingebildeten als wirklichen Widerstand, verkehrte nicht in Exilantenkreisen.

Wir wurden Freunde und trafen uns für gewöhnlich mindestens einmal pro Woche im Café La Habana in der Calle Bucareli oder in meiner Wohnung, Calle Versalles, wo ich mit meiner Mutter und meiner Schwester lebte. In den ersten Monaten hielt sich El Ojo Silva mit sporadischen, prekären Jobs über Wasser, dann fand er Arbeit als Fotograf für eine Zeitung aus DF. Ich weiß nicht mehr, welche Zeitung es war, vielleicht El Sol, wenn es je eine Zeitung dieses Namens in Mexiko gegeben hat, vielleicht El Universal, wobei ich es vorgezogen hätte, es wäre El Nacional gewesen, dessen Kulturbeilage der alte spanische Dichter Juan Rejano leitete, aber bei El Nacional war er nicht, denn dort arbeitete ich, und El Ojo habe ich in der Redaktion nie gesehen. Aber er arbeitete für eine mexikanische Zeitung, daran besteht nicht der geringste Zweifel, und seine finanzielle Lage besserte sich, zunächst noch unmerklich, denn El Ojo hatte sich eine spartanische Lebensweise zu eigen gemacht, aber wenn man genau hinsah, waren untrügliche Anzeichen einer wirtschaftlichen Entspannung nicht zu übersehen.

Zum Beispiel erinnere ich mich, dass er während der ersten Monate in DF in Sweatshirts herumlief. Gegen Ende besaß er bereits ein paar Hemden, und einmal sah ich ihn sogar mit Krawatte, ein Kleidungsstück, das wir, also meine Dichterfreunde und ich, nie benutzten. Tatsächlich war El Ojo der einzige Mensch mit Krawatte, der sich jemals an unseren Tisch im Café La Habana setzte.

Damals hieß es, El Ojo sei schwul. Will sagen: In den chilenischen Exilantenkreisen kursierte dieses Gerücht, teils als Ausdruck übler Nachrede, teils als eine weitere Klatschgeschichte, von denen das eher langweilige Leben der Exilanten zehrte, Linken, die zumindest hüftabwärts genauso dachten wie die Rechten, die sich damals gerade Chile unter den Nagel rissen.

Einmal kam El Ojo zum Essen zu mir nach Hause. Meine Mutter hatte ihn gern, und El Ojo vergalt es ihr, indem er hin und wieder Fotos von der Familie machte, also von meiner Mutter, meiner Schwester, irgendeiner Freundin meiner Mutter und mir. Jeder mag es, fotografiert zu werden, sagte er mir einmal. Mir war es egal, glaubte ich zumindest, aber als El Ojo das sagte, dachte ich eine Weile über seine Worte nach und gab ihm schließlich recht. Nur einige Indios mögen keine Fotos. sagte er. Meine Mutter glaubte, er würde die Mapuche meinen, aber in Wirklichkeit meinte er die Inder aus Indien, jenem Indien, das für ihn in der Zukunft so wichtig werden sollte.

Eines Abends traf ich ihn im Café La Habana. Es gab kaum Gäste, und El Ojo saß an der Fensterfront zur Calle Bucareli vor einem Milchkaffee im Glas, einem jener großen, dicken Gläser, wie man sie im La Habana hat und wie ich sie an keinem anderen öffentlichen Ort je wieder gesehen habe. Ich setzte mich zu ihm, und wir plauderten eine Weile. Er wirkte durchsichtig. Das war mein Eindruck. El Ojo wirkte wie aus Glas, und sein Gesicht und das Milchkaffeeglas schienen Zeichen auszutauschen, als hätten sie einander gerade getroffen, zwei unverständliche Phänomene im weiten Universum, und versuchten mit mehr gutem Willen als Hoffnung eine gemeinsame Sprache zu finden.

An diesem Abend gestand er mir, er sei schwul, so wie es die Exilanten herumposaunten, und werde Mexiko verlassen. Einen Moment lang glaubte ich zu verstehen, dass er ginge, weil er schwul sei. Aber nein, ein Freund hatte ihm einen Job in einer Pariser Fotoagentur besorgt, und davon hatte er immer geträumt. Er hatte Lust zu reden, und ich hörte zu. Er sagte, er habe seine sexuelle Neigung einige Jahre lang mit, ja was, Trauer?, Diskretion? ausgelebt, vor allem weil er sich als Linker verstand und seine Gesinnungsgenossen gewisse Vorurteile gegen Schwule hegten. Wir sprachen über die (heute ungebräuchliche) Bezeichnung »Invertierter«, die wie ein Magnet wüste Landschaften anzog, und über den Ausdruck »colisa«, den ich mit »s« schrieb und von dem El Ojo dachte, man schriebe ihn mit »z«.

Ich erinnere mich, dass wir am Ende über die chilenische Linke herzogen und ich irgendwann auf die über die Welt verstreuten chilenischen Kämpfer anstieß, eine vielköpfige Unterabteilung der über die Welt verstreuten lateinamerikanischen Kämpfer, eine aus Waisen gebildete Entelechie, die, wie der Name schon sagt, über die Welt verstreut waren und ihre Dienste an den Meistbietenden verkauften, der übrigens fast immer auch der Schlimmste war. Aber nachdem wir gelacht hatten, sagte El Ojo, die Gewalt sei nicht seine Sache. Deine schon, sagte er mit einer Traurigkeit, die ich damals nicht verstand, aber meine nicht. Ich versicherte ihm, ich würde genauso fühlen wie er. Anschließend sprachen wir über andere Dinge, Bücher, Filme, und sahen uns nicht wieder.

Eines Tages erfuhr ich, dass El Ojo Mexiko verlassen hatte. Ich erfuhr es durch einen ehemaligen Arbeitskollegen von der Zeitung. Ich fand es nicht merkwürdig, dass er sich nicht von mir verabschiedet hatte. El Ojo verabschiedete sich nie von jemandem. Ich verabschiedete mich nie von jemandem. Meine mexikanischen Freunde verabschiedeten sich nie von jemandem. Meine Mutter jedoch hielt das für ein Zeichen schlechter Erziehung.

Zwei oder drei Jahre später verließ auch ich Mexiko. Ich war in Paris, suchte nach ihm (wenngleich nicht allzu intensiv) und fand ihn nicht. Mit der Zeit vergaß ich sogar sein Gesicht, obwohl mir immer eine Art sich zu nähern, da zu sein, sich aus einer gewissen Distanz und einer gewissen überhaupt nicht aufdringlichen Traurigkeit heraus zu äußern in Erinnerung blieb, die ich mit El Ojo Silva verband, einem gesichtslosen oder schattengesichtigen El Ojo, von dem meine Erinnerung aber das Wesentliche bewahrte, seine Art sich zu bewegen, eine fast abstrakte Art, in der für Ruhe kein Platz war.

Die Jahre vergingen. Viele Jahre. Einige Freunde starben. Ich heiratete, bekam einen Sohn, veröffentlichte ein paar Bücher.

Einmal ergab es sich, dass ich nach Berlin fahren musste. Am letzten Abend nahm ich mir, nachdem ich mit Heinrich von Berenberg und seiner Familie gegessen hatte, ein Taxi (obwohl mich sonst immer Heinrich ins Hotel brachte), das ich vorher halten ließ, weil ich noch ein wenig laufen wollte. Der Taxifahrer (ein älterer Asiat, der Beethoven hörte) setzte mich rund fünf Straßen vom Hotel entfernt ab. Es war nicht sehr spät, dennoch waren fast keine Leute unterwegs. Ich überquerte einen Platz. Dort auf einer Bank saß El Ojo. Ich erkannte ihn nicht, bis er mich ansprach. Er nannte meinen Namen und fragte, wie es mir ginge. Ich drehte mich um und sah ihn eine Weile an, ohne zu wissen, wer er war. El Ojo blieb auf der Bank sitzen und seine Augen schauten mich an, dann schauten sie auf den Boden oder zur Seite, auf die riesigen Bäume des kleinen Berliner Platzes und die Schatten, die um ihn tiefer waren (glaubte ich damals) als um mich. Ich machte ein paar Schritte auf ihn zu und fragte, wer er sei. Ich bin es, Mauricio Silva, sagte er. El Ojo Silva aus Chile?, fragte ich. Er nickte, und da erst sah ich ihn lächeln.

In dieser Nacht unterhielten wir uns fast bis zum Morgengrauen. El Ojo lebte seit ein paar Jahren in Berlin und kannte die Kneipen, die die ganze Nacht geöffnet hatten. Ich fragte ihn nach seinem Leben. In groben Zügen entwarf er vor mir die wechselvolle Existenz eines Freelancer-Fotografen. Er hatte Wohnungen in Paris, Mailand und jetzt in Berlin besessen, bescheidene Wohnungen, in denen er seine Bücher aufbewahrte und denen er über längere Zeiträume fernblieb. Erst als wir die erste Kneipe betraten, konnte ich feststellen, wie sehr er...


Bolaño, Roberto
Roberto Bolaño, 1953 in Chile geboren und nach dem Militärputsch von 1973 inhaftiert, ging ins Exil nach Mexiko und 1976 nach Spanien. 2003 starb er in Barcelona. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den National Book Critics Circle Award für die amerikanische Ausgabe seines Romans 2666. Bei Hanser erschienen zuletzt die Romane 2666 (2009), Lumpenroman (2010), Das Dritte Reich (2011) und Die Nöte des wahren Polizisten (2013) sowie der Erzählungsband Mörderische Huren (2014) und der Gedichtband Die romantischen Hunde (2017).

Hansen, Christian
Christian Hansen, 1962 in Köln geboren, lebt in Berlin und Sóller. Er übersetzt u. a. Werke von Roberto Bolaño, José; Pablo Feinmann, Juan Goytisolo, Amin Maalouf, Alan Pauls, Sergio Pitol, Guillermo Rosales und Vizconde de Lascano Tegui.

Roberto Bolaño, 1953 in Chile geboren und nach dem Militärputsch von 1973 inhaftiert, ging ins Exil nach Mexiko und 1976 nach Spanien. 2003 starb er in Barcelona. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den National Book Critics Circle Award für die amerikanische Ausgabe seines Romans 2666. Bei Hanser erschienen zuletzt die Romane 2666 (2009), Lumpenroman (2010), Das Dritte Reich (2011) und Die Nöte des wahren Polizisten (2013).



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