E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Reihe: Skogland
Boie Skogland 1
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86274-046-8
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jugendthriller ab 12 Jahren - Spannung und Geheimnisse in einem faszinierenden Land voller Rätsel
E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Reihe: Skogland
ISBN: 978-3-86274-046-8
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kirsten Boie ist eine der renommiertesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis und das Bundesverdienstkreuz.
Autoren/Hrsg.
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1.
Die Sonne verschwand hinter einer Wolke, und auf der Terrasse spürten die Mädchen die beginnende Abendkühle. Selbst hier im Norden Deutschlands war es jetzt endgültig Sommer geworden, und das zarte Grün des späten Frühlings verwandelte sich allmählich in den kräftigen Ton des Hochsommers.
Zum ersten Mal in diesem Jahr hatten sie ihre Hausaufgaben im Garten gemacht; jetzt schob Tine ihre Stifte energisch zusammen.
»Hausaufgaben in Kunst sollten verboten werden«, sagte sie und sah mit eingezogenen Mundwinkeln auf das große Blatt Papier, von dessen unterem Rand zaghaft gestrichelt ein Baum nach oben wuchs, unregelmäßig und an vielen Stellen radiert. »Kunst ist eigentlich ein Vergnügungsfach.«
Jarven seufzte. »Weil das jeder denkt, gibt’s die Hausaufgaben ja«, sagte sie. »Die Kunstlehrerin will sich wichtig machen. Nur darum hocken wir jetzt hier, wetten?«
»Jedenfalls wird es mir zu kalt«, sagte Tine. »Und das bedeutet das Ende des Stammbaums, da kann sie morgen meckern, soviel sie will. Drinnen setz ich mich nicht noch mal hin.«
Jarven sah nachdenklich auf ihr Blatt, bevor sie es aufrollte und mit einem Gummi festhielt. »Vielleicht frag ich meine Mutter nachher noch«, sagte sie. »Bei mir ist ja nun wirklich praktisch nichts drauf.«
»Wegen dem Ausländer eben«, sagte Tine, aber dann zuckte sie erschrocken zusammen. »Nee, mein ich ja nicht so, du weißt schon! Ich mein, das ist nur, weil deine Mutter dir nicht sagen will, wer dein Vater ist. Darum kannst du da die ganzen Großmütter und Urgroßmütter und Kram eben nicht eintragen. Kannst du eben nur einen halben Stammbaum abgeben.«
Jarven schüttelte den Kopf. »Und die Mutter-Hälfte auf meiner Zeichnung findest du besonders gelungen, ja?«, sagte sie. »Da hab ich doch eigentlich auch nichts.«
Tines Mutter steckte den Kopf durch die Terrassentür. »Mädels?«, sagte sie. »Es wird zu kalt für euch hier draußen.«
Tine verzog den Mund. »Ach nee«, sagte sie.
»Sei nicht so frech«, sagte ihre Mutter ungerührt. »Abendbrot steht in der Küche. Esst ihr mit?«
Jarven schüttelte den Kopf. »Ich glaub, ich sollte lieber nach Hause gehen«, sagte sie unsicher. »Meine Mutter macht sich immer so schnell Sorgen.«
Tine tippte sich an die Stirn. »Es ist sieben Uhr, Herzchen«, sagte sie. »Da kommt im Fernsehen grade mal das Sandmännchen für die Babys. Deine Mutter war schon immer so panisch. Du musst sie einfach mal ein bisschen erziehen.«
Tines Mutter legte Jarven ihre Hand auf den Arm. »Nein, das sollst du nicht tun«, sagte sie. »Aber schick ihr doch eine SMS, dass du noch bei uns isst. Dann weiß sie, wo du bist.«
Jarven nickte und klappte ihr Handy auf. Natürlich wusste sie, dass Mama ärgerlich sein würde. Töchter schicken ihren Müttern nicht einfach eine Nachricht, um zu sagen, wo sie sind und dass sie länger bleiben. Töchter rufen an, um zu , ob sie länger bleiben dürfen.
»Bin noch bei Tine«, tippte sie ein. Hoffentlich war Mamas Handy überhaupt eingeschaltet. Mama war da immer so nachlässig. »Bin noch im Hellen zurück. Küsschen, Jarven.«
Danach schaltete sie das Handy aus. Sie hatte keine Lust auf eine Nachricht von Mama, dass sie sofort nach Hause kommen sollte.
»So!«, sagte Jarven und ließ sich auf den vierten Küchenstuhl plumpsen. (Kein Benehmen. Man setzt sich langsam und mit geradem Rücken.)
Sie liebte Tines Küche. Immer war sie ein bisschen unaufgeräumt, immer stand ein Rest schmutziges oder gerade gespültes Geschirr auf der Ablage neben der Spüle, und an der Wand hinter dem Esstisch waren an einer Korktafel so viele Zettel aufgespießt, dass ab und zu beim Essen einer in den Aufschnitt fiel: oder und neulich ein Notfall-Apothekenplan aus dem Jahr 1997, der am Rand schon ganz gelblich aussah. Jarven war sich sicher, dass Tines Mutter noch niemals einen Zettel abgenommen hatte. Nur immerzu neue angepinnt. Mama wäre gestorben.
»Fertig mit den Hausaufgaben?«, fragte Tines Vater.
Auch deshalb liebte Jarven Tines Küche. Tines Haus. Jede Mahlzeit bei Tine.
Weil sie eine richtige Familie waren, Vater, Mutter, Kind. Zwei Kinder, wenn Jarven mitaß. Und weil Tines Vater so war, wie er war: immer freundlich, ein bisschen schusselig, niemals laut. Natürlich hatte sie keine Erfahrung mit Vätern, aber sie war sicher, dass ein guter Vater haargenau so sein musste. Immer gab Tines Vater ihr das Gefühl, dass er sich über ihren Besuch freute.
»Nee, mit den Hausaufgaben heute kann man gar nicht fertig werden!«, sagte Tine und drehte einen Zipfel Leberwurst in den Fingern, bevor sie ihn mit gekrauster Nase wieder auf den Wurstteller fallen ließ. »Stammbaum.«
»Boah!«, sagte ihr Vater. Mama wäre auch an dieser Stelle in Ohnmacht gefallen, dachte Jarven. Ein erwachsener Mann! »Und? Habt ihr was Hübsches gezeichnet?«
Tine tippte sich an die Stirn. »Wie denn wohl?«, fragte sie. »Weißt vielleicht, wie Oma Bietigheims Eltern hießen?«
Ihr Vater nickte ernsthaft. »Romuald Freiherr von Düttundatt und Bettine Freifrau von D., geborene von und zu Hüftschwung«, sagte er. »Brauchst du die Geburtsdaten?«
Jarven kicherte.
»Vielleicht denk ich mir nachher wirklich noch was aus«, sagte sie. »Ich hab jedenfalls viel zu wenig. Da ist die morgen sonst sauer.«
»Brauchst du ein paar glaubwürdige Namen?«, fragte Tines Vater. Sein Messer ruhte auf dem Brot.
Jarven schüttelte den Kopf. »Wie die eben?«, sagte sie. Dabei wäre es nützlich gewesen. Vor allem ausländische Namen fielen ihr nicht so viele ein, am einfachsten vielleicht noch türkische. Zu ihrem Aussehen würden die ja passen. Aber wahrscheinlich war Tines Vater da auch nicht besonders hilfreich.
Tines Mutter hielt ihr den Brotkorb hin. »Nehmt es nicht zu schwer«, sagte sie. »Noch eine Woche, dann sind Ferien. Bestimmt haben die Zeugniskonferenzen längst stattgefunden, da ist es sowieso völlig egal, was ihr jetzt noch tut. Sollte ich euch natürlich nicht sagen.«
In diesem Augenblick klingelte es.
»Nanu?«, sagte Tines Vater und stand auf. »Erwartet irgendwer irgendwen?«
Natürlich wusste Jarven, wer vor der Tür stand.
»Wie, verschwunden?«, rief Norlin. »Mein Gott, der Sicherheitsdienst muss doch Leute dort gehabt haben! Das Internat war rund um die Uhr bewacht!«
»Wie es scheint, Königliche Hoheit«, sagte der Beamte und hob die Schultern an, als erwarte er, geprügelt zu werden; aber davon konnte natürlich keine Rede sein, »haben sie gerade zu der Zeit … Ein Ablenkungsmanöver, wie es scheint …«
»Und?«, rief Norlin. Die Vorhänge waren noch nicht vor die Fenstertüren gezogen, und vom Platz vor dem Palast fiel rötlich gelb das Licht der Straßenlaternen in den dämmerigen Raum. »Was sagt die Hausmutter? Der Direktor? Wonach sieht es aus? Sieht es nach einer Entführung aus?«
Der Beamte machte einen vorsichtigen Schritt rückwärts, als erwarte er jetzt endgültig den Zorn des Vizekönigs.
»Etwas anderes kann man sich ja kaum vorstellen, Königliche Hoheit!«, sagte er. »Aber das Sonderbare ist … Das Sonderbare ist …«
»Ja?«, sagte Norlin.
»Das wenigstens beschwören die Männer vom Sicherheitsdienst!«, sagte der Beamte. »Kein Auto weit und breit in den letzten Stunden vor ihrem Verschwinden! Und Sie wissen ja, das Gelände um die Schule herum ist über Meilen gut zu überblicken.«
»Wenn man sich die Mühe macht hinzusehen!«, sagte Norlin. »Ich muss wohl gar nicht erst fragen, ob ein Hubschrauber gesichtet worden ist? Lieferwagen? Pferdekutschen?«
»Nichts, Hoheit!«, sagte der Beamte eilfertig und verbeugte sich. »Die Männer sind sich sicher.«
»Dann haben sie es geschickt angestellt«, murmelte Norlin. Er sah den Boten an und trommelte mit den Fingerspitzen auf seinen Schreibtisch. »Ein unterirdischer Gang? Aber das Gelände ist doch gründlich untersucht worden, bevor mein Schwager Malena damals auf die Schule gelassen hat.«
»Ein unterirdischer Gang ist unwahrscheinlich, Hoheit«, sagte der Beamte und verbeugte sich wieder. »Wegen des felsigen Untergrundes. Der Leiter der Untersuchung …«
Norlin unterbrach ihn. »Ich will ihn sprechen!«, sagte er. »Jetzt! Gleich.«
Der Bote lief gebeugt rückwärts zur Tür. »Natürlich, Hoheit!«, sagte er. »Ich werde ihn sofort …«
»Und noch nichts an die Presse!«, rief Norlin. »Hören Sie? Hören Sie? Zuerst muss ich mehr wissen! Mein Gott, ein falsches Wort, irgendeine dumme Kleinigkeit, alles, hören Sie!, könnte jetzt meine Nichte gefährden!« Und er sah aus, als begriffe er erst jetzt, was ihm gerade berichtet worden war.
»Ich gebe es weiter, Hoheit!«, rief der Beamte. Hinter seinem Rücken griff er nach der Türklinke. »Ich werde sofort den Untersuchungsleiter …«
»Und ich brauche Bolström«, sagte der Vizekönig und ließ sich erschöpft in seinen Schreibtischsessel sinken. »Schicken Sie mir Bolström. Egal, wo er sich aufhält.«
»Bolström, natürlich«, sagte der Bote, und jetzt klang seine Stimme nicht nur diensteifrig, sondern auch ein wenig erleichtert. »Ich werde ihn suchen lassen.«
Und während er die Tür hinter sich zuzog, dachte er, wie gut es war, dass Norlin seit dem Tod des Königs so eng mit Bolström zusammenarbeitete. Bolström würde helfen, die Prinzessin zu finden. Bolström eher als die...




