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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 184 Seiten

Reihe: Der Land-Kommissar

Boer Schwengelrecht

Kommissar Kattenstrohts zweiter Fall
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7843-9054-3
Verlag: Landwirtschaftsvlg Münster
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kommissar Kattenstrohts zweiter Fall

E-Book, Deutsch, Band 2, 184 Seiten

Reihe: Der Land-Kommissar

ISBN: 978-3-7843-9054-3
Verlag: Landwirtschaftsvlg Münster
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kommissar Kattenstrohts zweiter Fall hat es in sich: Im Landhotel Edelbroick kommt ein junger Anwalt auf spektakuläre Weise ums Leben. Schon bald steht für Kattenstroht und seine Assistentin Kathrin Eilers fest: Hier liegt ein Kapitalverbrechen vor! Die Spurensuche führt die zwei tief hinein in die undurchsichtigen Beziehungen des Opfers, die am Ende zu einer völlig überraschenden Wendung des Falles führen...

Hans-Peter Boer wurde 1949 im münsterländischen Nottuln geboren. Nach Abitur und Studium der Germanistik und Geschichte trat er 1972 in den Schuldienst ein. Zahllose Veröffentlichungen zur Kultur, Geschichte und Landeskunde des Münsterlandes folgten. Neben der Arbeit als erfolgreicher Autor ist Hans-Peter Boer seit Sommer 2007 Kulturdezernent der Bezirksregierung Münster. Er lebt mit seiner Familie in Nottuln.
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Johannes Lüer erwachte aus einem Schläfchen, zufrieden mit sich und der Welt. Er lupfte das große flauschige weiße Frotteetuch ein wenig, das er sich irgendwann über den Kopf gezogen hatte, und lugte vorsichtig in die Schwimmhalle. Geweckt hatten ihn wohl die Kinder, die mit einem enormen Lärm zurückgekehrt waren und einen „Arschbomben-Wettbewerb“ begonnen hatten. Die Wellen in dem Zwölfmeter-Becken, das aus bunten Scheinwerfern unter der Wasserlinie indirekt beleuchtet wurde, schlugen heftiger, spritzten und leuchteten auf, das Rufen und Quietschen der Kinder hallte durch die mit edlen Steinen und buntem Glas geschmückte Halle. Natürlich liefen alle Strudel, Gegenstromanlagen und Schwallduschen auf Hochtouren; der ein oder andere unter den Ruhe suchenden Gästen des Landhotels Gasthof Edelbroick war jetzt sicherlich verärgert. Selbst schuld! Warum mussten sie auch ihre Enkel in diese edle Oase der Entspannung mitnehmen!

Lüer war es egal. Er hatte seinen zweiten Saunagang hinter sich gebracht und sich dann gemächlich entspannt. Draußen pladderte, von kleinen Pausen unterbrochen, ein sanfter Frühsommerregen die Fensterscheiben hinab, Wolken schoben sich am Himmel entlang und ein leichter, kühler Wind ging durch das erste zarte Grün von Bäumen und Sträuchern des Hotelgartens. Irgendwo von weiter her aus dem Dorf hörte man das gedämpfte Heulen einer Kreissäge, die sich wie nach einem vorgegebenen Takt immer wieder in Klafterhölzer zu fressen schien und durch ihre Rhythmik schon fast beruhigend wirkte. Vor Wohlbehagen grunzend kuschelte sich der kurzgewachsene, wohlbeleibte Kleinunternehmer in seinen riesigen weißen Bademantel, den das Hotel seinen Gästen zur Verfügung zu stellen pflegte. Wie gut, dass man sich trockene Badetücher nehmen konnte, so viele man wollte. Der Service war eben eine Spur exquisiter, wie das Landhotel Edelbroick in seinen Prospekten und auf seiner Internetseite stets zu betonen pflegte. Der kostenlose Kaffee beim morgendlichen Frühschwimmen im edlen Ambiente war zum Beispiel solch eine Extraleistung der Sonderklasse. Aber all das konnte man bei dem Pensionspreis ja eigentlich auch erwarten.

Das zweite Badetuch war inzwischen von seinen Füßen geglitten. Lüer war einfach zu faul, es aufzuheben; er schaute völlig entspannt auf seine breiten Füße, die er in dicke Tennissocken gesteckt hatte. Marga hatte immer etwas gegen diese weißen Socken zu maulen, aber in der Ruhezeit nach einem Saunagang waren sie wirklich gut zu gebrauchen. Lüer wackelte ein wenig mit seinen Zehen und versuchte dann, trotz des schlechten Blickwinkels, die genaue Uhrzeit zu erkunden. Das Zifferblatt konnte er so eben hinter einem der Pfeiler aus Marmor erspähen, der mehrere Lampen mit antikisierten Schirmen aus buntem Glas trug. Unmittelbar davor erhob sich unmittelbar am Beckenrand eine der großen Schwallduschen, geformt wie ein Schwanenhals. Gerade sprangen wieder ein paar Kinder durch die tosenden Fluten. Es war gleich ein Viertel nach fünf Uhr.

Die Schwimmhalle fand man im Kreis der Stammgäste allgemein etwas zu protzig. Aber es war Edelbroicks ureigenste Idee gewesen, sich ausgerechnet einen Innenarchitekten aus Oberbayern kommen zu lassen. Dessen Lebenskatastrophe bestand nach Meinung seiner Kritiker wohl darin, nicht im 18. Jahrhundert und nicht in Venetien leben und arbeiten zu können. Das ganze Hotel hatte nämlich von der Rezeption über die große Hotelhalle bis zum Schwimmbad und dem Saunazentrum mit seinen drei Kabinen inklusive Dampfbad einen hochherrschaftlich italienischen Anstrich bekommen: bunt, malerisch, verspielt, wenn auch nicht ohne einen gewissen Charme und eine ebenso gewisse Eleganz.

Dieses Ambiente war eigentlich etwas für Jungvermählte; aber die Zimmer im Landhotel Gasthof Edelbroick waren ständig von wohlhabenden Rentnern und Pensionären belegt, die es sich mit einem Anflug von Selbstverständlichkeit leisten wollten, vom Morgen bis zum Abend vom Kopf bis zu den Füßen verwöhnt zu werden. Natürlich war der Wellness-Bereich eine Klasse für sich. Lüer seufzte vernehmlich: Die Masseurin am frühen Nachmittag war in der Tat in jeder Hinsicht exzellent gewesen. Das hatte er allerdings gegenüber Marga nicht verlauten lassen, sondern nur hervorgehoben, dass schon die erste Massage die Verspannung in seiner rechten Schulter behoben habe. Dieser formidable „Maus-Arm“ war wohl das Ergebnis der wochenlangen Vorbereitungen für die Steuerprüfung seines Unternehmens, einer Spezialfräserei für Maschinenbauteile. Immerhin 18 Arbeitnehmer hatte Lüer inzwischen sowie einen studierten und diplomierten Sohn als potenziellen Nachfolger; sein Betrieb hatte sich in 25 Jahren der Aufbauarbeit zum anerkannten Zulieferer für den Spezialmaschinenbau mit weltweiten Kontakten entwickelt. Die Zahlen stimmten.

Nachdem die Steuerprüfung inzwischen erfolgreich absolviert worden war, mussten jetzt aktuell weitere schwerwiegende Entscheidungen umgehend getroffen werden: Sollte Lüer nun sofort aufstehen und den dritten Saunagang starten mit dem Risiko, dem doch ziemlich schwatzhaften Gast aus Köln zu begegnen, mit dem man es bei 92 Grad Celsius bestimmt nicht lange aushielt? Lüer räkelte sich unschlüssig auf seiner Liege. Oder sollte er noch einige Minuten abwarten, bis der zungenfertige Rheinländer ebenfalls auf einer Liege hier am Pool oder im benachbarten, durch eine große Glastür abgeteilten Ruheraum auftauchte und somit die Gefahr einer unerwünschten Begegnung in der Saunakabine ausgeschlossen war?

Als suche er die Hilfe einer höheren Instanz, wandte Lüer seinen Blick gen Himmel, zur länglichen, sechseckigen Glaskuppel, die sich in etwa drei Meter Höhe ziemlich genau über seinem Ruheplatz aufwölbte. Der Architekt hatte den Ruhebereich der Schwimmhalle im Erdgeschoss um einige Meter aus dem eigentlichen Hotelkomplex in den Garten herausgezogen, so dass man, wenn bei warmer Witterung die großen Fenster versenkt wurden, fast den Eindruck eines Freibades gewinnen konnte. Den überwiegend in Glas gehaltenen Vorbau krönten eine größere und zwei kleinere Kuppeln. Mochten sie auch an der Oberseite in weiß ummantelten Stahlprofilen normale Doppelglasscheiben vorweisen, hatte der Architekt im Inneren doch eine bunte Bleiverglasung montieren lassen, die mit ebenfalls sechs Feldern der inneren Form der kleinen Kuppel folgte: Fantasieblumen waren dort zu sehen, Flamingos ähnliche Fabeltiere reckten erstaunlich lange Hälse und eine bunte Abfolge von kleinen Quadraten und Rauten bildete die Umrandung. Die Farben wirkten entspannend und der Hotelier ließ es sich auch nicht nehmen, die aufwendige Verglasung bei Dunkelheit sogar von außen anstrahlen zu lassen. Lüer fand den Himmel beruhigend und wandte sich in seiner wohligen Entspannung dem nächsten Problem zu, wie man die bevorstehende Zeit vom morgigen Himmelfahrtstag bis zum kommenden Sonntag am angenehmsten würde gestalten können. Natürlich müsste er mit Marga durch die benachbarten Forste wandern, aber nach körperlicher Ertüchtigung konnten Küche und Keller des Hauses Edelbroick auf schöne Aufträge der Familie Lüer hoffen.

Plötzlich barst der Himmel. Ein dumpfer Schlag erschütterte die Schwimmhalle, große Teile der bunten Glasgewölbeherrlichkeit lösten sich und stürzten herab, exakt auf den Ruheplatz des Johannes Lüer. Irgendetwas Schwarz-Weißes kam durch die Stahlträger herabgesaust und klatschte unmittelbar neben der Liege des Kleinunternehmers auf. Etwas Hartes knallte auf seinen Oberschenkel. Lüer indes hatte zunächst nichts Genaues gesehen, denn in einer reflexartigen Reaktion hatte er sich die Arme mit einem der dicken Frotteetücher vor das Gesicht gezogen. Rings um ihn herum prasselten Fragmente der Glaskuppel auf den Boden, zerschellten Scherben auf den harten Fliesen, spritzten gefährliche Splitter in alle Richtungen.

Für einen Augenblick herrschte in der Schwimmhalle fast Totenstille, nur das Rauschen der Wasserstrudel und Schwallduschen war zu hören, dann aber schrien alle durcheinander. Lüer zog Arme und Frotteetuch vom Gesicht weg, Scherben rieselten herab; er richtete sich leicht auf, bemerkte einen heftigen Schmerz in seinem linken Oberschenkel und schaute verblüfft in das Gesicht eines Menschen, der unmittelbar neben ihm auf dem Boden lag, jedoch den linken Arm auf seiner Liege platziert hatte und ihn mit starren Augen aus einem merkwürdig verdrehten Kopf anstarrte.

Johannes Lüer traf der Schock. Er schrie unkontrolliert los.

Von den Liegen sprangen die Menschen hoch, die Kinder krabbelten aus dem Wasser, aus dem benachbarten Ruheraum und der Sauna kamen Neugierige, teils nur mit einem Saunatuch bedeckt, um nach dem Herd der Unruhe zu suchen. Mehrere beherzte Männer näherten sich dem Ort des Geschehens, wobei sie trotz ihrer Saunalatschen sorgfältig darauf achteten, nicht in die Scherben zu treten, die sich überallhin verteilt hatten. Sie kümmerten sich nach einigen unsicheren Blicken auf den hereingestürzten Mann um den zitternden und fassungslosen Lüer, den man umgehend aus der Halle führen wollte. Eines der jungen Mädchen im Dress des Hauspersonals hatte derweil per Haustelefon die Geschäftsführung alarmiert. Sie und der für Schwimmbad und Sauna zuständige Techniker hielten nun die Neugierigen zurück, die sich nach anfänglicher Scheu in der Schwimmhalle zu sammeln begannen.

Fast zeitgleich erschienen der Hotelbesitzer Hans-Josef Edelbroick und sein Chefportier, Herr Alfons. Beide baten die Anwesenden nachdrücklich, die Schwimmhalle zu verlassen. Der Portier, bei dem nicht einmal die Stammgäste wussten, ob Alfons sein Vor- oder Nachname war – er war die eigentliche graue Eminenz des Hauses und Herr über die Verteilung der Zimmer und Termine –, hatte aus...


Hans-Peter Boer wurde 1949 im münsterländischen
Nottuln geboren. Nach Abitur und Studium der Germanistik und Geschichte trat er 1972 in den Schuldienst ein. Zahllose Veröffentlichungen zur Kultur, Geschichte und
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