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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 184 Seiten

Reihe: Der Land-Kommissar

Boer Schweinemond

Kommissar Kattenstrohts vierter Fall
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7843-9058-1
Verlag: Landwirtschaftsvlg Münster
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kommissar Kattenstrohts vierter Fall

E-Book, Deutsch, Band 4, 184 Seiten

Reihe: Der Land-Kommissar

ISBN: 978-3-7843-9058-1
Verlag: Landwirtschaftsvlg Münster
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist Mittsommer im idyllischen Münsterland. Während einer wissenschaftlichen Exkursion findet eine Biologiestudentin auf dem Gelände eines Waldkindergartens die ermordete stellvertretende Geschäftsführerin der örtlichen Agrar-Genossenschaft. Unverzüglich werden Kommissar Kattenstroht und seine Assistentin Kathrin Eilers mit dem Fall betraut. Was führte zum Tod der engagierten jungen Frau? Welche Rolle spielt ihr Protegé, der einflussreiche Freiherr von Wolberg-Stockhem in der Geschichte? Im Dickicht aus Motiven, Spuren und Bezichtigungen finden die beiden Kommissare schließlich eine überraschende Spur.

Hans-Peter Boer wurde 1949 im münsterländischen Nottuln geboren. Nach Abitur und Studium der Germanistik und Geschichte trat er 1972 in den Schuldienst ein. Zahllose Veröffentlichungen zur Kultur, Geschichte und Landeskunde des Münsterlandes folgten. Neben der Arbeit als erfolgreicher Autor ist Hans-Peter Boer seit Sommer 2007 Kulturdezernent der Bezirksregierung Münster. Er lebt mit seiner Familie in Nottuln.
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Der Tag versprach, wunderschön zu werden. Nach einer kurzen, klaren Nacht hatte sich die Sonne aus der Morgendämmerung erhoben und den leichten Dunst vertrieben, der im Morgengrauen unmerklich aus den Gründen des Münsterlandes aufgestiegen war. Jetzt strahlte sie über die Fluren und Wälder, über Ackertrifte und grüne Weiden, über Höfe und Flussauen. Hier und da arbeiteten die Bauern auf ihren Höfen. Gelegentlich war das Brummen von Treckern und anderen Maschinen zu hören. Sonst war es jedoch still in der Landschaft. Nur ein leichter Sommerwind spielte in Bäumen und Büschen, rauschte sanft in den kleinen Waldstücken und den Wallhecken, brachte wellenförmige Bewegung in die heranreifenden Felder und ließ die Wiesenkräuter wie die Binsen an den Ufern von Bächen und Teichen sich neigen und zittern. Mittsommer war gekommen.

Zwei junge Leute, die ihr Auto an der schmalen Straße geparkt und sich auf einen schmalen Patt längs der Wiese begeben hatten, folgten nun dem Lauf eines kleinen Baches, um an den Rand des ausgewiesenen Naturschutzgebietes im Stockhemer Feld zu gelangen. Das blondgelockte Mädchen ging zielstrebig voran, der Junge drömmelte eher missmutig hinterher. Das Mädchen war frisch wie der junge Tag; sie trug eine helle Jeans, leichte Sportschuhe und ein buntes T-Shirt, von dem sich die wuscheligen, langen Locken abhoben; sie war bester Laune und äußerst zungenfertig. Über die Schultern hatte sie einen kleinen Rucksack gelegt. Der Junge, aufgeschossen, hager und sportlich, trug angesagte amerikanische Markenklamotten: Shorts, T-Shirt und eine schon etwas kuddelige Baseballkappe; allerdings war er erkennbar gleichgültig gegenüber den Interessen und der fachlichen Begeisterung seiner Freundin. Zudem war er unrasiert und noch etwas grau im Gesicht. Folgerichtig beschwerte er sich darüber, dass einzelne Pflanzen, Binsen und Ranken ihm die Beine zerkratzten.

Früh am Morgen hatte Fredric aufstehen müssen, obwohl er fast die ganze Nacht zuvor auf einer stadtbekannten Feiermeile an Münsters Hafen zugebracht hatte. Wie gerne hätte er sich weiter die Decke über den Kopf gezogen. Seine Julia bestand indes darauf, dass Verabredungen eingehalten werden müssten, und für diesen Vormittag war fest abgesprochen, gemeinsam die Exkursion eines Biologie-Leistungskurses vorzubereiten, den sie als Referendarin an einem Gymnasium in der Kreisstadt für einige Zeit unterrichtete. Mit der Unterrichtsreihe war ein als existenziell empfundener Unterrichtsbesuch von Seminarleitung und Fachleitung verbunden. „Lehrerin wird man nur noch mit besten Zensuren!“, hatte Julia konstatiert. Allein wollte sie sich auch nicht in die freie Natur begeben. Im Übrigen würde die frische Luft nach der durchzechten Nacht Fredrics Körper und Geist äußerst guttun. Es war nicht einfach gewesen, den matten Knaben auf die Spur zu bringen, aber mit nachhaltigem Einsatz und dank verschiedenster Überzeugungsstrategien hatte die Kleine ihren Hasenbären aus dem Bett, auf die Beine, in die Klamotten, ins Auto und auf die Exkursion befördert. Fredric hatte nicht die geringste Chance. So musste er nun das Beste daraus machen.

Sie wanderten zügig den kleinen Bach entlang. Dabei registrierte Julia mit dem Blick der begeisterten Biologin Fauna und Flora und wusste auch mit den lateinischen Fachtermini zu glänzen. Das Beobachtungsgebiet, das sie sich für die Exkursion ausgesucht hatte, war erst vor einigen Jahren unter Naturschutz gestellt worden. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatte eine kleine Ziegelei aus dem nahen Dorf Stockhem begonnen, hier Ton abzugraben. Als man dann vor etwa 30 Jahren den Betrieb einstellte, blieben große Abgrabungsflächen und mehrere, bis zu zwei Meter eingetiefte Tongruben zurück. In ihnen und auf den tonigen Flächen sammelte sich das Wasser. Es dauerte nicht lange, und in dem Rückzugsgebiet siedelten sich seltene Pflanzen und Tiere an. Der örtliche Heimatverein tat sich mit Fachkräften des Naturschutzes zusammen, und man verabredete sich vor allem dahin, regelmäßig die Gewässer freizustellen und den Uferbewuchs zu kürzen, die mächtig aufschießenden Weiden und andere Kleingehölze zu entfernen, zudem die Grünflächen einmal im Jahr mit der Sense zu schneiden. Mittlerweile war das Stockhemer Feld bei Biologen und Naturfreunden ein Geheimtipp. Zwar erfreute sich die Dorfjugend hier trotz diverser Verbotsschilder immer mal wieder mit Partys und nächtlichem Bad in der freien Natur, aber insgesamt wurde das Gebiet doch geachtet und konnte sich ungestört entwickeln, vor allem nachdem die Naturfördergesellschaft mehrere Geländestücke rund um das Feuchtgebiet angepachtet und somit Distanzflächen geschaffen hatte. Nahezu alle Besucher hielten sich an die Regeln, blieben auf den Wegen und benutzten zur Beobachtung der Vogelwelt die beiden aus Holz errichteten geschützten Stände mit ihren Sichtluken.

Derweil hatten die jungen Leute, nachdem sie zwei Fischreiher aufgescheucht hatten, die mit lässigem, gleichmütigem Schwingenschlag über die Wasserflächen abzogen, den ersten der Aussichtsstände erreicht und erstiegen. Aus ihrem Rucksack holte Julia eine Digitalkamera hervor und hängte sie sich um. Fredric bekam ein Fernglas um den Hals gelegt. Das Vogelbestimmungsbuch musste er tragen, während sie sich mit dem entsprechenden Fachbuch zunächst um die Pflanzenbestimmung kümmern wollte. Gemeinsam verschafften sie sich von dem Ansitz mit Hilfe der Flurkarte einen Überblick und beschlossen, auf der dem Naturschutzgebiet abgewandten Wegseite Flächen von je einem Quadratmeter festzulegen, auf denen die Schülerinnen und Schüler Pflanzen erkennen, bestimmen, zählen und schlussendlich beschreiben sollten. Die eigentliche Analyse konnte dann in der Schule erfolgen.

Die natürliche Vegetation hatte im Laufe der Jahre die Grenze des eigentlich geschlossenen Gebietes überwunden. Schon längs des Weges wuchsen seltene Seggenarten, wie sie für saure Wiesen typisch sind. Aber auch Geflecktes Knabenkraut, Breitblättriges Knabenkraut, Stendelwurz und Zwergbinsen hatten sich angesiedelt. Julia suchte, fotografierte, kartierte und war immer wieder entzückt, wenn sie eine seltene Art identifizieren konnte. Fredric interessierte sich mehr für die ruhigen Wasserflächen, aus denen gelegentlich das Quaken einzelner Frösche zu hören war. Nach der Beschreibung der Naturfördergesellschaft tummelten sich mittlerweile sieben Amphibienarten in den Tümpeln, darunter selten gewordene Froscharten und Molche. Über den Wassern gaukelten große Libellen in schillernden Farben, die Binsen nickten im Morgenwind. Dem gedruckten Naturführer zufolge hätte man sogar Eis-
vogel, Turteltaube und Graugans beobachten können. Fredric war dazu jedoch zu müde, sein Blick noch etwas getrübt.

Nachdem Julia ihren Exkursionsplan abgerundet und so schöne Fachbegriffe wie „Isoëto-Nanojuncetea“ und „Schoenoplectus tabernaemontani“ zitiert und mehrfach wiederholt hatte, blieb nur noch, den Wetterbericht der nächsten Tage abzuwarten und die Haltestelle des Überlandbusses ausfindig zu machen, an der der LK Biologie demnächst ankommen sollte. Gemeinsam studierte das Pärchen die Karte. Sie hatten ihr Auto, da sie direkt von Münster gekommen waren, eigentlich am falschen Ende des Naturschutzgebietes geparkt, an seiner östlichen Seite. Die Bushaltestelle musste westlich eines Waldstückes an einer Landstraße liegen. Von dort führte ein befestigter Verkoppelungsweg etwa 500 Meter zum westlichen Rand des Naturschutzgebietes und fand Anschluss an den Wanderweg. Um Zeit und Weg zu sparen, kürzten die beiden jungen Leute ab, streiften geraden Wegs über eine breite Wiesenfläche und erreichten so den Waldrand, an dem vor allem Holunderbüsche ihre breiten Dolden in die strahlende Sonne reckten. Julia erinnerte sich eines Gelees, das ihre Mutter aus diesen Fruchtständen zu gewinnen pflegte. Fredric musste achtgeben, sich nicht an Dornenranken die Beine völlig zu zerkratzen. Auch Brennnesseln tauchten hier und da auf. Schon betraten sie den lichten Buchenwald, stöberten durch das Altlaub und ließen manchen morschen Ast knacken, bis sie auf eine große Lichtung gerieten, die sich im Sonnenschein reichlich bunt und merkwürdig unpassend möbliert präsentierte.

Rund um den freien Wiesenplan war ein rot-weißes Flatterband als Grenze gezogen. Zwei bunte Bauwagen waren aufgefahren, einige Zeltdächer waren aufgespannt und Campingmöbel in Gruppen verteilt worden. Ein Lagerkreuz mit Fahnen durfte ebenso wenig fehlen wie ein Dixi-Klo am Rande. Julia und Fredric zögerten einen Augenblick, wollten aber die große Lichtung nicht umgehen. Sie hoben also das Flatterband an und bewegten sich auf den vom Sonnenlicht überfluteten
Platz zu.

Das Ganze war offensichtlich ein Kinderlager, wobei die einzelnen Funktionen der Örtlichkeiten durch bunte, in Plastik eingeschweißte Bilder markiert waren: Es gab niedrige Spiel- und Essenstische, ein Ruhezelt, ein Küchenzelt und eine Sanitätsstation. Die beiden Bauwagen dienten wohl als Unterschlupf und Aufenthaltsstätte bei starkem Regen. Feste größere Bänke und Tische für Erwachsene waren sogar im Boden verankert worden. Am Weg, der auf den Platz führte, hatte man aus Stangen im Western-Stil ein Tor errichtet, unter dessen Querbalken eine bemalte Holztafel verkündete: „Waldkindergarten der Pfarrei St. Nikolaus Stockhem“.

„Die Blagen sind nicht da, weil’s Samstag ist. Und die Kindergärtnerinnen auch nicht! Sonst ist alles da und für uns vorbereitet!“, zeigte sich der junge Mann begeistert, denn auf einem Tisch stand eine Flasche Champagner mit zwei Gläsern. Fredrics Laune stieg, er setzte sich und bewunderte die Flasche, die in der Sonne wohl etwas zu warm geworden war. Als er sich...


Hans-Peter Boer wurde 1949 im münsterländischen
Nottuln geboren. Nach Abitur und Studium der Germanistik und Geschichte trat er 1972 in den Schuldienst ein. Zahllose Veröffentlichungen zur Kultur, Geschichte und
Landeskunde des Münsterlandes folgten. Neben der Arbeit als erfolgreicher Autor ist Hans-Peter Boer seit Sommer 2007 Kulturdezernent der Bezirksregierung Münster. Er lebt mit seiner Familie in Nottuln.



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