Böhn / Deigner | Tag am Meer | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 222 Seiten

Böhn / Deigner Tag am Meer


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-910388-08-6
Verlag: Baltrum Verlag Gbr
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 222 Seiten

ISBN: 978-3-910388-08-6
Verlag: Baltrum Verlag Gbr
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Aus unserer Ausschreibung 'Tag am Meer' ergaben sich zwei Anthologien. Die eine 'Wo ist Süden? für Kinder von 6 bis 11 Jahre und eben dieses Buch, in dem sich Geschichten für Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene finden. Geschichten rund um die See und das Meer. 35 Geschichten, genauso unterschiedlich wie ihre Autor*innen, jede einzelne mit ihrer eigenen Idee. Geschichten mit Humor und zum Nachdenken.

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Der Tag am Meer Natalie Bauer   Die Sonne brennt heute unerbittlich vom Himmel herab, so wie die letzten Tage auch. Fast jeder hat im Moment Ferien, kann nicht die Sonne auch mal Urlaub machen? Der nasse Waschlappen auf meiner Stirn hat die angenehme Kühle gefühlt binnen von Minuten verloren. Seufzend nehme ich ihn von der Stirn und lasse Arme und Beine schlapp vom Sessel baumeln. Jetzt bin ich diejenige, die wie ein nasser Waschlappen in der Ecke hängt. Kann mich mal jemand bitte auswringen? Meine Mutter betritt mit einem dampfenden Kaffee das Wohnzimmer und zieht die Augenbrauen hoch, als sie mich sieht. »Da ist ja der schmelzende Schneemann.« Ich verdrehe die Augen. Seit ich klein bin, bin ich blass, und dass, obwohl ich dunkle Haare habe. Ich werde in der Sonne nicht braun, höchstens rot. Meist bleibe ich so bleich wie ich bin. Diese Charakteristik hat mir den liebevollen Kosenamen ›Schneemann‹ eingebracht. Ich verdrehe genervt die Augen. »Und du trinkst noch einen Kaffee bei der Hitze. Bist du unkaputtbar?« »Kaffee macht müde Menschen munter.« »Es heißt: 'Milch macht müde Männer munter'. Du trinkst weder Milch, noch bist du ein Mann.« »Ja, aber verdammt müde«, entgegnet meine Mutter und setzt sich zu mir gegenüber auf die Couch. »Dein kleiner Bruder war mal wieder Alleinunterhalter in der Nacht.« Sie gähnt und nimmt einen großen Schluck von ihrer dampfenden Brühe. Ich werde nie verstehen, was Erwachsene an Kaffee finden. Vor allem nicht im Hochsommer, wo man doch eher eiskalte Zitronenlimonade mit einem bunten Strohhalm genießen sollte. »Wir fahren heute an den Strand. Willst du mit?« Ihre Frage ist zögerlich, sie versucht es aber so beiläufig wie möglich klingen zu lassen. Und da ist er wieder. Dieser versteckte, hoffnungsvolle Unterton in der Stimme meiner Mutter. »Wenn du willst, dass nur noch eine Pfütze von mir übrig ist«, sage ich ausweichend. »Also nein«, seufzt sie resigniert. »Dein Bruder würde sich auch freuen, wenn du mal mitkommen würdest.« »Er ist doch erst vier, so viel bekommt er doch eh nicht mit.« »Ich glaube, du unterschätzt die Macht der Erinnerungen«, sagt meine Mutter plötzlich ernst und geht in die Küche. Ich höre Spülmaschinengeklapper. Die Macht der Erinnerung? Ich war länger nicht am Meer, obwohl es so nah ist. Vielleicht gerade, weil es so nah ist. So alltäglich. Ich erinnere mich an Menschenmassen im Sommer und an schmerzenden Ohren im Winter vom Wind. Aber da ist auch etwas anderes, aber ich kann es nicht genau zuordnen. Ich sehe die Fußspuren meines Vaters im Sand. Eine Welle kommt und sie sind verschwunden. So als wären sie nie da gewesen. Ich starre an die Decke und schließe kurz die Augen. Ich möchte nicht ans Meer. Mein kleiner Bruder Tom kommt ins Zimmer getapst, in der Hand hält er einen kleinen Schwimmring, der aussieht wie ein Schoko-Donut. »Ich will planschen gehen.« Jedes Mal, wenn es an den Strand geht, ist mein Bruder aufgeregt und hat ein besonderes Funkeln in den Augen. Ich beneide ihn um seine kindliche Sicht auf Dinge. Ich mit meinen sechzehn Jahren kann nicht auf alles so unbekümmert und neugierig schauen. Irgendwie verlernt man das mit dem Älterwerden. Und jetzt klinge ich schon so wie meine Großmutter, dabei habe ich mein ganzes Leben noch vor mir. Und auch das hört sich wie ein totaler Oma-Spruch an. Eine halbe Stunde später steht meine Mutter mit Tom an der einen und einem üppig gepackten Korb mit Strandutensilien in der anderen Hand im Flur. »Wir sind in ein paar Stunden wieder da, Sarah. Ich hoffe ich finde nachher nicht nur eine Pfütze von dir vor.« Eine Anspielung darauf, dass ich der schmelzende Schneemann bin, ha, ha … »Ich kann den Wischmopp ja schonmal vorsichtshalber hochholen«, sage ich und zwinkere ihr zu. »Kommst du diesmal mit?«, fragt mein Bruder und schaut mich mit seinen blauen Kulleraugen an. Ich gehe in die Hocke und streichle seinen dunklen Lockenkopf. »Ich muss das Haus gegen böse Diebe verteidigen, solange ihr weg seid.« Meine Mutter lächelt belustigt, mein Bruder schaut mich mit großen Augen an. »Dann nehme ich meinen Donut erst recht mit.« »Ja, den dürfen sie nicht in ihre Hände bekommen! Das Schicksal der Erde hängt davon ab!« Mein Bruder umklammert seinen Schwimm-Donut stolz mit der anderen Hand und nickt. »Über sowas macht man eigentlich keine Witze, Sarah.« Ich ernte einen mahnenden Blick. »Aber auf der anderen Seite ist die Einbruchsrate hier auf der Insel so erschreckend niedrig … von daher brauche ich mir, denke ich, keine Sorgen zu machen«, fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu. »Nein, brauchst du nicht«, pflichte ich ihr bei. »Und du willst wirklich nicht mit …?« »Nein«, sage ich leise, aber bestimmt. Ihr Mund ist wie eine Linie zusammengepresst, dann fängt sie sich wieder und lächelt mich ein bisschen traurig an. »Alles klar, bis später.« Ich blicke ihnen nach, als sie mit dem Auto aus der Einfahrt fahren und der rote Peugeot hinter der nächsten Kurve verschwindet. Als Stille einkehrt, spüre ich die Hitze plötzlich wieder wie ein Gewicht auf mir. Ich tigere in der Wohnung umher, unschlüssig, was ich machen soll und vor allem wo. Überall ist es warm. Dann kommt mir eine Idee: Die Garage! Da meine Mutter und Tom weg sind, kann ich es mir dort ein wenig gemütlich machen. Klar, nicht der schönste Ort zum chillen und keine Location für ein stylishes Sommer-Instagram-Selfie, aber immerhin kühler als drinnen und draußen! Und ich werde nicht enttäuscht: Als ich die Garage betrete, kommt mir eine angenehm kühle Luft entgegen. Ich schnappe mir einen Liegestuhl und stelle ihn in der Mitte auf, eine kühle Dose Cola mit im Schlepptau. Hier lässt es sich definitiv aushalten! Nach einer kurzen Phase der Euphorie stelle ich ernüchtert fest, dass mein Smartphone hier keinen Empfang hat. Kein WhatsApp oder Instagram werde ich hier nutzen können, wie öde! Ich blicke mich in der Garage um. Regale mit Farbtöpfen und Werkzeug, alte Holzlatten und Spielzeugautos meines Bruders und einige Kisten – was hier noch für ein Krempel rumliegt. Aus einer der Kisten in der hintersten Ecke sehe ich den Ansatz eines pinken Rüschenkleides blitzen, das früher einer meiner Lieblingspuppen gehört hat. Ich öffne die Kiste und ziehe sie heraus. Die blonden Locken der Puppe, die ich 'Peppermint' genannt habe, sind nicht mehr so golden wie früher, aber trotzdem hängen noch viele Erinnerungen an viele unzählige Spielstunden an ihr. An ihrem Kleid klebt ein bisschen Sand. »Wo kommt der denn her?«, sage ich laut zu mir selbst. Ich wühle durch die Kiste und finde noch mehr Sachen, an denen kleine Sandkörner hängen, sogar an den heiligen Rolling Stones CDs meiner Mutter. Aber wieso? Und da sehe ich sie – eine kleine blaue Holzkiste. Ich hole sie vorsichtig heraus und puste den Staub und die Sandkörner hinunter. Ein Tag am Meer ist in das Holz eingeritzt. Ich öffne die kleine Kiste und mir schlägt die Brise des Meeres entgegen. Die Kiste ist mit feinem Sand und Muscheln gefüllt. Ich streiche mit der Hand über die glatte Oberfläche und lasse die Körner zwischen meinen Fingern durchrieseln. Es fühlt sich weich und rau zugleich an. So wie die See. Ich begutachte jede Muschel einzeln. Ein großes spitzes Schneckenhaus, halte ich mir ans Ohr. »Wenn du genau hinhörst, kannst du das Rauschen der Wellen hören.« Die Worte meiner Mutter hallen in mir wider. Ich schließe die Augen, aber ich höre nichts. Enttäuscht lasse ich die Schnecke sinken. Früher hätte das funktioniert. Früher hing an fast allem ein gewisser Zauber. Als ich die Schnecke zurücklegen will, blitzt ein Stückchen Papier aus dem Sand. Ich ziehe es vorsichtig hinaus. Ich halte einen zerfledderten Briefumschlag in den Händen, der voller Sand ist. Auf der Vorderseite steht mit feiner Schrift »Für Maria« geschrieben. Er ist an meine Mutter adressiert. Die Handschrift kommt mir vertraut vor: Es ist die Handschrift meines Vaters. Traurigkeit überkommt mich. Wie jedes Mal, wenn ich etwas sehe, dass mich an ihn erinnert. Vor knapp zwei Jahren starb mein Vater plötzlich bei einem Autounfall. Wir waren fast täglich zusammen am Strand gewesen, weswegen ich das Meer nicht mehr mit den gleichen Augen sehen kann. Etwas fehlt und es wirkt seitdem nur noch unvollkommen und leer. Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf den Brief in meinen Händen. Ob ich ihn überhaupt lesen darf? Dann erinnere ich mich an den Tag, an dem ich meine Mutter mal mit meinem Tagebuch erwischt habe. Ihr überraschter Blick glich dem eines Räubers, den man auf frischer Tat ertappt hat, auch wenn noch etwas Schuldbewusstes darin lag. Mit ein wenig Genugtuung und Schadenfreude hole ich den Brief vorsichtig aus dem Umschlag heraus und klappe ihn auf. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund klopft mein Herz, während mir einige Sandkörner durch die Finger rieseln. Der Brief ist auf den 26. Juli 2004 datiert, der erste Hochzeitstag meiner Eltern. Knapp ein Jahr später kam ich auf die Welt.   Meine liebe Maria,   Du wunderst Dich bestimmt, dass Du diesen Brief zu unserem ersten Hochzeitstag in den Händen hältst. Ich habe mal gehört, dass Frauen darauf stehen, wenn sie Briefe von Männern bekommen. Zumindest wird das in Deinen Liebesschnulzen immer so gesagt, die Du mir des Öfteren aufzwingst. Aber vielmehr bin ich davon überzeugt, dass man Dinge, die man liebt, festhalten soll. Und das möchte ich mit diesem Tag machen, den wir vor zehn Jahren zusammen erlebt haben, an dem wir zusammengekommen sind. Diesen Tag für immer festhalten –...



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