E-Book, Deutsch, 644 Seiten
Boden Das blaue Ende der Zeit
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95765-837-1
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 644 Seiten
ISBN: 978-3-95765-837-1
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Victor Boden, *1958, ursprünglich gelernter Modellbauer, bildete sich autodidaktisch zum Grafiker aus, veröffentlichte Comic-Storys (teils unter dem Pseudonym Alexander Schwarzberg) unter anderem in SCHWERMETALL. War zwischenzeitlich Tagelöhner, Barkeeper, Postfahrer, Geschäftsinhaber und illustriert heute gelegentlich Familienspiele. Lebt derzeit in Freiburg. Veröffentlichungen in EXODUS, NOVA und diversen Anthologien. www.pseudoraum.com
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2: Agenten, Aliens und drei Tode
Wie war doch gleich mein Name? Zum wiederholten Mal zog ich die Karte aus meiner Tasche und betrachtete sie. Sie war den Kreditkarten meiner Zeit nicht unähnlich, etwas schmaler vielleicht, dafür etwas länger und dicker. An der Seite befand sich ein kaum sichtbarer Goldstreifen, doch ein Chip oder etwas Ähnliches war von außen nicht erkennbar. Yanagida Yamahikoyoshi stand auf der Vorderseite. Himmel, das werde ich mir nie merken können! Fröhlicher Manager, Stufe drei, YAHONY. Klang nach einem lustigen Job. Darunter eine Adresse: Auge des Gorobei 283.
Ich hatte Lust auf eine anständige Mahlzeit gehabt, also hatte ich Ausschau nach einem Restaurant oder einer Kneipe gehalten und war schließlich in diesem Laden gelandet. Ohne jegliche Aufhängung schwebte über dem Eingang das Schild YAHONYs Glückseliges Tischchen in der Luft. Hinter dem blumigen Namen steckte die Filiale einer Fresskette, jedenfalls hoffte ich, hier etwas Essbares zu finden. Doch dann passierte das, was ich ein Leben lang zu vermeiden bemüht gewesen war: Hungrig vor einer Speisekarte zu stehen und nicht zu wissen, was dort angepriesen wurde. Aus diesem Grund war ich zu meiner Zeit auch nie weiter als bis nach Italien gereist, denn was eine Pizza oder Spaghetti waren, das wusste ich noch, aber asiatisches Essen, das kam mir schon immer spanisch vor. Noch dazu mit Stäbchen. Ich blickte mich um, in der Hoffnung, irgendwo ein Wiener Schnitzel oder wenigstens etwas Geschnetzeltes zu entdecken, doch vergebens. Die lächelnde Puppe in ihrem pinkgrünen Faschingskostüm wurde trotz ihrer asiatischen Freundlichkeit langsam ungeduldig. Schließlich deutete ich resigniert auf die Schale meines Vorgängers, auf dem sich rosarote Plättchen unter einem grünen Grützeberg häuften, und bestellte das Gleiche. Auf die Frage, ob es denn wenigstens ein Bier gäbe, erhielt ich ein kleines Plastikröhrchen mit einer blauen Flüssigkeit. Was konnte man schon erwarten, so fern der Heimat in Raum und Zeit? Ich bezahlte mit meiner ID-Karte, spuckte in den ID-Napf und suchte mir mit meinem Tablett einen Platz an einem der Fenster aus.
Nachdem ich mich gesetzt hatte, genoss ich erst einmal das friedliche Leben um mich herum. Tief sog ich die reine Luft in meine Lungen und atmete sie mit einem Gefühl des Wohlbefindens wieder aus. Welch ein unbezahlbarer Genuss! Wussten die Leute eigentlich, wie gut es ihnen hier ging?
Durch das Fenster blickte ich über hellgrüne Reisfelder, die im Wasser standen, Büsche und Bäume säumten die Wege, schneebedeckte Berge bildeten den Horizont und über allem strahlte ein blauer Himmel, an dem weiße Kraniche ihre Kreise zogen. Es war zu schön, um wahr zu sein, die Projektion war perfekt. Vermutlich ergab es Sinn, den Leuten solche Illusionen vorzugaukeln. Niemand wollte wissen, wie es draußen wirklich aussah. Vermutlich gab es in der gesamten Stadt kein einziges echtes Fenster, das den Blick auf die braunen Nebelschwaden zeigte.
Die Art, wie die Mutantenkids versucht hatten, mir die verbliebene Handschelle zu entfernen, hatte mir nochmals die Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Nachdem sie mir einen Lumpen zwischen Unterarm und Schelle geschoben hatten, versuchte ausgerechnet das grobmotorische Halbgesicht, das Ding mit einem feinen Strahl aus dem Lasergewehr entzwei zu schweißen. Es stellte sich allerdings heraus, dass der Junge mit der großen Wumme wesentlich besser umgehen konnte als mit antiken Schießeisen und so kam ich glücklicherweise mit einer mittelschweren Brandwunde davon.
Anschließend hatte der Nasenlose den Arm mit Salben und sauberen Mullbinden behandelt, die er einem plastikverschweißten Päckchen entnommen hatte. Den behelfsmäßigen Beinverband wechselte er ebenfalls aus. Das Verbandspäckchen hatte er dem Schutzanzug jenes Mannes entnommen, der von meinem zeitgenössischen Begleiter erschossen worden war und den sie inzwischen in ihr Lager gebracht hatten. Unter anderem fand sich im Zubehör des Anzugs auch Flickzeug, mit dem das windschiefe Mädchen mit den Gichtfingern die Einschusslöcher reparierte. Als Ausgleich dazu präparierte Halbgesicht ein Loch an der Stelle, an der sich die Ratten in mein Bein gefressen hatten. Es sollte so aussehen, als ob sich die Nagetiere durch den Anzug gebissen hätten. Ein grell orangefarbener Overall mit violetten Punkten wurde derselben Prozedur unterworfen. Es handelte sich um die Kleidung, die der Tourist unter dem Schutzanzug getragen hatte. Sie zogen mich aus und legten mir den gepunkteten Overall an, anschließend zwängten sie mich in den Schutzanzug. Danach drückten sie mir die Habseligkeiten des Vorbesitzers in die Hand: Diverse Arzneimittel, darunter ein Strahlungsblocker, den ich sofort hinunterschluckte, obwohl es bereits viel zu spät war; eingeschweißte Kunstnahrung, die wie gepfefferte Erdnussflips schmeckte; eine Gebrauchsanweisung für den Schutzanzug, in der mir erklärt wurde, wie meine körperlichen Ausscheidungen in Vitaminsaft und Tofu umgewandelt wurden, gefolgt von einem »Guten Appetit« und den Wünschen zu einem angenehmen Aufenthalt in der exotischen und wilden Natur, wobei gleichzeitig darauf hingewiesen wurde, dass die Firma keinerlei Haftung für irgendetwas übernahm.
Die orangefarbene Büroklammer hatte das windschiefe Mädchen wieder an meinem rechten Ohr befestigt. Das Ding war eine Art Schmuckstück und Funkgerät in einem. Offenbar hatten sich die beiden Touristen damit verständigt. Schließlich gab mir der Vermummte die kleine Plastikkarte mit diesem endlos langen Namen.
»Das ist deine Eintrittskarte für Shin Tokyo«, erklärte mir der vermummte Anführer der Bande.
Yanagida Yamahikoyoshi.
Seine Leiche hatte ich allerdings nicht mehr zu Gesicht bekommen und ich fragte auch nicht weiter danach.
Morena hatte den Mutantenkids einen Deal angeboten: Wenn sie mir die Identität des getöteten Touristen gaben und dafür sorgten, dass ich unbeschadet zur Röhrenbahn nach Shin Tokyo komme, würden sie als Gegenleistung von ihr den Code für Bunker siebzehn erhalten. Auf diesen Bunker waren sämtliche Mutantengangs der Gegend scharf. Er war seit der Katastrophe verlassen und elektronisch versiegelt, und in ihm stapelten sich unschätzbare Werte: Medizinische Ausrüstung, Waffen, Nahrungskonzentrate, Stromgeneratoren; kurz gesagt ein Platz, an dem man ein gesichertes und geschütztes Leben führen konnte. Darüber hinaus war es genau das Zeug, was man brauchte, um all den anderen Banden klarzumachen, wer hier das Sagen hatte.
Angeschnallt auf einer notdürftig zusammengeschusterten Bahre hatten sie mich über Stock und Stein gezerrt. Der Vermummte hielt dabei die linke, Halbgesicht die rechte Stange umklammert, das hintere Ende schleifte über den unebenen Boden, während ich auf den Weg blickte, den wir hinter uns ließen. Bei jedem Stein spürte ich meine Rippen. Das Mädchen mit dem windschiefen Gesicht befand sich ebenfalls in unserer Begleitung, außerdem ein Junge ohne Arme.
Die Kids kannten sich in ihrem Revier aus. Sie wussten, wo die Nester der rosaroten Morgenblüten lauerten und vor allem wussten sie, wo sich die anderen Gangs herumtrieben und wie man ihnen aus dem Weg ging.
Wir bewegten uns vorwiegend durch Hinterhöfe, die mit Schutt und Müll übersät waren und kamen nur langsam voran. Beim Ziehen der Bahre wechselte sich das Mädchen mit Halbgesicht ab. Wozu sie den armlosen Jungen mitgenommen hatten, blieb mir ein Rätsel.
Gegen Abend erreichten wir die Röhrenstation. Sie lösten mich von der Bahre und stellten mich auf die Beine. Anschließend hielten sie mich noch eine Weile in dieserfest, bis sich mein Kreislauf wieder eingependelt hatte. Dann stülpten sie mir den Helm über den Kopf und aktivierten die Sauerstoffzufuhr des Anzuges.
Das Gebäude sah aus wie eine militärische Hochsicherheitsanlage. Drei Reihen Stacheldraht umrundeten einen bombensicheren Bunker, garniert mit Türmen, die in regelmäßigen Abständen platziert worden waren. Unter den pilzförmigen Kuppeldächern ragten waffenartige Geräte heraus. Die Anlage war vollautomatisiert, zumindest konnte ich nirgends einen Menschen entdecken.
Die letzten Kilometer hatten sie mich durch wüstenähnliches Ödland gezogen und hier war nun, abgesehen von dieser Anlage, von einer zivilisierten Stadt weit und breit nichts zu sehen.
»In den Türmen sind automatische Kanonen installiert, sie schießen auf alles, was sich bewegt!«, erklärte der Junge ohne Arme.
»Und wie soll ich da reinkommen?«, fragte ich.
Der Armlose erklärte mir, dass ich ein Tourist sei, der von seiner Jagd nach Hause käme. In der Röhrenstation würde das Taxi warten, mit dem er zusammen mit seinem Kollegen gekommen war. Es würde mich in die Stadt bringen, wobei mir die ID-Karte alle Türen öffnen würde.
Halbgesicht hängte mir das Lasergewehr um die Schulter und der vermummte Bandenchef überprüfte noch mal mein äußeres Erscheinungsbild, dann gaben sie mich frei.
Ich bedankte mich bei den Kids.
»Bedanke dich nicht bei uns, sondern bei Morena«, entgegnete mir der Vermummte, »ohne sie wärst du auf unserer Speisekarte gelandet!«
Das Mädchen mit dem windschiefen Gesicht winkte mir zum Abschied mit ihren krummen Fingern zu. In diesem Moment taten mir diese Kinder unendlich leid. Arme Schweine dachte ich mir. Ich winkte zurück, dann drehte ich mich um und humpelte auf das Tor zu.
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Zwanzig Meter vor dem Eingang kam ich in den Erfassungsbereich der Kameras und eine Stimme krächzte aus der Büroklammer in mein Ohr: »Identifizieren Sie sich!«
Ich hatte die ID-Karte in der Hand und tat so, als ob ich auf die...




