Bockelmann | Das Geld | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 380 Seiten

Bockelmann Das Geld

Was es ist, das uns beherrscht
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95757-888-4
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Was es ist, das uns beherrscht

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

ISBN: 978-3-95757-888-4
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Geld regiert die Welt, und die von ihm regierte Welt droht in einer Katastrophe zu enden - sozial und ökologisch. Doch warum bestimmt das Geld überhaupt über den Lauf der Welt? Worin besteht seine Herrschaft, dass selbst die mächtigsten Regierungen vor ihm strammstehen und wir uns kaum vorstellen können, dass es je anders gewesen sein könnte? In seiner grandiosen Schilderung, wie das Geld in die Welt kam, zeigt Eske Bockelmann entgegen den heute gängigen Überzeugungen, dass sich dieses besondere Tauschmittel erst im Europa des Spätmittelalters durchgesetzt hat - mag es davor auch Märkte und Münzen gegeben haben. Mit einem ungewöhnlich genauen Blick auf die Geschichte und Ethnologie des Wirtschaftens arbeitet er die Unterschiede zu vormonetären Gemeinwesen und ihrem sozialen Zusammenhalt ohne Geld heraus und beleuchtet die Etablierung der Marktwirtschaft in den freien Städten des späteren Mittelalters bis hin zum Platzen der ersten Finanzblase. Und mit dieser Herleitung des Geldes gelingt es endlich, auch das scheinbar ewige Rätsel zu lösen: was Geld überhaupt ist - und wie es zusammenhängt mit Wert und Kapital, Spekulation und Krise, Staat und Gesellschaft. Seine glänzend geschriebene Untersuchung ist revolutionär, noch über Marx hinaus: Gerade indem sie uns ein neues, tieferes Verständnis der Zwänge und der Allmacht des Geldes verschafft, eröffnet sie uns eine Perspektive auf eine zukünftige Welt, in der das Geld der Vergangenheit angehören könnte.

Eske Bockelmann, geboren 1957 in Friedrichshafen, ist klassischer Philologe und Germanist. Er wurde promoviert an der Universität München und habilitiert an der TU Chemnitz, wo er seit 1994 arbeitet. Von ihm erschien 2004 Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens.
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Prolog



Im Nibelungenlied wird erzählt, wie König Gunther, Herr der Burgunden, gemeinsam mit Recken wie Hagen von Tronje und einem Gefolge aus tausend seiner Leute den langen Weg an den Hof des Hunnenkönigs Attila unternimmt. Dorthin hat ihn dessen Gattin eingeladen, Gunthers Schwester Kriemhild, mit heimlich-finsteren Rachegedanken allerdings, die das Ganze in einem wüsten Blutbad werden enden lassen. Auf dieser Reise nun ergibt es sich eines Tages, als die Pferde müde geritten sind und der Proviant bereits zur Neige geht, dass der ganze Zug vor die Burg des Markgrafen Rüdiger gelangt. König Gunther schickt Leute hinein, die um gastliche Aufnahme bitten sollen, und Rüdiger lässt umgehend antworten, er werde die Ankömmlinge mit Freuden empfangen. Als sie dann vor ihn treten und er sie persönlich willkommen heißt, ehrt der Markgraf seine Gäste gar mit dem Versprechen, er werde für alles Sorge tragen, was sie mit sich führen, Pferde und Ausrüstung. Und er fügt hinzu: Sollten sie während ihres Aufenthalts auf seiner Burg einbüßen, was immer es sein mag, »des wil ich wesen gelt« – wörtlich: dafür wolle er Geld sein.3

Markgraf Rüdiger will Geld sein – seltsam. Er sagt nicht, er wolle Geld für etwas oder Geld für etwas , nein, er will es . Wie ist das möglich? Was von dem, was unter Geld verstehen, kann jemand ? Für uns bedeutet Geld, dass wir etwas damit kaufen können. Doch ein Mittel, etwas zu kaufen, kann Rüdiger nicht wollen. Und selbst wenn er dergleichen Mittel nur wollte, würde es ihm in dieser Situation wenig nützen, denn nirgendwo in der Nähe fände sich etwas zu kaufen. Nirgends in der ganzen Gegend wird gerade ein Markt abgehalten, vielmehr heißt es ausdrücklich, es sei weit und breit nichts zu erstehen.4 Das Geld, von dem Rüdiger spricht, kann also nichts meinen, womit man etwas erwirbt.

Oder denkt er, wie es für uns im Zusammenhang mit Geld ebenfalls möglich ist, nur an den dessen, was seine Gäste bei ihm einbüßen könnten? Falls zum Beispiel in seiner Obhut ein Pferd einginge, will Rüdiger dann den Wert des Pferdes ersetzen? Nein, auch ein solcher Wert, wenn es um ihn zu tun wäre, könnte Rüdiger nicht zu versprechen. Außerdem zeigt der Befehl, den Rüdiger unmittelbar auf sein Versprechen hin seinen Knechten erteilt, dass es hier ganz grundsätzlich um etwas anderes geht. Da gebietet er nämlich, den Pferden der Ankömmlinge das Zaumzeug abzunehmen und die Tiere danach weiden zu lassen – und das Nibelungenlied kommentiert, eine solche Gastfreundschaft hätten Gunther und die Seinen vorher erfahren, sprich: noch nie. Das Besondere an dieser Behandlung ist nämlich, dass die Gäste für den Unterhalt der Pferde weder selbst zu sorgen noch Ausgleich zu leisten haben. Aber auch der Markgraf muss für das Weidenlassen der Pferde natürlich nichts weiter aufbringen, es stellt keinen Wert dar, den er sich oder irgendjemandem berechnen müsste: Hier wird nur Gras gefressen, kein Geld verbraucht, kein Wert verschlungen.

Das läuft ohne Geld ab – ohne das, was wir Geld nennen und was wir unter Geld verstehen. Geld, wie wir es kennen, können wir nicht sein. Und das heißt: Was Rüdiger sein kann, kann nicht Geld gewesen sein, wie wir es kennen. Für ihn und zu seiner Zeit hat das Wort offenbar etwas entschieden anderes bedeutet als in unserer Gegenwart, es entspricht nicht dem , den wir von Geld haben. Und so fragt sich, wie es im mittelalterlichen Europa, um das Jahr 1200, als das Nibelungenlied entsteht, überhaupt um Geld bestellt ist.

Bekanntlich gibt es damals längst Münzen und Gelegenheiten, bestimmte Dinge zu kaufen, indem man sie gegen Münzen oder andere Dinge tauscht. Doch weder in diesen Münzen noch in irgendwelchen anderen Dingen, mit denen man bei einem Kauf bezahlen konnte, hat man Geld gesehen. Wie sich an Rüdigers Versprechen zeigt, bezeichnete eben ein Tauschmittel als solches. Aber noch wichtiger, nicht nur dieses Wort tut es nicht, es gibt im Mittelalter, das bezeichnen würde, was für uns heute so selbstverständlich und einvernehmlich Geld heißt. Und das wiederum bedeutet mehr, als dass nur ein für Geld gefehlt hätte: Das europäische Mittelalter hat nicht nur kein Wort für Geld, es hat keinen , es hat keine davon. Kein Geringerer als der große Mediävist Jacques Le Goff konstatiert, »dass es keinen mittelalterlichen Geldbegriff gab«:

»Die Menschen des Mittelalters, einschließlich der Kaufleute, Kleriker und Theologen, hatten nie eine klare, einheitliche Vorstellung davon, was wir heute unter diesem Begriff fassen.«5

Sie hatten keine Vorstellung von Geld, das heißt: . Das ist eine Einsicht, die erstaunt und die uns heute zunächst unwillkürlich widerstreben wird. Denn sie besagt ernsthaft, dass es Geld noch in verhältnismäßig junger Zeit, als man längst mit Münzen umging, nicht gegeben hat.

Das Fehlen des einheitlichen belegt beim Geld notwendig das Fehlen der . Keinerlei Ding, auch eine Münze nicht, kann je für sich genommen schon Geld sein. Nur dadurch, dass Menschen was auch immer als Geld es für sie überhaupt erst zu Geld. Und sie es aber so verwenden, muss ihnen dies notgedrungen auch einen Begriff davon vermitteln, als sie es durch ihre Verwendung bestimmen. Der spezifische Umgang mit Geld bringt einen Begriff von Geld hervor – und zwar, wie Le Goff richtig bemerkt, einen Begriff. Es mag uns bis heute Schwierigkeiten bereiten, Geld klar zu definieren, trotzdem haben wir einen von Geld, und zwar von Geld als einer : Egal ob es in Münzen auftritt, in Scheinen oder als bloße Zahl auf dem Konto, in all diesen Gestalten wissen und erkennen wir es als . Und genau dieser einheitliche Begriff von Geld ist es, der noch dem Mittelalter fehlt.

Solange Menschen keinen Begriff und keine Vorstellung davon haben, dass sie mit Geld umgehen, können sie nicht mit Geld umgegangen sein. Womit auch immer sie also bis dahin umgegangen sind, . Dass jemand zu König Gunthers Zeiten »gelt« kann, bedeutet wirklich und wahrhaftig: Noch im europäischen Mittelalter hat es kein Geld gegeben.

Von Ewigkeit zu Ewigkeit


Le Goffs Feststellung mag deshalb auf den ersten Blick unerheblich scheinen, in Wahrheit ist sie von großer, weitreichender Bedeutung – wenn man sie denn einmal ernst nimmt. Doch das zu tun fällt offenbar sehr, sehr schwer. Selbst Le Goffs Fachdisziplin, die Mediävistik als Wissenschaft vom Mittelalter, die solche Forschungsergebnisse aufnehmen müsste, zeigt sich dazu außerstande – ja, letztlich auch Le Goff selbst, der aus seiner Beobachtung nie explizit den nötigen Schluss ziehen mochte. Stattdessen »wissen« wir heute alle ganz selbstverständlich, Geld gäbe es schon so lange, dass ein Mittelalter ohne Geld schlicht undenkbar scheint. Wenn wir uns, was Geld betrifft, in ältere Zeiten versetzen, geht es in unserer Vorstellung alldieweil zu wie auf unseren modernen Mittelaltermärkten: Da stecken die Leute zwar in mehr oder weniger überzeugenden Kostümen, aber die Euro, die über die Theke gehen, werden schlicht »Taler« genennet – und das war’s an historischer Differenz. Jede Erkenntnis, die davon abweicht, wehrt man deshalb ab oder man biegt sie sich kurzerhand zurecht. Die Mediävistik zum Beispiel behilft sich mit der Auskunft, es hätte damals, wenn schon keinen Begriff von Geld, so doch »Ersatzwörter« für Geld gegeben. Sie übersieht also gezielt, dass solche »Ersatz«-Wörter, falls sie denn für Geld gestanden hätten, nicht bloß Ersatz für Wörter gewesen wären, die Geld bezeichneten, sondern geradewegs selbst Geld bezeichnet hätten. Solche Wörter aber fehlen; genau das war ja das Problem, dem die Idee mit den »Ersatzwörtern« auszuweichen suchte. Solche Wörter fehlen, , nicht weil sich noch kein »eigentliches« Wort gefunden hätte – wo es doch immerhin das Wort bereits gab.

Was im Mittelalter und in älteren Zeiten dagegen fehlt, sind Wörter, die wir mit der Bedeutung von Geld belegen: nachträglich und historisch . Sie sind es, denen die Mediävistik die »Ersatz«-Bedeutung unterstellt. Geläufig sind uns dabei schon antike Vokabeln wie das lateinische oder die griechischen , die in allen modernen Lexika auch als »Geld« übersetzt werden....



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