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E-Book

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Reihe: uebersinnlich

Blum Longtiantang

Noemis Ruf
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7641-9192-4
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Noemis Ruf

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Reihe: uebersinnlich

ISBN: 978-3-7641-9192-4
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nicht nur, dass Liam den Verlust seiner großen Liebe Noemi nicht verkraften kann, er fühlt sich auch für ihren Tod verantwortlich. Als seine Sehnsucht unerträglich wird, beginnt er sie zu malen - und kann seinen Augen kaum trauen, als Noemi aus dem Bild auf zauberhafte Weise zum Leben erwacht! Sie erzählt von der fernen Drachenwelt Longtiantang, in die sie nach ihrem Tod gelangt ist. Doch kaum hat Liam seine große Liebe wieder, taucht der mysteriöse Schlangenmensch Ngun auf und verlangt von Liam Unmögliches. Um Noemi nicht erneut zu verlieren, müssen Liam und sie in die exotische Welt Longtiantang reisen, wo ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Ava Blum, 1975 in Berlin geboren, reiste einige Jahre als Choreographin umher, bis sie der Liebe wegen nach Gran Canaria zog, wo sie seit sechs Jahren mit Mann und Kind lebt. Während ihres Journalismus-Studiums entfachte ihre Leidenschaft fürs Schreiben, weswegen sie ihre freie Zeit der Erschaffung fantastischer Geschichten widmet, die sich schwerpunktmäßig an Jugendliche richten.
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2


Liam bekam kein Auge zu. Wie immer, wenn er an sie dachte, fasste er nach dem Glöckchen, das von einem langen Lederband um seinen Hals hing. Es bedeutete ihm viel, Noemi hatte dasselbe besessen. Das Läuten des Glöckchens besagte: Wann immer du dich nach mir sehnst, ich werde dich hören und zu dir kommen, wo du auch bist.

Die beiden silbernen Anhänger hatten sie gemeinsam an einem regnerischen Wintertag erworben. Eigentlich hatten sie sich nur aufwärmen wollen, als sie den kleinen, düsteren Chinaladen betraten. Von der Decke wölbten sich bunte Tücher, die den Raum wie eine Höhle erschienen ließen. Ein schwerer, süßlicher Geruch von Räucherstäbchen hing in der Luft und von asiatischen Gewürzen bis hin zu kitschigen Winkekatzen gab es alles zu kaufen.

Die Hände fest auf seinen Gehstock gestützt, saß ein alter Chinese auf dem Stuhl neben der Kasse und blickte ihnen ausdruckslos entgegen. Sein Gesicht war von unzähligen Runzeln und Falten übersät, doch seine Augen funkelten lebendig durch die schmalen Schlitze. Als sie sich umsahen, spürte Liam seinen Blick im Nacken.

Die Glöckchen hatten es Noemi sofort angetan. Als sie eines aus der Samtschatulle zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und bewegte, stieß sie verzückte Laute aus. Das feine, helle Klingeln hatte sie so verzaubert, dass sie es unbedingt haben wollte.

»Die Glöckchen hören die Stimme eures Herzens«, sagte der Alte, als Liam das Portemonnaie aus seiner Gesäßtasche zog, um zu bezahlen. »Ihr dürft sie nie ablegen, sonst bricht der Kreis, denn beide sind so eng miteinander verbunden, dass sie den Ruf des anderen hören, egal wo ihr seid.«

Die Frau mittleren Alters hinter der Kasse, sagte etwas auf Chinesisch zu ihm, ihrem Ausdruck nach zu urteilen, wollte sie ihn wohl zum Schweigen bringen.

Die Ernsthaftigkeit in der Stimme des alten Chinesen hatte Liam einen Schauer den Rücken entlang gejagt, und er fragte sich, ob er den Rat nur als wirres Gerede eines alten Kauzes abtun sollte oder ob wirklich Wahrheit dahintersteckte.

Zumindest waren Liam die Worte im Gedächtnis haften geblieben, und die Glöckchen hatten beide seitdem nie abgelegt.

Liam wälzte sich auf seinem Laken hin und her, doch ständig schwebte ihm Noemis Gesicht vor Augen, und seine Erinnerung holte ihn wieder ein.

Im September letzten Jahres hatten sie alle gemeinsam das traditionelle chinesische Mondfest gefeiert. Sie saßen hier draußen am Lagerfeuer und aßen Noemis selbstgemachte Mondkuchen mit den verschiedenen Füllungen – süß, salzig und scharf. Am liebsten mochte Liam die mit süßer Bohnenfüllung, Noemi die mit Kokosmilch.

In dieser Nacht leuchtete der Mond besonders hell und verlieh Noemis Haut einen ganz besonderen Schimmer wie von feinstem Porzellan. Sie erzählten einander alte Sagen, und Noemi konnte sogar mit einigen chinesischen Volksmärchen aufwarten.

Dazu schenkte Julius immer wieder warmen Reiswein aus der Thermoskanne nach und sorgte dafür, dass alle immer ausgelassener wurden. Als sie ordentlich einen sitzen hatten, zogen sie sich aus und rannten Hand in Hand ins Meer.

Dieses Mondfest war eine von Liams schönsten Erinnerungen.

»Das Leben besteht nicht aus der Zeit, in der wir atmen«, hatte Noemi ihm ins Ohr geflüstert, »sondern aus den Momenten, die uns den Atem rauben.«

Und genau so ein Moment war es gewesen.

Liam wischte sich übers feuchte Gesicht und entließ einen tiefen Seufzer. Wie gerne hätte er dieses Ereignis jedes Jahr an ihrer Seite wiederholt.

Er öffnete die Schublade seines Nachttischs und kramte nach einer Packung Schlaftabletten. Rasch drückte er eine aus der Blisterpackung, nahm einen großen Schluck Wasser und warf den Kopf zurück, um sie zu schlucken.

Schon kurze Zeit später besiegte ihn der Schlaf.

Ein Geräusch drang in sein Bewusstsein und ließ ihn hochfahren. Das Herz hämmerte in seiner Brust. Es war stockduster, seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Schwärze zu gewöhnen.

. Er war sich sicher, von draußen Noemis Ruf gehört zu haben, ganz deutlich war das Läuten eines Glöckchens erklungen.

Nur in T-Shirt und Unterhose lief er aus dem Zimmer. Auf leisen Sohlen schlich er die Holztreppe hinunter, darauf bedacht, Merle und Julius nicht zu wecken. Ein paar Dielen knarzten unter seinen nackten Füssen, sonst war alles still.

Unten angekommen, riss Liam die Tür auf. Kühle Nachtluft flutete ihm entgegen, doch er ließ sich nicht aufhalten. Atemlos raste er die Stufen zum Strand hinunter.

Er spürte den kühlen Sand unter seinen Füßen und rannte zum Meer, bis das Wasser seine Knöchel umspülte. Aus welcher Richtung war das zarte Klingeln gekommen? Oder hatte er sich doch getäuscht?

Nein, es war so deutlich an sein Ohr gedrungen, er konnte sich nicht irren. Und nicht zum ersten Mal. Schon des Öfteren hatte er diese zarten Töne gehört, die eine unbändige Sehnsucht nach Noemi in ihm auslösten.

»Du bist mein Alles«, wehte ihre Stimme plötzlich durch seine Gedanken.

Er umklammerte seinen Kopf mit den Händen. Das Glöckchen, er musste es endlich ablegen, durfte sich nicht länger quälen. Erneut kämpfte er gegen seine Erinnerung an, obwohl er wusste, dass er als Verlierer hervorgehen würde.

Das, was passiert war, konnte er nicht aus seinen Gedanken löschen. Es würde ihn sein Leben lang begleiten.

Er starrte aufs Meer, war sich bewusst, dass er kurz davor stand, seinen Verstand zu verlieren. Wie sollte er nur weiterleben ohne sie?

Das wollte er gar nicht, denn nichts ergab noch einen Sinn. Und auf einmal wusste er die Antwort. Es gab nur einen Ausweg aus dem Schmerz.

Beim Gedanken daran fühlte er sich eigenartig, beinah ein wenig euphorisch. Keine Zweifel mehr. Das war sein Weg. All die Trauer und seine Schuldgefühle, die ihn in den letzten Wochen fast erstickt hatten, würden weggeblasen.

Er atmete ein, die Meeresluft strömte tief in seine Lungen. Ein letztes Mal blickte er hinauf in den sternklaren Himmel, dann stürzte er sich mit grimmiger Entschlossenheit in die Fluten.

Im ersten Augenblick stockte ihm der Atem, doch allmählich wich die Kälte aus seinem Leib. Das T-Shirt klebte ihm unangenehm am Oberkörper, aber das hielt ihn nicht davon ab, mit kräftigen Zügen weiter ins offene Meer hinauszuschwimmen.

Das vom Mondlicht silbrig glänzende Wasser zog ihn in die Dunkelheit. Schneller und schneller schwamm er hinaus, irgendwann würde ihn das Meer in sich aufnehmen und das erlösende Tuch des Vergessens über ihn senken. Bald würde er frei sein und allen Kummer hinter sich lassen!

Er hörte kaum noch, wie die Wellen ans Ufer brandeten, als er irgendwann hinab in die Tiefe tauchte.

Ein eisiges Gefühl von Beklemmung erfasste seinen Körper und fror seine Gedanken ein. Er spürte, wie die Schwärze ihn zu verschlingen drohte. Hektisch machte er sich an den Aufstieg und durchbrach keuchend und nach Luft schnappend die Oberfläche.

Allmählich zeigten sich erste Anzeichen von Erschöpfung. Seine Lungen schmerzten mit jedem Atemzug, seine Arme erlahmten, doch die Strömung zog ihn immer weiter aufs offene Meer hinaus.

Nagende Furcht breitete sich in seinem Magen aus und kroch langsam in sein Hirn.

Sein Überlebenstrieb meldete sich übermächtig und befahl ihm, umzukehren. Jetzt hieß es, Ruhe bewahren, und bloß nicht in Panik geraten. Um neue Kraft zu schöpfen, legte er sich auf den Rücken. Als sich sein Herzschlag beruhigt hatte, drehte er um. Mit jedem Wellenschub, der ihn erfasste, legte er sich ins Zeug und kraulte Richtung Strand. Dann ruhte er kurz aus, bevor er sich erneut mit Hilfe der Wellen vorkämpfte, sodass es ihm mit letzter Kraft gelang, das rettende Ufer zu erreichen.

Triefend vor Nässe und starr vor Kälte blickte er zurück aufs Meer. Er hing wohl doch noch zu sehr an seinem Leben, als dass er es einfach so wegwerfen konnte. Auf einmal war er sich nicht mehr sicher, ob Noemis Ruf nicht doch nur seiner Einbildung entsprungen war. Er schüttelte über sich selbst den Kopf und schlang die Arme um seinen zitternden Leib.

Eine Ewigkeit musste er dort gehockt haben, denn irgendwann ging die Sonne als glutroter Ball am Horizont auf und vertrieb das Grau der Nacht. Gebannt beobachtete er das Farbenspiel. Eine ungeheure Faszination ergriff ihn, der er sich nicht entziehen konnte. Zum ersten Mal seit Langem verspürte er den Wunsch eine Leinwand mit...



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