E-Book, Deutsch, 202 Seiten
Reihe: Lenos Babel
Blottière Wie Baptiste starb
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-85787-973-9
Verlag: Lenos Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 202 Seiten
Reihe: Lenos Babel
ISBN: 978-3-85787-973-9
Verlag: Lenos Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alain Blottière, geboren 1954 in Neuilly-sur-Seine, lebt in Frankreich und in Ägypten. Seit 'Saad' (1980) sind die Wüste und die Jugend, die mit der Gewalt in der Welt konfrontiert ist, wiederkehrende Themen in seinem literarischen Schaffen, für das er zahlreiche Preise erhielt. 'Comment Baptiste est mort' (2016) ist sein achter Roman. Alain Blottière wurde dafür 2016 mit dem Grand Prix Jean Giono, dem Prix Décembre und dem Prix Mottart der Académie française ausgezeichnet.
Weitere Infos & Material
–Baptiste, erzähl, wie diese Geschichte begonnen hat.
–Ich heisse jetzt Yumai.
–
–Ja
sie haben mir diesen Namen gegeben.
–Baptiste, diese Geschichte ist jetzt vorbei
du willst doch wieder zu uns zurückkommen?
Kannst du dich an den Tag erinnern, an dem sie dir diesen Namen gegeben haben
Yumai?
–Ich glaube, es war am Tag meiner Geburt
ich kann mich nicht daran erinnern.
–Wie alt bist du, Baptiste?
Yumai, wie alt bist du?
–Vierzehn.
–Du bist also vierzehn Jahre alt
und sie haben dir diesen Namen am Tag deiner Geburt gegeben?
Wie konnten sie vor vierzehn Jahren wissen, dass du 4000 Kilometer von ihrer Wüste entfernt geboren wurdest?
–Sie haben es nicht gewusst
ich wurde vor vierzehn Jahren nicht als Yumai geboren.
–Das verstehe ich nicht
kannst du es mir erklären?
–Das ist schwierig
nach der Entführung
ich weiss nicht, wann
wurde ich für sie geboren, ich wurde zu Yumai
sie sagten zu mir, dass der Fuchs in einem Märchen Yumai heisst
mein Name hat mit dem Fuchs zu tun und mit meinen Haaren
sie haben die gleiche Farbe wie der Sand
aber sie haben nicht einfach eines Tages zu mir gesagt: Ab heute heisst du Yumai
ich war schon Yumai, als ich meinen Namen zum ersten Mal hörte.
–Und erinnerst du dich an dieses erste Mal?
–Ja.
–Willst du es mir nicht erzählen?
Haben sie auch deinen Brüdern einen Namen gegeben?
–Nein.
–Hast du eine Ahnung, warum?
Yumai, ich habe dir eine Frage gestellt
dreh dich herüber
schau mich an
ist etwas mit dem Büro hier?
–Es stinkt, alles ist scheusslich
man erstickt ja
–Tut mir leid, wir haben keine Wahl
wir können nirgendwo sonst hingehen
ich werde das Fenster aufmachen
geht es so?
Mach die Augen zu
ich bin sicher, du kannst fliegen, wohin du willst, wenn du die Augen schliesst.
–So ein Blödsinn.
–Ich möchte gerne, dass du mir ein bisschen etwas erzählst.
–Erzählen
es gibt Dinge, die ich erzählen kann
aber es gibt auch Lücken
da kann ich mich überhaupt nicht erinnern
ich erinnere mich zum Beispiel
an die magischen Sterne in der Nacht
an das Glücksgefühl im Schatten
bei Tag
die Freude über das Wasser
das Wasser, das in den trockenen Mund rinnt
hinunterläuft
und den Durst löscht, an dem ich stundenlang gelitten hatte.
–Du hast zu mir gesagt, du erinnerst dich an das erste Mal, als dich jemand Yumai und nicht mehr Baptiste genannt hat.
–Sie haben mich nie Baptiste genannt
für sie war ich gar kein Mensch
bevor ich Yumai war
nicht mal ein Tier
nicht mal eine Gazelle
nicht mal ein Kamel
ich hatte keinen Namen
warum möchten Sie wissen
wann ich zum ersten Mal verstanden habe, dass sie mir diesen Namen gegeben hatten?
–Es ist wichtig, weil an diesem Tag eine Verbindung zwischen euch entstanden ist
ich würde gern verstehen, was für eine Verbindung das war
nun?
–Ich verstehe die Sache mit der Verbindung nicht.
–Aber du hast doch Baptiste geheissen, Yumai
als dir deine Eltern diesen Namen gaben, haben sie dich in eine Gemeinschaft aufgenommen
das ist die Verbindung durch die Taufe
ich frage mich also, warum diejenigen, die dich Yumai nannten, eines schönen Tages wollten, dass du weisst, dass sie dich adoptiert hatten.
–Sie haben mich gesucht
sie haben mich gerufen
Yumai! Yumai!
ich hörte das Wort, ich wusste noch nicht, dass es mein Name war
es hallte in den Bergen wider
sie waren zu viert, als sie mich suchten
Yumai! Yumai!
von allen Seiten hallte es wider, und ich sah sie nicht.
–Warum haben sie dich gesucht?
–Ich war ausgerissen.
–Du warst ausgerissen?
Ganz allein?
–Ja
in der Nacht
Tajoud war eingeschlafen, da habe ich die Gelegenheit genutzt
alle schliefen unter dem Baum
es war, kurz nachdem sie das erste Video aufgenommen hatten
ich stellte mir vor, wenn ich immer geradeaus ginge
egal in welche Richtung
würde ich irgendwann etwas finden
eine Sandpiste
eine Strasse
ein Dorf
als es in der Früh hinter den Bergen etwas hell wurde, beschloss ich, in diese Richtung zu gehen
nie davon abzuweichen und die Berge zu überqueren
ich marschierte stundenlang, es gab keinen Schatten, ich kam fast um vor Durst
und dann bekam ich Angst
ich hatte nicht zum ersten Mal Angst
aber ich war dort ganz allein
wirklich allein wie noch nie in meinem Leben
keine Bäume
nur Sand und Steine
ich weiss nicht, wie, ich erinnere mich nicht, ich erreichte die Berge und erwachte neben einem Felsen liegend
im Schatten
ich dachte mir, ich würde dort sterben
und dann hörte ich ihre Stimmen
Yumai! Yumai!
Usman hat mich gefunden
er sprach Englisch
mehrere von ihnen sprachen Englisch, er, Amir, Idris,
Tajoud, Darling
damals hatte ich noch kein einziges Wort Arabisch oder Mandi gelernt
ich bat ihn um Wasser, er antwortete nicht
er zielte mit seinem AK-47 auf mich
es war nicht das erste Mal, aber da dachte ich, es ist aus
und dann drehte er das Gewehr nach oben und schoss in die Luft
die anderen kamen
zuerst Amir
er zog mich an den Haaren hoch und sagte zu mir: Das nächste Mal, Yumai, bring ich dich um
so habe ich meinen Namen erfahren
er gab mir zu trinken
er trug mich, als ich nicht mehr gehen konnte
er sagte immer wieder den gleichen Satz, next time, Yumai, I’ll kill you, next time, Yumai, I’ll kill you
ich glaube, ich bin in seinen Armen eingeschlafen
jetzt werden Sie zufrieden sein, ich habe viel erzählt.
–Hat er dich bestraft?
–Amir?
ja
er hat mich an ein Motorrad gebunden, in der Sonne, und ich durfte den ganzen nächsten Tag nichts trinken
meine Mutter flehte ihn an
Amir drohte ihr, sie umzubringen, wenn sie nicht still sei
und Tajoud peitschte er aus
sein Rücken blutete.
–Hast du versucht, noch einmal zu fliehen?
–Nein
nie mehr.
–Weil du Angst hattest, dass er dich umbringt?
Yumai, hattest du Angst, dass er dich umbringt?
–Ich hatte immer Angst, dass er mich umbringt, auch wenn ich nicht ausgerissen bin.
–Aber du hast nicht einmal mehr daran gedacht
sie mussten dich nicht mehr anbinden
du warst gebunden
an sie gebunden durch diesen Namen
du hast nicht mehr daran gedacht zu...




