Blobel | Party Girl | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Blobel Party Girl


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80032-5
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-401-80032-5
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mirko lächelte und zog Mona zu sich heran. „Wir müssen das Gleiche fühlen”, flüsterte er ihr ins Ohr, „wir müssen im gleichen Augenblick den Kick kriegen. Du wirst sehen, das ist das Größte, was du je erlebt hast.” „Glückspillen“ nennt Mirko die kleinen bunten Smarties, die vieles so viel leichter machen. Mirko, der Mona nie wehtun würde. Viel zu spät erkennt sie, wie falsch das Spiel ist, das Mirko mit ihr spielt.
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1. Kapitel

Eigentlich hätte das, was mit Mona in diesem Herbst passierte, gar nicht geschehen dürfen. Eigentlich war es so gut wie ausgeschlossen, dass ausgerechnet sie in so eine Situation geraten würde.

Denn die Wahrheit war, dass Mona sich aus Partys gar nichts machte. Sie gehörte nicht zu den Mädchen, die abends unruhig wurden, sich stundenlang im Bad einschlossen. War keine, die sich vorher mit Musik zudröhnte, um schon mal in Stimmung zu kommen, die Anlage volle Power aufgedreht, immer auf der Suche nach einem Kick, einer Erregung, einem Abenteuer. Sie hatte keine Angst, etwas zu verpassen. Der Gedanke, dass sie vielleicht mit siebzehn oder achtzehn immer noch Jungfrau wäre und noch nie gekifft hätte, bereitete ihr keine schlaflosen Nächte.

Sie hatte auf dem einzigen Popkonzert, auf dem sie je gewesen war, keinen hysterischen Anfall bekommen, als der Sänger mit seiner Gitarre einen Geschlechtsakt simulierte, während Julia, die sie zu dem Konzert mitgenommen hatte, hysterisch kreischend ihre Bluse aufriss. Mona hatte auch noch nie einem Jungen heimlich einen Liebesbrief in seine Jackentasche geschmuggelt. Hatte überhaupt noch nie wegen eines Typen heiße Tränen vergossen, Herzrasen oder schlaflose Nächte gehabt.

Sie hielt sich selber, was Sex und Drogen betraf, für eine Spätentwicklerin. Sie war nicht stolz darauf, aber sie fand es okay.

Kuschelfeten und Schmusepartys, auf denen man wild herumknutschte und tanzte wie in Trance, fand Mona eher gruselig. Das alles wirkte so hysterisch! So überdreht! So wollte sie nicht sein. Sie tanzte zwar gern, behielt ihre Bewegungen dabei aber immer unter Kontrolle.

Wenn sie sah, wie sich ein Pärchen küsste, war ihr der Anblick grundsätzlich peinlich und es sah so stümperhaft aus! Nie so romantisch wie im Film. Sie litt mit dem Mädchen, wenn sie beobachtete, wie der Typ seine Zunge zwischen ihre Zähne schieben wollte, sie konnte förmlich die klebrigen Küsse schmecken, die verschwitzten Hände fühlte sie am eigenen Körper. Und sie schämte sich insgeheim dafür, dass das Mädchen das gierige Gefummel des Jungen kichernd über sich ergehen ließ als Preis dafür, dass sie ein Paar waren. Oder weil sie viel zu zugedröhnt war, um zu merken, was der Typ mit ihr anstellte.

Mona hatte bislang noch keinem Jungen erlaubt, seine Zunge in ihre Mundhöhle zu stecken und ihr unter den Pulli zu fassen. Sie stellte sich die ganze Fummelei zwischen Jungen und Mädchen schleimig und ein bisschen eklig vor. Das ganze Liebeskummer-Gerede ihrer Klassenkameradinnen ging ihr entsprechend auf den Nerv.

Gab es etwa nichts Wichtigeres, über das man reden konnte?

Gab es nichts anderes, worüber man sich Gedanken machen sollte?

Die Welt war voller Wunder und Überraschungen, aber die meisten in ihrem Alter merkten das nicht. Die Pubertät hatte sie fest im Griff und machte aus ihnen, wie Mona fand, peinliche, dumpfbackige, dampfende und schwitzende Teilnehmer einer Freak-Show.

Vor jeder Party, vor jedem Freitagabend das gleiche Theater: Alle Mädchen in heller Aufregung. Wie eine Schar aufgeregter Hühner tauschten sie Neuigkeiten über Schönheitstipps oder Aufputschmittel aus, über Pickelprobleme, Haarstyling oder Smokey Eyes, und wenn die Party vorbei war, ging das Getuschel und Gekicher, das Geraune und Geflüstere auf dem Schulhof nahtlos weiter. Wie viele Kleine Feiglinge wer runtergekippt hatte und welche Alkopops am besten wirkten. Oder welche Pillen-Kombi einem den schönsten Kick bescherte.

Das Ganze ging Mona furchtbar auf den Wecker. Wenn Verena, die neben ihr saß, bei jedem neuen Pickel vor einer Party einen Weinkrampf bekam; wenn Marcia am Tag nach der Party anfing, alle zehn Sekunden heimlich ihre SMS zu checken. Welcher Typ wollte ein Date mit ihr? Wer war scharf auf sie? Und: Wer konnte sich überhaupt noch an gestern Nacht erinnern?

Und ständig die immer gleiche Frage, die so ernsthaft und leidenschaftlich diskutiert wurde, als ginge es darum, wer den nächsten Nobelpreis für Medizin bekommen sollte: Was ziehst du an?

Als gäbe es nichts Bedeutenderes auf der Welt, als sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ob Push-ups einen schöneren Busen machen als normale BHs. Ob Neckholder den Busen größer oder kleiner wirken lassen. Ob Hüfthosen dick machen. Oder ob man zum Minirock Western-Boots tragen kann. Oder Wollsocken zum Sommerkleid.

Mona interessierte sich nicht für Klamotten. Vielleicht, weil ihre Mutter für ihre Kleider ein Extrazimmer von den Ausmaßen eines Gymnastikraums brauchte. Okay, ihre Mutter war Schauspielerin. Und eine Schauspielerin ist das, was sie darstellt. Klamotten sind da so etwas wie eine zweite Haut oder dritte Haut oder Zwiebelhaut. Etwas, aus dem man sich schälen kann, je nachdem, was im Film gerade gebraucht wird oder was die Öffentlichkeit interessiert. Eine Schauspielerin muss einfach wissen, was IN ist und was OUT. Mona wusste das natürlich auch, sie lebte ja nicht auf dem Mond, aber sie hatte sich eine Null-Bock-auf-Klamotten-Attitüde angeeignet. Schon um sich zu beweisen, dass sie nicht einfach nur ein Abziehbild ihrer berühmten Mutter war. Sondern anders.

Mona war irgendwann klar geworden, dass sie auch in neuen Klamotten immer noch das gleiche Gesicht hatte, mit den gleichen graublauen Augen, den dichten Augenbrauen, der leichten Stupsnase und den Grübchen in den Pausbacken, die sie schon als Säugling gehabt hatte. Andere Klamotten würden da auch nicht groß weiterhelfen. Das hatte sie irgendwann so beschlossen und dabei wollte sie nun bleiben. Ein bisschen Konsequenz im Leben konnte nicht schaden, fand sie.

Ihre Mutter verstand das nicht. Wenn sie einmal einen ganzen Nachmittag Zeit für ihre Tochter hatte, was selten genug der Fall war, schlug sie automatisch einen Shopping-Bummel vor.

»Wir zwei Hübschen«, sagte sie dann fröhlich, »gehen jetzt shoppen, bis die Kreditkarte glüht.«

Mona wusste, dass andere Mädchen ihren Müttern für so einen Satz um den Hals gefallen wären, aber sie zuckte nur mit den Achseln und sagte: »Können wir nicht einfach zu Hause bleiben? Und uns einen gemütlichen Nachmittag machen?«

Miriam Charlotte Preuss lächelte dann irgendwie schief, seufzte, nannte sie »Darling«, fand, dass Mona viel mehr aus sich machen könnte, wenn sie nur ein bisschen Spaß an Klamotten und Frisuren hätte.

Und startete einen neuen Versuch. Setzte sich neben Mo-na aufs Sofa, strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn (Ich weiß, dachte Mona, du findest meine Frisur todlangweilig) und sagte schmeichelnd: »Komm. Du wünschst dir doch bestimmt irgendetwas. Jedes Mädchen in deinem Alter hat Wünsche.«

Meistens entstand so eine Situation, wenn Charlotte von einem langen Außendreh zurückkam und ein schlechtes Gewissen hatte, weil ihre Tochter so lange allein gewesen war. Weil ihr die Zeit fehlte, sich um Mona zu kümmern. Aber neue Klamotten, fand Mona, machten das auch nicht wieder wett. Das sollte ihre Mutter irgendwann mal begreifen.

Sie waren vor vier Monaten nach München gezogen. Bis zu ihrem Umzug war Mona Mitglied bei den Pfadfindern gewesen, sie war mit ihnen in Norwegen gewandert und hatte auf einer Nordseeinsel ihre erste Jurte aufgebaut. Sie spielte ziemlich gut Handball und ziemlich schlecht Klavier, sie hatte Schwimmtraining und bekam Latein-Nachhilfe. Sie hatte weder Angst vor Spinnen noch vor irgendeinem anderen Gewürm oder Getier. Die Motten, die in ihrem Zimmer die Schreibtischlampe umschwirrten, schlug sie nicht tot, sondern lockte sie mit dem Strahl einer Taschenlampe ins Freie. Eine Spinne in der Badewanne spülte sie nicht einfach durch den Ausguss fort, sie fing sie mit einem Stück Papier, über das sie dann einen Becher stülpte, behutsam ein und setzte sie auf der nächsten Grünfläche wieder aus. Es machte ihr nichts aus, abends aus dem Keller eine Flasche Apfelsaft zu holen, auch wenn sie wusste, dass das Deckenlicht einen Wackelkontakt hatte und dass im Gang eine Mäusefalle stand. Sie schlief bei offenem Fenster und ohne Licht.

Nur in der Zeit nach dem Tod ihres Vaters hatte Mona immer ein kleines Lämpchen neben ihrem Bett brennen lassen, falls die Seele ihres Vaters sie besuchen wollte oder sein Schutzengel kam, um ihr zu sagen, dass sie sich nicht so viele Sorgen machen sollte. Das Lämpchen sollte ihnen den Weg zeigen.

Von Zigarettenrauch wurde Mona übel. Sie schnitt ihre Fingernägel immer sehr kurz, um nicht wieder in Versuchung zu kommen, daran herumzukauen. In...


Brigitte Blobel wurde 1942 in Hamburg geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Ahrensburg (Schleswig-Holstein). Nach dem Abitur studierte sie englische und französische Literatur, Theaterwissenschaften sowie Politik und Zeitungs-Wissenschaften. Sie arbeitete in Frankfurt als Redakteurin für Associated Press und hat zwei Kinder großgezogen. Brigitte Blobel ist in dritter Ehe mit einem Spiegel-Journalisten verheiratet und lebt nach vielen Jahren auf Mallorca jetzt wieder in ihrer Geburtsstadt Hamburg.Neben ihrer Tätigkeit als freie Journalistin und Drehbuchautorin schreibt sie Bücher für Jugendliche und Erwachsene, die bereits mehrfach ausgezeichnet wurden.



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