E-Book, Deutsch, 316 Seiten
Bleyer Propaganda als Machtinstrument
2. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-4288-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fakten, Fakes und Strategien. Eine Gebrauchsanleitung
E-Book, Deutsch, 316 Seiten
ISBN: 978-3-7448-4288-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Historikerin Alexandra Bleyer, geb. 1974, studierte an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und promovierte mit einer Arbeit zur österreichischen Kriegspropaganda des Jahres 1809. Sie hat als Kultur- und Wissenschaftsjournalistin zahlreiche Beiträge zu historischen Themen verfasst, u. a. für das Geschichtsmagazin "Damals", und schreibt eine wöchentliche Kolumne für die "Salzburger Nachrichten". Die Autorin hat mehrere populäre Sachbücher in renommierten Verlagen publiziert. In ihren Werken befasste sie sich mit der Propaganda der antinapoleonischen Kriege und dem System Metternich. Zuletzt erschienen Kulturgeschichten zur Ehe und zum Elterndasein.
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KAPITEL 2
DIE PROPAGANDISTEN
VOM CHARISMATISCHEN FELDHERRN ZUR BEZAHLTEN PR-AGENTUR
Als Kommunikator will der Propagandist seine Botschaft an den Empfänger senden. Nur wie? War es in der Antike hauptsächlich die Rede vor Publikum, mit der es vor Gericht oder in der Politik zu überzeugen galt – wer in Griechenland oder im alten Rom eine politische Karriere anstrebte, musste die Regeln der klassischen Rhetorik beherrschen –, änderten sich im Laufe der Jahrhunderte Rahmenbedingungen und Möglichkeiten. Es wurden immer neue Medien mit größerer Reichweite entwickelt, Fortschritte in der Kommunikationstechnologie erleichterten und beschleunigten das Informationsmanagement, verlangten von den Akteuren aber auch erhebliche Anpassungsleistungen.
Als Beispiel sei hier die elektrische Telegrafie genannt, welche im 19. Jahrhundert die Informationsvermittlung beschleunigte, was gerade auch in Kriegszeiten von größter Bedeutung werden sollte. 1854 gab es in den deutschen Staaten bereits ein dichtes Netz von Telegrafenlinien. Im Krieg Preußens gegen Österreich 1866, der mit der Niederlage Österreichs bei Königgrätz und der Auflösung des Deutschen Bundes endete, setzte der Chef des preußischen Generalstabs, Generalfeldmarschall Graf Helmuth von Moltke (der Ältere), auf technischen Fortschritt. Neben dem modernen Zündnadelgewehr und der Eisenbahn zum Truppentransport war es vor allem die Telegrafie, dank der Moltke teilweise besser über die militärische Lage informiert war als die Befehlshaber vor Ort. „Jetzt erst konnte man von echten Hauptquartieren sprechen. In diesen letzten Junitagen des Jahres 1866 war somit Dank der elektrischen Telegrafie schon der erste Schritt zum Informationsmanagement des modernen ‚Centric Network Warfare‘ getan.“45 So konnte Moltke aus der Entfernung mit seinen Befehlen direkt ins Kriegsgeschehen eingreifen – sofern die Kommandierenden vor Ort mitspielten. Ab den 1920er-Jahren ermöglichten es Lautsprecher, Reden live vor einem Massenpublikum zu halten, wovon beispielsweise Hitler schon in den Jahren vor der Machtergreifung 1933 profitierte.
Wichtig ist für den Kommunikator noch die Frage, ob die Quelle der Information für den Empfänger klar erkennbar sein soll oder nicht? Nicht immer möchte der Urheber einer Botschaft mit dieser in Verbindung gebracht werden. Wer Lügen und Gerüchte verbreiten oder den Gegner mit fiesen Schlägen unter die Gürtellinie treffen möchte, will nicht als Drahtzieher identifiziert werden. Goebbels berief von Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zu dessen Ende täglich seine engeren Mitarbeiter zu einer geheimen „Ministerkonferenz“ ein; anfangs waren es fünf bis sechs Personen, ab 1940/41 an die zwanzig. Diese Treffen sind allerdings weniger als Konferenz denn als Bühne für den Propagandaminister und dessen Befehlsausgabe zu verstehen. Am 13. April 1940 zog Goebbels „aus den Lügenmanövern der Alliierten in den vergangenen Tagen […] die Lehre, daß man […] sich zur Lancierung von Lügen niemals amtlicher Apparate, Nachrichtenagenturen usw. bediene, sondern man muß grundsätzlich die Quelle einer Lüge sofort vernebeln; […] Rundfunk und Presse im eigenen Lande dürfen überhaupt nicht mit solchen Lügen belastet werden, sondern nur die ins Ausland gehenden Kanäle dürfen solche Lügen aufnehmen.“46
Mit Rhetorik befasste sich schon Aristoteles im 4. Jahrhundert v.Chr. in seinem gleichnamigen Werk. „Die Rhetorik sei also als Fähigkeit definiert, das Überzeugende, das jeder Sache innewohnt, zu erkennen. […] Von den durch die Rede geschaffenen Überzeugungsmitteln gibt es drei Arten: Sie sind zum einen im Charakter des Redners angelegt, zum anderen in der Absicht, den Zuhörer in eine bestimmte Gefühlslage zu versetzen, zuletzt in der Rede selbst.“ Die Fähigkeit, wirksame Argumente (Logos) zu nutzen, wird durch die Glaubwürdigkeit des Redners (Ethos) und seine Kompetenz, das Publikum in seinem Sinne zu stimmen (Pathos), unterstützt, wobei Erfahrung im Umgang mit verschiedenen Zielgruppen von Vorteil ist.
Neben der Rede waren die Persönlichkeit des Redners und sein Auftreten wichtige Komponenten, „denn es genügt nicht zu wissen, was man sagen muß, sondern es ist auch notwendig zu wissen, wie man dies sagen muß, und das trägt viel zum Erscheinungsbild der Rede bei. […] Hierbei geht es darum, wie man, um jeden beliebigen Affekt hervorzurufen, die Stimme einzusetzen hat, wann man sie laut, wann leise, wann mittelstark, dann in welcher Stimmlage, z.B. einer hohen, tiefen oder mittleren, schließlich, welchen Rhythmus man in der betreffenden Situation anschlagen soll. Denn drei Dinge gilt es dabei zu beachten: Lautstärke, Tonfall und Rhythmus.“
Aristoteles, Rhetorik, 11f., 152f.
Der Propagandist muss darauf bedacht sein, dass „seine“ Medien seriös und glaubwürdig erscheinen und nicht durch offenkundige Unwahrheiten desavouiert werden, da sie sonst ihren Wert als Kommunikationskanäle verlieren. Wird die Quelle durch die Adressaten als wenig glaubwürdig eingestuft, wirkt sich das auf die Rezeption der Informationen aus: Diese werden eher als verzerrt oder falsch wahrgenommen als Informationen, die von einer als glaubwürdig eingeschätzten Quelle stammen.
Je nachdem, ob die Quelle einer Information identifizierbar ist oder vom Urheber bewusst verschleiert wurde, spricht man von weißer oder schwarzer Propaganda. Werden im einen Fall über klar nachvollziehbare Strukturen und Kanäle seriöse Fakten vermittelt, sieht die Sache bei schwarzer Propaganda anders aus. Hier ist der Sender als solcher nicht zu erkennen; die Botschaft selbst kann wahr sein oder eine Lüge. In vielen Fällen verbirgt der Propagandist seine Identität nicht nur, sondern gibt vor, ein anderer zu sein, um in den Augen der Zielgruppe vertrauenswürdig zu erscheinen. Beispielsweise betrieben im Zweiten Weltkrieg sowohl die Nationalsozialisten als auch die Alliierten über geheime Radiosender oder Flugblätter jeweils im Namen des Gegners schwarze Propaganda.
Zwischen Schwarz und Weiß gibt es Grautöne. Unter graue Propaganda fallen beispielsweise Halbwahrheiten oder Suggestionen. Der Kommunikator behält seine Glaubwürdigkeit, wenn er eine Information als Vermutung und nicht als definitive Behauptung äußert. Wenn sie sich hinterher als falsch herausstellt, kann er nicht der absichtlichen Lüge bezichtigt werden, sondern kann sich selbst als Opfer einer inkorrekten Information präsentieren. Ein Irrtum – irren ist ja menschlich – wird einem Politiker durch die Wähler eher verziehen als eine Lüge. Die US-Propaganda sprach im Rahmen der Irakkriege beispielsweise davon, „starke Indizien dafür [zu haben], daß Osama bin Laden im Irak Verbündete hat“, oder „der festen Überzeugung [zu sein], daß es eine Verbindung zwischen Al Kaida und Saddam Hussein gibt“.47
Rahmenbedingungen
„Nur wer wahrgenommen wird, kann für seine Ideen werben und sich als Identifikationsplattform anbieten.“48 Politische Akteure, und zu ihnen zählen außer dem Staat noch Parteien, Verbände, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NGO), sind aus ureigenem Interesse um (vorteilhafte) Medienpräsenz bemüht und setzen entsprechend stark auf Öffentlichkeitsarbeit und PR. Mittels Kommunikationspolitik versuchen sie, ihre eigenen Machtchancen zu verbessern, wobei Kommunikationspolitik über die Medienpolitik hinaus „alle politischen Maßnahmen und Entscheidungen [meint], die sich auf die Gestaltung oder Regulierung (Steuerung) sozialer Kommunikation beziehen, einschließlich nicht-medialer Kommunikation und Organisationskommunikation.“49
Da der Schwerpunkt des Buches auf Staatenkriegen und der sie begleitenden Propaganda liegt, werden auch in diesem Abschnitt vorrangig jene staatlichen Akteure in den Blick genommen, die Regierungsgewalt ausüben. Die Miteinbeziehung weiterer Personenkreise würde Fragestellung und Umfang der Darstellung sprengen.
Die Kommunikatoren agieren nicht losgelöst von Zeit und Raum, sondern innerhalb vorgegebener struktureller und situativer Rahmenbedingungen. Zu den maßgeblichen Faktoren gehören das politische und gesellschaftliche System (beispielsweise Absolutismus, Demokratie und Diktatur), die Mediensysteme sowie sicherheitspolitische Konzeptionen.50
Im heroischen Zeitalter, in dem sich ein Herrscher auch durch seine militärischen Erfolge und durch Eroberungen legitimieren musste, war Krieg alltäglicher Bestandteil der gesellschaftlichen und politischen Kultur. Charismatische Feldherrn der Antike bewiesen sich nicht nur auf dem Schlachtfeld immer wieder aufs Neue, sondern verstanden es auch geschickt, in eigener Sache Propaganda zu betreiben. Philipp von Mazedonien ist für seine zahlreichen Ansprachen an seine Truppen bekannt; sein Sohn Alexander der Große inszenierte sich im 4. Jahrhundert v.Chr. als Sohn des Zeus und betrieb einen...




