Bleibtreu | Größenwahn | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 825 Seiten

Bleibtreu Größenwahn


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0637-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 825 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0637-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Titel des Romans darf durchaus auch auf den Verfasser bezogen werden. Zeit seines Lebens war Bleibtreu von einer Art Größenwahn befallen. Der Roman an sich dreht sich aber um das Leben der Bohème, hier speziell der Berliner.

Bleibtreu Größenwahn jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Erstes Buch.


I.

»Ja, heut ist in Calais Probeschießen mit den neuen Sprenggeschossen und dem neuen Gewehr!« erläuterte der würdige Hafenoffizial, und indem er ein prüfendes Auge auf Graf Xaver warf, der seinem Gepäckträger soeben ein überflüssig hohes Trinkgeld reichte, fügte er dienstbeflissen hinzu: »Die englischen Herren Offiziere brauchen sich blos beim Herrn Colonel zu melden, dann können sie die Revue in der Nähe besehn.«

»So?« brummte Krastinik, während sein gleichgültiger Blick über das vorbeidefilierende reitende Artillerieregiment hinglitt. »Ich bin aber keiner.« Sein zweifelhaftes Englisch bürgte auch dafür. Der Beamte verbeugte sich. Sein Irrthum mochte für die oberflächliche Beobachtung eines Franzosen verzeihlich sein. Denn Graf Xaver Krastinik schien mit peinlicher Sorgfalt möglichst englisch gekleidet, von dem glänzenden breitkrämpigen Cylinder bis zu den hackenlosen knappanschließenden Schnürenschuhen. Aber die untersetzte breitschulterige Gestalt von kaum Mittelgröße, die sonnenverbrannte Hautfarbe, die tiefliegenden scharfen Augen unter hervorstehendem Knochenbau der Stirn, der röthliche Vollbart und das braunrote kurzgeschorene Haar, endlich die markirten Züge verriethen einen sarmatischen Typus. Auch soldatische Haltung konnte man unmöglich verkennen.

Die Sonne blinzelte grell auf die Bohlen der Holzbrücke, welche zur Landungsstelle, wo der Dampfer via Calais-Dover seine Opfer erwartet, hinlief. Ohnehin verdrießlich, fühlte sich der Graf peinlich berührt, als ihm der dort lauernde Beamte, ein stämmiger Kerl mit riesigem Knebelbart, die gewöhnliche Frage zuschnarrte: »Êtes vous Français?« Da der Ueberraschte nicht sogleich antwortete, fuhr der Inquisitor eindringlich in einem Athem fort: »Are you English? Votre nom, monsieur? Your name, sir?«

Geärgert über dies zudringliche Verhör, brummte der Graf zwischen den Zähnen: »My name is the devil«, was dem höflichen Franzmann, der natürlich nach zwanzigjährigem Umgang mit Engländern die insularische Barbarensprache kaum radebrechte, vollkommen genügend schien. Der Graf jedoch, der noch einen fragenden Blick wahrzunehmen glaubte, schwang sich sofort zur Höhe der Situation empor, indem er trocken beifügte: »Et je suis Allemand.«

Dies böse Wörtchen erwies sich als Zauberformel. Augenblicklich ließ man ihn passiren, indem man wie vor einem schädlichen Reptil auswich. »Allemand?! Ah! Merci, monsieur!« Der Beamte versetzte ihm einen unnachahmlichen Bückling höflicher Grobheit, wie nur Franzosen diese widersprechende Mischung zu bereiten wissen, indem er wüthend seinen Schnauzbart und hernach noch unbarmherziger seinen Henri-Quatre am Kinn zwirbelte, Krastinik lächelte höhnisch.

Die Ueberfahrt erfolgte mit frischer Brise, die See ging bewegt, ein Mousselin-Flor von Schaum kräuselte sich über ihren wogenden Busen, die Stöße kamen ruckweise. Eine Ammensage behauptet, daß selbst englische Admiräle seekrank würden, sobald sie den Kanal passirten. So wunderte sich denn Graf Xaver, der weder die weithinschwingenden vollausgetragenen Wogen des Oceans noch das wilde Rütteln der skandinavischen Nordsee kannte, nicht wenig, daß er als Landratte gelassen betrachten durfte, wie die schwarzhäutigen und gallig-gallischen Phystognomieen allmählich nacheinander ins Grünliche schillerten.

Ein Chor barmherziger Schwestern saß allda, jede mit einem Napf in fromm gefalteten Händen, als beteten sie einen Rosenkranz. Alles spuckte und spokte durcheinander. Man verschwand und ward nicht mehr gesehn. Baß erstaunte der Osterreicher, als sogar die blondfleischigen oder blondbleichen Gesichter Albions sich zusehends verzerrten, um dem Neptun Weihrauchopfer zu bringen, während nur einige deutsche Wollhändler, wie massive Blöcke in der Brandung, unerschütterlich Stand hielten. Einer derselben belehrte Krastinik scharfsinnig darüber, daß insulare Lage und jeweilige Seefahrerei nichts gegen die Seekrankheit fruchte, für welche die englischen Mägen durch heiß verschlungenen Pudding und anhaltende Brandybegießung veranlagt seien. Erst als die gleichsam übereinander stehenden Segel der zahllosen, den Kanal passirenden Schiffe am Horizont unterduckten und die runden Thürme von Dover emportauchten, fühlte Xaver die erste Beklemmung. Denn angesichts des Shakespeare-Cliffs und der andern Kreideriffe, die hier als Panzerbrünne die meerbeherrschende Brunhild Albion umgürten, entwickelten sich vor seinen Augen verschiedene innere Krämpfe – die Wellen brachen sich plötzlich mit besonderer Heftigkeit. Er erprobte jene schlimmste Spielart der Seekrankheit, die kurz vorm Landen anhebt und drum auf dem Lande noch tagelang fortdauert.

Wie schwach wurde ihm aber erst zu Muth, als ihm an der Landungstreppe die wie Befehle klingenden Fragen der wachthabenden Matrosen entgegensprudelten: »Charing Croß, Victoria Station, Ludgate Hille, Cannon Street?«

Nur mit Mühe begriff er den Sinn dieser Namen der vier Haupteisenbahnstationen der Metropolis. Die verwirrende Schnelligkeit der Aussprache glich sehr wenig der gemütlichen Conversation seines englischen Sprachlehrers in Wien. Mit rasender Hast in einen Waggon des Charingeroß-Zuges gedrängt, fühlte er sich alsbald, während die drei andern, am Strande dicht aneinander gepreßten, Züge zugleich losstarteten, wie mit Riesenhaken über Thal und Höhen hingerissen. War es doch der »Infernal Train«, der »Höllenzug« der Chatam-Dover-Bahn!

Die unerträgliche Hitze, das Ueberhasten mit der »Halben« Bordeaux und dem halben Huhn in Calais, die Jähe und Fremdartigkeit der wechselnden Bilder, die Hatz der unablässig weiterrasenden Lokomotive wirkten zusammen. Krastiniks röthlichbrauner Teint spielte ins Purpurne hinüber. Auf seiner breiten braunen Stirn, von der die Schweißtropfen perlten, traten die Adern hervor. Er bekam Nasenbluten. Indem er sich abwechselnd die Nase und die Stirn trocknete, verschwamm ihm Alles in einer unbestimmten Beleuchtung. Wie durch einen Nebel hindurch, sah er die feinen Züge und die elegante Haltung der englischen Damen, die ihm einer ganz andern höheren Race als auf dem Continent anzugehören schienen, und die nach deutschen Begriffen auffallende schweigende Galanterie der Männer. Wie durch einen Nebel hindurch, hörte er Englisch und Französisch wie eine Sprache durcheinanderparliren. Zeigt sich doch die innere unzerstörbare Entente cordiale der zwei Westmacht-Völker und ihr kaltverächtliches sich Abschließen gegen alle andern Nationalitäten nirgends so deutlich, wie auf der Reiseroute Paris-London.

Ein Ruck weckte ihn aus seinen bewußtlosen Betrachtungen auf – stop! Charing Croß!

Nachdem er noch während des Gepäck-Wartens die unheimliche Spionage eines zweideutig aussehenden Männchens, offenbar Detectiv, ausgehalten hatte, der in ihm eine Aehnlichkeit mit irgend einem Industrieritter zu wittern schien, aber durch seine hülflose Miene inmitten des ungeheuren Wirrwarrs dieser Centralstation vom Gegenteil überzeugt wurde – gelang es ihm überraschend gut, mit Zöllnern, Gepäckträgern, Cabmen fertig zu werden. Wider alles Erwarten ging ihm sein notdürftiges Stuben-Englisch glatt von der Zunge und sein durch die Aufregung geschärftes Ohr verstand die rapide Sprechweise des Londoner Cockney's ganz wohl. Auch als er seine Empfehlungskarte an den Besitzer eines vornehmen Privathotels in Piccadilly abgab, ging ihm die Rede erträglich von Statten. Zu seinem Mißvergnügen bemerkte er nur, daß der Millionär vor seinem continentalen Grafentitel wenig Ehrfurcht zu empfinden schien und daß auch dieser Busineß-Mann gentlemanlike Formen entwickelte. Wie viele Märchen hatte Graf Xaver, der in der Jugend nie über die Güter seiner Familie in Ungarn und später als Offizier nie über die engere österreichische Heimat hinausgekommen war, aus dieser Reise berichtigen müssen! Schon auf dem Bahnhof in Verviers fielen ihm kolossale massige Wallonen und lange martialische Franzosen ins Auge. War das die angeblich schwächer gebaute und zierliche Romanische Race? In Nordfrankreich sahen die Leute fast germanischer aus und zeigten eine frischere Hautfarbe als die Briten. Und diese Letzteren, die man ihm als schlenkernde Hopfenstangen ohne Manieren geschildert hatte, entpuppten sich schon beim ersten Eindruck als Gentlemen von wahrhaft musterhaftem Benehmen und zuvorkommender Höflichkeit, wie man sie selten auf dem Continente findet.

Als er das breite Trottoir von Piccadilly behaglich hinunterschlenderte, um seinen ersten Abend auszunutzen, machte ein hinter ihm gehender Herr ihn mit höflichem Ernst darauf aufmerksam, daß seine Cravatte sich verschoben habe, nickte aber nur freundlich, als Krastinik dankend den Hut zog. Erst stutzte dieser – gewöhnte sich aber durch Beobachtung bald an den englischen Gruß des nicht-Hutziehens, statt dessen man den unentbehrlichen Regenschirm, der selbst bei schönstem Wetter hier nie daheim bleibt, zur Hutkrempe erhebt. – Später auf dem Oberdeck des ungeheuren blaugelben Omnibus, den er für eine Strecke bestieg, bot sein Nebenmann ihm freiwillig seine Lucifer-Matches an, als er Krastinik's Cigarrenbedürfniß merkte. Der biedre Graf verliebte sich auf den ersten Blick in die englische Nation. Allerdings, am Anfang, als er zu Charing Croß ins Freie gelangte, war ihm beklommen zu Muth gewesen, als das Brausen des Weltverkehrs immer höher anschwellend an sein Ohr schlug. Da kreuzten sich mit gellem...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.