E-Book, Deutsch, 588 Seiten
Bleibtreu Bismarck
1. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-1301-9
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alle 4 Bände
E-Book, Deutsch, 588 Seiten
ISBN: 978-80-268-1301-9
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Bismarck' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. 'Bismarck' ist ein biographischer Roman von Karl Bleibtreu, erstmals erschienen im Jahre 1915. Otto von Bismarck (1815-1898) war ein deutscher Politiker und Staatsmann. Von 1862 bis 1890 - mit einer kurzen Unterbrechung im Jahr 1873 - war er Ministerpräsident von Preußen, von 1867 bis 1871 zugleich Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes sowie von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches, dessen Gründung er maßgeblich vorangetrieben hatte. Er setzte außenpolitisch auf einen Ausgleich der Mächte (europäisches Gleichgewicht). Karl August Bleibtreu (1859-1928) war ein deutscher Schriftsteller und Sohn des bekannten Schlachtenmalers Georg Bleibtreu. Bleibtreus Weltbild wurde geprägt durch Heroismus, Nationalismus, Männlichkeitskult und pessimistischen Weltschmerz. Als historischen Stoff sah er die zahlreichen Völkerschlachten sowie die großen historischen Persönlichkeiten wie Napoleon, Bismarck oder Lord Byron.
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In der Deutschen Werkstatt
»Soeben eingetroffen, mein verehrtester Herr Geheimrat v. Bismarck? Wir haben heut den 11. Mai, ein denkwürdiger Tag ... für mich, denn ob ich noch einen ferneren Mai im lieben Frankfurt sitze, das wird wohl auch von Ihnen sozusagen abhängen.« Der alte Generalleutnant Rochus v. Rochow, Botschafter in Petersburg, vertrat auf Urlaub den Posten des preußischen Bevollmächtigten zum Bundestag und lieh es sich hier wohlergehen.
»Wie meinen, Exzellenz?«
»Wir wollen uns doch nichts vormachen, mein Hochverehrtester. Unser Allergnädigster hat Sie zum ersten Legationssekretär ernannt, aber Sie zu meinem Nachfolger ausersehen. Nun, wie Gott will. Aber sind Sie sicher, daß Ihnen der Posten zusagt? Er ist etwas dornig, und Sie sind ja ganz neu in dieser Karriere. Sehen Sie sich mal um in der diplomatischen Gesellschaft: Lauter große Herren mit ellenlangen Ordensbändern.« Sein Blick streifte unwillkürlich die von Orden unbefleckte Brust des neuen Ankömmlings.
»Gestatten Exzellenz, daß ich an die Weisung Friedrich des Großen an seine Gesandten erinnere, die sich von der Opulenz anderer Diplomaten bedrückt fühlten: ›Denke Er, daß 100 000 Bajonette hinter Ihm stehen.‹ Womit ich übrigens die ökonomische Frugalität nicht billigen möchte, denn der Gesandte einer Großmacht muß auch äußerlich repräsentieren.«
»Hm, der Posten ist nicht so übel besoldet, 21 000 Reichstaler und dazu Douceur für die erste Einrichtung. Natürlich beziehe ich mehr Gehalt in Petersburg, diese Stelle ist ja auch wichtiger, dies hier ist eigentlich ein Ruheposten für verdiente Veteranen.« Der frischgebackene Legationsrat machte unwillkürlich eine leicht ablehnende Bewegung, als sei er nicht damit einverstanden. »Ach, Sie werden bald erkennen, daß hier nicht viel zu machen ist, unter uns gesagt. Sie sind noch ein jüngerer Mann, daher etwas ehrgeizig. Ich wäre wahrlich nicht abgeneigt, meinen Petersburger Posten mit Ihnen zu tauschen. Würde Ihnen das nicht passen?«
»Ich kann nur erwidern, daß ich überall hingehe, wo unser König und Herr mich hinstellt«, lautete die ausweichende Antwort. »Doch für so hohe Verantwortung reicht meine Erfahrung nicht hin.«
»Da mögen Sie recht haben.« Rochow nickte bedächtig. »Das Hofleben dort strengt an und erst das Klima, oh! Hier am schönen Rhein ist das Leben so angenehm, mit den verschiedenen erlauchten Höfen in Süddeutschland verkehrt sich's leicht.« Einen Orden für jeden Besuch! stand im ironischen Blick, den Otto auf die schwere Ordenslast des Gesandten heftete. »Da hat man zum Beispiel ein reizendes Leben als Gesandter in Darmstadt, zugleich akkreditiert beim Herzogtum Nassau und bei dieser freien und munifizenten Reichsstadt Frankfurt.« Ja, er bemüht sich in Berlin darum, daß man mich auf diesen Nebenposten abschiebt, dachte der so leutselig belehrte Anfänger bitter. »Nun, das wird sich ja alles finden. Ich werde Sie natürlich sofort in die hiesige Gesandtschaft einführen, und Sie tun wohl daran, mein hochverehrter Herr Geheimrat, sofort Ihre Antrittsvisiten zu machen.«
»Ich stehe ganz zu Ew. Exzellenz Befehl und werde Ihren Rat befolgen.« – – Als er in sein Quartier im »Englischen Hof« zurückkehrte, wo er abstieg, empfing ihn sein treuer Kammerdiener Hildebrand. »Na, du siehst ja in deiner Livree wie ein Graf aus. Gefällt's dir?«
»Ja, ja, gnä' Herr, wenn nur allens so nett wäre. Aber man is doch hier in der Fremde, und sie reden so'n ausländisches Kauderwelsch.«
»Schafskopp! Ist Deutschland im Ausland? Das sind auch Deutsche hier, merk' dir das, so gut wie wir Altmärker.«
»Mag schon sind, gnä' Herr, aber justament auf uns Preußen haben sie einen höllischen Zahn, so viel bracht' ich schon 'raus. Wir haben ihnen doch nie was zuleide getan.«
»Bloß den fetten Bürgern Ruhe in ihren Betten verschafft durch ein königlich preußisches Regiment.«
»Ach so! Justament das kreiden sie uns wohl an. Undank ist der Welt Lohn.«
Wie wahr! Daß doch der einfache Sinn des Volkes alle hochpolitischen Dinge aufs ewig Menschliche zurückführt! Gerade daß Preußen mit tausend Bedenklichkeiten und Gewissensskrupeln die Rechte anderer nicht antasten möchte, verzeiht man ihm nicht. Denn jeder fühlt instinktiv die geheime Stärke, und daß ein Starker nie seinen Willen durchsetzt, erfüllt mit Argwohn als unnatürlich. So sind wir die Bestgehaßten wegen unserer Friedfertigkeit. Die Engländer laden ihre Bomben mit Humanität, die Franzosen mit Freiheit und Menschenrechten. Noch immer proklamieren sie den Kampf für die Menschheit, wenn sie auf Straßenraub ausgehen. Wir, wenn wir mal endlich zuschlagen, finden nie schöne Worte, nur stramme Hiebe, deswegen sind wir brutale Barbaren. Die Welt will betrogen sein, wußten die klugen Römer. Ach, du mein Gott, wir Deutschen sind das begabteste und klügste Volk der Welt, aber in puncto Diplomatie werden wir immer arme Schächer bleiben. Der Alte Fritz war gewiß schlau und gewandt, und doch mußte er den Krieg erklären und in Sachsen einrücken, um nicht erdrosselt zu werden. Was half ihm sein Manifest, er ziehe das Schwert zur Rettung deutscher Libertät! Ganz Deutschland war gegen ihn zugunsten der Welschen und Kroaten. Es muß etwas radikal Falsches, eine angeborene Schwäche in unserer Politik stecken. Unsere peinliche gefährdete Lage verkenne ich nicht, doch wir ahnen nie, wie stark wir sind. Hätte sonst Wellington sich im Waterloo-Jahr heimlich mit Frankreich und Österreich verbündet, um uns zu überfallen, bis ihm Napoleons Rückkunft einen Strich durch die Rechnung machte? Und wie bezahlte man die Waffenbrüderschaft von Waterloo? Der alte Raumer zeigte mir einen Brief von Gneisenau, wo er Stein und Bein über Englands Undank klagt. Was hilft das Klagen! Jeder nimmt so viel als er kriegen kann, und läßt sich jemand das Fell über die Ohren ziehen, so wird er eben geschunden. Blücher und Gneisenau waren gewiß die herrlichsten Patrioten, aber von den Geschäften verstanden sie nichts. Wäre beim zweiten Pariser Frieden ein richtiger Staatsmann für Preußen dabei gewesen, so hätten wir heut Sachsen. Hm! Wer weiß, wofür das gut ist, jed' Ding hat zwei Seiten, und ich bin gar nicht für leere Annexionen und Aufschluckung deutscher Reservatrechte. Gott besser's! Da sitz ich grüner Anfänger und korrigiere die Schulhefte preußischer Diplomatie. Was ich leisten würde, ist noch sehr die Frage. Aber – –! Den Rochow ›hab' ich weg‹, wie der kleine Bülow von Monsieur Bernadotte sagte. Ein Ruheposten soll hier sein? Nicht in Petersburg und Wien, hier wird Preußens künftige Politik gemacht, hier liegt die deutsche Frage. Das sollte mir passen, hier in abhängiger Stellung mich dem fremden Trubel anzubequemen, statt in Ruhe auf meiner Farm zu sitzen. Darf ich nicht auf meinen zwei eigenen Beinen stehen, so hol' der Teufel die ganze Bescherung. Mit 3000 Talern als Legationssekretär komm' ich hier ohnehin auf keinen grünen Zweig. Ein teures Nest! Ne, so haben wir nicht gewettet. Ich habe das Wort vom König und Manteuffel, und brechen sie's, dann adjes! Da will ich mich lieber als Abgeordneter in der Kammer abplacken, und als einfacher Gutsbesitzer auf meiner Scholle stehe ich mich besser. Wenn ich Preußen nützen soll, muß ich hier freie Hand haben. Ich werde an Manteuffel schreiben, daß Rochow nicht am Platze ist. Ein würdiger alter Militär, doch hat vermutlich von Diplomatie keinen Schimmer. Akten und Formalien. Damit lockt man keinen Hund vom Ofen. Ich will hier reinen Tisch machen mit den Zweideutigkeiten. Festigkeit ist die beste Politik. Mit Drehen und Wenden offenbart man nur seine Schwäche. Natürlich nicht mit der Tür ins Haus fallen. Fuchshaut überziehen, grob und liebenswürdig in holder Abwechslung. Staaten sind genau wie Menschen. Wer Menschen behandeln kann, wird auch mit den abgefeimtesten Staatsvertretern fertig. Da fällt mir ein, der alte Metternich lebt jetzt auf seinem Stammsitz Johannesberg. Den famosen Wein muß ich kosten, als Schüler den greisen Meister anschwärmen, andächtig zu seinen Füßen sitzen. Das wird guten Eindruck in Wien machen.
Über Rochow schreib' ich morgen vertraulich an Manteuffel. Man muß das Eisen schmieden, solange es warm ist. Weg muß er. Man soll ihn ja nicht brusquement fortschicken, eher seine Wünsche kajolieren. Zu guter Letzt übernahm er diese Mission, freilich ohne sich bewußt zu sein, wie schwierig sie ist, undankbar wohl nicht, dafür kommt es auf die Behandlung an. Bin ich etwa einer von denen, die mit Kritik leicht bei der Hand sind, aber kneifen, wenn es ans Handeln geht? Ich hoffe zu Gott: nein. Ich trete in diese Bresche und will sie allein verteidigen, aber auch ganz allein, da bin ich am stärksten. Wie sagt der alte Schiller? ›Der Starke ist am mächtigsten allein.‹ Ab und zu hatte der alte Schönredner doch sehr lichte Momente. Das scheint mir ein Schuß ins liberale Schwarze, ein richtiger Tellschuß. Und an das Tellwort will ich mich mein Lebtag erinnern: ›Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.‹ Ob wir die Besten sind, weiß nur Gott, aber an bösen Nachbarn ist Überfluß. Und wollen sie nicht Frieden halten, so muß geschossen werden. ›Du kennst den Schützen, suche keinen andern.‹ In Berlin werden sie mir ein Bein stellen. Besonders die liebe Presse. ›Wär ich besonnen, hieß' ich nicht der Tell.‹ Auch treffend gesagt, paßt aber schwerlich für mich. Die Kerls sollen noch inne werden, daß ich verdammt besonnen bin. Stottere ich etwa wie Percy Heißsporn? ›Sitz' ich zu...




