E-Book, Deutsch, 147 Seiten
Blaudez Spiegelreflex. Ada Simon in Cotonou
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-944818-05-4
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 147 Seiten
ISBN: 978-3-944818-05-4
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ada Simon ist Fotoreporterin. Afrika ist ihre zweite Heimat. In Cotonou, der größten Stadt in Benin, scheint alles so zu sein wie immer. Doch nachdem Adas bester Freund, der Politiker Patrick, vor ihren Augen ermordet wird, verwandelt sich ihr Alltag zusehends in einen Albtraum. Immer tiefer verstrickt sich Ada in die afrikanische Realität und die kalte Realpolitik, bei der sich alles um fette Kredite aus Brüssel und die Gier nach Schürfrechten dreht. Bald weiß sie nicht mehr, wem sie trauen kann. Wider Willen wird Ada zum Spielball entgegengesetzter Interessen. Schließlich versucht sie in einem Akt der Verzweiflung der tödlichen Gefahr zu entrinnen. »Eine afrikanische Ermittlung mit Herz, Verstand - und einer ganz besonderen Heldin, die mit offenen Augen durch die Welt geht und dadurch unbekannte Welten sichtbar macht.« Ullrich Noller, WDR
Lena Blaudez studierte Volkswirtschaft in Ost-Berlin, konnte 1985 dank der Hilfe eines Franzosen, der sie deshalb heiratete, die DDR verlassen, absolvierte ein Aufbaustudium Internationale Entwicklungspolitik u. eine journalistische Ausbildung. Viele Jahre lebte und reiste sie in Afrika, und arbeitete in Entwicklungshilfeprojekten in Niger, Benin, Kongo und St. Petersburg. Heute wohnt sie als freie Journalistin und Autorin von Romanen, Erzählungen und Drehbüchern in Berlin.
Autoren/Hrsg.
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1
Die feuchte Hitze traf sie wie ein Hammerschlag. »Madame, Madame, moi, moi!«, flehten ein paar Jungen, die alle ihre Koffer schleppen wollten und sich gegenseitig schubsten und stießen. Sie wimmelte sie ab und ergab sich ohne langes Feilschen dem erstbesten Taxifahrer.
Der junge Typ hatte die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen und raste davon, als gelte es immer noch, sich seine Beute zu sichern. Sie war müde von dem langen Flug, dem unvorhergesehenen Aufenthalt in Moskau mit den gewohnten Fehlinformationen und ließ sich seufzend ins Rückpolster sinken. Der klapprige Peugeot schlingerte haarscharf an den gewaltigen Schlaglöchern vorbei. Roter Staub wehte durchs Fenster herein und durch die Rostlöcher im Bodenblech. Die Abgase aus dem röhrenden Auspuff wurden dem Fahrgast direkt zugeleitet. Sie hielt das Gesicht ans Fenster. Marktfrauen in bunten Kleidern mit Körben und Schüsseln voller Tomaten, die kurz in der Abendsonne aufflammten, winkten erfolglos nach dem verschwenderisch leeren Taxi. Palmwedelgedeckte Stände voll echt antiker Vodoumasken, an denen die Farbe noch nicht ganz trocken war. Die Bilder flogen vorbei. Ein grauhaariger Alter, am Straßenrand auf seinen Stock gestützt. Sein weißes Gewand flatterte wie ein Segel. Ada verspürte eine Welle des Glücks. Endlich wieder hier! Das Taxi bog jetzt In eine schmale Seitengasse ein, die von Hibiskus gesäumt war. Ein junges Pärchen umarmte sich, in die Hecke gedrückt, unzüchtig. Der lange schwarze Hals des Mädchens war zurückgebogen, und das lautlose Lachen entblößte beneidenswert weiße Zähne, bevor die beiden von der Staubwolke des Taxis verschluckt wurden. Auf einmal wurde sie unruhig. »Das ist doch nicht die Strecke zum Hotel de la Plage!« Sie packte die Rücklehne des Fahrersitzes vor ihr. Der Chauffeur nahm konzentriert und unbeeindruckt die scharfe Linkskurve, ohne vom Gas zu gehen. »He!« Sie schrie ihm ins Ohr. »Kleiner Umweg ... die Flughafenstraße ist dicht ...«, nuschelte er an seinem Zigarettenstummel vorbei. Dicht? Das übliche Mopedchaos, dürre Ziegen, magere Rinder, gelegentlich Kamele, die Unmassen der Fußgänger, aber Verkehrsstau? Hier ging es jedenfalls in Richtung Lagune und nicht zum Hafen, wo das Hotel lag. Die kurze blaugraue Dämmerung hing in der Luft wie eine Erwartung. Der Moment des Übergangs, den sie so sehr mochte. Beruhigend, normalerweise. Jetzt jedoch verdichtete sich die Erwartung zur unguten Gewissheit. Bei bald tiefschwarzer Nacht wurde sie in einem lädierten Taxi von einem offensichtlich Verrückten mit überhöhter Geschwindigkeit durch enge unbeleuchtete Gassen gejagt. Und auch noch in die falsche Richtung. Als wolle er sie nicht länger ihren Spekulationen überlassen, bremste er unvermittelt. Kurzes Hupen. Ein großes Eisentor wurde von innen geöffnet. Nur raus! Sie suchte hektisch nach dem Türgriff Es gab keinen. Da standen sie schon inmitten eines düsteren Hofes, den nur ein kleines flackerndes Feuer in der Ecke erhellte. Der Fahrer sprang heraus, schloss die Autotür sorgfältig ab. Es gelang ihr nicht, durch das halb geöffnete Fenster den Außengriff zu erreichen. Sie quetschte sich auf den Vordersitz durch. Ratsch, zerriss ihr T-Shirt. Es lohnt sich nicht, billige Klamotten zu kaufen. Eine Weile mäanderten ihre Gedanken wirr um das Garderobenteil. Ein dicker, stiernackiger Mann schimpfte auf ihren hageren Fahrer ein, der zusehends zusammenschrumpfte. Hin und wieder glaubte sie das Wort »yovo« zu verstehen, »Weiße«. Die beiden Männer gingen zu einer kleinen Wellblechhütte, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Überrascht stellte sie fest, dass die Fensterkurbel an der Beifahrertür intakt war. Sie griff nach draußen, die Tür öffnete sich mit einem leisen Knack. Das Gelände schien verlassen zu sein, das Tor war inzwischen abgeschlossen. Sie drückte sich an der Mauer entlang, gelangte in die Nähe der Hütte. Von der offenen Ladeklappe eines Lieferwagens strömte ihr ein süßlicher Geruch entgegen. Jetzt hörte sie die Stimmen der beiden, die vermutlich unmittelbar vor der Hütte standen. »Bist du denn bei Trost! Eine Weiße!« Missbilligung troff aus jeder Silbe. »Du jagst uns sonst wen auf den Hals, Mann!« Beschwichtigendes Gemurmel ihres Fahrers. Er hatte es doch nur gut gemeint. »Die Straßenkids rennen dir wohl zu schnell, was! Ich muss liefern, ich brauch die Kohle«, zischte der andere. Ihr Blick fiel auf die Ladefläche. Sie erstarrte. Zwischen Fleischteilen lag eine menschliche Hand. Körperteile, schwarze Magie, Vodou? Sollte sie als Ersatzteillager herhalten? Ihr wurde übel. Die beiden Männer kamen heraus, auf sie zu. Mit jagendem Puls beeilte sie sich wegzukommen, duckte sich ins Dunkel der Hofmauer. Aber der Dicke öffnete nur das Tor, schwang sich in den Lieferwagen und hinterließ nichts als eine stinkende Dieselwolke. Ihr enttäuschter Kidnapper warf ihr Gepäck aus dem Auto, sich selbst in sein Taxi und verschwand. Auf ihre Teile wurde verzichtet. Sie griff sich ihre Sachen und rannte los. Die Straßenbeleuchtung war noch nicht bis in diesen Teil der Stadt vorgedrungen. An der Ecke tauchte eine anheimelnde Insel aus der Dunkelheit auf. Das Gesicht der Barfrau im Licht der Petroleumfunzel schien ihr das sanftmütigste zu sein, das ihr je begegnet war. »Gin Tonic.« »Gibts hier nicht, wollen Sie Sodabi?« Ada nickte. »Ein großes Glas, bitte.« Als sie sich dank des Palmschnapses wieder beruhigt hatte, winkte sie ein Mopedtaxi heran und ließ sich ins Hotel de la Plage bringen. Zur Polizei? Lächerlich. Und den Hof würde sie nie mehr wieder finden.
Die im Kolonialstil erbaute sandfarbene Villa direkt am Hafen hatte schon bessere Zeiten gesehen. Hier wohnte sie immer, wenn sie in Cotonou war. Und das war in letzter Zeit gar nicht so selten. Der Empfangschef begrüßte sie wie gewohnt. Euphorisch. »Madame Simon! Sie sind wieder da! Hatten Sie eine gute Reise?« »Danke, ja«, antwortete sie. Und schauderte. »Und die Familie? Alle gesund? Und die Arbeit, ça va?« Alles war so außerordentlich erfreulich, dass beide laut lachten und die Hände gegeneinanderklatschten. Jetzt durfte man zur Tagesordnung übergehen. »Das gleiche Zimmer wie immer?« »Geht der Ventilator wieder?« Monsieur Alphonse legte das Gesicht in bedeutungsschwere Falten. Sein Bauch wölbte sich wie ein eigenständiges Wesen unter einem knallroten T-Shirt, das die Botschaft verkündete: Guinness is good for you. »Madame Simon, Sie sind hier im ältesten Hotel Cotonous. Genießen Sie das historische Ambiente. Diese Ventilatoren sind An-ti-qui-tä-ten!« Er hob die Hände himmelwärts. Gott war sein Zeuge. Er zumindest tat alles, was in seiner Macht stand. Wenn sie das nicht zu schätzen wusste – bitte sehr. Schnell versicherte sie, dass sie sich, Ventilator hin oder her, freue, wieder hier zu sein. Er nickte gnädig. Die würdevolle Kopfbewegung geriet aber sogleich außer Kontrolle, weil aus dem alten Radio schräg, blechern und laut Alpha Blondy von einer Interplanetary Revolution losschepperte. Alphonse’ Kopf nickte im Takt weiter, der ganze Körper ging mit. Unter rhythmischen Zuckungen überreichte er ihr den Zimmerschlüssel. Mit einem Kaffee und der Erinnerung an gestern, wie an einen bösen Traum, saß sie am nächsten Morgen auf der Hotelterrasse. Gedankenverloren sah sie den Jungs an der Hafenmole zu, die Steine ins Meer kickten und darauf warteten, dass endlich etwas geschah. Hinter dem Strand, der tadellos weiß bis zur Terrasse reichte, leuchtete das Meer, Gischt lag auf den Brechern, die sich weiter draußen auf einer Sandbank überschlugen. Ada sog den vertrauten Geruch nach Fisch, Tang und Dieselöl ein. Angekommen! Sie überlegte, wie es weitergehen sollte. Zuerst Patrick anrufen. Als sie dann seine Nummer wählte, ahnte sie nicht im Geringsten, dass sie damit einen Zeitzünder aktiviert hatte, der von nun an unermüdlich ticken sollte. Bis nichts in ihrem Leben mehr war wie zuvor. Die Bougainvillea leuchtete purpurn, zwei Straßenhändlerinnen riefen sich etwas zu und lachten. Afrika zeigte sich von seiner besten Seite.
Der Laden von Papa Paul, Treffpunkt für Intellektuelle, Geschäftsleute und westliche Entwicklungsexperten, die hier ihre Ideen ausprobierten, wurde von allen Champagner-Bar genannt. Der Name stand in allerbestem Kontrast zu dem Kramladen, der er eigentlich war. Er lag direkt an der Avenue Steinmetz, in der Mopeds, zerbeulte Autos und hin und wieder eine Nobelkarosse eine endlose, stinkende, hupende Schlange bildeten. Die gelben Jacken der Mopedtaxi-Fahrer flatterten, wenn sie sich mit Todesverachtung zwischen den Autos hindurchzwängten, als wollten sie signalisieren, dass ihnen die prompte Erfüllung der Kundenwünsche wirklich über alles ging. Vor der Champagner-Bar auf dem Bürgersteig lümmelten sich auf zerschlissenen Sesseln angesäuselte Staatsdiener aus dem nahen Ministerium für Bildung und Erziehung. Aus Lautsprechern dröhnte der letzte Hit aus Zaire. Davor schliefen zwei Kinder auf Strohmatten. Eine bonne femme köchelte auf ihrem Holzkohlefeuer Poulet Yassa, dessen Duft in harte Konkurrenz zu den Abgasen trat. Ihr Jüngstes pendelte, im Tragetuch schlafend, auf...




