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E-Book

E-Book, Deutsch, 268 Seiten

Blank Splitterwerk


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-9412-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 268 Seiten

ISBN: 978-3-7693-9412-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses Buch ist mehr als eine Sammlung von Geschichten - es ist ein Teil von mir. In Splitterwerk erzähle ich von Momenten, die das Leben prägen: vom Finden und Verlieren, von Hoffnung und Schmerz, von Tragik und der unerwarteten Komik des Alltags. Die Geschichten, die Sie hier finden, spiegeln Bruchstücke wider - meiner Gedanken, meiner Fantasien, vielleicht auch meiner Erinnerungen. Sie führen an düstere Orte, zu strahlenden Augenblicken und manchmal an die Kante der Wirklichkeit. Nicht jede Erzählung hat ein Happy End. Manchmal bleibt nur der Nachklang einer unbeantworteten Frage. Doch jede Geschichte ist ein Fragment, das für sich steht und doch ein größeres Ganzes erahnen lässt. Willkommen in Splitterwerk - meiner Welt in Worten.

Michael Blank wurde in Hessen geboren und hat seine Wahlheimat im rauen und doch inspirierenden Norddeutschland gefunden. Seine Geschichten sind geprägt von einer tiefen Verbindung zu den Gegensätzen des Lebens: Licht und Dunkelheit, Hoffnung und Verlust, Wahrheit und Fiktion. Mit Splitterwerk teilt Michael nicht nur Geschichten, sondern auch Fragmente seiner eigenen Gedankenwelt - manchmal düster, manchmal voller Wärme, aber stets unverwechselbar. Wenn er nicht schreibt, widmet sich Michael seiner Musik, erkundet neue kreative Möglichkeiten oder genießt die Ruhe der norddeutschen Landschaft, die ihm immer wieder neue Perspektiven schenkt. Seine Geschichten sind eine Einladung, innezuhalten und zwischen den Zeilen die Welt auf eine neue Art zu entdecken.

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DER FUND
Die Wohnung war still. Eine unnatürliche, lastende Stille lag auf den spärlich möblierten Räumen, als handle es sich um den Innenraum einer vergessenen Krypta. Draußen, hinter grauen Vorhängen, schien die Welt seit Stunden in ein bleiernes Grau getaucht, ein Winter, der sich seit Tagen wie eine unsichtbare Hand um die Stadt legte. Das Zimmer, in dem sich der Mann befand, war karg eingerichtet: ein schmaler Tisch aus Holz, dessen Kanten abgestoßen waren, ein einzelner Stuhl mit fleckigem Stoffbezug, ein Bücherregal an der Wand – schief montiert, einige Bretter zitterig eingehängt. Auf dem Regal standen wahllos durcheinandergewürfelte Bände, lose Blätter, Notizbücher, einige Aktenordner. In einer Ecke ein Mülleimer, bis zum Rand gefüllt mit zerknülltem Papier. Kein Fernseher, kein Radio, kein Computer, nur ein schwacher Glühbirnenschimmer von der Deckenlampe, der die Szenerie in ein fahles, fast krankhaftes Licht tauchte. Der Mann am Tisch – nennen wir ihn Elias Roth, auch wenn die Geschichte seinen Namen vielleicht nie preisgegeben hätte – saß vor einem Stapel Papiere, handschriftlich eng beschrieben, mit Rändern voll kleiner Notizen, Pfeilen, Ausrufezeichen, kryptischen Markierungen. In seiner rechten Hand hielt er einen Stift, dessen Mine kurz vor dem Austrocknen stand; seine linke Hand lag flach auf dem Papier, als wolle er es daran hindern, davonzufliegen. Sein Gesicht, eingefallen, die Wangen hohl, die Augen tief in den Schädel gesunken, verriet eine innere Unruhe. Er trug ein zerknittertes Hemd, zu groß, an den Ellbogen ausgebleicht, die Manschetten ausgefranst. Die Hosen waren dunkel, form- und farblos, ohne klaren Schnitt. Er wirkte wie ein Mann, der sich seit Tagen nicht rasiert hatte, der kaum noch schlief, der seine ganze Existenz auf diese Blätter vor sich konzentrierte. Draußen irgendwo auf der Straße kreischte eine Bremse, dann war es wieder still. Elias beachtete es nicht. Seine Gedanken kreisten um das, was er hier niederschrieb. Er war kein gewöhnlicher Schriftsteller. Dafür sprach die Art, wie sein Stift über das Papier raste, wie die Buchstaben ineinanderflossen, wie sein Atem manchmal stockte, als müsse er etwas Außergewöhnliches zu Papier bringen. Vielleicht war er ein Wissenschaftler, ein Forscher, ein Mann, der an Dingen arbeitete, die er nicht hätte berühren sollen. Etwas war in seinen Kopf gekrochen, etwas, das ihn verzehrte, und er versuchte es nun verzweifelt herauszuschreiben, um es in Worte, Formeln, Diagramme zu pressen. In einem Nebenzimmer, so gut wie leer, stand ein alter Kleiderschrank mit kaputten Scharnieren, eine Matratze auf dem Boden, daneben einige leere Flaschen mit abgestandenem Wasser. Ein beißender Geruch von Schweiß, Angst und Konzentration lag in der Luft. Der Mann, Elias, hörte seine eigene Atmung in den Ohren. Wieder setzte er den Stift an, kratzte über das Papier, als würde er dem unsichtbaren Feind in seinem Kopf die Stirn bieten. Man konnte fast die Pulsader an seinem Hals pochen sehen. Stunden vergingen – oder waren es nur Minuten? Die Zeit in dieser Wohnung war seltsam gedehnt, verschoben, als läge sie außerhalb der normalen Welt. Ab und an hob Elias den Blick, starrte auf die Wand, auf eine schwache Verschmutzung im Putz oder auf die Bücher im Regal, als könnte er dort Antwort finden. Dann setzte er fort: Krakelnde Buchstaben, fließende Sätze, Fragmente von Formeln, die sich über den Rand hinaus entfalteten. Man sah daran, dass er etwas Unfassbares bändigen wollte, etwas, das weitaus größer war als diese Seite, größer als dieser Raum, größer als seine Möglichkeiten, es zu verstehen. Mit der Zeit wurden seine Bewegungen hektischer, manischer. Sein Atem schneller, seine Hand verkrampfter. Der Stift stieß auf Widerstand, als wollte das Papier selbst die Aufnahme dieser Botschaft verweigern. Er flüsterte dabei Worte, kaum hörbar: „Nein … das kann nicht … unmöglich …“ Dann lauter: „Verdammt! Wieso passt es nicht? Wieso… wieso…“ Er biss sich auf die Lippe, bis ein kleiner Blutfleck auf dem Papier erschien. Doch er schrieb weiter, rutschte immer tiefer in eine Erkenntnis, die in seinem Kopf loderte wie ein blindwütiges Feuer. Plötzlich hielt er inne. Der Stift erstarrte. Sein Blick fiel auf das Geschriebene. Für Sekunden – oder waren es Minuten? – regte er sich nicht. Nur sein Atem war zu hören, flach und stoßweise. Dann ließ er den Stift fallen, das Klappern auf der Tischplatte hallte durch die Stille. Elias richtete sich langsam auf, der Stuhl knarrte, als hätte er Schmerzen. Er stand vor dem Tisch, starrte auf die Seiten, auf die sorgfältig angehäuften Blätter, die Notizen, die Randbemerkungen. Sein Blick war leer, fast tot, wie von jemandem, der gerade seine eigene Verdammnis niedergeschrieben hat. Er hob eine Hand, fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. Dann ging er langsam durch den Raum, zielgerichtet, als würde er etwas suchen. In einer Schublade, einer Kommode oder vielleicht hinter einem Stapel alter Zeitungen – es war nicht ganz klar, woher – zog er plötzlich eine Schere hervor. Eine schlichte Haushaltsschere mit stumpfen, abgenutzten Klingen. Auf den ersten Blick kein sonderlich gefährlicher Gegenstand, doch in seiner Hand wirkte sie wie ein Werkzeug reinen Wahnsinns. Zurück am Tisch beugte er sich leicht vor, sein Atem klang jetzt rasselnd, so als ringe er mit sich selbst. Sein Blick schweifte zwischen Manuskript und Schere hin und her. Er sprach kein Wort. Seine Hand, die die Schere hielt, zitterte. Dann, fast lautlos, richtete er die Spitze der Schere gegen seinen eigenen Unterarm. Man konnte sehen, wie sie ein wenig in die Haut drückte, wie sie zögerte. Dann ein Ruck – und die Klinge ging hinein. Elias’ Gesicht verzerrte sich in stummem Schmerz. Er zog die Klinge heraus, der erste Tropfen Blut fiel auf die Blätter, tiefrot und verräterisch. Doch er hörte nicht auf. Mit beängstigender Entschlossenheit stach er erneut zu, diesmal tiefer, an einer anderen Stelle, an seinem Brustkorb, seinem Unterbauch, als wolle er in sich selbst einen Weg freischneiden. Sein Atem verwandelte sich in ein qualvolles Keuchen. Er keuchte, stöhnte, rang nach Luft. Das Manuskript vor ihm wurde von dunkelroten Spritzern befleckt. Ein verstörendes Bild: Der Mann, der erschafft – oder entschlüsselt – und gleichzeitig zerstört, sich selbst aufschlitzt, als wäre seine eigene Existenz das letzte Hindernis zwischen der Erkenntnis und der Welt. Irgendwann sank er auf die Knie, die Hand immer noch fest um den Griff der Schere geklammert. Sein Blick verschwamm, sein Körper erschlaffte. Er kippte langsam seitlich um, schaffte es kaum noch zu atmen. Die Blutlache unter ihm wuchs, floss in Richtung des Tisches, der Stuhlbeine, konnte aber nicht die stummen Zeilen auf dem Papier mehr unkenntlich machen. Die Worte waren da, festgehalten in Tinte und Blut. Elias’ Augen rollten nach oben. Mit einem letzten, halb gurgelnden Atemzug schied er aus dieser Welt. Das Manuskript, seine letzte Botschaft, blieb zurück. Tage vergingen. In der Stadt erblasste der Winter nicht, eher wurde er drückender. Menschen hasteten über nasse Gehwege, wärmten sich die Hände an Pappbechern, während draußen in dieser tristen, billigen Mietwohnung ein toter Mann am Esstisch lag. Die Nachbarn hatten schon seit einiger Zeit nichts mehr von ihm gehört. Es roch eigentümlich im Flur, eine muffige Ausdünstung, doch in Häusern wie diesem scherte sich kaum jemand um seltsame Gerüche. Die Stadt war voll von Vernachlässigung und Ignoranz. Vielleicht hatte jemand geklopft, vielleicht hatte der Postbote seine Briefe einfach unter der Tür hindurchgeschoben. Irgendwann, nach einem halben Dutzend verstrichener Tage, wurde das Klopfen an der Tür energischer. Es war kein zaghaftes Warten mehr, sondern ein forderndes Pochen. Niemand antwortete. Die Tür – verschlossen. Wer immer draußen stand, gab nicht auf. Ein entschiedener Tritt an das morsche Holz, dann ein zweiter. Schließlich brach das Türschloss mit einem hässlichen Geräusch. Die Tür schwang auf, und ein Mann in einem langen, dunklen Mantel trat ein. Sein Gesicht halb im Schatten, eine Narbe an der Wange, Augen wachsam und kühl, so als sähe er solche Szenen nicht zum ersten Mal. Er sah sich um. Der Geruch von Verwesung und geronnenem Blut lag in der Luft. Der Mann verzog keine Miene, legte nur eine Hand über den Mund, atmete flach durch die Nase. In seiner anderen Hand hielt er etwas, vielleicht einen Ausweis oder ein Foto. Sein Blick glitt durch den Raum, blieb an dem reglosen Körper am Boden hängen. Er schritt langsam näher, achtete penibel darauf, wohin er trat. Sein Mantel berührte beinahe die Tischkante, als er sich vorbeugte, um den Toten zu betrachten. Das Opfer lag bereits im Zustand zunehmender Verwesung, das Gesicht wächsern, die Augen offen, aufgerissen in einem letzten, stummen Schrei. Die Wunden, die die Schere hinterlassen hatte, waren deutlich zu erkennen. Der Mann im Mantel drückte die Lippen aufeinander. Er kannte so etwas. Er wusste, dass dies kein gewöhnlicher Vorfall war. Zu gezielt, zu absurd. Da hatte...



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