E-Book, Deutsch, 456 Seiten
Blank Das Netz der Stille
3. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-7429-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Wind der Lügen
E-Book, Deutsch, 456 Seiten
ISBN: 978-3-7693-7429-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im abgelegenen Eiderstedt, zwischen den endlosen Feldern und dem Wind von Westerhever, wird Michael Kropka, ein erfahrener Ermittler, in einen Fall verwickelt, der ihn tief in die dunklen Geheimnisse eines gefährlichen Netzwerks führt. Als er sich mit einem mysteriösen Fall konfrontiert sieht, wird er schnell in ein Netz aus Lügen, Machtspielen und Verrat verstrickt. Mit der Unterstützung von Anke, einer entschlossenen Journalistin, und Maren, seiner langjährigen Vertrauten, muss Kropka nicht nur gegen die äußeren Bedrohungen kämpfen, sondern auch gegen seine eigenen Zweifel und die Schatten seiner Vergangenheit. Doch je weiter er in die Ermittlungen vordringt, desto klarer wird ihm, dass das wahre Netz der Stille weit mehr ist als nur ein kriminalistisches Rätsel - es betrifft auch die Menschen, die ihm am nächsten stehen. In diesem packenden Thriller geht es um die Entschlüsselung von Geheimnissen, den Preis von Loyalität und das ständige Ringen zwischen Wahrheit und Lüge. "Das Netz der Stille" ist eine Geschichte über Vertrauen, Freundschaft und den unaufhaltsamen Drang, das Dunkle zu ergründen, bevor es zu spät ist.
Michael lebt seit 2010 in der abgelegenen Weite von Eiderstedt, einer Wahlheimat, die ihm den Raum für kreative Entfaltung und tiefgehende Reflexion bietet. Inmitten der stillen, weiten Landschaft, die von den rauen Winden des Nordens geprägt ist, zieht es ihn immer wieder zu den dunklen Ecken der menschlichen Psyche - den Orten, wo Geheimnisse, Lügen und Wahrheiten miteinander verschmelzen. Seine Geschichten spiegeln die stille Bedrohung wider, die in der Abgeschiedenheit lauert, und die ständige Suche nach dem, was unter der Oberfläche verborgen bleibt. Michael ist ein erfahrener Beobachter der menschlichen Natur und lässt sich von den ungelösten Rätseln und unerforschten Wahrheiten inspirieren, die in den stillen Winkeln der Welt darauf warten, entdeckt zu werden.
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KAPITEL 1
Der Wind peitschte über das flache Land, schleifte an den knorrigen Bäumen, die sich an der Auffahrt zu Schloss Hoyerswort duckten. Ein breiter, grauer Himmel spannte sich über die kargen Felder, auf denen kaum noch etwas wuchs, außer hartnäckigem Gras, vom Salz der Nordsee gezeichnet. Schmale Gräben, schlammig und trüb, trennten die Äcker. In der Ferne erhob sich der Deich, ein stiller Verteidiger gegen die unruhigen Gezeiten, aber auch ein stummer Zeuge der Dinge, die geschahen, wenn der Tag zum Abend wurde. Hier draußen war alles karg, minimalistisch, ein raues Gemälde in gedeckten Farben. Schloss Hoyerswort: Ein alter Adelssitz, ein mächtiges Steinhaus mit breitem Sockel, grau wie der Himmel, das Dach mit dunkelroten Ziegeln gedeckt. Die Fenster tief in die Mauern eingelassen, die Balken im Inneren aus Eichenholz, knarrend und alt, als würden sie Geschichten flüstern. Ein Seitentrakt wies neuere Konstruktionen auf, modernisierter Anbau, eine kleine Cafeteria, ein Laden mit Krimskrams für Touristen, Postkarten, Miniaturleuchttürme aus Plastik. Benno Schepp hatte hier Geld investiert. Er hatte gehofft, diesen Ort zu neuem Leben zu erwecken. Doch jetzt, im frühen Abend, lag ein Schatten auf dem Gemäuer, als würde die Vergangenheit ihre Krallen in die Zukunft schlagen. Benno stand im Innenhof. Hände in den Taschen seiner Jacke, blickte er an den Mauern hoch. Er war ein Mann um die vierzig, kräftig, kurze Haare, klare Augen. Er hatte sich als Restaurator versucht, als Gastwirt, als Veranstalter kultureller Events. Sein Traum: Schloss Hoyerswort als Magnet für Besucher, ein Ort, an dem Menschen die Geschichte spürten, wo Märkte, Konzerte und Lesungen das tote Land beleben würden. Doch diese letzten Tage hatten etwas verändert: Kleine, aber gezielte Diebstähle. Wenig Geld, ein historischer Dolch aus einer Vitrine, eine alte Karte aus dem Hauptraum. Nichts Großes, aber genug, um die Atmosphäre zu vergiften. Dazu ein paar Drohungen – Zettel, im Wind flatternd gefunden, mit kruden Botschaften, unklare Warnungen. Drohungen, die sich keiner erklären konnte. Benno ging langsam zum großen Tor. Die Holztüren waren verzogen vom Wetter, doch wenn sie offenstanden, ließen sie den Blick hinaus auf die lange Auffahrt frei, hin zum Dorf, wo ein paar Häuser kauerten. Heute waren die Türen geschlossen, verriegelt. Er hörte den Wind durch die Ritzen pfeifen. Drinnen im Schloss war es still, als hätte jemand die Luft angehalten. Er wollte nicht, dass seine Familie Angst hatte. Er wollte ihnen Sicherheit geben. Doch diese Vorfälle brannten in ihm wie kleine Geschwüre. Anne Schepp kam den langen Flur entlang, leise Schritte auf dem kalten Steinboden. Ihre Hände umfassten einen Schal, den sie gerade gefaltet hatte. Eine Frau mit schmalen Schultern, ruhigen Augen, ein Gesicht, in dem die Sorge Linien zog. Sie blieb vor Benno stehen, musterte ihn. „Du hast wieder nichts erfahren?“ Ihre Stimme war gedämpft, als fürchte sie, jemand könne zuhören. Er schüttelte den Kopf. „Nichts.“ Knapp, hart. Er war müde, wollte nicht herumreden. Anne biss sich auf die Lippe. Sie hatte weiche Gesichtszüge, aber ihre Augen waren wachsam. „Es war niemand im Laden außer Frau Mundt. Sie hat nichts gesehen.“ Benno knirschte mit den Zähnen. Frau Mundt, die Aushilfskraft, ein redseliges Dorforiginal, ihr entging normalerweise nichts. Trotzdem: Keine Spur, keine Erklärung. „Dann eben später.“ Seine Stimme klang wie altes Holz, spröde. Anne legte ihm eine Hand auf den Arm. Er spürte ihre Kälte, den dünnen Stoff zwischen ihnen. „Die Drohungen… glaubst du, sie meinen es ernst?“ Er zuckte die Achseln, ohne Antwort. Er wusste es nicht. Vielleicht war es nur ein schlechter Scherz, jemand, der das touristische Projekt torpedieren wollte. Vielleicht war es mehr. Er sah Anne an, dann richtete er den Blick die Treppe hinauf, wo im Halbdunkel die Ölgemälde hingen. Alte Herrschaften mit ernsten Blicken. Unnahbar. Er sagte nichts, aber seine Kiefermuskeln spannten sich. Sinja stand auf der Galerie. Ein kleines Mädchen, kaum acht Jahre alt. Still und blass, die Haare hell, fast weiß, ihr Blick wach und neugierig. Sie klammerte sich an das hölzerne Geländer, sah nach unten zu ihren Eltern. Sie spürte die Spannung, auch wenn niemand es aussprach. Sinja kannte diese dichte Luft, das Schweigen, das nicht richtig passte. Sie fragte nicht, hörte nur zu, merkte sich Details. Anne sah sie oben stehen. Eine kleine Geste mit der Hand. „Komm runter, es gibt Tee.“ Sinja machte keine Miene, blieb stehen, beobachtete. Benno hob den Kopf, seine Stimme war rau, aber nicht unfreundlich. „Sinja, hör auf Mama.“ Das Mädchen stieg langsam die Stufen hinab. Jede Stufe knarrte, alt und widerspenstig. Der Wind draußen klopfte an die Mauern, murmelte hinter den Fenstern. Im Treppenhaus roch es nach altem Holz und Feuchtigkeit. Unten angekommen, blickte Sinja ihren Vater an. „Ist was passiert?“ Ihre Stimme war leise, ein hauchdünner Faden. Sie wusste, dass etwas nicht stimmte, auch wenn man sie schonte. Benno zog die Brauen zusammen, suchte nach Worten, die nicht lügen und nicht erschrecken. „Nur… ein paar Dinge fehlen. Kein Grund zur Sorge.“ Sinja nickte, als hätte sie eine belanglose Antwort erwartet. Doch ihr Blick blieb fragend, als würde sie in seinen Augen nach einer Wahrheit suchen, die er nicht aussprechen wollte. Anne brach das Schweigen: „Tee ist fertig. Kommt.“ Sie drehte sich um, ging voraus, führte sie in einen Raum, der einst eine kleine Schreibstube gewesen war, jetzt als provisorische Küche diente. Ein runder Holztisch, ein paar Stühle, ein alter Sekretär in der Ecke. Es roch nach Schwarztee und ein wenig nach Staub. Die Wände waren kahl, nur ein kleines Fenster ließ den Abend herein. Benno setzte sich. Seine Finger klopften unruhig auf die Tischplatte. Er sah, wie Anne die Teekanne neigte, dampfende Ströme in die Tassen. Sinja rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Draußen schlug eine Böe gegen die Scheibe, ließ sie erzittern. „Benno, wir müssen überlegen, was wir tun“, sagte Anne leise. Sie hatte die Stimme gesenkt, als ob das Schloss selbst nicht zu viel erfahren sollte. „Du wolltest doch mit dem Bürgermeister reden.“ Er nickte, verbissen. Der Bürgermeister war skeptisch gewesen, was die ganzen Tourismusträume anging, aber jetzt musste er helfen. Er musste Maßnahmen ergreifen. Ein paar Diebstähle, heimliche Drohungen – so etwas würde Gäste vertreiben, Gerüchte säen. Das Schloss sollte doch eine Brücke sein, ein Ort, der das Dorf belebt, nicht eine Bühne für Kriminelle. Sinja schlürfte ihren Tee. „Vielleicht sind es Gespenster“, murmelte sie. Ein Kindersatz, aber in dieser stillen, drückenden Atmosphäre klang es wie eine Ahnung. Anne schüttelte den Kopf. „Nein, Schatz. Keine Gespenster.“ Benno schwieg. Er dachte an die Zettel. Grobe Schrift, unleserlich. Worte wie: „Bleibt weg. Verschwindet. Ihr gehört hier nicht her.“ Drohungen, verwischt von Regen, gefunden am Morgen. Keine Unterschrift, keine Spur. Er blickte auf seine Tasse, sah sein eigenes Spiegelbild im braunen Tee. Er war wütend, aber die Wut verhallte in der Stille, wurde zu dumpfer Sorge. Er stand auf, schob den Stuhl zurück. Anne hob den Blick, fragend. „Wohin?“ „Raus. Ich schau mich um.“ „Es ist dunkel.“ Ihre Stimme angespannt. „Was willst du sehen?“ Er antwortete nicht. Er musste sich bewegen, den Ort abtasten. Vielleicht gab es Spuren an den Fenstern, am Tor, Fußabdrücke im Matsch, irgendetwas. Vielleicht würde der Wind ihm ein Flüstern zutragen, ein Hinweis. Er verließ die Küche, trat durch den Flur, öffnete eine Seitentür, die in einen kleinen Innenhof führte. Der Hof war gepflastert, in der Mitte ein Brunnen ohne Wasser. Alte Werkzeuge lehnten an der Wand, Bretter, ein Eimer, ein Besen. Der Wind griff nach seinem Gesicht, ließ ihm kaum Luft. Er kniff die Augen zusammen, ging zum Tor. Riegel, Schloss, alles verschlossen. Er lauschte, hörte nur das Dröhnen des Windes und fern das Summen der See. Er trat um das Schloss herum, an den Mauern entlang, vorbei an einem schmalen Fenster, das in den Lagerraum des Ladens führte. Dort fehlten die gestohlenen Stücke. Vielleicht hatte der Täter hier ein- und ausgehen können. Er beugte sich vor, sah nichts als Schwärze, spürte einen modrigen Geruch. Er trat zurück, verfluchte die Dunkelheit. Hinter einer Mauerecke peitschte der Wind ihm Sprühregen ins Gesicht. Er schob die Hand vors Gesicht, stieß mit dem Fuß gegen etwas Hartes. Ein kleiner Stein, dachte er. Er bückte sich, griff danach. Es war ein abgebrochener Griff, Metall, verbogen. Keine Ahnung, woher. Vielleicht von einem Werkzeug, vielleicht ein Teil von etwas Größerem. Er steckte es in die Jackentasche. Ein Indiz? Oder bloß Müll? Benno ging weiter, überquerte...




