Bismarck / Scheffler | Von Glitzerzebras und singenden Eichhörnchen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 151 Seiten

Bismarck / Scheffler Von Glitzerzebras und singenden Eichhörnchen

Fantastische Vorlesegeschichten mit vielen farbigen Bildern
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-407-75288-8
Verlag: Julius Beltz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fantastische Vorlesegeschichten mit vielen farbigen Bildern

E-Book, Deutsch, 151 Seiten

ISBN: 978-3-407-75288-8
Verlag: Julius Beltz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



15 wunderbar komische Vorlesegeschichten: Früher einmal waren alle Menschen grün - sommergrün, grasgrün, flaschengrün. Die Eichhörnchen sangen im Chor, die Hasen flogen spazieren und man spielte mit Seepferdchen Unterwassertennis. Ob das alles wirklich so war? Manchmal hält Mirle ihren Vater wirklich für etwas verrückt, aber er erzählt - jeden Abend - einfach die besten Geschichten der Welt. Und die hat Axel Scheffler mit viel Witz und Gefühl sehr reich illustriert. Schöner kann Zu-Bett-Gehen nicht sein.

Melanie von Bismarck, geboren 1957 in Hamburg, studierte Kunstgeschichte und Archäologie. Sie arbeitet heute als freie Radio- Kulturjournalistin vor allem für den NDR.
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Als die Hasen noch fliegen konnten


Draußen rüttelte der Wind an den Fenstern.

»Was für ein Sturm!« Mirles Vater schaute hinaus in den Garten und schüttelte den Kopf. Mirle stand neben ihm. Sie presste die Nase an der Scheibe platt. Wieder schüttelte ihr Vater den Kopf, denn gerade fuhr ein Windstoß in den Blätterhaufen, den er erst vor wenigen Stunden mühsam zusammengeharkt hatte. »Das richtige Wetter für eine Tasse Tee«, seufzte er.

»Und wann kommt Mama wieder?«, fragte Mirle.

»Bald«, antwortete der Vater. Er ging zum Esstisch und griff nach der Teekanne.

»Wann?«

»In zwei Wochen, wenn du es genau wissen willst. Und jetzt esse ich ihren Kuchen.« Er nahm sich das Stück Apfelkuchen, das Mirles Mutter liegen gelassen hatte, als sie zum Bahnhof gefahren war.

Mirle seufzte. Sie schaute im Zimmer umher und spähte unter das Sofa.

»Suchst du Bertie?«, fragte ihr Vater.

Sie nickte. Doch der kleine Kater war nicht da. Mirle sah im Flur und in der Küche nach und fand ihn schließlich eingerollt auf ihrem Bett. Mit dem schwarzen Knäuel im Arm tapste sie zurück ins Wohnzimmer und kuschelte sich neben ihren Vater auf das Sofa.

»Wie war’s heute in der Schule?«, fragte er und legte ihr den Arm um die Schultern. Mit der anderen Hand griff er nach der Zeitung.

»Ich bin fast weggeflogen«, sagte Mirle, »es hat sooooo gestürmt!«

Auf dem Schulweg war sie mit ausgebreiteten Armen gegen den Wind angelaufen. Wie wild hatte er an ihr gerissen und gezerrt.

»Und?«, fragte ihr Vater. »Bist du geflogen?«

»Nicht wirklich«, meinte Mirle. »Menschen können ja nicht fliegen.«

»Das war nicht immer so«, sagte der Vater. Er legte die Zeitung beiseite und nahm einen Schluck Tee.

»Damals war der Himmel voller fliegender Geschöpfe.« Der Vater legte den Kopf in den Nacken und schaute an die Decke. »Da oben in der Luft trafen sich die Menschen mit allem, was sonst noch fliegen konnte«, fuhr er fort. »Flugzeuge, Hexen auf ihren fliegenden Besen, Flugechsen …«

»Vögel, Papierflieger, Basketbälle, Federbälle, Tischtennisbälle …«, unterbrach ihn Mirle.

»Wasserbälle, Handbälle und so weiter«, machte ihr Vater weiter und stellte seine Tasse zurück.

»Und fliegende Untertassen!«, rief Mirle.

»Und«, der Vater tippte Bertie auf die Nase, »Hasen. An den Wochenenden flogen Hasen gerne mit der ganzen Familie spazieren, alle schön hintereinander. Den Ausdruck ›spazieren gehen‹ gab es nicht, stattdessen sagte man ›spazieren fliegen‹. Auch Esel, Kühe, Pferde, ja sogar Nashörner konnten fliegen. Weil Nashörner so dick sind, machten sie dabei mächtig Wind. Wenn zufällig ein Nashorn vorüberflog«, der Vater holte tief Luft, machte dicke Backen und pustete die Luft aus, »dann konnte es passieren, dass man von einer kräftigen Böe erfasst und umgeworfen wurde.«

Mirle überlegte. Als der Wind sie heute Morgen fast umgestoßen hätte, war da womöglich gerade ein Nashorn vorbeigeflogen? Aber ein fliegendes Nashorn wäre ihr ja wohl aufgefallen. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie es wohl wäre, neben einem Nashorn herzufliegen.

»Konnten damals alle fliegen?«, fragte sie.

Ihr Vater nickte. »Klar, alle, sogar Tante Elsie. Sie flog jeden Tag mit einem Schwarm bunter Schmetterlinge zum Einkaufen. Von den Schmetterlingen ließ sie sich unterwegs interessante Dinge über Blumen erzählen. Tante Elsie erfuhr, dass jede Blüte einen eigenen Ton hat, den nur Schmetterlinge hören können. Die hellblauen Blüten klingen in ihren winzigen Ohren wie Flöten, die gelben wie Trompeten und die roten wie Geigen. Wenn ein Schmetterling von Blume zu Blume fliegt, hört er stets eine kleine Melodie. Und gemeinsam mit seinen Freunden kann er an einem warmen Sommertag ein richtiges Sinfoniekonzert veranstalten. Was wir Menschen leider nicht hören können …«

Der Vater unterbrach sich und angelte nach der Postkarte, die auf dem Wohnzimmertisch lag.

»Tante Elsie«, erzählte er weiter, während er mit der Karte herumspielte, »ist damals immer über die Alpen nach Mallorca geflogen. Ein freundlicher Adler, der zufällig denselben Weg hatte, wurde Elsies ständiger Reisebegleiter.«

Mirle wusste, warum ihm das jetzt einfiel. Die Karte war von Tante Elsie. Da stand tatsächlich in ihrer krickeligen Schrift: Ich fliege gerade über die Alpen Richtung Mallorca. Aber natürlich war Tante Elsie nicht an der Seite eines Adlers, sondern zusammen mit vielen anderen Menschen in einem Flugzeug geflogen!

»Ohne Flugzeug fliegen – wie soll das überhaupt gehen?«, wollte sie wissen und strich mit dem Zeigefinger ganz sacht über Berties kleine Tatzen.

»Da genügt schon regelmäßiges Training«, erwiderte ihr Vater, ohne zu zögern. Er reckte und streckte sich und schlenkerte mit den Armen. »Gute Bauchmuskeln, kräftige Schultern – mehr braucht man nicht. Jeder nur etwas sportliche Mensch konnte damals fliegen.«

Der Vater ging jetzt morgens manchmal schwimmen und heute war er sogar in einem Fitnessstudio gewesen. Nun war er stolz auf sich, das konnte Mirle ihm ansehen. Sie stellte sich aufs Sofa, breitete die Arme aus und setzte zum Sturzflug an. Da fiel ihr etwas ein. »Musste man einen Helm tragen?«

»Streng genommen ja«, sagte ihr Vater und stopfte sich einen letzten, großen Bissen Kuchen in den Mund. »Ae ia a e aehae«, machte er.

»Ich versteh dich nicht!«, rief Mirle und stupste ihn in die Seite.

»Aber niemand hat sich dran gehalten«, wiederholte ihr Vater, nachdem er endlich aufgegessen und mit einem Schluck Tee nachgespült hatte. »Deswegen waren ständig Luftpolizisten im Einsatz. Und trotzdem sausten jeden Tag fliegende Geschöpfe ohne Helm durch die Luft, peng!« Mirles Vater stieß mit dem Kopf an ihren. »So was konnte ganz schön wehtun.«

»Und wie kommt es, dass Menschen heute gar nicht mehr fliegen können, sondern nur noch Vögel und Bienen und so?«, wollte Mirle wissen.

Der Vater zuckte die Schultern. »Irgendwer hat es so eingerichtet.« Er dachte ein bisschen nach. »Vielleicht die Weltbestimmer. Ja, genau, es waren bestimmt die Weltbestimmer!«

Mirle hatte noch nie etwas von Weltbestimmern gehört. Egal, sie ließ ihren Vater ausreden, er dachte sich ja häufig so komische Dinge aus.

»Es war nämlich so«, erzählte der Vater weiter, »während sich in der Luft alles drängelte, war die Erde wie ausgestorben. Am Himmel stauten sich fliegende Menschen, die zur Arbeit unterwegs waren, und knallten mit ihren Helmen aneinander. Standen Wolken am Himmel und die Sicht war schlecht, dann herrschte dort oben das reinste Chaos. Auf der Erde dagegen hielt sich kaum noch jemand auf. Was da unten passierte, kümmerte keinen, alles war sich selbst überlassen. Die Maschinen in den Fabriken standen still, die Häuser waren menschenleer, die Felder wurden nicht mehr bestellt und das Gras nicht mehr gemäht. Das Grünzeug überwucherte am Ende alle Wege und wurde so hoch, dass man nicht mehr vorwärtskam.«

Der Vater machte eine Pause. Mirle stupste ihn an. »Und dann?«, drängelte sie. »Was ist dann passiert, warum können Menschen nicht mehr fliegen?«

Der Vater sog die Luft ein, machte dicke Backen und pustete die Luft wieder aus. »Die Weltbestimmer kamen zusammen und überlegten, was zu tun sei. Sollten die Menschen nicht lieber auf der Erde bleiben? Und während sie so überlegten, fanden sie auch noch einen Beschwerdebrief in ihrem Postkasten. Den hatten jene Leute geschrieben, die auf der Erde geblieben waren und auf ihren Sonntagsspaziergängen nicht mehr durch das hohe Gras kamen. Auf der Karte stand:

Spazieren fliegen ist ja ganz schön, aber ehrlich gesagt, liebe Weltbestimmer, wir möchten auch mal wieder spazieren gehen. Und außerdem: Ein Frosch, der fliegt, ist ja schön und gut, aber wir möchten auch mal wieder einen Frosch hüpfen sehen!«

»Und eine Ameise, die läuft«, rief Mirle, »und einen Regenwurm, der kriecht!«

Der Vater, der gerade aus dem Fenster schaute, fügte hinzu: »Außerdem mag ich Vögel ...



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