E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-641-14601-6
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Zur Einführung Ein paar nüchterne Daten vorab: Michael Kleeberg, geboren am 24. August 1959 in Stuttgart, lebt nach längeren Auslandsaufenthalten, darunter von 1986 bis 1996 in Frankreich, in Berlin. Er ist Romancier, Erzähler, Essayist und Übersetzer aus dem Französischen und Englischen. Er ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, darunter der Anna-Seghers-Preis 1996, der Lion-Feuchtwanger-Preis 2000, Mainzer Stadtschreiber 2008, der Evangelische Buchpreis 2011 und der Saarländische Kinder- und Jugendbuchpreis 2012. 1984 debütierte er mit Erzählungen, die erkennbar von Hemingway beeinflusst waren, Böblinger Brezeln. Dem folgte der zunächst als Roman, in der späteren Taschenbuchausgabe dann richtigerweise als Erzählung bezeichnete Text Der saubere Tod (1987), der von spätadoleszenten Selbstkonzepten im damaligen Milieu von Berlin-Kreuzberg handelt. 1993 erschien der von der Kritik stark beachtete Roman Proteus der Pilger. Wie seine historische Vorlage, Christoph Martin Wielands Peregrinus Proteus, den er souverän aktualisiert, ist er ein virtuoses Spiel mit dem deutschen Entwicklungsroman, zugleich auch eine von ebenso geschmeidiger wie kräftiger Sprache geprägte ironische Milieu- und Mentalitätsstudie der 1970er/1980er Jahre. Nach der Novelle Barfuß (1995), einer streng gebauten Studie zum taedium vitae und zur »Identitätsmüdigkeit« (Kleeberg) des westlichen Menschen – der verheiratete Mitinhaber einer Werbeagentur gerät aus gelangweilter Neugier unversehens in eine sadomasochistische, homosexuelle Hörigkeit –, erschien ein Band mit weltläufigen Erzählungen, Der Kommunist vom Montmartre (1997). Die wiederholt in Paris, aber auch in Berlin, Amsterdam oder Hamburg angesiedelten Geschichten führen von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart. Sie erzählen ebenso vom Varietékünstler Luciano di Lammermoor, der seine Reise als Abgesandter der Pariser KP zum Friedensfest in Moskau als herausfordernde Schauspielrolle interpretiert, wie von den Menschenexperimenten der Nationalsozialisten und dem Überleben des Holocausts, porträtieren Stricher und Dealer, Werbemänner oder einen Jazzmusiker aus der DDR in den Mühlen der Wende von 1989 ebenso wie Absurditäten des deutschen Literaturbetriebs am Beispiel des Klagenfurter Ingeborg Bachmann-Wettbewerbs. Ein entschiedener Durchbruch war dann 1998 der Roman Ein Garten im Norden. Die Kritik nahm ihn geradezu hymnisch auf, pries ihn als den »Roman der Berliner Republik« (Tilman Krause) und als »schönste[n] deutsche[n] Roman der letzten Jahre« (Mathias Greffrath). Inzwischen ist der Roman kanonisch zum einen für die Literaturgeschichte der jüngsten Gegenwart, zum anderen für das Genre des para- oder allohistorischen Romans. Er vereint die bis dahin wesentlichen Stränge von Michael Kleebergs Schreiben, nämlich intensive zeitgenössische Mentalitätsbeobachtung und die Rolle sexueller Leidenschaft und Obsession, mit einer historischen Tiefendimension, die ihn zu einem substanziellen Werk literarischer Reflexion deutscher Geschichte nicht nur des 20. Jahrhunderts werden ließen. Thematisch ist es nichts weniger als der »Versuch eines Gegenbuchs zu Thomas Manns Dr. Faustus«, nichts weniger als der Versuch, »dieses Werk ›zurückzunehmen‹, […] künstlerisch auf Augenhöhe, aber mit anderen Prämissen und einer anderen politisch-historisch-philosophischen Überzeugung, das ›Verhängnis‹ der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu analysieren und zugleich zu erzählen«, wie Kleeberg selbst 2013 im Rückblick die ambitionierte Konzeption des Romans zutreffend skizzierte. In Sprache und programmatischer Reflexivität, vor allem über die Bedeutung Frankreichs im deutschen ›Seelenhaushalt‹, in der Tradition Heinrich Manns stehend, ist Ein Garten im Norden sowohl Darstellung der unmittelbaren Situation in den Jahren nach 1989 als auch ein utopisch-alternativgeschichtliches Modell deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert. In der Laudatio zum Lion-Feuchtwanger-Preis wurde der Roman von Tilman Krause treffend für die darin gezeigte »Zivilcourage, Humor, Grazie, Helligkeit, Höflichkeit des Herzens« gerühmt. Begleitet von zahlreichen Kritiken und Aufsätzen zur aktuellen kulturellen wie politischen Lage, erschien 2001 der historische Roman Der König von Korsika. Er erzählt in dichter chronistischer Nähe die wechselhafte Geschichte des westfälischen Abenteurers Baron Neuhoff, der de facto nur 1736, nominell aber sogar bis 1743 König von Korsika war, als Sozialisation in einer höchst bewegten, von prägenden Figuren und Ereignissen gesättigten Zeit, in der zugleich ein heute (wieder) aktueller Typus aufscheint. Das 2004 vorgelegte Reisetagebuch aus dem Libanon, Das Tier, das weint, entwirft aus minutiöser Fremd- und Selbstbeobachtung, in unentwegter Bewegung zwischen gegenwärtiger Wahrnehmung, gemachten Erfahrungen und eingesammeltem Wissen, ein komplexes Bild der dortigen Kultur, des Betrachters selbst und darin explizit der Poetik seines Schreibens. Das Tagebuch zeigt ihn als einen bildungsbewussten, sensiblen und engagierten Intellektuellen, der sich vor entschiedener Stellungnahme keineswegs scheut. Vor allem zeigt es ihn als poetologisch hoch reflektierten Autor auf der Höhe modernen Schreibens, das seine Kriterien u. a. aus Thomas Mann, Giorgio Bassani, Claude Simon oder Thomas Pynchon, vor allem aber in der Auseinandersetzung mit Marcel Prousts epochalem Werk gewinnt: Kleeberg ist u. a. auch mit einer vielbeachteten Übersetzung Prousts hervorgetreten (Combray, 2002; Eine Liebe Swanns, 2004). Der 2007 erschienene Roman Karlmann lehnt sich in der Konzeption als erster Teil einer Folge an John Updikes Rabbit-Tetralogie an. In Rhythmik und Dynamik der Syntax, aber auch in der Verknüpfung gedanklicher Ebenen zeigt er sich produktiv geprägt von eben den Proust-Übersetzungen. Sujet und Erzählverfahren sind indes höchst originär: In frei zwischen Er, Du, Ich changierender Erzählperspektive wird von je einem Tag der Jahre 1985 bis 1989 aus dem Leben von Karlmann (»Charly«) Renn erzählt, einem betont mittleren Helden: strahlende Hochzeit, Arbeit als Geschäftsführer eines Autohauses, außereheliche sexuelle Erprobung im Extremen, das Parkett der feinen Hamburger Gesellschaft, Zerbrechen der Ehe und Flucht nach Frankreich. In diesen fünf Stationen entfaltet Michael Kleeberg ein furios vorgeführtes gesellschaftliches wie mentales Panorama der bundesrepublikanischen 1980er Jahre. Vor allem jedoch lotet er das in seinen Konditionierungen und Konventionen, existenziellen Tiefen und Untiefen exemplarische Leben eines durchschnittlichen jungen Mannes aus, dem die metaphysischen Tröstungen der Kunst nicht zur Verfügung stehen. In kühler Beobachtung, aber zugleich mit großer Empathie erfasst, erscheint dieses Leben aber kaum weniger sensibel und differenziert als das intellektueller Protagonisten. Von der Kritik zum Teil enthusiastisch aufgenommen (»ein einzigartiges Buch, ein grandioser Roman«, Peter Körte) stellt er einen weiteren Höhepunkt in Michael Kleebergs literarischem Schaffen dar. Er summiert in variierenden Aufnahmen Elemente des bisherigen Werks, so die jugendlichen Allmachtsvorstellungen, die Suche nach Grenzsituationen im Sexuellen, vor allem aber die Beobachtungsschärfe gegenüber der zeitgenössischen Gesellschaft und deren Reflexion aus der Perspektive eines historisch gebildeten Bewusstseins. Die Fortsetzung dieses Romans erscheint unter dem Titel Vaterjahre im August 2014. Diesem in jeder Hinsicht umfassenden Roman gesellte sich 2008 ein äußerlich schmales Bändchen zur Seite: aufgehoben. Kleines Mainzer Brevier. Die Sammlung kurzer Prosatexte, zwischen Essay und Erzählung changierend, zeigt Kleeberg als meisterlichen Autor des Eingedenkens und Memorierens, weit jenseits allfälliger Erinnerungsliteratur. In verschiedenen fein ausgearbeiteten Miniaturen, staunend am Erinnerten, nachdenklich fragend, senkt der Blick sich in innere Bilder des Außen, Orte und Augenblicke der Geborgenheit. Die Sehnsucht nach Heimat erscheint darin der nach Religion gleich: »Ob wir religiös sind oder nicht, die Kirchen mit ihren Türmen sitzen in unseren Genen.« 2010 folgte, gemessen an den anderen Romanen ebenfalls im Umfang eher schlank, Das amerikanische Hospital: ein Werk von höchster Reife, an Weltreichhaltigkeit und literarischer Könnerschaft beeindruckend, novellistisch streng komponiert und doch mit weitem Horizont, wie ihn nur große Romane haben können, mit eindrucksvollen, bleibenden Figuren. Hier die Französin Hélène, die Frau, die nicht gebären kann, gefangen in der körperlichen Pein und psychischen Belastung moderner Reproduktionsmedizin und des unbedingten Kinderwunsches, dort die seelischen Qualen des im absurden, ersten Irak-Krieg traumatisierten amerikanischen Soldaten David Cote. Unregelmäßig und zunächst zufällig, dann gezielter einander bei der Bewältigung ihrer Lebenskrisen stützend, treffen die beiden über sechs Jahre hinweg immer wieder im Hôpital Américain de Paris aufeinander. In ihren Gesprächen über Literatur oder in der Wahrnehmung von Paris, vor allem in den wechselweise erzählten Auszügen ihrer Lebensgeschichten – hier hat die einhellig begeisterte Kritik zu Recht immer wieder die geradezu atemberaubend plastischen Kriegsszenen hervorgehoben – konturieren sich tiefe Zweifel an unserem unbedingten Machbarkeitsglauben. Hier erweist sich aber zugleich...