Bilgeri | Der Atem des Himmels | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Bilgeri Der Atem des Himmels

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-903217-86-7
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-903217-86-7
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Mega-Bestseller von Reinhold Bilgeri Als Erna von Gaderthurn im September 1953 das Große Walsertal betritt, ist es für sie Flucht und Neubeginn zugleich. Nach dem Tod ihres Vaters hat sie das elterliche Schloss im Pustertal verlassen, um eine Stelle als Lehrerin in Blons anzutreten. Sie findet in ihrem Kollegen Eugenio Casagrande eine neue Liebe. Doch der 11. Jänner 1954 schlägt eine Schneise, die alles verändern wird, für immer... Reinhold Bilgeri verwebt meisterhaft das historische Lawinenunglück von Blons mit der Biografie seiner Mutter - ein packender Roman über eine tragische Liebe. 'Es ist ein Hammer von einem Buch. Der Roman ist nicht nur gut, er ist ausgezeichnet.' Michael Köhlmeier Bisher über 65 000 verkaufte Exemplare Filmerfolg in China: Golden Rooster Award als 'Bester ausländischer Film' Über 100 000 Besucher des Kinofilms in Österreich

Reinhold Bilgeri, Mag., geboren in Hohenems/Vorarlberg, ist Singer-Songwriter, Drehbuchautor, Filmemacher und Schriftsteller. Als Pop-/Rocksänger verkaufte er international über 3 Millionen Tonträger. Zuletzt bei Amalthea erschienen: 'Die Liebe im leisen Land' (2021).
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Die leeren Gänge


Erna, komm! Der Papa stirbt.«

Mutters Stimme hallte durch die Gänge. Heiser und fordernd. Ihr Befehlston fuhr Erna noch immer in die Glieder, obwohl er an Schärfe verloren hatte, seit es mit Papa zu Ende ging. Erna stand auf, ein Schwindel erfasste sie.

»Erna, unser Papa.«

Erna stützte sich auf den Küchentisch, schloss die Augen. Die Welt war aus dem Gleichgewicht. Vornüber lehnte sie und versuchte geraspelte Zwiebel unter fein zerhackte Karotten zu mischen, unter sehr fein zerhackte Karotten. Papa würde nicht sterben, solange sie mit dem Salat beschäftigt war. Er wartete auf sie. Immer neue Nuancen fügte sie dem alten Rezept bei, nur nicht zu Ende bringen. Alles roch nach Abschied, jede Wand, jeder Vorhang, jeder Stuhl, als wüssten auch die Dinge, dass sich hier jemand auf den Weg machte. Schon vor dem Zwiebelschneiden hatten sich vereinzelt Tränen in den Salat gemischt. Unter der Schürze trug sie ihr Blaues, für den Sommer, Papas Lieblingskleid.

Der Föhn, der schon eingeschlafen war, öffnete jetzt mit sanftem Ruck die Küchentür. Erna lehnte sich an den Rahmen, um die Brise festzuhalten, der Schwindel hatte sich gelegt. Sie füllte noch einmal ihre Lungen, wie ein Krieger, der sich zum Kampf rüstet, entschlossen und angstvoll zugleich. Dann ging sie hinaus auf den Gang. Alle Fenster im Erdgeschoß standen offen, die Stores bauschten sich, winkten hoch und weit ins Schloss hinein. Sie setzte sich auf eines der breiten Simse, putzte sich die Nase, die sich zu röten begann, sah sich um – der Kreuzgang war leer und kahl. Die endlosen, roten Läufer, die Truhen und Kommoden, die hier einst an den Wänden standen, waren längst verkauft. Staub überall. Das Haus war zu groß geworden, das Personal zu klein, das Geld verschwunden.

Viel vergeudetes Leben hing in allen Ritzen, jetzt bröckelte das letzte noch versammelte aus den Mauern. Auf leisen Sohlen ging sie wieder zurück zu ihrem Salat, sie war noch nicht so weit, wollte noch einmal Kräfte sammeln.

Papa durfte noch nicht sterben. Sie war sich gewiss, wenn sie jetzt zu ihm ginge, ihm die Hand hielte, es wäre das letzte Mal, dann würde er loslassen. Er wartete nur auf sie.

Der schale Geruch aus seinem Zimmer, der sich im Gang mit Mutters Pfeifenrauch mischte, war selbst in der Küche noch zu spüren. Sie begann wieder im Salat zu stochern.

Seit einem Jahr schon konnte man sich keine Bediensteten mehr leisten, Erna hatte selbst Hand anzulegen. Durch die Folgen des Krieges und besondere Umstände war man in eine höchst prekäre Situation geraten. Diese besonderen Umstände meinten einen einzigen Namen: Valerie.

Mutter sah in dieser unseligen Person sogar den eigentlichen Grund für die rapide Verschlechterung in Papas Gesundheitszustand, was Papa immer scharf zurückgewiesen hatte. Er konnte keinen Zusammenhang mit seinen angegriffenen Lungen erkennen. Jedenfalls hatte Großvater diesen betörenden Störenfried mit dem »singenden Namen« ins Haus gebracht. Obschon dreiundachtzigjährig, hatte er, nach dem Tod seiner ersten Frau, partout noch einmal auf ein »junges Wesen« an seiner Seite bestanden. Ernas Mutter hatte den alten Mann für diese Groteske – Valerie war vierzehn Jahre jünger als Papa und gleichzeitig dessen Stiefmutter – hundertmal verflucht.

So war also dieses »kapriziöse, flapsige Ding« in den Genuss des ersten Erbanspruchs gekommen, womit der Niedergang der Familie endgültig besiegelt war. So sah es jedenfalls Ernas Mutter, Karoline von Gaderthurn, die das Erbe zu Recht für ihren Mann und sich erwartet hatte und nun zusehen musste, wie vor ihren Augen zerrann, was ihre Zukunft hätte sichern sollen. Denn Valerie war Geschäftssinn so fremd wie Arbeitseifer. Sie war Gnädige Frau und genügte sich darin.

Die Erinnerungen an diese Person zogen sich heute wie Schlieren durch Ernas Kopf, ganz ungerufen lenkten sie ab von Papa, der auf sie wartete. Immer schon hatte Valerie das Talent, im ungünstigsten Moment durch anderer Leute Angelegenheiten zu hampeln und Unruhe zu stiften. Dass sie allerdings an Papas jetzigem Zustand die alleinige Schuld tragen sollte, mochte auch Erna bezweifeln. Alles in allem aber markierte sie wohl den Anfang vom Ende.

Seit die »Flatterhafte« im Haus war, verrauchte Mama die doppelte Menge vom bulgarischen Kraut. Speziell nach Großvaters Tod eskalierten die Zustände empfindlich. Karoline, selbst keine Koryphäe in Sachen Haushalt (als Spross kleinen böhmischen Landadels aber an ein Minimum an Luxus gewöhnt), machte selbst gar kein Hehl aus der Verachtung, die sie für derlei Arbeiten hegte.

Aber Valerie, diese Valerie, die als Klavierlehrerin pro forma einmal im Monat mit ihrem Schüler klimperte, ließ dem täglichen Schlendrian so freien Lauf, dass sich in kürzester Zeit ein unerträgliches Chaos eingestellt hatte. Einnahmen und Ausgaben standen in keinem Verhältnis mehr. Buchhalterisches empfand sie als lästige Marginalie, ganz abgesehen von ihren sonstigen Eigenheiten. Getragene Wäsche etwa ließ sie liegen, wo sie sich ihrer gerade entledigt hatte, oder sie bündelte alles zu einem Knäuel und verstaute ihn in einer Ecke auf dem Dachboden, der – bequem – direkt über ihrem Salon lag. Da konnte sozusagen en passant entsorgt werden. Eine Angewohnheit, die sich zusehends zu einem Problem auswuchs, da sie sich wöchentlich mit neuen Kleidern eindeckte, die sie sich eigentlich gar nicht mehr leisten konnte.

Ernas Mutter sah diesem Treiben lange Zeit argwöhnisch und schließlich verzweifelt zu und wäre längst eingeschritten, hätte nicht Papa zur Besonnenheit gemahnt. Er war zwar die meiste Zeit außer Haus gewesen – als Meteorologe in seinem Dienstzimmer auf der Wetterstation am Ritten bei Bozen –, aber keinesfalls gewillt, den ohnehin fragilen Hausfrieden zu gefährden. Ein verschlossener, friedliebender Mann war er. Anfangs gönnte er seinem Vater sogar diese junge Blüte, die, zugegeben, ihre Reize hatte. Mit der Häufung abstruser Vorkommnisse aber war auch seine Skepsis erwacht. Allerdings hatte er über die Jahre schon genug Streit gesehen und schluckte deshalb hinunter, was zu verdauen war.

Auch Erna hatte sich tunlichst herausgehalten, bis sich die Wolken abermals und diesmal endgültig verfinsterten, als sie eines Tages durch Zufall entdeckte, dass hinter gewissen Merkwürdigkeiten die generöse Hand eines Wohltäters wirkte, der inkognito bleiben wollte. Die kursierenden Gerüchte waren schlagend geworden. Ein gewisser Graf Wehrberg war offensichtlich schon vor Jahren in Valeries Leben getreten, was zu einer Liaison geführt hatte, die nicht nur platonischer Natur geblieben war. Mit parfümierter Tinte geschriebene, an Valerie gerichtete Verse waren Beweis genug. Erna hatte die duftenden Ergüsse eines Tages zwischen einem Stapel gebrauchter Unterwäsche entdeckt. Peu à peu trat nun zutage, was bisher bloße Vermutung war. Mutter erlitt einen veritablen Nervenzusammenbruch, hatte wochenlang Kreislauf- und Magenprobleme, ja selbst die geliebte Pfeife blieb, auf Rat der Ärzte, kalt. In der Tat bedurfte es großer Anstrengung, die Wahrheit zu ertragen.

Dieser Graf Wehrberg hatte monatliche Zahlungen an Valerie getätigt, eine Art Apanage, und ließ sich jeden Scheck als Anzahlung für einen künftigen Kauf des Schlösschens gutschreiben. Die Verwunderung hielt sich daher in Grenzen, als es eines Tages zum Offenbarungseid kam und sich Wehrbergs Anwälte mit dem in Kraft getretenen Kaufvertrag vorstellig machten. Der gewiefte Charmeur hatte, in kürzester Zeit und zu einem Spottpreis, sozusagen anonymiter, das ganze Anwesen in seinen Besitz gebracht.

Jetzt ging es endgültig ans Familiensilber, und Mutters Albträume, in denen stets Gerichtsvollzieher mit Pfändungsprotokollen durchs Haus hasteten, rückten näher an die Wirklichkeit.

Erna spürte ihren Magen beim Gedanken an jene Tage. Sie schob, entschlossen diesmal, die Salatschüssel und die Erinnerungen an die unselige Valerie von sich und trat auf den Gang hinaus.

Zwei Türen weiter nur dämmerte ihr Vater dem Tod entgegen. Die Lungen, von Tuberkulose zerfressen, brannten ihm den Atem weg.

»Erna, du musst kommen.«

Mutters Stimme klang jetzt ungehalten.

Als Erna die ersten Schritte Richtung Zimmer tat, fror ihr das Herz.

Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie das langsame Sterben eines geliebten Menschen gefasst, bewusst begleiten musste. Als sie das letzte Mal bei ihm war, vor einer Stunde? einer halben Stunde? – sie hatte die Zeit verloren –, da hatte er sich mit seinen kalten Fingern in ihre Hand verkrallt und genickt: Du kommst gleich wieder, du kommst doch. Flackernde Unruhe in seinen Augen, als hätte er schon die andere Seite gesehen und wüsste schon mehr als die Lebenden. Sie konnte jetzt, nachdem sich die wimmernden Föhnböen wieder gelegt hatten, seinen schweren Atem...


Reinhold Bilgeri, Mag., geboren in Hohenems/Vorarlberg, ist Singer-Songwriter, Drehbuchautor, Filmemacher und Schriftsteller. Als Pop-/Rocksänger verkaufte er international über 3 Millionen Tonträger. Zuletzt bei Amalthea erschienen: "Die Liebe im leisen Land" (2021).



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