Bilgeri | Das Gewissen der Tauben | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Bilgeri Das Gewissen der Tauben

Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-903441-36-1
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-903441-36-1
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Poetisch und politisch Eine Wiener Familie in den frühen 50er-Jahren: Die lebensfrohe Gerda rebelliert auf der Suche nach ihrer Bestimmung gegen ihre streng katholische Mutter, eine Religionslehrerin und Dollfuß-Anhängerin, die ihre vier Kinder alleine großzieht. Auf dem Weg in den Tanzkurs lernt die junge Frau den charmanten, aber undurchsichtigen Schweizer Piero Burkhardt kennen, der in einer Fluchthilfeorganisation des Roten Kreuzes beschäftigt ist. Aus anfänglicher Neugier und Verliebtheit wird Leidenschaft - und die unerfahrene Gerda in den ersten Liebesnächten schwanger. Doch zur kurzfristig angesetzten Hochzeit erscheint statt des Bräutigams die Polizei - mit einem Haftbefehl für Piero. Gerda macht sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Geliebten und stößt auf seinen Spuren in eine noch immer vom Zweiten Weltkrieg gezeichnete Welt vor, die sie und ihre Mutter nie für möglich gehalten hätten.

Reinhold Bilgeri, Mag., geboren in Hohenems/Vorarlberg, ist Singer-Songwriter, Drehbuchautor, Filmemacher und Schriftsteller. Als Pop-/Rocksänger verkaufte er international über 3 Millionen Tonträger und veröffentlichte 2005 mit »Der Atem des Himmels« seinen ersten Roman, der wie sein Folgeroman zum Bestseller avancierte. reinholdbilgeri.at
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I.


Als hätte der Tag geahnt, was kommen würde, begann er zögerlich.

Es war am Morgen des 25. Februar 1959. Ein Mittwoch. Noch keine Geräusche im Haus, bis auf das Knarzen der Eiche im Treppenaufgang. Die Art, wie Gerda die Stiege hinunterlief, ließ vermuten, dass Schlimmeres passiert sein musste. Das beschwingte Tadam Tadam fehlte.

Jede Stufe mit gleichförmiger Bedächtigkeit, das war nicht ihr Rhythmus; der saloppe Sprung über die letzten drei Tritte war ausgeblieben und auch die Schlussgrimasse in den Spiegel am Treppenaufgang. Ihre fast fahrlässige Sorglosigkeit schien beim Teufel.

Sie tastete sich im Halbdunkel durch Mamas verkrustete Frühstücksreste im abgestellten Geschirr, lutschte kalten Kaffee von den Fingern – Mama hatte es wieder eilig gehabt und war wohl sehr durch den Wind gewesen. Schmutziges Geschirr konnte dann lange liegen bleiben, wie das Herbstlaub draußen vor der Tür. Die kleine Grübel-Villa, umkränzt und versunken in dichtem Efeu, dämmerte inmitten vornehmer Häuser aus der Gründerzeit– aufgereiht an einer ehemaligen Schlossstraße in Wien-Döbling, die einst direkt zum Schloss Pötzleinsdorf geführt hatte und noch dessen Namen trug. Als wäre das Haus nach zwei Weltkriegen in ein trübes Nachdenken verfallen und hätte seine Bewohner damit angesteckt. Die Innenausstattung, ein Sammelsurium an ererbten Möbeln verschiedenster Epochen und Stile, die hinten und vorne nicht harmonierten. Das Loslassen fiel der Familie schwer. Die Gebäude und Gärten ringsum schwärmten vom Rückzug in biedermeierliche Idylle, die sich mit Gerdas Temperament und ihren Sehnsüchten nicht wirklich vertrug. Architekten, Diplomaten, Beamte, Bauunternehmer, Theaterdirektoren, Kriegsgewinnler, Profiteure der Nazizeit – etliche der Villenbesitzer waren enteignet und ermordet worden – und natürlich Privatiers, die sich’s nach dem Krieg wieder richten konnten, lebten hier ihre Leben, in stiller Ordnung. Lasst uns in Frieden, sagten die Häuser.

Kurz nach sechs. Übelkeit stieg ihr vom Magen hoch. Sie ließ den Wasserhahn laufen, führte den Strahl über Teller, Tasse und Besteck und trank schließlich aus der hohlen Hand zwei kräftige Schluck, um den Brechreiz zu vertreiben. Vergeblich. Nur Galle. Sie säuberte, was zu säubern war, ließ den Kopf auf die Brust sinken und beugte sich über den Abwasch. Die schlaflosen Nächte der letzten Tage begannen an ihrer Kraft zu zehren. Das morgendliche Erbrechen nicht weniger.

Vom französischen Fenster im oberen Stock floss erstes Tageslicht ins Untergeschoß und machte den Staub auf Kommode und Esstisch sichtbar. Trostlos sah das aus, passend zu ihrer Stimmung. Dabei galt sie in aller Augen als sorglose Frohnatur. Wenn sie lauthals loslachte, warf sie gleichzeitig den Kopf in den Nacken und klatschte ausgelassen in die Hände – angeborener Übermut, dem man zutraute, auch den Tod eines Tages auszulachen.

Von feierlichem Ernst aber heute keine Spur. Sie wollte nichts wissen vom Tag, sie sah einen Ausnahmezustand heraufziehen, der sich allmählich in allen Lebensbereichen breitmachen würde. Mama war schon auf dem Weg zur Schule – früher als gewohnt, schlaflos wie Gerda – bepackt mit ihren Sorgen und biblischen Geschichten – Sodom und Gomorra, Turmbau zu Babel, die Arche Noah samt Sintflut usw. Die wusste sie so fesselnd zu erzählen, dass sogar Kinder aus der Brigittenau ihre Ohren spitzen würden.

Die Kleinen zwängten sich dann eins nach dem andern aus den engen Sitzbänken, um sich nah bei Frau Lehrerin zu platzieren, die mit einer Backe ihres mächtigen Hinterns am Pult klebte und die wispernde Herde genoss, die sich um sie scharte. Andacht allerseits. Sie war beliebt. Alle mochten sie. Respekt und Wärme waren, wo sie war. In dieser Reihenfolge.

Gerda kannte all die Geschichten, war ja selbst Mamas Schülerin gewesen, vor vielen Jahren. Sie erinnerte sich an die erzieherischen Details des Unterrichts, ihre noble Strenge und ihre sturen Deutungen religiöser Gleichnisse. Wenn seitens der Kinder mal eine vorsichtige Frage zur Plausibilität des Erzählten auftauchte (… am siebten Tag der Schöpfung ruhte der Herr … Warum musste der ruhen, als Allmächtiger?), wurde sie mit der gewagten Logik beantwortet, die den Geschichten selbst zugrunde lag. Ohne die Krücke der Allegorie war sie unsicher, ja verletzlich. Hartnäckiges Nachfragen oder gar Widerrede waren nicht erwünscht. Ein Ärgernis, das sich aus Gerdas Leben nie wirklich verflüchtigen sollte.

Im Gegenteil. In den letzten Tagen war es zwischen den beiden zu lauten Streitereien gekommen und immer wieder hatte sich Gerda dazu hinreißen lassen, Worte nicht mehr zu wägen, sondern ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Jetzt, ein paar Tage vor ihrem zwanzigsten Geburtstag, fühlte sie sich »Autoritäten« gegenüber, und Mama im Besonderen, weniger aufgeschlossen als früher. Neuerdings kreisten die Themen kaum noch um ihre unausgegorenen politischen Standpunkte oder Mamas katholisches Regelwerk als vielmehr um tadellose Lebensführung und das Ansehen der Familie, im Licht der Verwandtschaft, der Nachbarn, der Tugend und ja, vor Gott natürlich.

Gerda – und das war der Punkt – war schwanger. Ledig und schwanger. In der fünften Woche. Ihr Zustand unterlag, auf Mamas Rat, höchster Geheimhaltung. Im Umkleidezimmer im ersten Stock lag ein weißes Hochzeitskleid bereit, auf ihre schlanke Taille angepasst, mit bodenlangem Schleier übers Sofa drapiert. Unschuld. Makellos. Mutter wollte das so. Allabendlich, wenn ihre Hand über die Vorarlberger Spitze des Dekolletés strich und den Schleier glatt zupfte, gab sie sich der Illusion hin, ein hastig anberaumter Hochzeitstermin könnte den außerehelichen Fauxpas noch erfolgreich vernebeln. So bekam der Faktor Zeit täglich eine größere Bedeutung. »Wie konntest du mir das nur antun?«, ihre erste Reaktion aufs Gerdas Beichte. Aber dann: »Was soll’s, der Herr hat’s gegeben, hätt’s der Himmel nur verhüten mögen!«

»Ja, der Herr hat’s gegeben, genauso war’s!«, rotzte Gerda, sie hatte etwas Ähnliches erwartet, aber andererseits auf eine verzögert einsetzende Erinnerung an Mamas Muttergefühle gehofft, allein – kein Hauch von Vorfreude auf das Enkelkind, keine großmütterliche Sorge um ein heranwachsendes Leben, denn unehelich Entstandenes verletzte einen Kodex, der gnadenlos war: Todsünde. Außerdem können ledige Kinder nicht in den Himmel kommen, hieß es.

»Stell dir das Gerede vor, ich bin Religionslehrerin, Kind Gottes, eine Moralinstanz, die ihre eigene Tochter nicht im Griff hat!«

Mag sein, im ersten Schock war die Sorge um ihren untadeligen Ruf größer als die Freude auf Nachwuchs, und natürlich würden auch Empörung und Urteil des Pfarrers den Ton vorgeben für künftige Schuldsprüche. Aber Gerda schluckte den ersten Groll – Mama hatte zwei Weltkriege überlebt, vier Kinder großgezogen, zwei Buben, Roland und Raimund, zwei Mädchen, Agnes und Gerda, in lebensgefährlichen Zeiten – die letzten 14 Jahre ganz auf sich allein gestellt, ohne Papas starke Hand, selbstlos und verlässlich wie die Schwerkraft. Gleichwohl, oder gerade deshalb, empfand sie Mamas Reaktion als Kränkung, die noch nach Worten suchte. Sie trug immerhin ein Gottesgeschöpf unterm Herzen, das Besseres verdient hatte als diese eisige Reaktion.

In solchen Momenten, wenn alles über ihr zusammenschlug, hielt sich Gerda an ihren tröstlichen Notnagel: Wir werden eines Tages sowieso alle so gut wie nie gewesen sein. Half auch nicht immer. Sei’s drum – es galt nun, ein Geheimnis zu bändigen, das den Schatten lebenslanger Schmach über die Familie werfen könnte. So stand es zumindest in Mutters Augen geschrieben, und was dort geschrieben stand, war von testamentarischer Konsequenz. Das Geheimnis hatte selbst vor Gerdas Geschwistern lange standgehalten. Die Hochzeit sollte jedenfalls mit schlanker Taille über die Bühne gehen. Die Leute. Der Ruf. Die Schande.

Entscheidungen standen an. Die eine war schnell gefällt: »Das Kind ist meins, ich werde es behalten« – anderes wäre sowieso nie zur Debatte gestanden, zumal eine Abtreibung nicht nur den Tod ihres eigenen Fleisch und Bluts, sondern auch Mutters Vernichtung bedeutet hätte, selbst wenn die Geheimhaltung gelungen wäre. Von wegen Heimlichtuerei, ein lächerliches Theater im Hinblick auf das Offensichtliche: Gott sieht alles. Da war sich Mutter sicher. Die zweite Entscheidung stand für Gerda noch in den Sternen, für Mama aber bereits am schwarzen Brett des Pfarramts in Wien-Währing, Maynollogasse 3. Aufgerufenes Paar: Piero Burkhardt und Gerda Fässler, am Dienstag den 5. Mai, im Jahr des Herrn 1959. Ohne Gerdas Wissen angeschlagen. Übrigens, den Hochzeitstag gleich mit Gerdas Geburtstag zusammenzulegen, war auch Mutters Idee gewesen – aus budgetären Gründen.

Das Haus in der Pötzleinsdorfer Straße war ja ein Erbstück der Großmutter mütterlicherseits, Lintschi Maastrich, die alleine den ersten Stock bewohnte. Sie stammte aus Böhmen, hatte einen Klimatologen und späteren Wiener Universitätsdozenten geheiratet und mit ihm die kleine Villa in der Pötzleinsdorfer Straße erstanden. Er war zeitlebens ein sehr kränklicher Mann gewesen und schon im vierzigsten Lebensjahr einer Tuberkulose erlegen, also beschränkten sich die finanziellen Mittel der Familie künftig auf ein dürftiges Lehrergehalt und die Mieteinnahmen, die sie von einem ungarischen Ehepaar lukrieren konnte, Flüchtlingen aus dem Ungarnaufstand 1956, die man in der Dachmansarde, die über eine Außenstiege erreichbar war, einquartiert hatte....


Reinhold Bilgeri, Mag., geboren in Hohenems/Vorarlberg, ist Singer-Songwriter, Drehbuchautor, Filmemacher und Schriftsteller. Als Pop-/Rocksänger verkaufte er international über 3 Millionen Tonträger und veröffentlichte 2005 mit »Der Atem des Himmels« seinen ersten Roman, der wie sein Folgeroman zum Bestseller avancierte.
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