Biermeier | Die Waldfüchse | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Biermeier Die Waldfüchse

Das Geheimnis der Pfadfinder
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96157-966-2
Verlag: camino
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das Geheimnis der Pfadfinder

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-96157-966-2
Verlag: camino
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Paul ist nicht krank, Paul ist nicht verrückt, Paul hat nur etwas zu viel Fantasie. Als er im Krankenhaus ein Foto findet, glaubt er, in ein Zeitloch gefallen zu sein. Warum ist er da auf dem Foto zehn Jahre älter? Und warum sieht er aus wie ein Pfadfinder? Ganz einfach, der Mann auf dem Bild ist sein Vater. Kompliziert ist aber, warum sein Vater ihm verbietet, zu den Pfadfindern zu gehen. Das wird Paul erst verstehen, als er sich mit seinen neuen Freunden im Wald verläuft und fast schon die Hoffnung aufgegeben hat. Eine Geschichte über echte Abenteuer, falschen Stolz und die beste Pfadfindergruppe, die man sich vorstellen kann. Auch wenn Rico keine Kanus bauen kann, Said gerne mal verschwindet, die Zwillinge Summer und Sunhshine immer durcheinanderquatschen und die kleine Schwester Tine ständig nervt.

Christoph Biermeier, Jahrgang 1963, ist Autor und Regisseur großer Theater- und Musicalinszenierungen. Zuletzt feierte sein Stück 'Krieg der Träume', entstanden in Kooperation mit Arte und der ARD, am Landestheater Salzburg Premiere. Für die 'Beichtgeheimnisse' suchte er vor allem in seiner Heimatstadt Passau nach Geschichten und Anekdoten.
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Die Fanatsiekrankheit


In Pauls Kopf brummte es. Das ist normal, wenn man mit einem Auto zusammengestoßen ist. Vielleicht lag es aber auch daran, weil im Krankenhaus alles weiß war. Die Betten, die Wände, der Schrank, alles weiß. Sogar die Ärzte waren weiß angezogen, die Krankenschwestern und die Krankenbrüder sowieso. Weiß, wohin du schaust! Pauls Bett war natürlich auch weiß. Auch sein Schlafanzug war weiß. Nur seine Haare waren rot. Ein kleiner farbiger Punkt in einer großen, weißen Welt.

„Ich glaube, ein Krankenhaus wäre besser, wenn alles bunt wäre“, flüsterte Paul und kniff die Augen zusammen. „Blaue Wände, gelbe Betten, grüne Bettwäsche und wenn die Ärzte lila Haare hätten, dann wäre das perfekt. Alles andere ist langweilig. Punkt. Aus. Amen.“

Da ging die Tür auf und seine kleine Schwester Neunmalnerv kam hereingestürzt. Natürlich hieß sie in Wirklichkeit nicht Neunmalnerv, sondern ganz anders. Aber weil sie Paul neunmal mehr nervte als andere Menschen, nannte er sie Neunmalnerv.

„Wie sie richtig heißt, habe ich vergessen“, sagte Paul immer, wenn jemand nach ihr fragte. „Naja, nicht ganz, Tine oder so ähnlich“, fügte er dann so leise hinzu, dass es niemand hören konnte.

Es ist ein Naturgesetz, dass jüngere Geschwister nerven. Und zwar ausnahmslos und immer! Dabei ist es ganz egal, ob man nun eine kleine Schwester oder einen kleinen Bruder hat. Sie nerven!

Mit Paulzwei hatte er sich oft darüber unterhalten, was schlimmer ist: ein kleiner Bruder oder eine kleine Schwester. Paulzwei hatte behauptet, ein jüngerer Bruder ist viel schrecklicher als eine kleine Schwester. Paul glaubte das aber nicht, weil mehr nerven als Neunmalnerv, das geht nicht. Übler als kleine Geschwister waren nur Erdbeben und Hühnerfrikassee. Da waren Paulzwei und Paul sich einig.

Paulzwei hieß übrigens Paulzwei, weil er der zweite Paul in Pauls Klasse war. Er selbst war der erste Paul, aber hieß nur Paul, nicht Pauleins oder so. Nur Paul. Und neben ihm saß Paulzwei. Paulzwei war sein bester Freund. Genau genommen war es sein einziger wirklicher Freund, bis er von einem Tag auf den anderen umgezogen war. Trotz ihres großen Versprechens. Aber das ist eine andere Geschichte. Eine traurige.

„Paul, stell dir vor, ich weiß, was du für eine Krankheit hast“, sagte Neunmalnerv. „Ich habe nämlich heimlich gelauscht. Die Ärztin ist mit Mama und Papa in ein Zimmer gegangen. Mich haben sie vor die Tür geschickt, aber ich bin heimlich drinnen geblieben. Ich habe mich unter dem Tisch versteckt. Weil ich nicht doof bin, habe ich die Tür mit dem Fuß zugekickt, damit sie glauben, ich bin draußen. Rums hat es gemacht! Aber ich war drinnen. Das war irgendwie interessant, weil unter dem Tisch, also da, wo ich gesessen bin, da lagen ganz viele zusammengeknüllte Papiere. Die sahen aus wie Schneebälle, das war lustig.“

„Neunmalnerv, kannst du zum Punkt kommen?“, unterbrach Paul sie. „Ich habe Kopfweh und ich bin schwer verletzt. Dein Gequassel ist schlimmer als ein Autounfall, und wenn du so viel redest, dann komme ich nie mehr aus dem Krankenhaus heraus.“

Du hast richtig geraten! Einer der Gründe, warum Neunmalnerv nervte, war, dass sie zu viel redete.

„Sag einfach, was ich für eine Krankheit habe, das ist nur ein Wort und dann raus mit dir.“

„Du bist lustig!“ Schon wieder fing das ewige Gerede seiner Schwester an. „Du bist lustig, so einfach ist das nicht. Erstens haben sie wahnsinnig leise geredet. So Sachen, die ich nicht verstanden habe. Dann habe ich mich total darauf konzentrieren müssen, dass ich nicht niese. Weißt du, wie stark es gekitzelt hat in meiner Nase? Das kannst du dir nicht vorstellen, wie das gekitzelt hat! Hallo, Paul, schläfst du?“

Natürlich schlief er nicht. Er malte sich aus, wie er Neunmalnerv in einen Schrank einschloss. Wie sollte er auch schlafen, wenn er so zugequasselt wurde.

„Ich tu nur so. Weil, vielleicht verschwindest du dann endlich aus meinem Zimmer“, sagte er ganz leise zu sich und schnarchte laut los.

„Schade, sehr schade, dann kann ich dir ja nicht sagen, was du für eine Krankheit hast. Egal, tschüss.“

Endlich Stille. Das tat gut und fast hätte er wirklich einschlafen können. Hätte Neunmalnerv nicht die Tür zugeschlagen. Sie schlug Türen immer und grundsätzlich mit einem lauten Knall zu.

Nach kurzer Zeit öffnete sich die Türe nochmal und er hörte sie flüstern: „Fa-na-tsie, du hast Fanatsie, und zwar über-bord-ernd.“ Dann schloss sie sehr, sehr leise die Tür.

Alles war still. Nur das Ticken der Wanduhr war zu hören. Fanatsie, oh Gott!

„Was ist Fa-na-tsie? Und was bedeutet über-bord-ernd?“ Plötzlich hatte er so ein komisches Grummeln im Bauch.

„Habe ich Fieber?“ Ihm kam es vor, als tickte die Uhr immer lauter und schneller. „Ich zittere. Mein Kopf tut weh und ich weiß nicht, ist mir heiß oder kalt?“

Das hat man davon, wenn man sich eine Fanatsie eingefangen hat. Aber wo und wann?

Zum Glück öffnete sich die Tür und Mama und Papa kamen leise herein. Hinter ihnen leider auch Neunmalnerv, die die Türe schon wieder zuschlug.

„Tine“, flüsterte Papa streng, „dein Bruder ist krank.“

Paul schloss schnell wieder die Augen und versuchte, in Turbogeschwindigkeit einzuschlafen.

Aber könntest du schlafen, wenn du eine schlimme Fanatsie hättest?

Wahrscheinlich werde ich nie mehr wieder schlafen können, dachte Paul, und öffnete die Augen wieder.

„Du zitterst ja, mein Schatz!“, sagte Mama.

Normalerweise hasste er es, wenn sie ihn Schatz nannte. Er war doch schon elf Jahre alt und zu einem Elfjährigen sagt man nicht mehr Schatz. Höchstens, mein Großer oder noch besser: Paul!

Klar, für sein Alter war er etwas klein. Aber das verwächst sich, sagte Papa immer. Manche hielten ihn für neun Jahre, andere aber glaubten, dass er schon zwölf war.

„Das liegt an seinen Augen, die machen ihn älter“, meinte Papa. „Klug, irgendwie. Das hat er von mir.“

Paul selber war es egal, er war, wie er war. Ein zu großer Neunjähriger oder ein zu kleiner Zwölfjähriger. Richtig passend war beides nicht. Außerdem hatte er einen störrischen roten Haarschopf.

„Die Bürste, die deine Haare bändigen kann, muss erst noch erfunden werden“, seufzte seine Mama oft.

Aber jetzt war nichts mehr normal und deswegen war er froh, dass sie das sagte, sich neben ihn setzte und seine Hand nahm.

Ein klitzekleines bisschen peinlich war es ihm, weil Neunmalnerv es sah. Aber krank ist krank. Da darf man ausnahmsweise wieder klein sein.

„Mama, stimmt es, dass ich Fanatsie habe?“ Seine Stimme hörte sich ganz komisch an. Irgendwie so hoch und mädchenmäßig. Kein Zweifel, das kommt von der Angst. Das ist doch Angst, oder, wenn man Bauchweh hat? Wenn man am liebsten heulen und ganz weit weglaufen möchte? Bis auf die andere Seite der Welt und noch weiter.

Das wird natürlich nicht besser, wenn die eigene Familie zu lachen anfängt. Was sie tat. Und wie!

„Ist das bitteschön lustig, dass euer einziger Sohn schwer fanatsiekrank ist. Und zwar so über-bord-ernd, dass niemand weiß, ob ich lebend aus diesem Krankenhaus rauskomme!“, schrie Paul und kämpfte mit den Tränen.

Das fanden die anderen noch lustiger. Sein Papa kriegte einen Lachanfall, der nahtlos in ein Hustenchaos überging. Das hörte überhaupt nicht mehr auf. Als dann sogar Neunmalnerv zu lachen begann, spürte Paul, wie sich die ersten Tränen bereit machten.

„Neunmalnerv“, zischte Paul seiner Schwester zu, „du siehst so neunmaldoof aus und verstehst wieder nichts!“

Tine fand das ziemlich gemein, weil sie ja nichts dafür konnte, dass Paul im Krankenhaus liegen musste.

„Aber es stimmt doch, ich habe es doch ganz genau gehört, wie die Ärztin zu Mama und Papa gesagt hat: Paul hat Fanatsie – und zwar über-bord-ernde. Das hat sie gesagt“, schniefte sie und begann jetzt auch zu weinen.

Und was taten Mama und Papa? Sie prusteten schon wieder los. Das heißt, Mama prustete und Papa hustete und Neunmalnerv nervte und weinte gleichzeitig.

„Und ich?“, dachte Paul. „Ich beginne ganz sicher nicht zu weinen. Ich doch nicht! Es ist nur so, dass mir plötzlich Wasser aus den Augen tropft.“

Wenn man aber ganz genau hinsah, dann sah man es nicht tropfen. Es schoss aus Pauls Augen heraus. Es lief wie ein Wasserfall...


Christoph Biermeier, Jahrgang 1963, ist Autor und Regisseur großer Theater- und Musicalinszenierungen. Zuletzt feierte sein Stück "Krieg der Träume", entstanden in Kooperation mit Arte und der ARD, am Landestheater Salzburg Premiere. Für die "Beichtgeheimnisse" suchte er vor allem in seiner Heimatstadt Passau nach Geschichten und Anekdoten.



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