E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Biermann Vier, fünf, sechs. Kriminalroman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95988-213-2
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-95988-213-2
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
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Berlin-Quartett, letzter Streich: Mai '94: Wahlkampf, dazu Bauboom in Berlin, da wird spekuliert und kassiert, dass es nur so raucht. Der Flughafen Tempelhof dünstet Geschichte von den Nazis bis zu den Amis mit ihrem Rosinenbomber, aber kaum wer kennt das mit Reichsmark gebaute unterirdische Tunnelsystem. Bis oben am Gepäckband ein Polizeidirektor gesprengt wird, was Lietzes Truppe auf den Plan ruft. »Wenn man sich auf Weltwahrnehmung einlässt, sollte man gut sein. Pieke Biermann ist gut, eine Komponistin der Großstadtsinfonie, Erlauscherin von schrillen und hohlen, skurrilen und sanften, komischen und traurigen Tönen. Brillant.« Florian Felix Weyh, Deutschlandfunk Büchermarkt »Mein allerliebster Berlin-Krimi ever.« Else Laudan Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.
Pieke Biermann, Schriftstellerin, Literaturübersetzerin, Journalistin, schloss ihr Studium (deutsche Literatur und Sprache sowie Anglistik und politische Wissenschaften) mit einer Magisterarbeit über unbezahlte Hausarbeit ab. Ab 1976 Aktivistin in der Berliner Frauenbewegung, in den 1980ern »Frontfrau« der Hurenbewegung. Für ihr funkelndes Krimiquartett um Berlin, »die unbekannte Metropole der westlichen Welt: eine Stadt, die aus Mythen zu bestehen scheint«, erhielt sie reichlich Auszeichnungen. Sie hat u. a. Liza Cody (Gimme more), Fran Ross (Oreo) und Ann Petry ins Deutsche übersetzt.
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VORSPANN
Nebel über Berlin
UHNBEGRREIFBARRHH! Ein Inferno! Er kniff sich in die linke Wange (er war Linkshänder). Er kratzte sich so erregt am Kopf, dass Haut und Haar unter seinen polierten kurzen Nägeln hängen blieben. Er rieb sich die Augen beinah blutig (er hatte ein halbes Dutzend zwischen »Stahl« und »Silber« changierender Borsten mit hineingerieben). Aber alles blieb unverändert. Es blieb das Inferno da unten, keinen Kilometer entfernt. Erkennen konnte er allerdings fast nichts mehr. Es goss inzwischen in Strömen, und obwohl es schon in der Nacht einen kräftigen Schauer gegeben hatte, verdampfte der Regen sofort über dem seit fünf Wochen ausgedörrten Beton, und der Dunst und die dicken Rauchschwaden mitten auf der südlichen Landebahn liefen zusammen zu einer dunkelgrauen Nebelwand, die gegen den Wind auf ihn zu zu wabern schien, ab und zu aufgerissen von schmutzig gelben Stichflammen oder gebauscht von opernhaft roten Wogen. Jetzt war er dankbar, dass der Wind nicht auch noch von Westen wehte. Vor viereinhalb Stunden, um halb neun, als die Schauer abgeklungen waren und er sich an den Campingtisch auf der Terrasse gesetzt und auf die Nummer A1 oder D1 für seine Liste Mai 19 gewartet hatte, hätte er den Nordostwind am liebsten weggebellt. Ostwind hieß, das Fernglas praktisch nicht aus der Hand legen dürfen. Ostwind hieß, die Maschinen warten weit weg auf die Starterlaubnis. Am anderen Ende des Rollfelds. Am T-Damm. Und ziehen dann so rasch wie möglich hoch. Logisch. Wer harkt schon gern Neuköllner Friedhöfe mit noch nicht ganz eingeklappten Rädern! Ostwind hatte nur einen, winzigen Vorteil. Die gelandeten Maschinen waren bequemer zu identifizieren, wenn sie direkt unter ihm zu ihrer Parkposition rollten, als wenn sie drei Blocks links neben ihm herunterkamen. Der Taxiway war so greifbar nahe, dass er sogar erkennen konnte, welche Zigarettenmarke die Piloten bevorzugten. Raucher! Unappetitlich. Unkultiviert. Untermenschen. Für ihn kein Zufall, dass der Osten raucht. Gut, dass er da weg war. (Wenn auch noch nicht weit genug.) Die feinen Schleier vom Rollfeld brannten ihm in den Augen. Er lief wieder nach drinnen und schloss die Terrassentür. Die ersten richtig fetten Regentropfen waren gefallen, als er die Spalte mit der Nummer A21 ausfüllen wollte: – ONB 12:29 – Ident DBOBL – DHC81 – Hamburg Air n. Saarbr. Der Berlin Flugplan, 42. Jg., Stand April 1994 hatte die Tropfen augenblicklich aufgesogen. Er hatte den Campingtisch in den Türrahmen zurückreißen müssen. Um 12 Uhr 59 hatten erstaunlicherweise drei Maschinen gleichzeitig in Startposition gestanden. Sie waren nicht ganz leicht zu identifizieren gewesen, aber schließlich konnte er eintragen: D23 – SELFK – FK50 – das musste die SAS nach Kiel sein; D24 – verm. Bundesw. (Polit.?); D25 – DANFC – ATR72 – wahrscheinlich die reguläre Eurowings-Maschine nach Nürnberg. Er wollte zum Flugplan greifen, um auch die Flugnummern dazuzuschreiben, hatte aber doch noch einmal das Fernglas genommen, um sich zu vergewissern, dass die Fokker 50 tatsächlich losgerollt war, statt des Rollfelds einen Ausschnitt Himmel knapp über dem S-Bahnhof ins Visier bekommen, zwei ziemlich große Landescheinwerfer im Blick gehabt, das Fernglas hektisch hin- und hergerissen, aber keinen brauchbaren Ausschnitt gefunden. Dann war er aufgesprungen, an die Brüstung gelaufen, hatte den Tisch mitsamt Liste, Stift und Flugplan umgerissen, das Fernglas fallen lassen, geflucht und gestikuliert wie eine wild gewordene Windmühle, bevor er es wieder aufgehoben und festgestellt hatte, dass die Linsen nicht gesprungen waren, hatte es links neben sich, über der Haushöhe, brummen hören, weiter mit dem Fernglas gefuchtelt, um diese Landelichter wiederzufinden – wer war denn das! Die nächste Linienmaschine ging doch frühestens in zwanzig Minuten hoch! Schließlich hatte er die Lichter wieder im Blickfeld, zitterte aber so, dass er sie nicht orten konnte, suchte nach dem Tower auf dem Kopfbau West, am äußersten südwestlichen Ende des Gebäudes, aber der war kaum noch zu ahnen im strömenden Regen. Er richtete das Fernglas wieder auf den Boden, in die Gegend der Startposition, und sah auch da kaum noch etwas. Erst in diesem Augenblick war ihm bewusst geworden, dass die tiefen, schweren Wolken schon vor geraumer Zeit geplatzt sein mussten wie Wassermelonen unter einer Dampframme. Da lief ihm der Regen längst in breiten Bächen in Haare, Augen und Kleider. Er hatte versucht, die durchgeweichten Papiere vom Boden zu kratzen, ohne sie zu zerreißen. Als er eine Ewigkeit später im trockenen Zimmer gestanden und begriffen hatte, dass das Fernglas noch immer auf der Brüstung lag, war ihm etwas in die Optik gehuscht, das ihn ein paar Sekundenbruchteile lang an seiner Wahrnehmung zweifeln ließ. Er hatte die Augen zusammengekniffen. Aber als er sie wieder geöffnet hatte, war die riesige Stichflamme noch immer da – genau da, wo – wie – War das, was da brannte, Departure oder Arrival? Oder waren das – mehrere? »Uhnbegrreifbarrhh!« Obwohl in derselben Sekunde der erste dumpfe Kracher einer Explosion sämtliche Häuser der Neuköllner Oderstraße erreicht hatte, war ihm nicht entgangen, wie bezaubernd ihm das R wieder gelungen war. So – dramatisch-grollend. Charmant-»baltisch«. Verführerisch wie bei diesem Nachrichtenfatzke, wegen dem seine Hauswartin nur noch das ZDF-heute-journal sah. Er hatte ihn monatelang studiert. Auch der Haucherrhh am Ende war wieder ungemein errotischh gerratenhh. Er hatte kein Ganglion mehr frei für den Taxiway: In seinen Gehirnwindungen hatte sich Sorrayahh! breitgemacht. Ungut. Unerwünscht. Unkalkulierbar. (Das nächste Mal würde er nicht mehr umhinkönnen, ihr das »Duhh!« anzutragen.) Er war froh, dass sie weg war. Im Schweinsgalopp. Kellerfenster zusperren. Kurz vor den ersten Tropfen. »Würd ’ne Sündflut, Herr Stieber. Für heute is denn wo Ende mitte Knallerbsenzählerei.« Er war gar nicht sicher, ob sie ihm glaubte, dass er die Starts und Landungen auf dem Flughafen Tempelhof wirklich im Auftrag einer Lärmschutzkommission des Senats auflistete. »Na, woher! Die könn sich doch die Daten dreckt jehm lassen vom Luftschutz, oder wie dis heißt!« Seine Erklärung, dass Behörden prinzipiell nur Daten glauben, die sie selbst – ahh, na jahh: gefälscht haben, nicht wahrrhh? und also der Senat von Berlin Daten von der Deutschen Flugsicherung nicht glauben könne und es doch aber im Interesse der Bevölkerung sei, korrekte Angaben über die wirkliche Belastung durch Lärm zu bekommen, hatte sie mit einem langen, tiefen Blick quittiert. »Wär dis erste Mah, dis sich da ohm eena für unse Nerfm intressiert!« Dann hatte sie sich eine Zigarette gedreht und ihn schelmisch angeblafft: »Sie wollma doch wo nich uffn Ahm nehm, hnng?« Er hatte (in seltener Übereinstimmung mit der Wahrheit) charmant zurückgegrollt: »Nichts liegt mir ferrnerrhh, Frrau Töpperwehrrhh!« Wer wurde denn hier auf den Arm genommen! Besser, er lud sie ein, ihm bei seiner »Statistik« zuzusehen, als dass sie aus frustrierter Leidenschaft hinter ihm herschnüffelte. Er bekam Gänsehaut bei dem Gedanken, dass er ihr womöglich so nahe kommen musste, dass er ebenso gut Aschenbecher hätte auslecken können. Raucher! Die nikotingelben Finger! Bimssteine und Zitrone, bevor sie ihn damit – er musste Kassetten – irgendjemand aus den unteren Rängen musste – eine Videokassette voll heute-journal aufnehmen. Vielleicht rückte sie ihm dann nicht so schnell auf den Pelz. Die Rauchwolke war inzwischen eine hundert Meter hohe Säule. Noch immer rot wallend und gelb zuckend. Wie geschaffen für Freunde der italienischen Oper. Er schob die Terrassentür wieder auf, schlurfte durch die Wasserlachen, um das Fernglas zu holen, platschte mit den vollgesogenen Schuhen über den zotteligen Flokatiläufer, versuchte, die ganze drohende Aussicht namens Soraya Töpperwehr aus dem Hirn zu verscheuchen, tupfte Liste und Flugplan trocken und knurrte. Recht gehabt hatte sie auch noch. Für heute war Ende auf Tempelhof. Das hieß – das – was? Soraya war wie weggeblasen. Die nassen Papiere auch. Er griff das Handy und ging zur Terrassentür zurück. In seinem Kopf schoben sich Gedanken und Ideen und Fragen übereinander wie draußen die dichten dunklen Schwaden, die nach Südwesten waberten, und die Kracher und das immer lauter werdende Gellen der Feuerwehrsirenen. Er starrte und lauschte und kroch tief hinein in die Gewölbe und Gänge einer Vision. Die Türklingel riss ihn heraus aus der wohligen Schwärze. Er zuckte zusammen, legte das Handy weg und lief zur Wohnungstür. Niemand. Nur ein Zettel hinter dem Türschild mit der Aufschrift »O. E. STIEBER«. Geschrieben von jemandem, der noch nicht lange das Alphabet beherrschte. Oder eins in einer anderen Schrift. »FÜR KOWALSKI«. Er warf noch einen Blick ins Treppenhaus und knallte die Tür zu. »12 HUR UNSER ALTES STELLE? KUS – NADJA«. Auch die Nachricht trug nicht zu seiner Beruhigung bei. KREISCHENDE SIRENEN. Gellende Menschen. Piepende Funkgeräte. Megafongebell. Bremsen. Klatschende Wassermassen auf glühendes Metall. Kracher von immer neuen Explosionen. Über- und ineinanderschreiende Frequenzen. Aufeinanderprallende Rhythmen. Dringlich. Zwingend....




