Biermann | Potsdamer Ableben. Kriminalroman | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Biermann Potsdamer Ableben. Kriminalroman


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95988-210-1
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-95988-210-1
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
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Berlin-Quartett, erster Streich: Westberlin '87, lässig und laut. Ein Manager meint, Mädchenbands sind out, will deutsche Kerle zu Pophelden küren. Leider liegt unterm Buffet eine tote Radiomoderatorin. Der Erste Kriminalhauptkommissar Karin Lietze (»Lietze reicht!«) mit einer Nase für Täter und einer Schwäche für Zigarillos hat Schiss vor Kaffeemaschinen, aber vormachen kann man ihr nüscht. Auch wenn der Fall chaotisch ist, weil in der Popszene jede ihr eigenes Süppchen kocht. »Der mutigste und interessanteste neue Weg des deutschen literarischen Verbrechens.« Karl Wegmann, taz »Berlin, Stadt der Extreme, braucht keinen Weichzeichner.« Elke zur Nieden, Listen »Ein literarischer Platzregen.« Friedrich Ani, neue musikzeitung Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.

Pieke Biermann, Schriftstellerin, Literaturübersetzerin, Journalistin, schloss ihr Studium (deutsche Literatur und Sprache sowie Anglistik und politische Wissenschaften) mit einer Magisterarbeit über unbezahlte Hausarbeit ab. Ab 1976 Aktivistin in der Berliner Frauenbewegung, in den 1980ern »Frontfrau« der Hurenbewegung. Für ihr funkelndes Krimiquartett um Berlin, »die unbekannte Metropole der westlichen Welt: eine Stadt, die aus Mythen zu bestehen scheint«, erhielt sie reichlich Auszeichnungen. Sie hat u. a. Liza Cody (Gimme more), Fran Ross (Oreo) und Ann Petry ins Deutsche übersetzt.

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Richard Röhm steigt um
ES WAR ZIEMLICH SCHEUSSLICH morgens um neun, als ein Paar lange schwarze Lackstiefel und etwa vierzig Zentimeter schwarz benetzte Schenkel auf einer Enduro aus der Stauffenberg- in die Tiergartenstraße einbogen. Berliner Grau. Die ewigen Beine endeten erst sehr viel weiter oben in einem grellblauen Helm. Dazwischen befanden sich nur ein paar Quadratzentimeter schwarzes Leder und diverse glitzernde Reißverschlüsse. Die Erscheinung fuhr ein Stück am Waldrand entlang und hielt schließlich gegenüber einem admiralblauen ­Mercedes, der allein auf der anderen Straßenseite parkte. Sie stieg ab, bockte die Maschine auf, zog den entscheidenden Reißverschluss der Lederjacke herunter und den Helm vom Kopf. Dann bückte sie sich zum Rückspiegel hinunter und schüttelte die neonweiße Mähne ein paarmal heftig hin und her, hängte den Helm an den Lenker und stakste über die Straße. Sie sah in den Wagen. Plattgesessene Polster aus Teddyfutter in dem Mischmasch aus Schweinchenrosa und Puderbeige, das Leute in gewissen Breitengraden für die einzig erlaubte Hautfarbe hielten. Am Rückspiegel ein Paar Riemchenschuhe aus Lackleder in Babygröße. Auf der Ablage zwischen den Vordersitzen eine Familien­packung Papiertaschentücher, eine offene Dose Limonade und eine Flasche Septième Sense. Auf dem Rücksitz eine weiche geblähte Plastiktüte und ein Kasten mit Musikkassetten. Sie ging auf den Bürgersteig und sah durch die Büsche hinter einem Mäuerchen. Kurz danach raschelte es, und eine etwa sechzigjährige Frau in einer beigen Wollhose und einer offenen hellbraunen Strickjacke, aus der beim Bücken ein großzügig bemessenes Dekolleté blitzte, kam zum Vorschein. Sie hatte am linken Handgelenk eine Tasche hängen und hielt in der linken Hand eine große Dose Katzenfutter, in der ein Löffel steckte. Es klapperte bei jedem der etwas unsicheren ­Schritte zwischen Unterholz und überhängenden Zweigen. »Mach die Jacke zu, Helga, du kriegst Rheuma anne Knie!«, kicherte die Junge. »Mensch – Kim! Äh, Scheiße!« Helgas Perücke hatte sich in einem Ast verfangen. »Wat willst ’n du hier heute?« Die Perücke saß fast über der rechten Augenbraue und gab das linke Ohr frei. Kim kicherte und nahm ihr die leere Dose ab. »Haste die Familie wieder satt gekriegt?« »Du, ick hab det Jefühl, meine viere ha’m det jesamte Revier informiert, det hier Quäkerspeisung ist! Und die kleene Jetigerte sieht schon wieder aus, als ob se ’n Braten inne Röhre hätte.« »Die fressen dir noch die Haare vom Kopp, Helga.« Helga griff nach der Perücke und zerrte daran herum. »Keene Schangse«, grinste sie, »det ha’m schon andere erledigt.« Au Scheiße, Fettnäpfchen. Kim biss sich auf die Lippen. Schnell das Thema wechseln! »Du musst die sterilisieren lassen –« »Nee, Mensch, det kann ick nich. Weeßte doch, Kim.« Verdammt, das nächste, und wieder stand Kim mittendrin. »Entschuldige, Helga-Maus!« Sie drückte Helga zerknirscht den Arm. »Hab nich dran gedacht – ’tschuldige.« Aber Helga wischte nur schweigend den Löffel sauber und brachte die Dose zum Abfallkorb. »Wo is ’n Kitty?«, rief Kim ihr nach. Helga kam wieder zurück. »Nebenan.« Sie knipste die Handtasche auf und fischte ein kleines schwarzes Heft mit roten Ecken heraus. »Acht Uhr fuffzig. Ami. Türkis. Die Nummer ooch?« »Nee nee, so genau wollt ich’s gar nich wissen. Mensch, Helga, die kann leben! Wahrscheinlich hat der schon Schlange gestanden, als die ihren Arsch noch nich aus de Kiste hatte, was?« »So unjefähr«, gab Helga etwas mürrisch zurück. »Kennst doch Kitty. Hier, halt mal meine Tasche.« Kim starrte auf den Verkehr. Totentanz. Ein paar LKWs und jede Menge Familienkutschen aus Wedding in Richtung ­Innenstadt. Einkaufen. Kim arbeitete sonnabends nie. »Aber du kannst ja ooch nich meckern«, krähte Helga. Kim drehte sich zu ihr um. Helga hatte sich auf das Mäuerchen gesetzt und zerrte und zupfte. »Du, Helga, ich wollte euch zum Frühstück einladen, wie findst ’n dette?« »Und wer bezahlt mir meinen Verdienstausfall?«, fragte Helga leicht maulig. Aber ihre Augen strahlten geschmeichelt. »Nu übertreib aber nich, so viel hat der ooch nich abjedrückt!« Kim rechnete nach. Gestern Nachmittag kurz vor Feierabend war einer ihrer drei Big Spender da gewesen, und sie hatte die Mark des Monats gemacht. So was gehörte natür­lich gefeiert, und so war sie zu einem Zug durch die ­Gemeinde aufgebrochen und hatte nebenbei noch ein paar Kolleginnen besucht, die in festen Häusern arbeiteten, und an den Termin heute Abend erinnert. Sie hatte dabei ein paar fantastische Neuigkeiten zur Aktion Zeppelin erfahren und spätabends brühwarm Helga weitererzählt, damit die auch was zum ­Freuen hatte. Danach war sie noch einmal ins Potsdamer Abkommen gefahren. Das heißt, zwischendrin hatte sich noch ein schnelles Pfund ergeben. Das hatte sie dann sofort in zwei weitere Bloody Molotows investiert. Und damit hätte der Abend enden sollen, denn das Abkommen war unangenehm leer gewesen für einen Freitagabend. Für den Nachhauseweg hatte sie lieber ein Taxi genommen, aber als es am Hotel ­Bellavista vorbeigefahren war, hatte sie dem Fahrer ein Trinkgeld gegeben, »was dazwischengekommen« gemurmelt und sich unter die Menschenmenge gemischt. Im Grunde, hatte sie ausgerechnet, war die Mark des Monats längst liquidiert, aber was soll’s. »Jib mir mal meine Tasche wieder. Wenn wir ausjehen, brauch ick den Spiegel!« Kim gab Helga die Tasche zurück. Etwa zweihundert Meter die Straße hoch schob sich ein türkisfarbener Straßenkreuzer aus einem Stichweg, der zu einem Parkplatz führte. An der Einfahrt zur Straße blieb er stehen. Die Tür sprang auf, eine stattliche Rothaarige glitt heraus und klappte sofort hinter sich die Tür zu. Dann machte sie auf einem der halsbrecherischen goldenen Absätze ihrer schwarzen Pumps kehrt, schob den engen schwarzen Rock zurecht und kam auf die beiden zu. »Kiek se dir an, Helga«, seufzte Kim, die jeden Schritt von Kitty genießerisch verfolgte. »Unser Mutter Morgana!« Kitty ging nicht, Kitty hatte eine atemberaubende Art zu schreiten. Groß, sehr aufrecht. Ein Glanz. Es war, als ob ihre Hüften von zwei entgegengesetzten Kräften gleichzeitig angetrieben wurden. Vorwärts und rückwärts. Und der Unfallschwerpunkt, in dem ihre Füße steckten, ließ sie gut zehn Zentimeter über dem Erdboden schweben und gab dem Schwung den letzten Rest. Nach links und nach rechts. Ein Blinder musste sie an dem kreisförmigen Luftwiderstand erkennen, den sie bei jeder ihrer majestätischen Bewegungen hervorrief. Sie strich, schreitend, mühelos zwei Scheine glatt, legte sie richtig herum, schob sie in eine flache goldene Hand­tasche und klemmte die unter ihren linken Arm. »Heh, Kim!«, ­strahlte sie. »Wat treibt dich denn her? Lass uns doch ooch ’n paar Taler. Du hast doch jestern schon Bescherung jehabt!« Was ihren schönen kirschroten Mund noch schöner und die graugrünen Augen noch leuchtender machte. »Da kommen wir gleich zu.« Kim blitzte sie an. »Wer war’n der in dem Swimmingpool? Kennen wir den?« Kitty zuckte geringschätzig die Achseln. »Vergiss ihn. Dieser Popwilly.« »Siehste!«, rief Helga, ohne den Spiegel aus der Hand zu legen oder auch nur hochzusehen. »Kam mir gleich so bekannt vor. Der hat doch früher ’n dunkelgrünen Jaguar jehabt.« Helga Buchführerin. »Is det nich der Jeizkragen, der glaubt, er kricht Rabatt, weil er so jungsch ist?« »Ja ja. Trau keinem unter dreißig! Jeh mir doch los. Der sitzt auf’m Pfennig, dass der Adler quietscht. Nich mal zwee Freikarten für Tina Turner hat er rausjerückt letztet Jahr. Musst ich Moni selber koofen!« Moni war Ramona, Kittys älteste Tochter. Moni war schwarz, genauer gesagt, rötlich braun wie Herbstlaub. Mit sehr vielen sehr haltbaren schwarzen Kringeln auf dem Kopf. Für Kitty die ständige Erinnerung an ihre heißeste Liebesgeschichte. Nach drei Wochen war Lieutenant Morris Franklin nach Viet­nam geflogen worden. Und nach weiteren drei Wochen, an einem grausam schönen Maitag, war Morris’ Kumpel auf der Augsburger Straße, wo Kitty damals geackert hatte, vorbeigekommen, hatte ihr die Hand geküsst und geweint. Mitten auf der Straße. Dann hatte Marvin ihre Hand aufgefaltet, ein gestanztes Blechschild mit einer Kette hineingelegt und sie wieder zugedrückt, so fest, dass sich die Blechränder ins Fleisch gebohrt hatten. »You keep it«, hatte er gewürgt. »Don’t tell ­nobody. It’s geklaut.« Kitty hatte zwei Stammfreier abfahren lassen. Das war jetzt zwanzig Jahre her. Seitdem lautete ihre Lebensphilosophie: »Mir kann nischt mehr aus de Bahn schmeißen, ick bin liebe­jeprüft.« Zweimal hatte sie der Liebe noch eine Chance gegeben, und jedes Mal war sie nach kurzer Zeit und mit einer neuen Windsbraut im Bauch siegreich daraus hervorgegangen. Einer sizilianisch dunklen, Diana, und einer österreichisch hellen, die folge­richtig Bianca hieß. Den etwa dreizehnten Mann, mit dem sie sich etwas gegönnt hatte, hatte sie aus praktischen Gründen zum Standesamt geführt. Er war arbeitslos und konnte sich um die Töchter und den Haushalt kümmern. Leider saß Werner hin und wieder ein, weil er seine Leidenschaften für Autofahren und Saufen nicht auseinanderhalten konnte. Bei seinem letzten Aufenthalt in Tegel hatte es sich als günstig erwiesen, dass er Vater wurde. Auch das Problem hatte Kitty pragmatisch gelöst....



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