Bicker Optimum - Blutige Rosen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86396-539-6
Verlag: INK
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 01, 352 Seiten
Reihe: Optimum
ISBN: 978-3-86396-539-6
Verlag: INK
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Vom ersten Tag in der Daniel-Nathans-Akademie an spürt Rica, dass hier etwas Seltsames vor sich geht. Alle Schüler stehen unter strenger Aufsicht. Die meisten von ihnen sind ungewöhnlich begabt. Einige Jugendliche neigen ohne erkennbaren Grund zu Gewaltausbrüchen, manche scheinen die Gefühle und Gedanken anderer beeinflussen zu können. Was geht hier vor sich? Als im Rosengarten ein Mädchen tot aufgefunden wird, beginnt Rica, Nachforschungen über die Eliteschule anzustellen, und bringt sich damit selbst in größte Gefahr ...
Veronika Bicker, 1978 in Karlsruhe geboren, entdeckte schon während ihrer Schulzeit, wie viel Spaß es ihr macht, spannende Ideen auszutüfteln und diese in Worte zu fassen. In ihrer Studienzeit veröffentlichte sie bereits mehrere Kurzgeschichten in Anthologien und widmet sich heute nun ausschließlich dem Schreiben und ihren Büchern.
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Kapitel eins
Am Ende der Welt
Komm schon, so schlimm ist es auch wieder nicht!«
Rica starrte aus dem Seitenfenster und fragte sich, was bitte schön nicht so schlimm sein sollte. Weit und breit war nichts zu sehen, außer Bäumen, und Bäumen und Bäumen. Und – ach ja – ein riesiges Metallgittertor, das die Einfahrt zu einem Gebäude versperrte. Rica hasste Bäume. Gut, eigentlich nicht Bäume im Speziellen, so im Stadtpark waren sie ganz okay, aber diese Bäume hier waren etwas ganz anderes. Weil es außer ihnen hier so rein gar nichts zu geben schien.
Ihre Mutter lächelte nervös, bremste den Wagen vor dem Tor und ließ ihr Fenster herunter. Aus einem kleinen Häuschen neben dem Tor trat ein Mann in Uniform an das Auto heran. Er lächelte breit. Rica verzog das Gesicht und wandte sich demonstrativ von ihm ab.
»Guten Tag. Ich nehme an, Sie sind Frau Lentz?« Er machte eine Pause, als wartete er auf eine Reaktion. Als keine kam, räusperte er sich. »Und Ihre Tochter Ricarda?« An seinem Tonfall hörte Rica, dass er versuchte, Blickkontakt zu ihr aufzunehmen, doch sie sah stur aus dem Fenster.
»Ich habe vorhin angerufen.« Ihre Mutter klang ein bisschen atemlos und nicht halb so optimistisch wie noch vor ein paar Stunden, als sie Rica weismachen wollte, wie toll hier alles werden würde. »Es hieß, wir können heute schon in die Wohnung? Das wäre wirklich wunderbar, da Rica doch morgen schon in die Schule soll, und andernfalls wäre alles ein wenig hektisch.« Rica konnte das Lächeln in der Stimme ihrer Mutter hören. Ein unschuldiges Mädchenlächeln, das sie gern aufsetzte, wenn sie Männern das Gefühl geben wollte, dass sie ihr überlegen waren. Und die meisten Männer fuhren auch noch voll darauf ab.
»Klar geht das. Der Schlüssel ist hier für Sie hinterlegt worden. Wenn Sie mir noch Ihren Ausweis zeigen würden …«
Papierrascheln, das Klimpern von Kleingeld in den Tiefen der Handtasche, ein paar gemurmelte Worte ihrer Mutter, dann fand offensichtlich die Schlüsselübergabe statt. Rica tat weiterhin so, als würde sie ignorieren, was sich neben ihr abspielte, auch wenn die Aussicht auf die Bäume auf ihrer Seite allmählich etwas langweilig wurde. Ein rotes Eichhörnchen hüpfte im Unterholz herum, richtete sich einmal kurz auf und sah neugierig zum Auto herüber, bevor es mit großen Sprüngen auf dem nächsten Baum verschwand. Gegen ihren Willen entlockte das Tierchen Rica ein halbes Lächeln.
»Sie wissen, wohin?« Die Stimme des Wachmannes holte Rica wieder in die Gegenwart zurück.
»Ich habe mir die Wohnung schon angesehen, danke.« Jetzt, da alles zu ihrer Zufriedenheit verlaufen war, hörte sich der Ton ihrer Mutter wieder selbstbewusst und professionell an. Keine Spur mehr von dem kleinen, unsicheren Mädchen, das sich verlaufen hat und dringend Hilfe benötigt. Wieder musste Rica lächeln. Meine Mutter ist ein Biest, dachte sie.
Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Metalltor war beiseitegeglitten, ohne einen Laut von sich zu geben, unter den Reifen knirschten ein paar Krümel Kies, die vom Seitenstreifen auf den Asphalt gekullert waren. Einige Augenblicke lang waren wieder nur Bäume zu sehen, dann jedoch tauchte das Auto aus dem Schatten des Wäldchens, und Rica musste einen überraschten Ausruf unterdrücken.
Die Auffahrt wand sich einen grasbewachsenen Hügel hinauf, auf dessen Kuppe ein Schloss thronte. Zumindest sah es im ersten Moment aus wie ein Schloss. Die weiß getünchte Fassade schimmerte im Sonnenlicht, und rechts und links gab es kleine Türmchen, die sich in einen mit watteweißen Wolken übersäten Himmel streckten. Ein paar gepflegte alte Kastanien und Beete voller bunter Sommerblumen zierten die Vorderseite gleich neben einem modernen und gar nicht so übel aussehenden Skateplatz und einer wirklich beeindruckenden Kletterwand. Ein paar Jugendliche lungerten am Rand des Platzes herum und sahen einem Skater bei seiner Performance zu. Rica wandte den Kopf, um besser sehen zu können, doch da bog ihre Mutter auch schon auf einen Seitenweg ab, der von dem Gebäude fort und – wieder einmal – auf einen kleinen Wald zu führte.
»Gefällt’s dir?« Ricas Mutter hatte mitbekommen, wie Rica ihren Hals verdrehte, um noch einmal einen Blick auf das kleine Schloss und die Skater davor zu werfen. Ein so ungewöhnliches Bild, dass sie sich wünschte, ihre Kamera zur Hand zu haben. Doch die lag gut verstaut auf dem Boden ihres Rucksacks.
Ertappt drehte Rica sich nach vorn, sie konnte das Grinsen auf dem Gesicht ihrer Mutter nur zu gut sehen.
»Es gefällt dir«, stellte diese fest. »Siehst du, alles gar nicht so schlimm. Ich bin mir sicher, wir leben uns hier gut ein.«
»Trotzdem«, murmelte Rica, merkte, dass sie sich anhörte wie ein trotziges Kleinkind, und seufzte. »Ich wünschte nur, es wäre nicht so weit weg von … allem.« Von Yannik, hatte sie sagen wollen. Von Yannick und Lena und Claire und all den anderen. Aber das hatte sie nun wirklich schon oft genug zum Besten gegeben, und ihre Mutter würde genauso wenig darauf eingehen wie die Dutzend Male zuvor.
»Ist ja erst mal nur ein Schuljahr. Du kommst schon früh genug zurück zu deinen Freundinnen.« Ricas Mutter versuchte ein aufmunterndes Lächeln, doch ganz gelang ihr das nicht. Sie wusste selbst, was sich in einem Jahr alles verändern konnte. Ob Yannik auf mich wartet, wie er versprochen hat?
»Schon okay«, brummte Rica. Sie konnte es sowieso nicht ändern, warum also nicht versuchen, Frieden zu schließen?
Wieder bog der Wagen um eine scharfe Kurve, und erneut tauchte ein Gebäude vor ihnen auf. Dieses war viel moderner als das Schlösschen, ein mehrstöckiger Kasten mit roten Klinkersteinen an der Fassade, einigen Garagen und einem kleinen Parkplatz daneben. Rica fand, das Haus sah so aus, als sei es aus einer Großstadt hierherversetzt worden. So wie ich.
Ihre Mutter lenkte das Auto auf einen der Parkplätze und stellte den Motor aus. Dann wandte sie sich mit erwartungsvollem Gesicht Rica zu.
»Wollen wir uns die Wohnung ansehen?«
Mit einem Seufzen griff Rica nach ihrem kleinen Rucksack und öffnete die Wagentür. Ein Schwall warmer Luft schlug ihr entgegen.
Gleichzeitig strömten Geräusche und Gerüche auf sie ein, als hätte sie sich aus einer Isolationskammer unvermittelt in die Wirklichkeit begeben. Die Luft roch nach warmem Asphalt und gemähtem Gras, und natürlich nach Bäumen. Ein harziger, nicht unangenehmer Duft, und Rica konnte nicht anders, als einmal tief durchzuatmen. Von irgendwoher war das Geschrei von jüngeren Kindern zu hören, und in den dichten Zweigen der Bäume zwitscherten ein paar Vögel.
Vielleicht ist es auf dem Land doch gar nicht so schlimm, dachte Rica und schob den Gurt des Rucksacks über ihre Schulter.
»Ma?«
»Was ist?« Ihre Mutter beugte sich hinter dem Auto hervor. Sie hatte schon den Kofferraum geöffnet und war gerade dabei, Reisetaschen auszuladen. Die wenigen Möbel, die sie mitgenommen hatten, würden später mit einem Kleintransporter nachgeliefert werden, vielleicht morgen. Wichtig war das nicht, denn die Apartments, die hier für Lehrer und Erzieher gestellt wurden, waren ohnehin möbliert.
»Ich will mich ein bisschen umsehen.« Rica schlüpfte in den zweiten Rucksackgurt.
»Aber wir haben noch gar nicht ausgepackt. Und die Wohnung –«
»Ich bekomme die Wohnung schon noch früh genug zu sehen.« Ricas Tonfall war patziger, als sie beabsichtigt hatte. Sie versuchte, es durch ein Lächeln auszugleichen, und machte mit der Rechten eine weit ausholende Bewegung, die die ganze Umgebung einschloss. »Das Licht ist jetzt gut. Ich würde gern ein paar Bilder machen. Ich muss unbedingt Lena zeigen, wie es hier aussieht.« Sie verlegte sich auf ihren Hundeblick. »Bitte, Ma, ich hab versprochen, dass ich ihr gleich schreibe, wenn ich hier bin. Und dass ich Fotos mache.« Nichts dergleichen hatte sie getan, doch ihrer Mutter lag zu viel an Ricas »Sozialleben«, wie sie es nannte, um sich dem Argument zu widersetzen.
»Also gut. Aber sei bald wieder da, ja? Du solltest dich für morgen vorbereiten. Immerhin ist das dein erster Tag hier an der neuen Schule.«
Als ob es da viel vorzubereiten gab. Rica würde ja ohnehin mit einer neuen Klasse, einem neuen Schuljahr und vermutlich auch ganz neuen Fächern hier anfangen. Wer wusste schon, was sie in diesem Elitebunker so lehrten. Vermutlich Wirtschaftsinformatik oder so einen Müll. Dennoch blieb Rica noch einen Moment stehen, um ihrer Mutter die Gelegenheit zu geben, ihre üblichen Sprüche zu ergänzen. »Bleib nicht zu lange weg! Pass auf, mit wem du redest! Ruf an, wenn du später heimkommst!« Aber Rica wartete vergebens. Ihre Mutter lächelte nur und nickte ihr zu.
»Nun geh schon!«
Und da verstand sie. Es gab keinen Grund, sie hier zur Vorsicht zu ermahnen. Das hier war nicht die Großstadt. Hier war Rica umgeben von einem hohen Metallzaun, der alle potenziellen Gewalttäter draußen halten würde, und es gab auch keinen Ort, wohin sie gehen und dann zu lange wegbleiben konnte. Ich bin in einem hübschen Käfig gelandet, und ihr ist das nur recht, dachte Rica. Sie will nicht, dass ich auch noch verschwinde.
Sie seufzte und wandte sich ab. Einen Augenblick lang wusste sie nicht, wohin sie gehen sollte, sie kannte sich hier überhaupt nicht aus. Schließlich entschloss sie sich für...




