E-Book, Deutsch, 239 Seiten
Bick Neues von der Landärztin
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95824-046-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 239 Seiten
ISBN: 978-3-95824-046-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Martina Bick wurde 1956 in Bremen geboren. Sie studierte Historische Musikwissenschaft, Neuere deutsche Literatur und Gender Studies in Münster und Hamburg. Nach mehreren Auslandsaufenthalten lebt sie heute in Hamburg, wo sie an der Hochschule für Musik und Theater arbeitet. Martina Bick veröffentlichte zahlreiche Kriminalromane, Romane und Kurzgeschichten und war auch als Herausgeberin tätig. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. 2001 war sie die offizielle Krimistadtschreiberin von Flensburg. Bei dotbooks erscheinen ihre Romane »Unscharfe Männer«, »Die Landärztin« und die Fortsetzung »Neues von der Landärztin«, die im Sammelband »Das kleine Pfarrhaus auf dem Land« zusammengefasst sind, die 20er-Jahre-Krimis »Die Polizeipsychologin - Im Dunkel der Stadt« und »Die Polizeipsychologin - Der Tote im Viktoriapark« sowie die Krimi-Reihe um Hauptkommissarin Marie Maas, die folgende Bände umfasst: »Der Tote und das Mädchen. Der erste Fall für Marie Maas« »Tod auf der Werft. Der zweite Fall für Marie Maas« »Die Tote am Kanal. Der dritte Fall für Marie Maas« »Tödliche Prozession. Der vierte Fall für Marie Maas« »Nordseegrab. Der fünfte Fall für Marie Maas« »Tote Puppen lügen nicht. Der sechste Fall für Marie Maas« »Totenreise. Der siebte Fall für Marie Maas« »Heute schön, morgen tot. Der achte Fall für Marie Maas«
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Kapitel 1
Barbara beobachtete mit Erleichterung, wie die beiden Kellner endlich anfingen, das Geschirr abzuräumen. Sie trugen die riesigen Fleischplatten mit den Resten von Hirschbraten, Entenbrust und Hasenkeulen hinaus, ebenso wie die Kübel mit Rotkohl und Salzkartoffeln, die Wagenräder mit diversen kunstvoll drapierten Gemüsen. Es war unendlich viel übrig geblieben, obwohl die Festgemeinde ausführlich gegessen und getafelt hatte. Die Herren, vor allem die älteren wie Bürgermeister Petersen, der goldene Bräutigam Heinrich Bruhns, der Fabrikant Ludger Frien und nicht zuletzt der geborgte Pfarrer aus Grömitz, saßen mit hochroten Köpfen vor ihrem x-ten Verdauungsschnaps. Unter Calvados und Fernet Branca tat es keiner in dieser erlesenen Runde. Die Dorfsociety, dachte Barbara amüsiert. Ihr Lächeln wurde von Doktor Stähr aufgefangen, der ihr schräg gegenüber saß und schweigend seinen redseligen Tischnachbarinnen zuhörte, wie es immer und überall seine Rolle war. Er lächelte zurück. Ermutigend, tröstlich.
Seit knapp einem Jahr lebte Barbara jetzt als Landärztin hier in Bevenstedt, einer kleinen Dorfgemeinde in Ostholstein direkt an der Autobahn, die von Hamburg über Lübeck und Neustadt auf die Insel Fehmarn zur Fähre nach Dänemark führt, die so genannte Vogelfluglinie nach Skandinavien. Richtung Südosten konnte man mit dem Fahrrad in einer halben Stunde am Strand sein – wenn man ein bisschen im Training war. Auch zur anderen Seite hin, jenseits der Autobahn, kam man irgendwann an die See, denn Ostholstein ist eine Landzunge, eine fruchtbare, seit Urzeiten besiedelte Halbinsel und im Unterschied zu vielen anderen Küstenstrichen dicht bewaldet, dazwischen sehr grün und vor allem sehr gelb, wenn im Frühjahr der Raps blüht. Hügel und Seen wechseln sich ab, wenn auf der Fahrt durch das Land der Blick von den Buchten der Ostsee mit ihren Stränden und Seebädern wie Timmendorf, Scharbeutz, Grömitz oder Pelzerhaken zurück ins Land schweift. Der nächstgrößere Ort von Bevenstedt aus war Lensahn.
»Und dann wurde der Ausgang tatsächlich wieder zurückverlegt«, schloss Susi Lethfurt die Krankengeschichte ihrer Schwägerin effektvoll ab. »Ob das nun wirklich alles nötig war? «
Frau Claasen, Arzthelferin in der Gemeinschaftspraxis von Doktor Stähr und seiner jungen Kollegin Doktor Barbara Pauli, nickte zerstreut, während sie besorgt der blauen Flasche Mineralwasser hinterhersah, die Susi Lethfurt gedankenlos nach links weiterreichte, ohne Frau Claasens leerem Glas Beachtung zu schenken. Frau Claasen war immer in Sorge, zu übermäßigem Alkoholgenuss verführt zu werden, und achtete daher stets darauf, dass ihr Glas mit Wasser gefüllt war. »Wie schrecklich«, meinte sie. »Man muss einfach froh sein, wenn man gesund ist, sage ich immer.«
»Und dann dieser Beutel«, schüttelte sich Susi. »Also ich weiß nicht, ob ich damit leben könnte. Was sagen Sie denn, Frau Doktor, wie schaffen Sie es bloß, immer all das Elend mit anzusehen? «
Barbara rückte ein wenig zur Seite, damit der Kellner an die Sauciere und die Gemüseplatte herankam. Ehe sie antworten konnte, ergriff Susanne Stähr das Wort, die Ex-Frau des Doktors, selbst Tierärztin und seit neuestem damit befasst, in Bevenstedt für wirtschaftlichen Aufschwung zu sorgen. Zusammen mit ein paar dubiosen Investoren, die keiner außer Susanne genauer kannte, kaufte sie systematisch alle Seegrundstücke auf, um dort eine Ferienhaussiedlung zu errichten, die dem Dorf angeblich Dutzende von Arbeitsplätzen verschaffen sollte – wenn auch außer ihr keiner so recht an die gute Sache glaubte. Jedenfalls war sie seitdem auf jeder Feier in Bevenstedt anzutreffen, immer in der Hoffnung, einem besoffenen Bauern ein Grundstück abschnacken zu können.
»Das lernt ein Arzt im Studium als Erstes: sich bloß nicht beeindrucken lassen. Bloß keine Gefühle zeigen. Gesundheit ist ein Ausnahmezustand, hat unser Pathologe in der Tierklinik immer gesagt. Das verdrängen wir nur mehr oder weniger erfolgreich, bis es uns selbst mal erwischt.«
Susi Lethfurt sah irritiert auf den Tisch, auf dem nun große Schalen mit roter Grütze, gelbem Vanillepudding und Kännchen mit süßer Sahne verteilt wurden. Immer mehr Kellner und Kellnerinnen umschwirrten die beiden langen Tische, an denen die Gäste nach und nach in einer dichten Wolke aus Zigarren- und Zigarettendunst verschwanden.
»Ja, aber was sagen Sie denn zu Annegret Söhnlein aus Grömitz, die hat jetzt die siebte Krebsoperation hinter sich – da verliert man doch den Glauben, meinen Sie nicht? « Sie fing an, die verschiedenen Krebsarten der Grömitzerin an den Fingern aufzuzählen.
Die Tierärztin unterbrach sie unwirsch: »Man wird halt abgebrüht mit der Zeit.«
»Nein«, sagte Barbara, »das kann ich nicht bestätigen. Als Arzt konzentriert man sich darauf, zu helfen, Schmerzen zu lindern, Erleichterung zu verschaffen. Abgebrüht wird man aber nicht, glaube ich.«
»Okay, man hilft gern. Aber man hört auch gern die Kasse klingeln, oder? « Susanne grinste Barbara spöttisch an.
»Na, na«, entfuhr es Frau Claasen. »Das ist aber nicht schön gesagt. «
»Wenn ich sehe, wie leicht ihr Humanmediziner euer Geld verdient – wir Tierärzte haben es da schwerer. Wenn es eine Krankenkasse fürs Vieh gäbe, das wäre eine gute Sache. Nein, im Ernst. Helfen ist schön und gut, aber man muss ja auch ans Auskommen denken.«
Frau Claasen warf Barbara einen vielsagenden Blick zu. Susi Lethfurt erhob sich und machte sich auf den Weg zu den Toiletten. Sie schwankte ein wenig und musste sich an den Stuhllehnen festhalten.
Barbara sah unauffällig auf die Uhr. Halb zehn. Der Abend war noch lang. Wenn sie mit dem Wagen heimfahren wollte, musste sie das Weintrinken langsam einstellen. Wahrscheinlich war es jetzt schon ratsamer, den Wagen stehen zu lassen.
»Und wie geht es mit Ihrer Ferienhaussiedlung voran?«, fragte Frau Claasen Susanne und prostete Bürgermeister Petersen über den Tisch hinweg mit ihrem frisch gefüllten Wasserglas zu. Das Stichwort Ferienhaussiedlung war durch sämtliche Geräuschkulissen elektrisierend zu ihm durchgedrungen. Er zwinkerte fröhlich und führte sein Schnapsglas zum Mund, um es in einem Zug zu leeren. Sein Schädel glänzte gefährlich rot. »Wann kommen denn die ersten Gäste? «
»Im März ist Richtfest«, antwortete Susanne. »Die Genehmigungen liegen ja nun endlich alle vor. Nur über die Waldrandgrundstücke wird noch verhandelt. «
Graf Hollenstedt, ehemaliger Großgrundbesitzer in Ostholstein, hatte sich lange gegen die Neuerungen und das Eindringen des Tourismus von der Küste ins Land hinein gewehrt. Seit Generationen lebte seine Familie von der Landwirtschaft und dem Holzhandel aus seinen großen Waldgebieten. Er hatte es gar nicht nötig, in neue Strukturen zu investieren. Aber nach und nach hatte die Tierärztin ihn mit ihren Versprechungen auf ihre Seite ziehen können. Auf der letzten Gemeinderatssitzung war er sogar höchstpersönlich erschienen, um seine Zustimmung zu dem Projekt kundzutun.
»So«, sagte Frau Claasen bedächtig. »Dann kann es ja bald losgehen mit den neuen Arbeitsplätzen. Dabei habe ich gerade wieder gehört, dass unsere Tankstelle geschlossen werden soll.«
»Das ist falsch. Sie wird nur verlegt in die Ferienhaussiedlung, also auf die andere Seite der Autobahn. Das kann man den Bevenstedtern doch wohl zumuten, meinen Sie nicht? «
Frau Claasens Antwort wurde von plötzlichem Lärm aus dem angrenzenden Schankraum übertönt. Lautes Geschrei drang durch die geschlossene Flügeltür.
»Dass du dich hier blicken lässt, du Nichtsnutz! Dass du dich hierher traust! Pass bloß auf, dass dir nicht mal was passiert!«
Das war die Stimme von Walter Scholz.
Unter den Gästen der goldenen Hochzeitsgesellschaft wurde es schlagartig still. Susi Lethfurt taumelte von der Toilette zurück zu ihrem Platz. Sie hatte ihr goldgelbes Abendkleid mitten auf dem ausladenden Busen mit Bratensauce bekleckert und offenbar im Bad versucht, den Fleck wegzubekommen. Mit zweifelhaftem Erfolg.
»Was will der Scholz denn schon wieder?«, murmelte sie und ließ sich auf ihren Platz fallen. »Der hat wohl mal wieder zu viel getankt.« Ihr Mann, der ehemalige Schlachter und jetzige Versandleiter in Ludger Friens Holz- und Kartonagenfabrik, legte ihr besänftigend seine Pranke auf die Schulter.
Den Geräuschen nach zu urteilen wurden im Schankraum wild Möbel gerückt, dann knallte etwas gegen den Holzrahmen der Verbindungstür. Das gelbe Milchglas erzitterte, hielt jedoch stand. Mehrere Männer sprangen auf und liefen zur Tür, gefolgt von Barbara und Susanne. Der Doktor drängte sich vor.
»Wir sind alle nicht mehr ganz nüchtern, meine Herren. Mischen wir uns lieber nicht ein. «
»Lass mal, Jürgen«, sagte der Bürgermeister und öffnete die Tür. Er betrat als Erster den Schankraum, die anderen folgten ihm zögernd. Auch die übrigen Gäste stellten Pudding und Grützeschälchen auf den Tischen ab und erhoben sich langsam von ihren Plätzen.
Walter Scholz stand mit geballten Fäusten am Tresen. Sein Haar war zerzaust und seine Züge vor Wut entstellt. Hinter ihm stand Toni Jakobsen, der Tankstellenpächter, und hielt den wütenden Scholz mit festem Griff zurück. Auf der Erde vor der Flügeltür lag ein Barhocker, dem ein Bein abgebrochen war.
»Dunnerlittchen«, sagte der Bürgermeister. »Was ist denn hier los? «
»Alles im Griff«, meinte der Mohrenwirt hinter dem Tresen. »Nur ein kleines Missverständnis, Georg. Kein Grund zur Beunruhigung.«
Schräg gegenüber von Scholz lehnte pickelig und mager...




