Bervoets | Wir kümmern uns um Sie | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 624 Seiten

Bervoets Wir kümmern uns um Sie


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28501-9
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 624 Seiten

ISBN: 978-3-446-28501-9
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Einfühlsam und meisterhaft schreibt Hanna Bervoets über die Geschichte einer Liebe, über Freundschaft und über das Thema Frauengesundheit. 'Großartig und unverzichtbar!' Lize Spit Die umtriebige Danielle - 'Daniel' - de Koster begleitet eine Bekannte zum Arzt und erreicht damit, dass sie nach Jahren unerklärlicher Schmerzen endlich die passende Therapie erhält. Dieser Erfolg spricht sich schnell herum, und schon bald kann sie sich vor Hilfegesuchen von erschöpften, entmutigten Frauen mit falsch diagnostizierten Beschwerden nicht mehr retten. Mit ihrer neuen Liebe Jodie gründet sie eine Stiftung und macht den Kampf für medizinische Gerechtigkeit zu ihrer Lebensaufgabe. Von den einen wird sie dafür als Heldin und Heilige gefeiert, andere betrachten ihre Taten mit Skepsis. Als Daniel unerwartet stirbt, sucht Jodie nach Antworten in der Lebensgeschichte und den Freundschaften ihrer großen Liebe. Wir kümmern uns um Sie ist ein klug komponierter, tief berührender Roman über Liebe, Trauma, Trauer und Schmerz - und den unermesslichen Wert selbstgewählter Gemeinschaft.

Hanna Bervoets, geboren 1984, ist eine der meistgelesenen niederländischen Autorinnen. Für ihre Romane wurde sie vielfach ausgezeichnet, 2017 erhielt sie den renommierten Frans-Kellendonk-Preis für ihr Gesamtwerk. Hanna Bervoets lebt mit ihrer Partnerin und ihren zwei Meerschweinchen in Amsterdam.
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1


Als Daniel noch lebte, gingen wir nur selten in das kleine Zimmer unten im Erdgeschoss, das wir das »Archivkabuff« getauft hatten. Es war staubig und stickig, und das einzige Fenster konnte man nicht mehr erreichen, dafür war der Raum zu voll. An die rechte Wand hatten wir ein Regal gestellt, ein billiges Teil, das ihr in der heruntergekommenen Wohnung, in der Daniel bis zu unserem Umzug gewohnt hatte, gleichzeitig als Bücherregal und als Wäscheständer gedient hatte. Schon bald wurde es von uns mit »Archivmaterial« befüllt — mit Daniels, mit unserem gemeinsamen und mit dem unseres einzigen Kindes: Stiftung Lucille. Danach wurde neuer Krempel zuerst sorgfältig vor dem Regal gestapelt, als wären es Opfergaben für ein bunt bestücktes Totem, doch im Laufe der Jahre wurden wir immer nachlässiger und stapelten Kisten aufs Geratewohl aufeinander; leere Kisten, volle Kisten, Sachen, die wir behalten wollten und Sachen, die wir einfach nicht wegwerfen konnten (zwei völlig unterschiedliche Kategorien). Deshalb konnte man eigentlich keinen Fuß mehr ins Archiv setzen.

Als ich letztes Jahr den Entschluss fasste, ein paar Kisten zu öffnen, hätte ich also am besten erst mal gründlich aufräumen und putzen sollen, damit ich nicht bei jeder Bewegung eine Staubwolke einatmete, aber das tat ich nicht. Zu faul vielleicht. Und ich wusste zu dem Zeitpunkt auch noch nicht, wie oft ich unser Archivkabuff in den folgenden Monaten betreten würde. Um mich nicht zu lange dort aufhalten zu müssen, nahm ich immer nur einen Umzugskarton mit, eine Obstkiste, zwei oder auch mal drei Fotoalben, um sie in Ruhe am Küchentisch anzuschauen. Mittlerweile habe ich die meisten Kisten, Kartons und Ordner sogar zweimal durchstöbert.

Beim ersten Mal bin ich nicht besonders systematisch vorgegangen. Ich räume auf, redete ich mir selbst ein. Aber die Wahrheit war: Schon allein Daniels Hefte, diese klecksige Handschrift, die sie oft selbst nicht entziffern konnte (»Hey Jodie, was meinst du, was steht hier auf dem Einkaufszettel?«), erzeugte ein Gefühl der Nähe, das mir ihre Kleidung, ihre Zeitschriften und Kurzhanteln nach einem Jahr nicht mehr verschaffen konnten. Von Staub bedeckte Gegenstände verraten, dass sie ihren Besitzer verloren haben. Daniels alte Aufzeichnungen hingegen, ihre Notizen über Informationssuchende, haben jahrzehntelang kein Sonnenlicht gesehen und machen trotzdem den Anschein, als wären sie erst gestern geschrieben worden. Dadurch bekommen sie etwas Reizvolles, Vogelfüße im Schnee, die zum Spurensuchen ermutigen, aber angekommen am Waldrand, bricht die Spur plötzlich ab, scheint der Vogel über den Abhang geflogen zu sein.

Als ich unser Archiv das zweite Mal durchforstete — ein paar Monate nach dem Öffnen des ersten Schuhkartons —, ging ich systematischer vor. Ich suchte nach bestimmten Fotos, Abschriften, Notizen; Beweisstücke für meine Vermutungen, Hinweise zur Bestätigung der Geschichten, die andere mir inzwischen erzählt hatten, und diesmal war ich neugierig, ja sogar gierig gespannt, bis ich letzte Woche dann doch beschlossen habe, unser Archivkabuff aufzuräumen und zu putzen.

Ich habe gesaugt, mit Mundschutz das Regal gewischt, leere Kisten entsorgt. Ich habe Ordner aufgereiht, Obstkisten aufeinandergestapelt und ihren Inhalt noch mal entstaubt; danach habe ich das Zimmer abgeschlossen und nur ein paar Fotos vor dem Winterschlaf gerettet, zu dem die Gegenstände in der Dunkelheit wieder verurteilt wurden.

Die Fotos, die jetzt vor mir liegen. Abgesehen von ein paar Polaroids stammen sie alle aus der Ära vor dem Smartphone. Daniel als Studentin, zwischen zwei geschmückten Bäumen im Park (ist es nicht ein Wunder der Natur, dass das Lächeln einer Person auch nach Jahrzehnten gleich bleibt? Ich möchte meinen Kopf an ihren Hals schmiegen, damit sie ihre Arme um mich legen kann — oder nein, die breit lächelnde Daniel im Park ist erst Anfang zwanzig, würde sie jetzt vor mir stehen, dann würde wahrscheinlich ich sie festhalten und nicht sie mich). Ich, in der baufälligen Wohnung, als ich noch lange Haare hatte (oh, wie ich damals herumlief).

Barbara und Nettie an einem Silvesterabend (nein, das hebe ich mir für später auf). Daniel am Herd, Daniel auf dem Sofa, eine Nahaufnahme von Daniel, Daniel, die einen Fuß auf einem kleinen Generator platziert hat, triumphierend lächelnd, als posierte sie mit einem erlegten Wildschwein, auch dieses schräge Foto weiß ich zu schätzen, aber das hier, das ist mein unangefochtener Favorit: ein Gruppenfoto, von Daniel, Sjoerd, meinem Bruder und mir, aufgenommen am Tag unseres Umzugs.

Wie wär es, wenn ich damit anfange?

Ja, wie wär es, wenn ich einfach in der Mitte anfange, mit einer Zeit, die in meiner Erinnerung absolut sorglos war: unsere ersten drei Jahre hier, in der Molenstraat 15.

Achtzehn Jahre zuvor, August 2006, vielleicht der wärmste Tag des Jahres. Auf unserem Umzugsfoto trage ich Bermudashorts, die ich schon lange nicht mehr besitze. Daniel hat eine Jeans an, deren Beine sie selbst abgeschnitten hat, weiße Fransen kitzeln ihre kräftigen Knie. Das verleiht ihr etwas Jugendliches, sie sieht ungefähr fünf Jahre jünger aus, als sie in Wirklichkeit war. Ich selbst habe die Augen zugekniffen, weil wir direkt in die Sonne schauen, hinter mir steht mein jüngerer Bruder Rohan, seine Hände liegen auf meinen Schultern; eine väterliche Geste, die mich mittlerweile rührt, und neben meinem Bruder steht Sjoerd, einer von Daniels wenigen Freunden, der uns regelmäßig zu Hause besucht hat. Wir posieren im Garten vor den Glasschiebetüren zum Wohnzimmer und heben strahlend unsere Plastikbecher. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass Daniels Becher schon fast leer ist. Wir wollten nicht, dass sie mithalf, und sie wollte auch nicht mithelfen, glaube ich, aber andere mussten es für sie aussprechen: Daniel, du hebst nichts, okay, du kümmerst dich um die Getränke. Ihre Cocktails schmeckten wirklich scheußlich. Das Gebräu sollte einen »Tequila Sunrise« darstellen, aber wir hatten keinen Orangensaft und keine Grenadine, und die Zitrone hatte Daniel der Einfachheit halber durch einen Schuss Apfelsaft ersetzt — und so standen wir um fünfzehn Uhr da und stießen quasi mit Tequila pur an.

Barbara hat das Foto gemacht. Sie kam mittags irgendwann angeradelt, daran erinnere ich mich noch, und dann veränderte sich etwas, wie es öfter geschah, wenn Barbara auftauchte. Daniel verhielt sich anders. Als würde sich die Person, die sie bei Barbara war oder mal gewesen war, von der Person unterscheiden, die sie bei mir war, weshalb sie jetzt versuchen musste, einen Kompromiss für ihr Handeln und ihre Intonation zu finden. Es lief immer darauf hinaus, dass sie sich zu sehr ins Zeug legte. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass es an jenem Tag auch an den besonders starken Cocktails lag, aber Daniel fing plötzlich an, Barbara dabei zu helfen, die Kisten, die noch draußen standen, ins Haus zu tragen. Barbara ließ das unkommentiert. Ich fand das merkwürdig, sie kannte Daniel von uns allen am längsten und war zudem Ärztin, gerade sie musste wissen, dass das nicht gut war, dass die starken, braungebrannten Oberarme, die Daniel mit täglichem Krafttraining stählte, nichts über den Zustand ihres untersten Rückenwirbels und das verwachsene Steißbein aussagten, die eine Folge ihres Jahre zurückliegenden Unfalls waren. Aber die beiden zogen es bestens gelaunt durch: Abwechselnd hoben Daniel und Barbara Kisten in der Einfahrt hoch und schwatzten dabei wie Bäuerinnen auf dem Weg zum Markt.

»Bisschen übermutig, oder?«, sagte Sjoerd, als er bemerkte, dass ich die beiden besorgt beobachtete.

»Schon irgendwie«, sagte ich. »Warum sagt Barbara denn nichts dazu?«

Sjoerd zuckte mit den Schultern. »Würde Daniel denn auf sie hören?«

Abends bestellten wir thailändisches Essen, damals war das noch etwas Besonderes, aber wir hatten ja auch was zu feiern. Rohan hatte die Tischbeine an die Platte geschraubt, alle Stühle standen an ihrem Platz, Sjoerd hatte Pappteller mitgebracht, ein Partyset mit silbernen Punkten (er tat...


Bervoets, Hanna
Hanna Bervoets, geboren 1984, ist eine der meistgelesenen niederländischen Autorinnen. Für ihre Romane wurde sie vielfach ausgezeichnet, 2017 erhielt sie den renommierten Frans-Kellendonk-Preis für ihr Gesamtwerk. Hanna Bervoets lebt mit ihrer Partnerin und ihren zwei Meerschweinchen in Amsterdam.

Mensing, Lisa
Lisa Mensing, geboren 1989, übersetzt niederländischsprachige Literatur und moderiert Lesungen. Sie hat u.a. Werke von Gaea Schoeters, Frank Martinus Arion, Gerda Blees, Sacha Bronwasser und Connie Palmen ins Deutsche übertragen.



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