Bertoldi | Lillys Courage | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Bertoldi Lillys Courage


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-906907-86-4
Verlag: edition bücherlese
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-906907-86-4
Verlag: edition bücherlese
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zürich, 1917. Lilly Volkart ist kaum zwanzig Jahre alt und träumt davon, Kinderärztin zu werden. Doch zunächst muss sie das nötige Geld für ein Medizinstudium in der Pension ihrer Eltern verdienen. Unter den Pensionsgästen, zumeist Schweizer Studenten des Polytechnikums, ist auch der Italiener Umberto, in den sich Lilly heftig verliebt. Aber die romantischen Pläne für eine gemeinsame Zukunft scheitern am Ersten Weltkrieg, Umberto muss die Schweiz verlassen, um in Venetien zu kämpfen ... Ascona, 1943. Auch der Traum, Kinderärztin zu werden, hat sich nicht erfüllt. Stattdessen gründet Lilly Volkart Ende der 1920er-Jahre ein privates Kinderheim oberhalb des Lago Maggiore, in dem sie vorwiegend Kinder wohlhabender Familien und Kinder von Kunstschaffenden betreut. Kaum zwanzig Jahre später - in Europa herrscht der Nationalsozialismus und wieder Krieg - wird aus dem Feriendomizil in mediterraner Umgebung ein Zufluchtsort für »bambini emigrati«, meist jüdische Kinder, die - getrennt von ihren Eltern - unter unvorstellbaren Strapazen die Schweiz erreichen. Getrieben vom Willen, die traumatisierten Kinder zu retten, schafft Lilly Volkart unter schwierigsten Bedingungen mehr als ein sogenanntes »Kinder-Auffanglager«. Aus dem inzwischen auf mehrere Häuser verteilten Kinderheim wird ein schützendes Zuhause für Kinder wie Rainieri, Ettore und Dora, die der Autor im Roman aus der Gemeinschaft geflüchteter Kinder in berührender Weise hervortreten lässt. Auch sie machen aus der Heimleiterin Lilly »eine Mutter auf Zeit«, die in jeder Hinsicht für »ihre« Kinder sorgt. In diesem auf Tatsachen beruhenden Roman erzählt Mattia Bertoldi mit großer Sensibilität die überraschende Geschichte von Lilly Volkart, einer Frau, die wie Oskar Schindler das Schicksal vieler Menschen während des Zweiten Weltkriegs veränderte.

Mattia Bertoldi, geboren 1986 in Lugano, studierte italienische und englische Literatur und Sprachwissenschaft in Zürich. Er schreibt Kurzgeschichten, Romane, Zeitungsartikel und Fernsehserien. 2012 erschien sein Debut Ti sogno, California bei Booksalad. Es folgten weitere Werke im Verlag TEA/Tre60, der auch die italienische Ausgabe seines ersten historischen Romans Il coraggio di Lilly besorgte. Der auf Tatsachen beruhende Roman über Lilly Volkart, die als Leiterin des Kinderheims Ascona während des NS-Regimes Hunderte von Kindern rettete, erscheint unter dem Titel Lillys Courage als erstes Werk von Mattia Bertoldi in deutscher Übersetzung. Kontakt: www.mattiabertoldi.com und via Facebook, Instagram, Twitter und LinkedIn. Ulrike Schimming, geboren 1967 in Hamburg, studierte Italienisch, Germanistik und Philosophie in Hamburg, Florenz und Stuttgart. Seit mehr als 20 Jahren übersetzt sie aus dem Italienischen und Englischen. 2018 wurde sie für die Über-setzung von Der Dominoeffekt von Gianumberto Accinelli mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.
Bertoldi Lillys Courage jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1


EINE GUTE GESCHICHTE


Lilly

Samstag, 11. September 1943

Lilly legt die Hände an die Tür, spürt das raue Holz unter den Fingern. Sie stößt sie auf, die Scharniere quietschen und eine warme Wolke umhüllt sie. Die Luft ist dick vor Feuchtigkeit. Mit der Holzpantine am Fuß schiebt sie den Keil über den Steinfußboden unter die Tür. Die Sonne fällt auf Dutzende von Strümpfen, die auf der Leine zwischen den Deckenbalken hängen. Ein Windhauch bewegt die Strümpfe am Eingang. Lilly betastet sie: Alle sind schon trocken.

Sie geht zwischen den Körben voller schmutziger Wäsche hindurch zur alles überragenden Presse, die nun als Waschzuber dient. Sie stellt den Eimer unter das Abflussloch, zieht den Stöpsel hinaus und die Lauge fließt heraus. Dann steigt sie auf das Treppchen und klammert sich an die Latten, aus denen der Zuber gemacht ist. Sie zieht den Kopf ein, um nicht an die Decke zu stoßen. Ein Strumpf ist auf den Holzdeckel gefallen. Sie untersucht ihn: Er hat ein kleines Loch an der Stelle des großen Zehs. Lilly rollt ihn zusammen und wirft ihn in einen leeren Weidenkorb an der Wand. Mit aller Kraft schiebt sie den Deckel ein paar Zentimeter zur Seite, gerade genug, um die Hände hineinzustecken: Die nassen Betttücher sind noch lauwarm.

Was würden die Bürger von Ascona denken, wenn sie sie in ihrer Waschküche sähen? Lilly fragt sich das an Waschtagen immer. Manche Bürokraten würden sagen, dass es zu viele Strümpfe gibt für die wenigen Füße, die im Gästebuch eingetragen sind, dass die Rechnung nicht aufgeht und dass man das überprüfen müsste. Julius Ammer und seine Nazibande würden sogar die Kleidung nach Flöhen oder Läusen absuchen. »Die sind dreckig, die sind krank«, würden sie sagen. »Bringt sie über die Grenzen zurück, jagt alle davon. Sonst stecken sie uns früher oder später noch an.« Polizisten würden kommen und fragen, woher so ein großer Zuber stammt, und es wäre sinnlos zu erklären, dass es eigentlich eine alte Traubenpresse gewesen ist, ein Geschenk des guten Geremia. Die Fragen (und die Probleme) würden sogar bis nach Brissago und in seine Weinberge gelangen.

Lilly nimmt das erste Laken und hält es gegen das Licht: Es hat einen gelblichen Schatten. Sie verlässt den Keller und legt es in das steinerne Waschbecken. Sie nimmt eine Bürste und bearbeitet den Fleck damit, sie wringt den Stoff aus und drückt ihn gegen die Rillen des hölzernen Waschbretts. Ihre Finger weichen im Wasser auf, ein Rinnsal läuft zum Abfluss, und es verbreitet sich der Geruch von feuchtem Moos.

In diesem Keller, der nun eine Waschküche ist, würden all diese Leute nur die Horde von sechzig Kindern sehen, bereit die Schweiz zu überrennen. Lilly hingegen sieht darin etwas anderes. Das Gesicht von Viktoria Leskovitz, zum Beispiel, das polnische Mädchen, das erst vor einem Monat in der Casa Gentile angekommen ist und das trotz seiner dreizehn Jahre immer noch ins Bett macht. In den schmutzigen Unterhemden, die in einem der vielen Körbe liegen, riecht sie die nahende Grippe, denn bevor sie die Sachen wäscht, schnüffelt sie daran und erkennt am säuerlichen, abgestandenen Geruch, dass bald jemand krank wird. In all dieser Wäsche sieht sie Tränen, Schuldgefühle, Hoffnungen. Es gibt so viel zu tun.

»Ich wusste, dass ich dich hier finde.«

Hedis Stimme. Lilly schiebt eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht, zwischen ihren Fingern bleibt eines der grauen Haare zurück, die ihr in den vergangenen Monaten gewachsen sind. Sie lässt es fallen und breitet das Laken aus: Der Fleck ist verschwunden.

»Sind alle bereit?«, fragt Lilly, während sie sich aufrichtet.

»Sie kommen gerade aus dem Speisesaal.«

»Du könntest meinen Nähkasten holen und …«

»Die Stopfeier. Die sind schon da, auf dem Rasen. Die Mädchen warten auf dich.«

Lilly nickt. »Ich komme sofort.«

Hedi verschwindet, Lilly geht wieder hinein und greift sich den Korb mit dem sauberen Strumpf; sie streift durch den Keller und kontrolliert alle Strümpfe, die zerschlissensten nimmt sie mit. Sie füllt den Korb zur Hälfte und folgt dem gepflasterten Weg. Eine Gruppe von vier oder fünf Kindern rennt ihr entgegen, in jeder Hand einen vollen Wassereimer.

»Kinder«, sagt sie leise, sodass sie auf der Stelle langsamer werden. »Ich habe schon ein Laken herausgeholt, die anderen sind noch im Zuber. Passt bitte auf. Ich will keinen von euch aus dem Zuber fischen.«

»Ja, Lilly«, sagen sie wie aus einem Mund und setzen ihren Weg fort, dieses Mal in gemächlichem Schritt.

An der Eiche versucht Ettore, die Arme um den Stamm gelegt, zum wiederholten Mal, auf den Baum zu klettern. Er hält ein Seil zwischen den Zähnen, stützt einen nackten Fuß auf die Rinde und federt mit dem anderen Bein. Er springt, so hoch er kann, versucht, sich am Baum festzuhalten, aber er rutscht ab.

Ettore sieht aus wie ein Pirat oder einer der Matrosen, der sich ums Tauwerk kümmert. Vielleicht sind sie, die Bewohner dieses Hauses, wirklich wie auf einem Schiff. Jeder hat eine Aufgabe, um der Leere um sich herum zu entfliehen, und alle sind in Sicherheit, solange sie zusammenhalten. Lilly aber fühlt sich nicht wie der Kapitän, sondern vielmehr wie eine Steuerfrau. Sie ist diejenige, die die Mannschaft aus den Untiefen holt, sie liest die Zeichen des Wetters und ändert die Route. Sie hat die Aufgabe, alle nach Hause zu bringen.

Ettore versucht es noch einmal, aber er plumpst auf die Erde. Er schlägt mit der Faust ins Gras, zischt etwas durch die Zähne. Dann nimmt er einen Stein, knotet das Seil darum, wirft ihn über den Ast und sammelt das Ende wieder ein. Nickend geht er an Lilly vorbei, erreicht die Hauswand der Casa Gentile und bindet das Seil an den Haken dort. Aus dem Keller kommen zwei Kinder mit dem ersten Laken.

»Lilly, komm!«, sagt eines der Mädchen hinter ihr. Sie sitzen im Kreis im Gras, jedes hat sein Nähkästchen vor sich: Metalldosen mit wenigen Nadeln, etwas Garn, einigen Sicherheitsnadeln. Ja, Kleider und Segel müssen repariert werden. Die Schiffsmannschaft braucht sie.

»Guten Tag«, sagt Lilly, während sie sich an die letzte freie Stelle setzt. »Bereit fürs Stopfen?«

Alle nicken und öffnen ihre Dosen, nur Viktoria zögert. Ihre mit Pflaster bedeckten Finger verharren in der Luft. Lilly tut, als bemerke sie es nicht. Sie holt die Strümpfe aus dem Korb, behält einen für sich und gibt die anderen zu ihrer Rechten weiter; sie öffnet das Kästchen mit den hölzernen Stopfeiern und gibt es zu ihrer Linken weiter. Während sich alle Hände bewegen, zählt Lilly bis dreiundzwanzig, dann hat jedes Mädchen alles Nötige. Sie ist es gewohnt zu zählen, es ist für sie selbstverständlich. Hier wird alles gezählt, und sie verzählt sich nie. Außer, sie will es: an der Grenze und bei der Fremdenpolizei, wenn das Leben ihrer Kinder auf dem Spiel steht.

»Es ist wie beim letzten Mal«, sagt Lilly und zeigt, wie es gemacht werden soll, »steckt das Ei in den Strumpf und lasst es bis zur Spitze rutschen, damit der Stoff sich dehnt. Dann geht es leichter.«

Ein paar Mädchen lassen die Eier fallen, bei anderen rutschen sie schief in die Strümpfe. Lilly wartet. Ettore hebt den Saum eines Lakens an und verdreht ihn, während zwei andere Kinder es auf der anderen Seite mit aller Kraft festhalten; der Stoff verwringt sich, Wassertropfen benetzen die Erde vor der Eiche. Der Junge wächst schnell, und bald wird er sich überlegen müssen, was er in Zukunft machen will. Im Gegensatz zu den anderen ist das Tessin seine Heimat, aber das macht die Sache nicht unbedingt leichter.

»Und jetzt?«, fragt Viktoria leise.

»Jetzt nehmt ihr Nadel und Faden, macht einen kleinen Knoten, und dann fangt ihr außen an. Näht hin und her, bis das Loch ganz ausgefüllt ist.«

Die Mädchen stopfen, manche schneller, andere langsamer. Nur Viktoria seufzt jedes Mal, wenn sie die Nadel in den Stoff sticht, eine Träne rinnt ihr über die Wange. Lilly geht zu ihr.

»Ist alles in Ordnung?«

Viktoria nickt. Die Spitze ihres Daumens ist blutbefleckt, sie steckt ihn sich in den Mund.

»Lass mal sehen«, sagt Lilly, die all die Ängste des Mädchens in dieser Geste erkennt. Sie möchte aufhören zu stopfen, sich in einer Ecke verkriechen und weinen. Aber bald wird sie dort draußen sein, wo das Wissen um eine solche Arbeit entscheidet, ob man eine Anstellung oder ein Almosen bekommt, während Europa versuchen wird, sich vom Krieg zu erholen. Und Lilly wird alles tun, damit Viktoria darauf vorbereitet ist.

Das Stopfen hat gut angefangen, aber das Gewebe dieses Strumpfes ist so dünn, dass er durchsichtig geworden...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.