E-Book, Deutsch, Band 1, 253 Seiten
Reihe: Eifel-Krimi
Berndorf Eifel-Blues
Überarbeitete Auflage
ISBN: 978-3-89425-822-1
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der 1. Siggi-Baumeister-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 1, 253 Seiten
Reihe: Eifel-Krimi
ISBN: 978-3-89425-822-1
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jacques Berndorf - Pseudonym des Journalisten Michael Preute - wurde 1936 in Duisburg geboren und lebt heute in der Eifel. Er war viele Jahre als Journalist tätig, arbeitete unter anderem für den 'stern' und den 'Spiegel', bis er sich ganz dem Krimischreiben widmete. Seine Siggi-Baumeister-Geschichten haben Kultstatus, im Grafit Verlag sind erschienen: Eifel-Blues, Eifel-Gold, Eifel-Filz, Eifel-Schnee, Eifel-Feuer, Eifel-Rallye, Eifel-Jagd, Eifel-Sturm, Eifel-Müll, Eifel-Wasser, Eifel-Liebe, Eifel-Träume und Eifel-Kreuz. Außerdem lieferbar: Die Raffkes und Der Kurier (beides Politthriller).
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ERSTES KAPITEL
Morgens um sechs war die Nacht zu Ende, weil Krümel an der Schlafzimmertür hochsprang und sich auf die Klinke fallenließ. Ich habe nie begriffen, wie sie es dabei fertigbringt, die Maus in ihrem Maul nicht zu verletzen. Sie kam hinein, hockte sich dicht vor meinen Kopf, legte die Maus vor sich hin auf den Teppichboden und ließ ein triumphierend heulendes Gemaunze hören. Die Maus war ein kleiner, grauer, vollkommen bewegungsloser Ball.
»O Scheiße!« sagte ich brummig. »Wir haben Ferien, verstehst du? Ferien! Ich bin müde, ich will keine Maus.« Die Maus bewegte sich vorsichtig, wurde am vorderen Ende spitz und dünn. Ich nahm die Brille vom Teppich und setzte sie auf. Die Maus blinzelte und rannte los, direkt auf mein Gesicht zu.
Krümel neigte elegant den Kopf, mit einem Wisch war die rechte Pfote weit draußen und nagelte die Maus fest, ungefähr zwanzig Zentimeter vor dem Rand der Matratze, ungefähr fünfundzwanzig Zentimeter vor meinem Gesicht. »Du machst sie sowieso nie tot, und ich kann sehen, wie ich damit fertig werde.«
Krümel ließ die Maus los, und das graue Bällchen sauste im Geschwindschritt an der Matratze hoch und verschwand oberhalb meines Kopfes unter dem Kissen. Krümel leckte sich die rechte Pfote.
»Du bist widerlich«, sagte ich erbittert.
Ich setzte mich hin und nahm das Kissen hoch. Da hockte die Maus und blinzelte wieder, anscheinend furchtlos.
»Was machen wir jetzt mit dir?« Krümel drehte ab, lief steil schwänzelnd hinaus, maunzte in der Tür und rieb sich am Pfosten. Ich hörte, wie sie den Flur entlanglief und dann die Treppe hinuntersprang. Die Maus setzte sich vorsichtig in Bewegung, ich nahm sie schnell hoch und sagte: »Ich werde dir die Freiheit schenken, ich bin dein Freiheitskämpfer.«
Ich zog den alten Bademantel an und schlich die Treppe hinunter, die Maus in der Hand. Krümel rieb sich an meinen Beinen. »Ja, ja«, sagte ich, »du gestattest, daß ich deine Morgengabe erst mal an die frische Luft setze.«
Die Haustür quietschte, es war neblig, es nieselte, aber es war warm. Ich setzte die Maus auf die Stufen. Krümel beobachtete sie nicht sonderlich interessiert. Dann schloß ich die Tür, ging in die Küche und öffnete eine Dose für Krümel. Entenragout. Sie fing an zu schnurren und rieb sich an meiner Wade.
»Hör auf«, sagte ich, »du benimmst dich widerlich unwürdig, du verkaufst deine Seele für ein mieses Industrieprodukt.«
Ich schlich zurück in das Schlafzimmer, legte mich hin und schlief ein, bis Krümel mich mit einem sanften Laut weckte. Sie hielt, rund zwanzig Zentimeter vor meinem Gesicht, die Maus sanft auf dem Teppich fest und sah mich sehr stolz und gelassen an.
Es war neun Uhr, und soweit ich erkennen konnte, war es dieselbe Maus. Es war sogar bestimmt dieselbe Maus, denn in diesem Dorf würde es niemals zwei Mäuse von solch grandioser Dämlichkeit geben.
Ich nahm die Maus und brachte sie erneut vor das Haus. Das Telefon schellte. Ich dachte, es wäre Elsa oder irgend jemand sonst, aber es war Kohler.
Er sagte strahlend: »Hey!« Er sagt immer Hey und immer strahlend.
»Ich bin zweiundvierzig«, sagte ich. »Ich werde alt und fühle den nahen Tod. Und ich habe Urlaub.«
»Aber das weiß ich doch alles, mein Junge«, röhrte er. »Es ist nur so, daß der Chef dich unbedingt will. Er weiß schon, was er an dir hat ...«
»Nehmt doch irgendeinen eurer festangestellten Redakteure, nehmt nicht mich. Es gibt bessere.«
»Nicht in diesem Fall«, sagte Kohler. »Es ist eine sehr leise Geschichte, eine Geschichte mit sehr viel Hintergrund. Und sie spielt irgendwo bei dir, irgendwo in der Eifel. Und weil der Chef so zurückhaltend ist und weil er über so schnöde Dinge wie Geld nicht sprechen mag, soll ich dir sagen, daß er dir achttausend zahlt. Pro Monat, versteht sich.«
Das war das Doppelte des Üblichen, das roch widerlich. »Es geht nicht«, sagte ich. »Ich muß Urlaub machen, verstehst du? Ich bin wirklich kaputt, ich bin nur ein mieser Freier, der sich seine Brötchen verdient, um etwas Rente im Alter zu haben. Was ist es denn für eine Geschichte?«
Das schrecklich Normale an Kohler war, daß er irgendwann vor vielen Jahren beschlossen hatte, unter allen Umständen Karriere zu machen, oder das, was er dafür hielt. Und im gleichen Augenblick hatte er seine Seele verkauft, das Recht auf sich selbst abgetreten an irgendwelche gänzlich skrupellosen Chefredakteure, die ihn ständig mißbrauchten, ihn als Nachrichtenjungen benutzten, als Postillon d'amour, als Arrangeur heimlicher Treffen. Zuweilen, das mag sein, fiel irgendeine höchst geheime Nachricht auch für ihn ab, aber in der Regel war es Klatsch, nichts wirklich Wichtiges, und er war verzweifelt bemüht, so zu tun, als wisse er alles aus den Kabuffs der Macht, als sei ihm nichts neu.
»Was für eine Geschichte?« fragte er gedehnt, als habe er meine Frage nicht verstanden. »Nun ja, wie gesagt: achttausend pro Monat, solange du an der Geschichte werkelst. Ich bin bloß eine kleine Nummer, verstehst du? Ich bin bloß der Chef vom Dienst. Und jetzt verbinde ich dich mit dem Chef.« Es klickte.
Da war sie, die geliebte, schnarrende Stimme. »Mein Freund, wie ich höre, machen Sie Urlaub. Na, macht nix. Können Sie sich vorstellen, daß Ihr Telefon abgehört wird? Verfassungsschutz, BND oder MAD und CIA und wie diese Jungenclubs alle heißen.«
»Ich weiß, daß ein paar von denen ständig Langeweile haben und sich gern in die Intimitäten anderer einmischen. Voyeure.«
»Ihr habt doch alle die Paranoia. Na gut, dann machen Sie sich auf die Socken und rufen mich aus einer Zelle an, klar? Und innerhalb der nächsten zehn Minuten, bitte.«
»Das geht nicht, das geht wirklich nicht. Wir haben hier im Dorf nur eine Zelle, und die ist immer kaputt, weil die Jugendlichen darin rumknutschen. Die nächste ist drei Kilometer weg.«
»Zwanzig Minuten, mehr aber nicht«, sagte er. Dann murmelte er noch verächtlich: »Dorf!« und »Eifel!« und hängte ein.
Ich zog mir einen Trainingsanzug an und ging auf den Hof. Es regnete sanft, der Wagen sprang widerwillig an, ratterte, als sei er verrostet. Krümel kam schmal und hübsch heran und miaute. Ich ließ sie rein.
»So eine Scheiße«, sagte ich ihr. »Aber für achttausend Eier kann ich dich bis an dein Lebensende ernähren.« Sie sprang auf die Rückbank, rollte sich ein und schloß die Augen. Sie mag es, wenn das Auto durch die Landschaft schaukelt.
Unten am Dorfbrunnen stand Alfred mit einem Hänger voll Heu und schrie: »Ich bringe dir nachmittags dein Holz!« Ich nickte, grüßte männlich mit lässig leicht erhobener Handfläche und fuhr weiter. Auf der Anhöhe zwischen den Dörfern peitschte der Regen in einer Bö fast waagrecht, aber weit im Westen war der Himmel blau. Ich würde gutes Wetter haben, nicht zu heiß. Ich mußte Holz schlagen, ich mußte die Natursteinmauer bepflanzen, ich mußte die Pflaumenbäume ausputzen, ich mußte den Abfall aus der Garage abtransportieren, ich hatte genug zu tun. Das alles in fast frischer Luft.
In der Telefonzelle hockte sich Krümel auf die Bücher und sah mir zu, wie ich das Kleingeld ausbreitete, die Münzen in den Schlitz steckte und wählte.
»Ich bin's wieder, Siggi Baumeister.«
»Gut, gut«, sagte er. »Haben Sie genug Kleingeld? Das dauert nämlich eine Weile. Ich muß Ihnen eine Geschichte erzählen, eine ganz komische Geschichte.«
»Ich habe genug Kleingeld.«
»Na gut. Also: Ich war gestern in Bonn beim Verteidigungsminister. Nichts Besonderes, nur ein Interview. Wir wollten wissen, ob er denn bereit ist, ein bißchen weniger zu rüsten. Er ist natürlich im Prinzip bereit, aber eigentlich ist er nicht bereit, weil er richtigen Frieden nicht mag. Klar, ist sein Job. Na gut, anschließend benahm er sich leutselig, ging mit uns in die Kantine essen. Der muß ja seinem Volk zeigen, daß er mit den bekanntesten Publizisten dieser Erde auf du und du steht. Der Fraß war saumäßig, der Minister stinklangweilig. Er erzählte mal wieder, wieviel gute Freunde er in Washington hat, und daß die eigentlich ohne ihn nicht leben können, wenn sie ehrlich sind. Gut, soweit auch nichts Besonderes. Dann wurde der Minister zum Telefon gerufen, und ich blieb da allein hocken.« Er räusperte sich hingebungsvoll, was besagt, daß es jetzt kam. »Sie müssen sich vorstellen, daß diese Kantine ein großer, niedriger Raum ist, ungefähr so anheimelnd wie das Pissoir auf dem Hauptbahnhof in Hamburg. Die Tische stehen dicht an dicht. Am Tisch hinter mir Zivilisten, zwei Männer, ungefähr fünfzig Jahre alt. Die unterhielten sich vollkommen normal, sofern in diesem Haus jemand normal ist. Anfangs habe ich nicht begriffen, um was es ging, aber dann habe ich es kapiert. Da ist ein Doppelmord passiert. In der Eifel. Irgendwo in Ihrer Nähe in einem Munitionsdepot. Also, der Mord ist nicht in dem Depot passiert, sondern außerhalb auf einem Waldweg. Der Ort heißt Hohlbach oder so ähnlich ...«
»Hohbach«, sagte ich. »Acht Kilometer von hier. Aber da war kein Doppelmord, das wüßte ich. Ich war gestern abend in der Kneipe.«
»Nun warten Sie's doch ab«, sagte er freundlich. »Aus der Unterhaltung der...




