E-Book, Deutsch, Band 315, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Bergstein Alpengold 315
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-9156-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kinder der Berge
E-Book, Deutsch, Band 315, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-9156-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kinder der Berge
Heimatroman um zwei Herzen im Schicksalssturm
Die Lichter auf dem Berghof sind längst erloschen, da taumelt ein Mann auf die Haustür zu. Andreas Wenzel, der schon fest geschlafen hat, hört das Klopfen und springt auf. Als er kurz darauf die Tür öffnet, fällt ihm ein Mann in die Arme, über und über mit Blut beschmiert. 'Hilf mir, Anderl, hilf mir! Sie dürfen mich net finden ...' Dann verliert er das Bewusstsein.
Andreas trägt den Verletzten in die Stube und legt ihn aufs Sofa. Erst jetzt blickt er ihm zum ersten Mal ins Gesicht - und erschrickt zutiefst. Niemand anders als der Egstallerbauer ist es, der aus einer Schusswunde blutet.
Andreas weiß, dass er jetzt den Doktor und den Gendarm rufen müsste, denn er ist sich sicher, dass der Egstaller der gesuchte Wilderer ist. Doch er ist auch der Vater des Madls, das er liebt ...
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Kinder der Berge
Heimatroman um zwei Herzen im Schicksalssturm
Von Rena Bergstein
Die Lichter auf dem Berghof sind längst erloschen, da taumelt ein Mann auf die Haustür zu. Andreas Wenzel, der schon fest geschlafen hat, hört das Klopfen und springt auf. Als er kurz darauf die Tür öffnet, fällt ihm ein Mann in die Arme, über und über mit Blut beschmiert. „Hilf mir, Anderl, hilf mir! Sie dürfen mich net finden …“ Dann verliert er das Bewusstsein.
Andreas trägt den Verletzten in die Stube und legt ihn aufs Sofa. Erst jetzt blickt er ihm zum ersten Mal ins Gesicht – und erschrickt zutiefst. Niemand anders als der Egstallerbauer ist es, der aus einer Schusswunde blutet.
Andreas weiß, dass er jetzt den Doktor und den Gendarm rufen müsste, denn er ist sich sicher, dass der Egstaller der gesuchte Wilderer ist. Doch er ist auch der Vater des Madls, das er liebt …
Auf dem Eggstallerhof unten in Saalfelden war die Stimmung an diesem dunklen Winternachmittag wieder einmal alles andere als gemütlich.
Die Bäuerin, eine stattliche Frau mit braunen Augen und einem schwarzen Haarknoten, saß am Tisch über einer Näharbeit und beaufsichtigte die Hausaufgaben, die der zehnjährige blonde Klaus unter tiefen Seufzern machte. Und jedes Mal wenn wieder so ein Seufzer aus dem Kindermund gekommen war, schaute der Bauer, der über seiner Zeitung saß, missmutig auf seinen Sohn.
»Weiß net, warum du dich abschinden musst! Kriegst eh einmal den Hof und brauchst kein Englisch und keine Geschichte. Die Lehrerin soll euch lieber eher heimgehen lassen, damit ihr mit anpacken könnt.«
Die Bäuerin warf ihrem Mann einen bösen Blick zu, den der aber wohlweislich übersah. Und der kleine Klaus schaute den Vater mit seinen dunkelblauen Augen dankbar an.
»Hast schon recht, Vater«, meinte er, »eine unnötige Schinderei ist das in der Schule. Viel lieber tät ich daheim bleiben und mich im Stall nützlich machen.«
Der Bauer nickte. »Du bist vom richtigen Holz, Bub! Man spürt immer wieder, dass du einen echten Bauern mit Leib und Seele zum Vater hast.«
Der Blick, der die Frau traf, war spöttisch. Und Hanna Eggstaller hatte ihn verstanden. Ihre Hände zitterten leicht, als sie sich über das Heft des Buben beugte und versuchte, einen unschönen Tintenfleck zu entfernen.
»Du machst die Schule fertig, und zwar mit guten Noten. So wie die Verena auch. Es kann nie schaden, wenn man was im Kopf hat. Auch ein Bauer muss richtig schreiben und lesen können.«
»Die Verena«, der Mann faltete seine Zeitung zusammen und lachte geringschätzig, »und was hat sie jetzt von ihrer Lernerei? Sitzt daheim und wartet, bis einer sie heiratet.«
Die Bäuerin wurde rot vor Zorn. Ihre dunklen Augen blitzten den Mann, der sich erhoben hatte und zu seinem Mantel griff, böse an.
»Lass das Madl aus dem Spiel. Es ist meine Tochter, und du hast net das Recht, dich da einzumischen.«
Er kam an den Tisch und fuhr dem Buben über das blonde Haar. Dann beugte er sich ganz nahe zu seiner Frau. Seine hellen Augen wurden wie zwei Schlitze.
»Das weiß ich, Liebste, das weiß ich. Auch dass sie ganz nach ihrem Vater gerät. Also Künstlerblut in den Adern hat und etwas Besseres ist als ich. Aber solange sie meinen Namen trägt, hat sie das zu tun, was ich sage, verstanden?« Seine Stimme war hart wie Stahl geworden. »Sonst weißt ja, was passiert. Oder hast das vergessen?«
Hanna Eggstaller musste sich zusammennehmen, um nicht in dieses hämisch blickende Gesicht zu schlagen.
»Geh«, sagte sie nur mühsam beherrscht, »denk an den Buben.«
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich jäh. Jetzt stand in seinen Augen Vaterstolz.
»Das tu ich, seitdem er auf der Welt ist. Da kannst mir nix vorwerfen.«
Er nahm seinen Hut und verließ die Küche, indem er die Tür mit lautem Knall hinter sich zuwarf. Klaus schaute die Mutter an und sah Tränen in ihren Augen. Er legte seine kleine Hand auf die ihre.
»Musst net traurig sein, Mutter! Der Vater meint es net so«, versuchte er sie zu trösten.
Die Mutter nickte. »Ich wein’ net, Klausi. Es ist alles gut. Schreib schön weiter, dann machen wir uns einen heißen Tee, und du kriegst einen Lebkuchen.«
Sie griff zu ihrer Näharbeit, während der Bub sich wieder über seine Hefte beugte. Er sah nicht mehr, dass der Mutter die Tränen über die Wangen liefen. Und ahnen konnte er schon gar nicht, dass ihre Gedanken wie so oft weit zurückgingen in die Vergangenheit …
***
Vor gut zwanzig Jahren, da ist sie ein lebensfrohes Mädchen gewesen, das hübscheste im ganzen Tal. Von einem kleinen Hof außerhalb Saalfeldens war sie gekommen und hatte beim Dorfwirt manchmal als Bedienung ausgeholfen, um ein bisserl Geld heimzubringen, das der Vater gut gebrauchen konnte. Denn sein Hof warf nur wenig ab, und er war über jeden Cent froh, der nebenbei herein kam.
Keine achtzehn Jahre ist sie alt gewesen, da begann sich Martin Eggstaller für sie zu interessieren. Seinem Vater gehörte der schönste Hof weit und breit. Majestätisch stand er auf seiner Anhöhe oberhalb der Straße, die hinunter nach Zell am See führte.
Als sie zum ersten Mal dort gewesen ist in dem Haus, dem man innen und außen die Wohlhabenheit ansah, war ihr richtig beklommen zumute. Der Martin hatte gelacht, ein wenig spöttisch, so, wie er es immer tat und was ihr eigentlich nicht so gut gefiel.
»Du gewöhnst dich schon dran, wenn du erst einmal hier Bäuerin bist«, hatte er gesagt.
Für ihn stand es fest, dass sie seine Frau wurde. Gefragt wurde sie da nicht noch extra. Es war eine Ehre, dass er, der zukünftige Eggstallerbauer ein Mädchen wie sie heiraten wollte.
Sie war noch nie verliebt gewesen, aber sie wusste, dass sie den Martin nie so richtig gernhaben könnte. Er war ihr zu angeberisch, zu laut und vor allen Dingen zu grob. Trotzdem machten ihm die anderen Mädchen schöne Augen, und es war keine da, die nicht liebend gern Eggstaller-Bäuerin geworden wäre.
Hanna wich aus, wenn er von der Hochzeit sprach. Und dann plötzlich kam die Liebe über sie. Sie spürte es, als sie dem jungen Rudolf Hartlinger gegenüberstand. Er arbeitete als Knecht auf dem Eggstallerhof und wurde vom Martin auch als solcher behandelt. Wo die beiden auch zusammentrafen, ließ sich der Hofsohn anmerken, wie groß der Unterschied zwischen ihnen war.
Hanna kam einmal hinzu, als er ihn einmal anschrie wie einen Hund. Das war das erste Mal, dass sie in zwei dunkle Augen sah, die sie nie mehr vergessen sollte.
Auch Rudolf Hartlinger erging es so. Aber für ihn war Hanna die Braut des Hofsohnes und unerreichbar.
Trotzdem erfuhr sie eines Tages sein Geheimnis. Er wollte Holzschnitzer werden und berühmt. Oben in seiner Kammer schnitzte er die halben Nächte hindurch, und sie war die Einzige, die die kleinen und großen Figuren sehen durfte.
Das war auch der Tag, an dem sie sich zum ersten Mal in den Armen lagen und sich küssten. Rudolf erfuhr, dass sie den Martin nicht lieben konnte, und er beschwor sie, auf ihn zu warten.
»Wenn der Sommer vorbei ist, geh ich in die Stadt, nach Innsbruck oder Wien. Dann hab ich das Geld für mein Studium beisammen. Ich komme wieder, Hanna, und werde dich holen. Versprich mir, dass du auf mich wartest?«
Sie hatte es unter Tränen versprochen. Und als er wirklich ging, war sie todunglücklich. Martin drängte zur Heirat, ihre Eltern auch. Niemand erfuhr etwas von ihrer großen heimlichen Liebe. Und dann wusste sie eines Tages, dass sie ein Kind bekommen würde. Ein Kind von dem Mann, der fortgegangen war.
Es war die schlimmste Zeit in ihrem Leben. Sie hatte niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte. Und eines Tages sagte sie Martin, dass sie ihn nicht heiraten könne, weil sie ein Kind von Rudolf Hartlinger erwartete.
Martin verbot ihr, den Hof seines Vaters noch einmal zu betreten. Aber drei Tage später stand er vor ihrer Tür.
»Ich kann net von dir lassen, Hanna! Das Kind soll als das meine gelten, niemand wird davon erfahren, dass ein anderer der Vater ist. Wir heiraten, sobald es möglich ist.«
Er sagte es so bestimmt, als gäbe es für sie gar keine andere Wahl.
In ihrer Verzweiflung schrieb sie Rudolf einen Brief. Eine einzige Karte war bisher von ihm gekommen, weiter nichts. Sie bat ihn, zu kommen und sie zu holen. Doch nach vier Wochen ergebnislosen Wartens musste sie annehmen, dass Rudolf Hartlinger sie vergessen hatte.
Martin bedrängte sie jeden Tag, und auch ihre Eltern machten vorwurfsvolle Gesichter.
»Ich weiß net, auf wen du warten willst«, sagte der Vater, »einen besseren Mann als den Eggstaller-Martin könntest gar net kriegen. Jeden Tag sind die Mutter und ich unserem Herrgott dankbar, dass er ausgerechnet dich heiraten will. Net einmal eine ordentliche Mitgift können wir dir mitgeben.«
Sie sagte also Ja und stand wenige Wochen später mit ausdruckslosem Gesicht und leergeweinten Augen neben Martin vor dem Altar.
Acht Monate später kam die Verena zur Welt....




