E-Book, Deutsch, Band 309, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Bergstein Alpengold 309
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-8823-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rückkehr in die verlorene Heimat
E-Book, Deutsch, Band 309, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-8823-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rückkehr in die verlorene Heimat
Roman um Schuld und die Hoffnung auf Vergebung
Von Rena Bergstein
'Helfen könnt' dem Hof nur eine junge Bäuerin mit stattlicher Mitgift. Mit einer, die hinten und vorn nix hat, brauchst du also gar net daherzukommen. Wie es mit uns steht, weißt du ja, da hab ich dir nie etwas vorgemacht.«
Regungslos hat Jörg Hartlinger seinem Vater zugehört, doch jetzt kann er nicht länger an sich halten. Er will nicht länger vor diesem Mann kuschen, den er nie geliebt hat. Ein Trinker ist er und Versager.
Es kommt zum Drama ...
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Rückkehr in die verlorene Heimat
Roman um Schuld und die Hoffnung auf Vergebung
Von Rena Bergstein
Niemand weiß, wer der sonderbare Kauz ist, der vor einigen Monaten ins Dorf kam und sich nun mit dem kargen Lohn eines Schäfers durchs Leben schlägt. Er aber kennt sie alle, denn vor dreißig Jahren war er einer von ihnen, bis der eigene Bruder ihn vom Hof vertrieb. Nun hat das Heimweh den alten Mann nach all den Jahren in der Fremde zurück nach Kirchbichl geführt. Hier möchte er seinen Lebensabend verbringen und zur letzten Ruhe gebettet werden.
Niemand soll erfahren, wer er in Wahrheit ist. Doch sein alter Widersacher Xaver Mittlinger erkennt ihn wieder. Und er hasst Hubert Hartlinger noch genauso wie vor dreißig Jahren, und eines Tages bricht sich sein aufgestauter Hass Bahn …
„Helfen könnte dem Hof nur eine junge Bäuerin mit stattlicher Mitgift. Mit einer, die hinten und vorn nix hat, brauchst du mir gar net daherzukommen. Wie es mit uns steht, weißt du ja, da hab ich dir nie etwas vorgemacht.“
Jörg Hartlinger, ein hochgewachsener, braun gebrannter Bursch mit hellen Augen unter einem dichten blonden Haarschopf, rieb sich Gesicht und Arme trocken. Dabei trafen den Vater bitterböse Blicke.
„Mir brauchst du nix vorzujammern, Vater! Dass ich net schuld bin, dass es mit unserem Hof immer weiter bergab geht, das weiß jeder im Dorf. Es vergeht kein Tag, an dem du net betrunken aus dem Wirtshaus kommst. Erst gestern hat mich der Wirt wieder angemahnt. Über siebzig Euro hast du net zahlen können. Die ganze Gaststube voller Männer hast du eingeladen und nur ein paar Cent dabeigehabt.“
Dicht war der Hartlingerbauer an seinen Sohn herangetreten. Sein Gesicht war rot angelaufen vor Zorn, die blauen Augen blitzten.
„Hast du vergessen, dass der Hof noch immer mir gehört und ich auch noch lang net ans Übergeben denk? Und wenn du weiter den Mund so aufreißt und mich beschuldigst, dann kannst du deine Sachen packen. Ich komme auch allein zurecht.“
Jörg hatte seine Lippen zu einem mitleidigen Lächeln verzogen.
„Einmal ist schon einer gegangen vom Hartlingerhof. Einer, der ihn net so bergab gewirtschaftet hätte wie du. Und er ist net freiwillig gegangen, wie ich gehört hab. Also überleg es dir, ob du mich fortschickst. Ob du auf mich verzichten kannst, wenn du oben liegst in deiner Kammer und deinen Rausch ausschläfst.“
Für Sekunden sah es aus, als wolle der Vater ihm ins Gesicht schlagen, die Hand hatte er schon erhoben. Aber dann besann er sich und wandte sich ab.
„Davon verstehst du nix, Jörg! Niemand hat meinen Bruder gezwungen zu gehen. Und dass er sich nie mehr um seinen Hof und uns gekümmert hat, das zeigt doch, wie wenig er sich aus seiner Heimat gemacht hat. Irgendwo in der Welt wird er sein und ein besseres Leben führen als ich. Er kann froh sein, dass ich alles übernommen habe.“
„An dich gerissen hast du, was dir net gehört hat“, sagte Jörg, „denn Hubert war der Ältere von euch beiden. Die Mutter hat es mir erzählt. Du hast ihn um sein Erbe gebracht, darum ist er gegangen.“
„Ein Wort noch und ich vergreife mich an dir.“ Voller Wut war der Bauer herumgefahren, und Jörg blickte in ein vom Zorn entstelltes Gesicht. Aber er blieb ruhig. Er hatte keine Angst vor diesem Mann, den er nie geliebt hatte. Ein Trinker war er und Versager.
Wortlos wandte sich Jörg ab. Die alte Martha würde in der Küche schon mit dem Essen warten. Der Vater schlüpfte in sein kariertes Hemd und schickte ihm einen lauten Fluch nach. Als er sich allein sah, holte er aus der Hosentasche ein flaches Fläschchen mit Schnaps. Er setzte es an die Lippen und trank es in einem Zug leer. Das scharfe Zeug brannte in der Kehle, aber hinterher ging es ihm immer wieder besser. Und Hunger verspürte er bei dieser Hitze eh keinen.
Die beiden in der Küche sahen ihn über das Feld davongehen. Kopfschüttelnd stellte die Magd den Teller beiseite, den sie für den Bauern hingestellt hatte.
„Jetzt trägt er wieder seinen letzten Cent zum Wirt. Dabei hat er mir schon für zwei Monate keinen Lohn mehr zahlen können. Ein Kreuz ist es, Bub. Es wird ein böses Ende nehmen mit ihm.“
Erschrocken schaute Jörg in das runzelige Gesicht mit den wasserhellen Augen. Seit dem Tod der Mutter vor zehn Jahren war die alte Magd für ihn an ihre Stelle getreten. Zu ihr hatte er mit all seinen großen und kleinen Sorgen kommen können. Sie hatte ihn vor seinem jähzornigen Vater beschützt und ihn über den ersten großen Liebeskummer hinweggetröstet.
„Keinen Lohn, sagst du? Aber Martha, warum bist denn net zu mir gekommen? Du weißt doch, dass ich immer ein bisserl Geld hab.“
Die alte Frau lachte und fuhr ihm zärtlich über den Haarschopf.
„Was brauche ich alte Frau schon viel Geld, Jörg? Ein Dach über dem Kopf und zum Essen hab ich hier bei euch. Behalt du nur dein bisserl Geld, du bist jung und sollst was vom Leben haben. Hast eh noch net viel schöne Zeiten kennengelernt.“
„Lass das Geschirr stehen und bleib bei mir sitzen, Martha“, sagte der junge Bursch. „Erzählst mir, wie es damals war, als du als junge Magd auf diesen Hof gekommen bist. Vom Streit zwischen dem Vater und seinem Bruder. Von der Mutter hab ich nie viel erfahren, das Reden ist ihr schwergefallen, weil es ihr der Vater verboten hat. Aber du hast doch alles miterlebt, Martha. Und ich weiß, dass du es net vergessen hast.“
Das Gesicht der alten Frau wurde abweisend. Man hatte ihr damals befohlen, zu niemandem über die Geschehnisse auf dem alten Hof zu reden.
„Wenn dir die Mutter selig nix gesagt hat, Jörg, kann ich es auch net. Außerdem bin ich eine alte Frau und kann mich nimmer recht erinnern an das, was damals passiert ist.“ Sie stand auf und wollte das Geschirr abräumen. Doch Jörg hielt sie in der Arbeit auf.
„Jetzt sagst du mir net die Wahrheit, Martha, ich sehe es dir an. Schau, ich hab doch niemanden mehr als dich. Auf den Vater ist kein Verlass mehr, seine Trunksucht wird jeden Tag schlimmer. Bald wird der Hof in meiner Hand liegen, und ich weiß net, was ich tun soll, um ihn über Wasser zu halten. Ich bitte dich inständig, erzähl mir etwas von dem, was du weißt. Niemand soll es erfahren, Martha, das verspreche ich dir.“
Zögernd setzte sich die alte Frau wieder auf ihren Stuhl. Voller Mitleid schaute sie auf den jungen Mann. Sie liebte diesen Burschen wie ihren eigenen Sohn. Das Schicksal, das er zu tragen hatte, war net leicht.
Wahrscheinlich blieb Jörg nichts anderes mehr übrig, als den Hof seiner Ahnen zu verkaufen. Den schönen, einstmals so stolzen Hof. Wie glücklich war sie gewesen, als sie damals als junge Magd angestellt worden war noch beim alten Bauern, dem Vater des jetzigen.
„Also gut, wenn du mir versprichst, dass auch du schweigen wirst, Bub. Dann will ich dir erzählen, was ich noch weiß von damals.“
Jörg drückte ihre Hand.
„Dein Geheimnis wird bei mir gut aufgehoben sein, Martha, ich verspreche es dir.“
Ganz leise und immer wieder stockend begann die alte Frau zu reden.
Sie war damals auf den Hof gekommen als junges Madl, kurz nach der Hochzeit des jüngeren Sohnes Viktor mit der Anna vom Großholzbauern. Nicht Viktor, sondern sein älterer Bruder Hubert war Erbe des Hartlingerhofes, so war es Tradition, und so wollte es der alte Hartlingerbauer, der seinen Älteren dem leichtsinnigen Viktor stets vorgezogen hatte.
Viktor wollte dem Bruder aber das Erbe streitig machen. Er wollte Bauer sein, und Hubert sollte sich auszahlen lassen und fortgehen. Gut verstanden hatten sich die beiden Brüder nie, einmal hatte Viktor im angetrunkenen Zustand seinen Bruder halb totgeschlagen.
Doch es schien, als hätte es das Schicksal so gewollt, dass Viktor den Hof bekam. Mit seinem Motorrad war Hubert schwer verunglückt und hatte fast ein Jahr lang im Krankenhaus gelegen. Im selben Jahr war der alte Hartlingerbauer gestorben, und Viktor war an seinen Platz getreten, wie er es immer gewollt hatte.
Als Hubert nach einem Jahr heimgekommen war, krank und schwach, da hatte nicht viel dazugehört, ihn zu vertreiben. Zwar hatte im Testament des verstorbenen Bauern gestanden, dass einzig und allein er der Erbe des Hofes sein sollte, aber Viktor hatte keine Intrige gescheut, um dem Bruder sein Erbe zu nehmen. Und der hatte nicht die Kraft gehabt, um zu kämpfen.
Bei Nacht und Nebel war Hubert verschwunden, und seit nunmehr dreißig Jahren hatte niemand mehr etwas von ihm gehört.
„Er soll ein Mädchen gehabt haben hier im Dorf. Wer es war, hat man nie erfahren. Einen halb fertigen Abschiedsbrief hat man gefunden, aber daraus net lesen können, an wen er gerichtet war. Glaub mir, Jörg, ich hab nie im Leben einen verzweifelteren Menschen gesehen als Hubert. Wäre dein Großvater am Leben geblieben, der hätte deinen Vater davongejagt. So hat Hubert gehen müssen, weil ihm der eigene Bruder das Leben zur Hölle gemacht hat.“
Jörg war erschüttert. Und er empfand wieder einmal Hass auf den Mann, der Unglück über die ganze Familie gebracht hatte.
„Und meine Mutter, Martha? Warum hat sie nix...




