Bergmann | Tom | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

Bergmann Tom

Auf der Suche nach einem Zuhause
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-4769-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Auf der Suche nach einem Zuhause

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

ISBN: 978-3-7693-4769-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Zugabteil, eine flüchtige Begegnung und eine Lebensgeschichte, die unter die Haut geht. Als Tom von seinem Leben erzählt, entfaltet sich ein Schicksal voller Brüche und Wendungen. Eine Kindheit im Schatten einer zerstörerischen Sucht, der Verlust eines geliebten Menschen und die ständige Suche nach einem Ort, der sich wie ein Zuhause anfühlt. Er spricht von den Jahren in Berlin, über die Monate in Kenia und von der prägenden Zeit in Indien. Tom kämpft sich durch die Dunkelheit, um schließlich Licht zu finden. Doch kann man Frieden mit der Vergangenheit schließen, wenn sie einem alles genommen hat? Authentisch und bewegend zeigt diese Biografie, dass selbst die schwersten Wege zu neuen Anfängen führen können. Wie ein Schiff, das nach einem Sturm endlich sicher im Hafen ankommt.

Marion Bergmann wurde 1963 im Leinebergland geboren, wo sie heute noch lebt. Schon früh entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Schreiben. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin arbeitet sie seit vielen Jahren in einer onkologischen Rehaklinik, was ihre Perspektive auf das Leben und das Schreiben prägt. Ihre Inspiration schöpft sie unter anderem aus den Fahrradtouren quer durch Deutschland, bei denen sie die Ruhe der Natur genießt und ihre Gedanken schweifen lässt. Mit "TOM", ihrem dritten Buch, ergänzt sie ihre bisherigen Werke "Diagnose: Die Krankheit mit K" und "Immer wieder mittendrin".
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Autoren/Hrsg.


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1. Kapitel


2003


Ostberlin, Stadtbezirk Marzahn. Apathisch, nahe dem Gefrierpunkt, sitzt er auf der Brüstung eines Balkons im 21. Stockwerk. Seine Beine baumeln über dem Abgrund-Das war’s. Kurz, schwer, nicht mehr zu ertragen. Sein Leben.

Wie oft hat er sich nichts weiter als Gedankenflüge gewünscht. Sich in der Helligkeit bewegen. Auch mal Luftschlösser bauen. Einer Illusion entgegenfiebern, irgendeiner. Nur in Gedanken. Selbst das klappt nicht mehr. Sein Kopf ist leer, sein Inneres eisig, als wäre sein Körper mit kaltem Fischblut gefüllt. Wie betäubt umklammert er das Geländer des Balkons. Zentimeter für Zentimeter neigt er seinen Oberkörper nach vorn. Noch hat er an der hellblauen Wellblechverkleidung Halt mit den Füßen. So sitzt er teilnahmslos, fernab von allem, was da unten auf der belebten Straße passiert, eine Ewigkeit nun schon, unbemerkt, dem Himmel ein Stück näher.

Die Schwärze der Nacht lastet wie ein gallertartiger Klumpen auf seiner verzweifelten Seele.

Tom ist am Ende, an der kältesten, dunkelsten Stelle seines Lebens. Nicht zum ersten Mal sieht er seine Lebenssituation als ausweglos. Es ist niemand da, der ihm Halt geben kann, niemand, der ein halbwegs normales Leben führt. Er hat nur seinen Freund Alex und der kommt mit seinem Dasein selbst nicht klar.

Warum spielt Liebe keine Rolle in meinem Leben und warum ist meine Mutter meine Mutter?

Er kann nicht mehr. Er will nicht mehr.

Den ganzen Nachmittag war Alex bei Tom, obwohl Tom ihn zunächst gar nicht reinlassen wollte. Durch die jahrelange Freundschaft spürte Alex allerdings, dass er seinen Freund besser nicht mit sich allein lassen sollte.

»Mensch, Tommy, jetzt rede endlich«, forderte Alex ihn auf, nachdem sie lange schweigend in Toms Zimmer gesessen hatten.

»Es gibt nichts zu reden, kapier das doch endlich. Es wird sich nichts ändern, tagein, tagaus der gleiche Wahnsinn. Ich hab da keinen Bock mehr drauf«, gab Tom genervt zurück.

Alex überlegte krampfhaft, wie er seinen Freund auf eine andere Spur bringen könnte, doch Tom machte die Schotten irgendwann komplett dicht und starrte nur noch ausdruckslos auf seine Füße. Er schien Alex gar nicht mehr wahrzunehmen, forderte ihn schließlich nach endlosen Minuten zum Gehen auf.

»Ich kann doch hier pennen, ich hole uns ein paar Filme und wir machen uns einen gemütlichen Abend«, schlug Alex noch vor.

»Nee, geh jetzt, ich bin müde«, murmelte Tom.

Und Alex ging, obwohl er noch bleiben wollte.

Unruhig sitzt er nun in der Straßenbahn. Plötzlich verspürt er ein mulmiges Gefühl, das sich wie Feuer in seinem Bauch ausbreitet. Wie ein Blitz trifft ihn der Gedanke,dass Tom sich etwas antun könnte. An der nächsten Haltestelle springt er raus auf den Bahnsteig und nimmt die nächste Bahn zurück, die schon am Gleis steht.

Es wäre nicht das erste Mal, dass er so’n Scheiß baut. Allein kriegt der nie die Kurve. Mann, wie konnte es nur so weit kommen?

Zwei Haltestellen weiter springt er aus der Bahn und rennt wie ein Irrer die Straße entlang. Vorbei an den Garagen, über den Spielplatz. Noch ein paar Meter bis zur Haustür. Keuchend schließt er die Tür auf, zum Glück hat er den Schlüssel dabei, den Tom ihm mal für alle Fälle gegeben hat. Doch bevor er den Hausflur betritt, schaut er wie ferngesteuert nach oben und da sieht er ihn sitzen. Auf der Brüstung im 21. Stock. Er kann ihn nicht genau erkennen, aber er weiß, dass es Tom ist. Auf den Fahrstuhl ist kein Verlass, auf ihn zu warten, unmöglich.

»Nein, nein, nein!«, schreit Alex immer wieder und rennt wie ein gehetztes Tier durch das Treppenhaus. Er spürt sein Herz, spürt, wie es zu platzen droht. Tommy, lass mich nicht allein. Ich kann nicht ohne dich sein.

Fast besinnungslos vor Angst erreicht Alex endlich den 21. Stock. Ohne nachzudenken, reißt er die Tür zum Balkon auf, noch zwei Schritte, dann packt er Tom an der Jacke. Mit letzter Kraft zieht er ihn runter auf den Boden.

»Sag mal, Alter, was machst du da für eine Scheiße! Ich bin fast verrückt geworden vor Angst! Mensch, wir haben doch noch was vor und denkst du vielleicht auch mal an mich? Willst dich einfach aus dem Staub machen! Ich fasse es nicht!«, schreit Alex wie aufgezogen in die Nacht und den Schreien folgen Tränen. Tränen der Erleichterung.

Geschüttelt von Angst und Entsetzen fallen sie sich in die Arme und Alex lässt seine Tränen auf Toms Jacke tropfen. Ganz langsam bekommt Tommy einen anderen Gesichtsausdruck, einen, mit dem Alex klarkommt. Tom klammert sich an seinen Freund, der ihm gerade das Leben gerettet hat.

»Jetzt reiß dich zusammen«, sagt Alex schließlich. »Wir gehen runter ins Colore und reden.«

*

Die beiden sind in Berlin-Marzahn aufgewachsen, in einem eher verrufenen Bezirk der Stadt. Für viele Berliner ein Synonym für Ghetto und sozialen Abstieg. Dort leben die, die es woanders nicht hinbekommen, so die gängige Meinung. Viel zu viele Drogenabhängige, Obdachlose und überhaupt Menschen, mit denen eigentlich niemand etwas zu tun haben will. Ein Teil der Großstadt, in dem Trostlosigkeit und Melancholie unter einer Wolke von Tristesse herrschen. Dabei ist Marzahn ein durchaus idyllischer Teil der Stadt. Es ist grün, es gibt ein Wäldchen und einen See. Viele Straßen sind von Sträuchern und Bäumen gesäumt, auch viele Innenhöfe sind liebevoll bepflanzt. Die Bevölkerung ist vielfältig. Hier treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander, es gibt alle Altersgruppen und verschiedenste soziale und kulturelle Hintergründe. Nicht immer allerdings verlief das bunte Zusammenleben friedlich. An manchen Ecken gab es Krawalle unter den Bewohnern. So wurde der Kiez schnell zu einem harten Pflaster.

Alex wohnt in derselben Straße wie Tom. Sie lernten sich im Kindergarten kennen und wurden bald beste Freunde. Fast jeden Nachmittag trafen sie sich in einem begrünten Innenhof, der als Treffpunkt für Groß und Klein bekannt war. Dort standen Tische und Bänke aus Beton und es gab Spielgeräte. Wie fast alle Kinder der Gegend verbrachten Tom und Alex die meiste Zeit des Tages draußen im Hof, mehr oder weniger sich selbst überlassen. Tom erinnert sich noch gut daran, wie er dort nachmittags mit seinem Bruder Ronny Fußball spielte oder stundenlang auf der Schaukel saß. Die Kinder genossen absolute Freiheit, sie konnten tun, was sie wollten. Niemand hatte ein Auge auf sie. Später hing er dann mit Alex ab. Und noch später bemerkte er die Spritzen und die anderen Dinge, die dort nicht hingehörten.

Aus dem Spielen am Nachmittag wurde irgendwann ein Treffen am Abend. Bald hielten sie nicht mehr Kaubonbons, Lutscher und Fußbälle in den Händen, sondern Alkopops, Bierdosen und Zigaretten. Und es dauerte nicht lange, bis sie irgendwelche Tabletten mit Bier runterspülten, Tabletten, die sie von den Älteren bekamen. Irgendwas zur Beruhigung, verschreibungspflichtige Medikamente, die ein Junge, dessen Vater in einem Krankenhaus arbeitete, besorgte. Schnell gehörte Bier zum Alltag. Die Älteren beschafften alles. Ab und zu schnüffelten sie an Klebstoffen, was Schwindel und dann einen leichten Rausch auslöste.

Träge lungerten sie herum. So kam es, dass Tom im Alter von zwölf Jahren seinen ersten Vollrausch hatte. Alex, der mit Alkohol schon etwas vertrauter war, half ihm damals hoch in die Wohnung, wo Tom mitsamt seiner Kleidung und Schuhen aufs Bett fiel und auf der Stelle einschlief. Währenddessen lag seine Mutter wie bewusstlos nebenan im Wohnzimmer auf dem Sofa. Sie war so stark betrunken, dass sie von alldem nichts mitbekam.

Der Kater, der sich am nächsten Morgen bei Tom einstellte, war unerbittlich, erst drei Tage später war er wieder der Alte. Seiner Mutter machte er etwas vor, damit sie ihm eine Entschuldigung für die Schule schrieb. Er täuschte eine normale Magenverstimmung vor, obwohl es die durch den Alkoholkonsum hervorgerufene Übelkeit war, die ihn im Bett festhielt.

Entschuldigungen, wenn Tom nicht zur Schule gehen konnte oder wollte, schrieb sie immer und problemlos für ihn. Dann saß sie jedes Mal am Küchentisch und überlegte, wie sie den Lehrern die Abwesenheit ihres Sohnes erklären könnte, aber es fiel ihr stets leicht, eine passende Begründung zu finden.

Jedes Mal, wenn sie ihm die Entschuldigung gab – und das kam öfter vor –, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.»Aber nicht übertreiben, mein Junge«, sagte sie dann meistens.

*

In ihrer Stammkneipe Colore, ein paar Straßen weiter, werden zwei Flaschen Berliner Kindl auf den klobigen schwarzen Tisch gestellt.

Die vertraute Atmosphäre in der Kneipe beruhigt Tom ein wenig. Der Geruch nach Zigarettenrauch, Bier und Whisky stört ihn hier überhaupt nicht, zu Hause widert er ihn an. Das Colore ist für Tom und auch für Alex längst ein zweites Zuhause geworden. In geselliger Runde treffen sich hier immer wieder Leute, die sich einen ganzen Abend lang unterhalten können, ohne sich wirklich zu...



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