E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Bergmann Diagnose: Die Krankheit mit K.
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-6359-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7504-6359-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marion Bergmann lebt im malerischen Leinebergland und arbeitet seit langem in einer onkologischen Rehaklinik. Im Alter von dreiundfünfzig Jahren wird sie aus ihrem erfüllten Leben herausgerissen. Ein winziger Knoten in ihrer Brust stellt das alltägliche und gewohnte Glück auf den Kopf. Ein aufreibender, anstrengender Weg liegt vor ihr, liebevoll begleitet wird sie dabei von ihrer Familie, und so geht sie diesen Weg Schritt für Schritt. Heute ist sie gesund und das Glück steht wieder da, wo es hingehört: auf seinen kraftvollen Füßen.
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MEIN GLÜCKLICHES LEBEN DAVOR
Bayern, Ende Dezember 2016. „Aua … da ist es ja, das kleine Ding.“ Schwungvoll trete ich barfuß auf meinen Ohrring, den ich wohl gestern verloren habe, in dieser Silvesternacht, in der wir bis zum Morgen ausgelassen tanzten. Ein Fondueessen bei Freunden sagten wir ab und auch zwei größere Partys. In diesem Jahr wollten wir allein feiern. Nur wir zwei. Leo und ich.
In seiner kleinen Küche gab ich alles. Ich zauberte ein Drei-Gänge-Menü und deckte den Tisch in rosafarbenen und silbernen Tönen. Als alles fertig war, verschwand ich im Bad. Und im kleinen Schwarzen servierte ich dann die Vorspeise: Flusskrebssüppchen mit Parmesanchips. Leo öffnete eine Flasche Cabernet Sauvignon, die Kerzen leuchteten, es war perfekt. Ich war so glücklich, dass ich weinen musste. Alles sollte so bleiben, wie es war. Das neue Jahr konnte gar nicht besser werden als das alte.
Der Hauptgang bestand aus Roastbeef an schwarzen Linsen mit Burgundersoße und Mandelkroketten und zum Schluss gab es gefüllte Crêpes mit flambierten Früchten. Ich musste mich loben, das Essen war mir wirklich gelungen.
Ich bin dreiundfünfzig und rundum zufrieden mit mir und meinem Leben. Ich kann sagen: „Ich bin angekommen, ich habe meine Mitte gefunden.“ Den Spruch habe ich immer belächelt, aber seit meinem fünfzigsten Geburtstag empfinde ich es tatsächlich so. Die Depression, die ich mit dieser Fünfzig in Verbindung brachte, blieb aus und genau das Gegenteil traf ein.
Es gab auch andere Zeiten. Vor elf Jahren trennte ich mich von dem Vater meiner zwei Töchter. Unsere Ehe war eingeschlafen, die Kinder aus dem Gröbsten raus und irgendwie war die Zeit für eine Veränderung gekommen. Es tut mir immer noch leid, dass ich meine Kinder zu Scheidungskindern gemacht habe.
Wie lange das her ist. Mittlerweile ist mein Ex-Mann wieder verheiratet und ich lebe sehr glücklich mit meinem Freund in einer Fernbeziehung. Ich in Alfeld in Niedersachsen, Leo in einer Kleinstadt in Bayern. Über dreihundert Kilometer trennen uns. Aber es funktioniert perfekt.
Der Countdown lief, der Sekt war eingeschenkt. Vier, drei, zwei, eins! „Auf das Beste, das wir kennen – auf uns und unsere Familien! Ich liebe dich, mein schöner Mann.“
Herzlich willkommen 2017! Sicher, ich hatte mir für das neue Jahr auch etwas vorgenommen, wie in jeder Silvesternacht. Mehr Bewegung und eine gesündere Ernährung. Allein der Vorsatz sorgte schon für ein gutes Gefühl und auch sonst fing das neue Jahr toll an. Die ersten Stunden tanzten wir im Wohnzimmer, jugendlich, ausgelassen und leicht beschwipst. Wir versuchten uns im Rock´n´Roll, ich fühlte mich wie fünfundzwanzig. Und auf unserer kleinen Tanzfläche zwischen Fernseher und Sofa habe ich wohl meinen kleinen Ohrring verloren.
Die nächsten Tage verleben wir gesund, so wie wir es uns vorgenommen haben. Lange Spaziergänge an der frischen Luft und viel Obst und Gemüse, weniger Fett und Verzicht auf Süßes. Klappt doch!
Fünf Tage später hat Leo Geburtstag, diesen Tag wollen wir noch zusammen mit Freunden feiern, bevor ich wieder zurück nach Alfeld muss. In einem romantischen Schlosshotel bestellen wir einen Tisch für acht Personen. Dort wollen wir uns kulinarisch verwöhnen lassen und anschließend die Kalorien im benachbarten Tanzclub wieder abtanzen. Herrlich! So liebe ich das. Gutes Essen, ausgelassenes Tanzen.
Ein neues Outfit muss her. Ich habe schon immer viel auf mein Äußeres gegeben und ich mag es, wenn alles zusammenpasst. Wenn der Gürtel farblich mit den Schuhen harmoniert und die Haare gut liegen. Es ist sicher nicht das Wichtigste, aber ich kann sagen, dass ein schönes Outfit ein kleiner Schlüssel für mein Wohlbefinden ist. Ich bin groß und schlank, ich finde leicht Kleidung, die passt und mir gefällt, ich liebe Kleider und Röcke. Und ich liebe Blumen und Perlen und die Farbe pink.
In meinem Lieblingsgeschäft werde ich schnell fündig. Ein leuchtend blaues Kleid schreit regelrecht nach mir. Gut, es ist etwas eng im Bauchbereich, aber ich beherrsche das Baucheinziehen ganz gut, es gehört sozusagen zu meinen täglichen Übungen. Mit eingezogenem Bauch stehe ich also vor dem Spiegel und mein Spiegelbild zwinkert mir zu. Da bleibt mir gar nichts anderes übrig, das Kleid ist meins.
Am Geburtstag meines Schatzes leuchte ich somit in Blau. Bis zum Abend fühle ich mich auch wirklich sehr wohl, doch nach dem kulinarischen Hochgenuss im Schlossrestaurant klappt es irgendwie mit dem Baucheinziehen nicht mehr. Wenn das Kleid nur etwas lockerer wäre. Ich glaube, in den nächsten drei Tagen esse ich gar nichts mehr, so satt bin ich. Wir wechseln schließlich vom Gourmettempel zum Tanzclub.
Die Musik ist genau mein Geschmack, laut und schnell. Ich kann die Bässe im Bauch spüren und checke gleich die Tanzfläche, kaum dass wir angekommen sind. Passt! Und ein paar Minuten später bewege ich mich auch schon im Takt der Musik zwischen den anderen Tanzenden. Ich möchte gar nicht aufhören, es ist wie ein Rausch. Scheiß auf den Bauch, den haben andere auch …
Leo ist nicht so der Solotänzer, er mag eher den Paartanz. Es stört ihn aber nicht, wenn ich mich ohne ihn auf der Tanzfläche austobe, und so wird die Nacht lang und spaßig.
Am nächsten Tag will es draußen gar nicht richtig hell werden. Genau das richtige Wetter zum Faulenzen, nach der letzten Nacht bin ich doch noch ziemlich müde und schlapp. Leo ist schon aufgestanden, ich höre ihn in der Küche mit Geschirr klappern, als ich meine Augen öffne, sicher macht er gerade Frühstück. Ich hoffe sehr, dass er gleich mit einem Frühstückstablett ins Schlafzimmer kommt und ich zum Essen gar nicht aufstehen muss. Zehn Minuten später steht er tatsächlich mit einem üppigen Frühstück an meinem Bett. Es fehlt an nichts. Brötchen mit Käse und Lachs, Croissants, ein hart gekochtes Ei, von dem er den oberen Teil schon abgetrennt hat, ein Schälchen Weintrauben, Kirschsaft und meinen geliebten Morgenkaffee.
Liebevoll stellt er das Tablett auf meinen Beinen ab. „Guten Morgen, meine Tanzmaus“, sagt er und küsst mich auf die Stirn. Ich schmelze dahin, wie lieb von ihm. Das reichhaltige Frühstück ziehen wir genussvoll in die Länge. Anschließend möchte Leo eine Runde joggen und ich eine Runde schlafen. Er läuft wetterfest angezogen los und ich ziehe mir das Deckbett über den Kopf und mache die Augen zu. Leo hält es nicht lange durch, er ist nach der langen Nacht auch noch nicht ganz fit. Nun sitzen wir mit dicken Kissen im Rücken im Bett und lesen, trinken Tee und fahren mal richtig runter. Am Abend bestellen wir uns eine Familienpizza, die wir im Wohnzimmer beim obligatorischen Fernsehkrimi essen. Und wie so oft kriege ich gar nicht mehr mit, wer der Mörder ist, weil ich vorher einschlafe.
Alfeld, Anfang Januar 2017. Mein Urlaub ist vorbei, der Arbeitsalltag ruft nach mir, ohne mich vorher zu fragen, ob ich bereit bin.
Meistens habe ich Zwischendienst von elf bis sechzehn Uhr und das ist auch meine Lieblingsarbeitszeit. Ich bin in einer onkologischen Rehaklinik beschäftigt, die wunderschön am Stadtrand in Waldnähe liegt. Mein Platz ist im Zentrum des Hauses, an der Rezeption.
Ich arbeite gern und fühle mich an meinem Arbeitsplatz sehr wohl, trotzdem ist es nicht immer einfach. Die Patienten und Patientinnen hatten oder haben alle eine Krebserkrankung. Anfangs hatte ich Bedenken – würde ich mit dem Krankheitsbild klarkommen? Da ich ein Emotionsmensch durch und durch bin, wusste ich zunächst nicht, ob ich nach Dienstschluss abschalten kann. Ich hatte Sorge, all die Krankengeschichten, die mir erzählt werden, mit nach Hause zu nehmen. Krankengeschichten über die Horrorkrankheit Krebs. Meine Befürchtungen entpuppten sich dann aber glücklicherweise als unbegründet. Auf meinem dreißig Kilometer langen Nachhauseweg bekomme ich bei guter Musik den Kopf wieder frei und das merkte ich sehr schnell.
Die meisten der Patienten und Patientinnen, die eine onkologische Anschlussheilbehandlung oder eine Reha machen, haben das Schlimmste hinter sich. Oft ist die Reha dann die letzte Maßnahme der gesamten Behandlung. Die Klinik ist ein Ort, um wieder in Gang zu kommen, den Akku neu zu laden und die Gedanken zu ordnen.
In unserem Büro findet ab und zu so etwas wie ein Kaffeekränzchen statt. Dort treffen sich dann einige Kollegen und Kolleginnen aus den unterschiedlichsten Abteilungen auf ein Tässchen Kaffee, um die Neuigkeiten des Hauses auszutauschen. Wie eine kleine Familie sind wir geworden, in der ich einen festen Platz habe und mich sehr wohl fühle.
Ich arbeite mit zwei Kolleginnen und einem Kollegen zusammen. Soweit es möglich ist, versuchen wir, die Wünsche der Patienten und Patientinnen zu erfüllen, und meistens gelingt uns das auch. Manchmal aber sind die Bedürfnisse doch ein wenig zu ausgefallen. Einmal beispielsweise bat mich ein Patient, mit seiner eifersüchtigen Frau am Telefon zu sprechen. Er war mehr mit seinem Kurschatten beschäftigt als mit seinen Therapien. Seine...




