Bergmann | Der Junge aus dem Trümmerland | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

Bergmann Der Junge aus dem Trümmerland


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7348-0201-0
Verlag: Magellan Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

ISBN: 978-3-7348-0201-0
Verlag: Magellan Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Berlin 1947: Wenn Paul nicht gerade mit seinen Freunden in den Trümmern Abenteuer erlebt, versucht er, auf dem Schwarzmarkt Lebensmittel zu organisieren. Sein Vater ist im Krieg verschollen, also fühlt Paul sich für seine Mutter verantwortlich. Doch dann erfährt er, dass sie den afroamerikanischen Soldaten Bill heiraten will. Für Paul bricht eine Welt zusammen. Denn er ist fest davon überzeugt, dass sein von ihm als Held verehrter Vater zurückkehren wird. Paul sieht nur eine Lösung: Er muss dafür sorgen, dass Bill aus seiner Familie verschwindet. Koste es, was es wolle.

Sarah Bergmann ist im beschaulichen Süddeutschland aufgewachsen, wo Bücher ihr Tor zur Welt waren. Sie studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Berlin, danach absolvierte sie den Studiengang Drehbuch an der Filmakademie in Ludwigsburg. Heute lebt sie mit ihrem Mann in einem alten Bauernhaus nahe Braunschweig. Nebenher reist sie viel und schreibt an ihren Romanen, während die Welt vor dem Zugfenster vorbeizieht.
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Karussell


Die Frühlingssonne schien Paul auf den Rücken. Es war das erste Mal seit Tagen, dass die Sonne rausguckte, und Paul freute sich darüber, wie kräftig ihre Strahlen jetzt in der Mittagszeit schon waren. Vielleicht, dachte Paul, hilft mir die Sonne dabei, groß und stark zu werden. Eigentlich wusste er, dass das Blödsinn war, Paul war schließlich keine Pflanze. Von Sonnenlicht konnte er sich nicht ernähren. Aber die Helligkeit verursachte bei ihm gute Laune und es ließ sich irgendwie alles besser aushalten.

Paul spürte nicht mal Hunger, was wohl daran lag, dass sein Magen in der Wärme entspannt war und weniger krampfte. Außerdem hatte es heute bei der Schulspeisung Grießbrei mit Rosinen gegeben. Das war zwar nicht gerade Pauls Leibgericht, aber es machte ganz gut satt.

Paul, der am Rande eines mit Wasser gefüllten Bombenkraters saß, ließ seinen Blick schweifen. Üblicherweise nahm er die Ruinen, die Mauerreste und Trümmerberge und die Eisenträger, die hier und da aus dem Schutt in den Himmel ragten, gar nicht besonders wahr. So sah es in seiner Heimat Berlin-Neukölln eben aus. Er konnte sich kaum noch erinnern, dass es je anders gewesen war. Aber jetzt in der Sonne sah alles ein bisschen verwandelt aus, beinahe schön. Die Gerippe der zerstörten Mietskasernen warfen interessante Schattenmuster auf die freie Fläche, die Paul umgab. Auf dieser Fläche hatten früher auch Häuser gestanden, aber das war schwer vorstellbar. Von ihnen waren wenig mehr als Staub und kleine Trümmerteile übrig geblieben.

Paul suchte den Schutt nach flachen Steinen ab. Er fand ein geeignetes Exemplar und kniete sich auf den Boden, um den Stein knapp über die Wasseroberfläche des Kraters schleudern zu können. Scharfkantige Trümmerteile schnitten ihm dabei in die Knie, aber Paul war ja keine Memme, er konnte das aushalten. Paul holte Schwung und flitschte den Stein über das Wasser. Drei Hüpfer. Nicht schlecht, aber er konnte es besser. Sein Rekord lag bei acht Hüpfern.

Unter seiner Lokführermütze aus schwarzem Leder wurde es Paul allmählich zu warm. Er lupfte die Mütze und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Doch nichts und niemand konnte ihn davon abhalten, die Mütze zu tragen, wann immer er draußen unterwegs war. Die Lokführermütze war ein wenig zu groß für seinen Kopf, daher saß sie schief auf seinem dunkelblonden Haar. Paul fand, dass ihm das ein keckes Aussehen verlieh. Außerdem hatte er zarte Gesichtszüge und war für seine dreizehn Jahre eher schmächtig geraten. Die Mütze ließ ihn männlicher und markanter wirken. Doch das wirklich Entscheidende war, dass die Mütze seinem Vater gehört hatte. Als er in den Krieg gezogen war, hatte er sie Paul übergeben. Und einen Auftrag. »Pass gut auf Mutti auf, während ich weg bin«, hatte er zu ihm gesagt. Paul hatte es geschworen. Mit einem feierlichen Ernst, obwohl er damals gerade erst zehn Jahre alt gewesen war. Zum Glück war er zu diesem Zeitpunkt schon als Pimpf beim »Deutschen Jungvolk« aufgenommen worden. Dort hatte er nämlich gelernt, wie man richtig schwört, und überhaupt, wie man wichtigen Anlässen mit einer würdevollen Haltung begegnet.

Mit Stolz konnte Paul von sich behaupten, dass er seinen Schwur nie vergessen hatte. Er hatte angepackt, wo er nur konnte, um sich und seine Mutter durch die harten Zeiten zu bringen. Den letzten Winter zum Beispiel, der außergewöhnlich kalt gewesen war, hätten sie kaum überlebt, wenn Paul nicht immer Kohlen klauen gegangen wäre. Gemeinsam mit seinem besten Freund Henkelmann war er auf die kistenförmigen, nach oben hin offenen Eisenbahnwaggons geklettert, die Berge von Kohlen geladen hatten. Meist kamen sie mit reicher Beute zurück. Das ein oder andere Mal führte die Polizei eine Razzia durch, während sie gerade auf den Waggons beschäftigt waren. Dann hieß es, wieselflink abzuhauen. Einmal wurden sie erwischt. Zwar hatten sie ihre Kohlen an Ort und Stelle liegen lassen, doch ihre pechschwarzen Hände verrieten sie. Sie hatten jedoch Glück im Unglück. Der Polizist war gutmütig und ließ sie laufen, weil sie noch so jung waren und er Mitleid mit ihnen hatte. Ein andermal war es Paul und Henkelmann, während sie eifrig Briketts in ihre Zinkwannen schaufelten, entgangen, dass sich der Zug bereits in Bewegung gesetzt hatte. Als sie schließlich darauf aufmerksam wurden, hatte er schon ordentlich Fahrt aufgenommen. Paul bekam es mit der Angst zu tun, doch es half nichts, sie mussten runterspringen. Und zwar so schnell wie möglich, bevor der Zug noch schneller wurde. Zitternd fassten Henkelmann und er sich an den Händen und sprangen auf »eins, zwei, drei« ab. Bei diesem Sprung verstauchte sich Paul den rechten Knöchel. Henkelmann, der mit seinem Hemd an einem überstehenden Teil hängen geblieben war, wäre um ein Haar unter die Räder gekommen.

So gefährlich solche Aktionen aber auch waren, sie waren notwendig. Dank des Kohlenklaus war Paul und seiner Mutter das Schicksal der alten Frau Maschke aus dem Seitenflügel erspart geblieben. Die Kriegswitwe war eines Morgens in ihrem Stuhl sitzend gefunden worden. Erfroren. Ihre Beine sollen so blau gewesen sein wie die Pantoffeln, die sie trug.

Jetzt da Paul unter seiner Mütze schwitzte und die Sonne auf dem Wasser funkelte, schien das alles weit weg zu sein. Paul flitschte erneut einen flachen Stein. Sechs Hüpfer! Oder waren es sogar sieben? Auf jeden Fall war der Stein einmal quer über den ganzen Trichter bis ans andere Ende gesprungen.

Während Paul versonnen auf die Stelle starrte, an der sein Stein versunken war, bemerkte er auf einmal ein Blinken. Es unterschied sich vom Sonnenglitzern auf der Wasseroberfläche, es schien von weiter unten aus dem Trichter zu kommen. Paul sprang auf und lief ans andere Ende des Kraters. Tatsächlich. Am Grund des Kraters, fast vollständig verdeckt von moosbewachsenen Bruchstücken aus Beton, da glänzte etwas. Etwas Metallenes.

Paul zog einen Magneten, der an einer Schnur befestigt war, aus der Tasche seiner kurzen Hose. Pauls Mutter wunderte sich immer, weshalb er so viel mit sich rumschleppte, dass die Taschen seiner Hosen vollkommen ausgebeult waren. Paul wunderte sich darüber, dass seine Mutter sich wunderte. Alles, was er in den Hosentaschen mit sich trug, konnte er schließlich gut gebrauchen.

Paul ließ den Magneten ins Wasser hinab. Tatsächlich dockte der Magnet sofort an das Metallteil an. Es musste also Eisen oder Nickel enthalten. Während Paul den Gegenstand langsam hochzog, wuchs seine Spannung. Er ahnte, was er an der Angel hatte. Pauls Augen strahlten, als er das Eiserne Kreuz I. Klasse aus dem Wasser fischte. Ehrfürchtig betrachtete er den Orden, der einem Soldaten für seine besondere Tapferkeit im Feld verliehen worden war. Paul wog das Kreuz aus geschwärztem Eisen in seiner Hand und ließ seine Finger über den versilberten Rand gleiten. In der Mitte des Kreuzes befand sich ein Hakenkreuz. Außerdem stand die Jahreszahl 1939, der Beginn des Zweiten Weltkriegs, mit darauf.

Für welche Tat der Träger seine Auszeichnung wohl erhalten hatte? Vielleicht hatte er einem Kameraden das Leben gerettet. Ob Pauls Vater auch im Besitz eines Eisernen Kreuzes war? Paul spürte, wie sich etwas in seiner Brust schmerzhaft zusammenzog. Sein Vater galt als vermisst. Paul hatte ihn seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen. Er wusste nichts von ihm. Nur dass er noch lebte. Daran glaubte er zumindest ganz, ganz fest.

Paul heftete sich das Eiserne Kreuz ans karierte Hemd. Mit soldatischem Stechschritt marschierte er auf und ab. Wenn der Feind jetzt auf mich schießen würde, dachte er, dann könnte er mich nicht töten, denn das Eiserne Kreuz schützt mein Herz.

Paul verschanzte sich hinter einem Mauerrest. Er nahm ein Stück Holz, das wohl von einem geborstenen Türrahmen stammte, in die Hand und tat, als sei das sein Maschinengewehr. Dabei stellte er sich vor, dass er auf einen Haufen dreckiger russischer und amerikanischer Soldaten schießen würde. »Nehmt das, ihr elenden Bastarde, ihr feigen Schweine!«, schrie Paul und ahmte Maschinengewehrsalven nach.

Am liebsten hätte er noch stundenlang mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust Soldat gespielt. Und er hätte das Kreuz unheimlich gern seinem Vater überreicht, wenn dieser endlich nach Hause kam. Sein Vater hätte einen Orden verdient, denn er war ein Held. Aber Paul wusste, dass er seinen Schatz nicht behalten konnte. Er ließ sich gegen etwas Essbares eintauschen. Das nagende Hungergefühl war schon vor einer Weile wieder zurückgekehrt. Und Pauls Schwur, gut für die Mutter zu sorgen, galt ja auch immer noch.

Paul trottete zu der Straßenecke, an der sich die Schwarzmarkthändler tummelten.

Er kannte sich mit dem Schwarzmarkt gut aus und hatte ein sicheres Gespür dafür entwickelt, wen er ansprechen konnte. Bloß nicht die ausgekochten, die mit...



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