E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Bergman Eros' Begräbnis
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1451-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1451-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Eros' Begräbnis' gehört zu Bergmans schwedischen Kleinstadtromanen. Das Werk besteht im wesentlichen aus einer Rahmenhandlung und den darin verwobenen Geschichten, die sich die Protagonisten erzählen.
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»Das Jahr, bevor ich mit der Schule fertig wurde, bekam meine Klasse einen höchst bemerkenswerten Zuwachs in Gestalt eines Jünglings aus Stockholm, der uns ganz unerwartet zugesellt wurde. Sein Taufname war Arthur, den Zunamen will ich verschweigen, da er allzu bekannt sein dürfte. Er war gleichaltrig mit uns anderen, siebzehn oder achtzehn Jahre, aber in jeder Beziehung entwickelter als wir. Wir betrachteten ihn mit einem gewissen Mißtrauen und ließen uns anfangs ungern mit ihm ein. Er besaß Kostbarkeiten, die man zu jener Zeit bei Schulknaben nicht zu finden pflegte, wie eine goldene Uhr und Kette, Perlhemdknöpfchen und dergleichen mehr. Das stieß uns ab. Schließlich entdeckten wir, daß sein Leibchen aus Seide war und daß er unmittelbar auf dem Körper eine goldene Kette mit einem ziemlich großen Medaillon aus demselben Metall trug. Das reizte unsere Neugierde, und wir fragten, ob er das Bild seiner Eltern in dem Medaillon habe. Da machte er Andeutungen, die uns noch mehr aufreizten, so daß wir ihn schließlich mit uns auf den Abtritt lockten, wo wir ihn zu Boden warfen und ihm das Medaillon abnahmen. Es enthielt ein Porträt, den Kopf einer schönen Dame; aber das Merkwürdige war, daß die Augen des Porträts durchstochen, der Mund zerschnitten und die Wangen mit Stecknadelstichen punktiert waren. Arthur entriß uns das Medaillon, er schluchzte vor Wut und drosch mit einer solchen Raserei auf uns los, daß wir ganz verlegen wurden.
Bald jedoch wurden wir mit ihm vertrauter. Er war ein guter und freigebiger Kamerad und unbegreiflich gerissen darin, alle Unannehmlichkeiten sowohl für sich selbst wie für uns wegzulügen. Er wurde unser Klassenordner, und wir bürdeten ihm alle unsere Vertrauensaufträge auf, namentlich solche, die darauf ausgingen, den Herren Lehrern eine Nase zu drehen. Abgesehen von einer gewissen Geckenhaftigkeit in der Kleidung und einem beständigen Kämmen und Pomadisieren, Waschen und Nägelputzen, fanden wir nichts an ihm auszusetzen. Und nachdem wir ein kleines Ohrlöffelchen aus Elfenbein zerbrochen hatten, das uns zuviel geworden war, kamen wir ganz gut mit ihm aus.
Aber es war mir beschieden, seine schwache Seite zu entdecken. Eines Tages sagte er zu mir:
›Ich bin gerne in dieser Stadt, wegen der vielen Weiber.‹
›Sind denn hier mehr als anderswo?‹ fragte ich in meiner Einfalt.
Und er erwiderte: ›Du verstehst nicht, was ich meine. Weiber nenne ich nur solche Frauenzimmer, auf die man Lust kriegt und die man haben kann.‹
In meiner ländlichen Unschuld wagte ich nichts anderes, als mich so zu stellen, als ob ich ihn verstünde. Ich erging mich in leichtsinnigen Reden und trug nach besten Kräften recht dick auf, um uns nicht vor einem Jüngling aus einer anderen Stadt und Lehranstalt lächerlich erscheinen zu lassen. Denn die Furcht, sich lächerlich zu machen, überwindet bei der Jugend auch die stärkste Tugend. Er wurde nun ganz vertraulich, nahm mich unter den Arm und sagte:
›Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, aber ich meinerseits kann nicht ohne Weiber leben. Von daheim mußte ich fort, weil ich ein Verhältnis mit der Gesellschafterin meiner Mutter hatte. Übrigens hätte ich mir nichts aus ihr gemacht, wenn es nicht gewesen wäre, um die zu Hause zu ärgern.‹
Ich ließ die Kameraden wissen, was ich erfahren hatte, und sie riefen aus einem Munde:
›Glaube ihm nicht! Er schneidet auf!‹
Denn für uns war dies etwas Unerhörtes, das unsere Weltanschauung verletzte. Unser Verkehr mit dem anderen Geschlecht bestand ja nur darin, daß wir jeden Abend die Pflastersteine der Hauptstraße in Gesellschaft einer treuen Freundin abwanderten.
Der Neuankömmling hingegen hatte andere Sitten, und bald kamen die sonderbarsten Gerüchte in Umlauf. Es wurde bald dieses Dienstmädchen, bald jene Näh- oder Ladenmamsell als Opfer seiner Verführungskünste genannt. Und wie soll man seinen Erfolg bei diesen armen Mädchen erklären? Ich kann ohne Prahlerei sagen, daß ich selbst ein weit schönerer Jüngling war, nur daß meine anständige Schamhaftigkeit mir stets im Wege gestanden ist. Sein Haar war ganz rabenschwarz, wenn das nun etwas sein soll, und die Augen ziemlich groß und glänzend. Der Mund klein, schmal, hochrot und von bösartiger Form. Am hervorstechendsten war die unnatürliche Blässe des Gesichts; und ob dies nun seine angeborene Hautfarbe oder schon eine Folge seines Lebenswandels war, so machte sie jedenfalls einen eigentümlichen Eindruck. Seine Gestalt war nach meinem Geschmack zu schmächtig, wenn auch gut gebildet. Der wirkliche Grund seines Glücks bei dem anderen Geschlecht war sicherlich seine Keckheit und die Ungewohnheit der armen Kleinstadtmädchen an solche Dreistigkeit. Wie dem auch sei, jedenfalls weiß ich mit Bestimmtheit, daß er viele Eroberungen machte, und alle so gründlich, daß Tränen und Elend ihm auf dem Fuße folgten.
Wir Kameraden mußten natürlich seine Liederlichkeit mißbilligen, aber es läßt sich nicht leugnen, daß wir seine Kühnheit bewunderten. Auch wo diese Eigenschaft sich in den Dienst der schwärzesten Laster stellt, zwingt sie der Jugend Bewunderung ab; eine Tatsache, die man bedauerlich, aber kaum verwunderlich nennen kann, denn die Menschheit kann möglicherweise ohne Tugenden, aber unmöglich ohne Kühnheit bestehen. Der eine oder andere begann so allmählich in seine Fußtapfen zu treten. Und zu mir sagte er:
›Gedenkst du viele hundert Jahre zu leben, da du nicht beizeiten anfängst?‹
Meine Armut beschützte meine Keuschheit, und ich hatte stärkere Gründe als er, mir die gute Meinung der Leute nicht zu verscherzen. Andere zeigten weniger Festigkeit als ich. Die armen Dinger, die von dem Verführer verlassen waren, suchten Trost bei seinen Freunden. Einige verfielen der vollständigen Sittenlosigkeit und gingen bald von einer Hand in die andere, und zwar keineswegs aus Gewinnsucht, sondern weil sie die Sklavinnen einer Begierde geworden waren, die zu früh erweckt worden war. In unserem kleinen, harmlosen Gemeinwesen führte er in einigen Monaten einen leichtsinnigen Lebenswandel ein, den zu propagieren Philosophen bedenklicher Schulen Jahrzehnte gebraucht hätten. Das Laster erringt seine größten Siege dank der Macht des Beispiels.
Es mag wunderlich erscheinen, daß niemand dem Treiben des zügellosen Knaben Einhalt tat. Aber einerseits erfuhren nicht viele von den Älteren davon, denn wenn etwas an den Tag kam, schoben die Mädchen die Schuld auf andere und ließen Arthur unbehelligt. Andrerseits hatte er gewisse Eigenschaften, die ihm auch die Achtung älterer Personen gewannen. Er war unerschrocken und hatte eine wahre Manie, Leute aus Lebensgefahr zu retten. In der Zeit des dünnen Eises betrieb er einen förmlichen Bubenfischfang am Flußufer, und seinem Heldenruhm konnte nicht einmal die Behauptung gewisser Knirpse etwas anhaben, daß der edelmütige Retter sie zuerst hineingestoßen habe. Auch fanden jene Übelgesinnten keinen Glauben, die vorgaben, er habe eine Holzspelunke eigens angezündet, um Gelegenheit zu finden, im letzten Augenblick eine gebrechliche Greisin hinauszuschleppen. Wie dem auch sei, auf jeden Fall hatte er etwas von einem Helden; er erntete große Lobeserhebungen, und der Ruhm seiner Tugenden kam seinen Lastern zugute.
Außerdem war er liebenswürdig gegen alle, außer gegen jene, die er liebte. Er hatte immer irgendeinen Ulk vor, der die Leute aufpulverte. Er gründete Vereine und bildete Theatertruppen, arrangierte Bälle und führte groß angelegte Gänsemärsche an, er schlug Fensterscheiben bei mißliebigen Lehrern ein und war ein Meister in allen Arten von Serenaden, den angenehmen wie den unangenehmen. Er war, kurz gesagt, scharmant. Ich hatte ihn gerne und konnte nicht umhin, über seinen Leichtsinn zu trauern. Aber er sagte:
›Davon verstehst du nichts. Dein Leben ist abgesteckt. Du wirst Pfarrer werden und dich dreimal mit drei kinderreichen Witwen verheiraten. Du wirst neunzig Jahre alt, und auf deinem Grabstein werden deine Tugenden, von deinen Kindern eingemeißelt, stehen. Mit mir ist das etwas anderes. Ich sterbe bald und gedenke nicht, die Zeit zu verpassen.‹
›Sicherlich‹, gab ich zu, ›wirst du bald sterben, wenn du dieses Leben fortführst.‹
Da schien er einen Augenblick nachdenklich, und ich erinnere mich ganz genau an sein weißes Gesicht gerade in diesem Augenblick. Plötzlich sagte er:
›In diesem Falle würde ich meiner lieben Mama einen großen Gefallen tun. Sie hat mich nie ausstehen können. Und ich sie auch nicht.‹
Ich wurde ganz verzagt bei diesem Bekenntnis, das mir unsinnig und unheimlich vorkam. Denn selbst habe ich immer das vierte Gebot obenan gestellt, es als das bindendste und selbstverständlichste betrachtet. Er sah meine...




